Wut, Gewalt, Gedanke – Theorie und Praxis

Der Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin wird, sobald Chris Dercon an der Berliner Volksbühne die Intendanz übernimmt, auf Anregung des Kulturbeauftragten Tim Renner und in Abstimmung mit dem Berliner Senat in „Friedrich-August-von-Hayek-Platz“ umbenannt. Sind Sie jetzt wütend? Das ist gut. Denn Wut kann manchmal eine Energie sein. Aber eben nicht immer. Da liegt die Tücke. Emotionen sind leicht in eine falsche Richtung zu kanalisieren. Und Praxis macht sich manchmal blind. „Aber der praktische Zweck, der die Befreiung von allem Bornierten einschließt, ist gegen die Mittel, die ihn erreichen wollen, nicht gleichgültig; …“ (Th. W. Adorno)

kra_portHeute abend gibt es an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ein „Projekt über Adorno und Krahl“ mit dem Titel „Wut und Gedanke“ (von Christian Franke und Vincent Glander). Zu Hans-Jürgen Krahl muß man wissen: Er war einer der begabten Adorno-Schüler. Er promovierte bei Adorno mit einer Arbeit über „Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung bei Marx“. Vor allem aber war Krahl einer der Unbändigen, der das, was er lernte, praktisch werden lassen wollte. Anders als das reine Denken, das im Denken als Theorie verbleibt. Krahl war aktiv im Frankfurter SDS, er beteiligte sich an der Besetzung des Instituts für Sozialforschung, das dann von der Polizei geräumt wurde. Als einer der wenigen wurde er dafür vor ein Gericht gestellt und verurteilt. Die Details zu diesen wilden Jahren linker Theorie und Praxis lassen sich gut in der Adorno-Biographie von Stefan Müller-Doohm nachlesen.

Die Fragen nach dem Praktischwerden von Theorie und damit unfreiwillig auch die nach dem Aktionismus der „Kollektivbewegungen“, trieb Adorno um, nachdem der Traum vom proletarischen Kollektivsubjekt angesichts des Integrationskittes, den die verwaltete Gesellschaft produzierte, ausgeträumt war und das postbürgerliche, postproletarische Individuum so hilflos als wie zuvor dastand – auch dank des Integrationskitts von Kulturindustrie und einem Phänomen namens Pop. Bereits in der 1966 erschienenen „Negativen Dialektik“ schrieb Adorno in der Einleitung:

„Philosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Realität verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung der Welt mißlang. Sie gewährt keinen Ort, von dem aus Theorie als solche des Anachronistischen, dessen sie nach wie vor verdächtig ist, konkret zu überführen wäre. Vielleicht langte die Interpretation nicht zu, die den praktischen Übergang verhieß. Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, läßt nicht theoretisch sich prolongieren. Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte.“

adornokrahlSätze, über die auch heute noch Worte zu verlieren sind angesichts einer (weitgehend) hoffnungslosen politischen Linken, die sich entweder in absurden Critical Whiteness-Debatten bzw. Genderdada aus dem Reich der Encounter-Theorie verliert, oder aber einer Linken, die blindem Aktionismus folgt – man denke an Occupy oder Attac, die, so schnell sie kamen, ebenso flink wieder in der praktischen Bedeutungslosigkeit verschwanden. Doch trotz aller Kritik an Praxis, bleibt jener Satz von Marx aus der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ zu bedenken: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Letzteres ging daneben. Trotz proletarischer Revolution 1917/18, trotz sozialdemokratischer Volksbildung der späten 60er und der 70er Jahre – sowohl in der BRD als auch in der DDR.

Theorie und Praxis der Kritischen Theorie – es lassen sich diese beiden Begriffe, die aufeinander verwiesen sind und doch einen Gegensatz bilden, nicht schöner als an den Namen Adorno und Krahl verhandeln. Insofern bin ich auf dieses Theaterprojekt gespannt. Rest-Karten kaufen kann man noch an der Abendkasse der Volksbühne. Für die Spätveranstaltung um 22 Uhr gibt es noch Karten.

Zu diesem Verhältnis fällt mir der unbedingt lesenswerte Aufsatz von Adorno aus den „Stichworten“ ein: „Marginalien zu Theorie und Praxis“. Es ist einer der späten Texte Adornos, und er wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Der Band „Stichworte“ erschien 1969. Der Essay läßt sich als Paralipomenon zur „Negativen Dialektik“ lesen, insbesondere zu jener Einleitung. Voraussetzunglose und blinde Praxis als Aktionismus läuft ins Leere und verfällt am Ende dem Prinzip, das sie zu bekämpfen vorgibt. Die Spaltung von Subjekt und Objekt, von Theorie und Praxis ist nicht durch den großen Sprung aufzuheben oder durch die direkte Aktion. Allerdings sind die Aporien ebensowenig Ausrede fürs Nichtstun oder die Weltflucht. Ob der Volksbühnenabend mit Theatertext diese Fragen dialektisch verschlungen löst oder in den üblichen einseitigen Bildern verharrt, ohne die nötigen Kippfiguren, bleibt abzuwarten. Das Primat der Praxis kann zumindest keinen Selbstzweck bilden.

„Die Scheu von Marx vor theoretischen Rezepten für Praxis war kaum geringer als die, eine klassenlose Gesellschaft positiv zu beschreiben. Das ‚Kapital‘ enthält zahllose Invektiven, meist übrigens gegen Nationalökonomen und Philosophen, aber kein Aktionsprogramm; jeder Sprecher der ApO, der sein Vokabular gelernt hat, müßte das Buch abstrakt schelten.“ (Th. W. Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis)

Es bleibt schwierig. Denken ist insofern eine Praxis, als es auf einen Gegenstand zielt. Dies wußte bereits Aristoteles. Wer über Freiheit und Gerechtigkeit nachdenkt, will nicht im bloßen Raum des Denkens bleiben. „Das Ziel richtiger Praxis wäre ihre eigene Abschaffung.“ (Adorno) Daß eben nicht mehr gefragt und agiert würde in diesen Dualismen und in den Oppositionen. Die zudem daraufhin befragt werden müßten, auf welchem Grunde sie beruhen.

Die erste Photographie ist der Homepage https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/20Jh/Krahl/kra_intr.html entnommen. Die zweite der Seite https://viewpointmag.com/2014/09/29/hans-jurgen-krahl-from-critical-to-revolutionary-theory/

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Wut, Gewalt, Gedanke – Theorie und Praxis

  1. DPNews schreibt:

    Toller Beitrag! Sehr lesenswert

  2. Bersarin schreibt:

    Herwig, was sagst Du nun?

  3. Herwig Finkeldey schreibt:

    Mich lobt schon lange keiner mehr…

  4. che2001 schreibt:

    Jetzt lobe ich mal Dich allein schon wegen Deiner toffen Rezension meines Romans, zum Sujet dieses Postings allerdings sozusagen eine Minimal-Synopse: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Marx

    „Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen“ Adorno

    Und da zeigt sich auch der Unsinn all der kulturpessimistischen Adorno-Rezeptionen, die diesen auf einen l´art pour l´art – Theoretiker oder letztlich Wertkonservativen mit zionistischem Einschlag reduzieren wollen.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Herwig: Lobe den Herren! (Ein schöner Choral übrigens!)

    @ che: Herwig mit Hartmut verwechselt? Ich erinnere mich nur an die Rezension auf k & k. Egal aber, den Marx-Satz wie überhaupt die Texte von Marx kann man heute gar nicht genug bereithalten und mit dieser Welt in Verbindung bringen. Insbesondere deshalb, weil die Kritik der Gesellschaft heute teils absurde Züge annimmt. So daß ich hinter solchen Entäußerungen mittlerweile eher Spaltpilze vermute. Einst berechtigte und wichtige Aspekte, wie die Frauenfrage und die nach Gleichberechtigung, wurden in eine idiotistische Auseinandersetzung verschwurbelt. Um eine Ahnung von dem Begriff der Gleichberechtigung zu bekommen – zumal innerhalb einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft -, gut zu lesen auch Marx „Zur Judenfrage“. Insofern ist der Begriff Gleichberechtigung, wenn er nicht auch aufs Ganze zielt, zugleich eine Chimäre. Eben die Frage nach Partial- und Allgemeininteressen.

  6. Bersarin schreibt:

    Dann bist Du unverwechselbar. Hartmut natürlich auch. Wir alle. Jetzt, wo Du verlinkst, erinnere ich mich. Mehr oder weniger.

  7. Herwig Finkeldey schreibt:

    Eventuell bei der Geburt? Und hinterher mehrfach? Wer weiß schon wer ich bin…

  8. Bersarin schreibt:

    @ Herwig. Wir sind da schnell bei Rimbaud. Oder bei Precht.

  9. Bersarin schreibt:

    @ che: Noch ein Nachtrag zu Adorno. Ich bin mir nicht sicher, wieweit man Adorno, seine Theorie bzw. seine Denkmodelle, Eingriffe und Stichworte unmittelbar in die Praxis überführen kann. Gegenüber den Protestbewegungen verhielt er sich skeptisch. Nicht ohne Sympathie, aber anders als Marcuse doch abwarten, weil er teils den unreflektierten Aktionismus sah und ebenso das sich verhärtend Dogmatische, das am Ende doch wieder nur dem Identitätszwang anheimfiel, weil es diesem bereits entsprang. Diese Verweigerung Adornos brachte in Frankfurt manche Konflikte, unter anderem mit seinem besten Schüler Krahl, dessen Texte man vielleicht wiederentdecken sollte. Adornos Theorien für die Praxis unmittelbar zu vereinnahmen: dagegen sperrte Adorno sich. Theorien sind keine Handlungsanweisungen. In seinem späten Text „Marginalien zu Theorie und Praxis“ äußert er sich dazu. Adorno verstand sich immer als einen Philosoph, der sich denkend und betrachtend der Wirklichkeit näherte. Nicht anders als Marx. Zwar von konkreten Erfahrungen ausgehend, diese aber übersteigend. Denn auch nach der 100. Betrachtung einer Fabrik zeigt sich bei ihrer Beschreibung nicht das Wesen des Kapitalismus. Allenfalls erscheint es in der Fabrik. Das herauszuarbeiten, ist die Arbeit des Denkens, die Marx i seinen Grundrissen und im „Kapital“ leistete. (Arbeit als freie Tätigkeit.)

    Gestern in der Veranstaltung zitierte der Dramaturg Carl Hegemann übrigens Boris Groys, mit dem er irgendwann einmal sprach, und der sagte: Daß kein Klassenbewußtsein mehr existiere, liege daran, daß es kaum noch Arbeiter gebe, die unmittelbar produzieren, sondern meist sind die Menschen Dienstleister geworden. Denen ist, wie den Kellner oder Servicemittarbeitern, von der Bank bis zum Callcenter, die Freundlichkeit gegenüber dem Kunden auf Zwang und bei Verlust des Arbeitsplatzes eingeimpft. Diese Freundlichkeit färbe aufs Wesen ab, Mechanismen der Verinnerlichung, so daß der nötige Haß (gegen die andere Klasse) nicht mehr ausgeprägt sich entwickeln könne. Vielleicht überspitzt. Klingt aber interessant und darüber müßte man ebenfalls nachdenken. Die Sozialstruktur der Arbeitenden und die Veränderungen innerhalb der Arbeit.

  10. mona schreibt:

    Auch das Bezeichnen der Straßen und Plätze ist ein hegemonialer Vorgang, der denen obligt, die „dran“ sind – an der Organisation und Verfestigung etablierter Gesellschaftsverhältnisse.
    Sich beschweren langt nicht. (Es genügt nicht zu Schreien, man muss auch recht haben.)

    Ob es noch Arbeiter gibt ist in diesem Zusammenhang gar nicht wichtig, wichtig ist, dass das Leben reproduziert werden muss. Und ohne Arbeit gibt es nur den Tod. Der „wichtige“ Intellektuelle organisiert entweder bestehende Strukturen oder den Widerstand gegen hegemonial bestehende Verhältnisse. Unwichtige Intellektuelle, Journalisten zumal, intellektuelles Gesindel spielt nur eine zu vernachlässigende Rollet und zeitigt einzig temporäre Wirkung: Reklame verlängert den Kauf.

  11. Bersarin schreibt:

    @ mona: Sicherlich ist die Vergabe von Straßen- und Platznamen ein Akt der Repräsentation des Eigenen und sie folgen einer Identitätspolitik. In Berlin käme heute kaum einer auf die Idee, einen Platz nach Ernst Thälmann zu benennen. Immerhin aber ist mein Blog mittlerweile so erfolgreich, daß der Berliner Senat nach meinem Bloggernamen einen Platz benannt hat.

    Nein, sich beschweren langt nicht. Aber die Formen und die Weise, wie Widerstand organisiert wird, überzeugt mich auch nicht wirklich.

    Natürlich muß das Leben reproduziert werden. Und genau das ist ja das Druckmittel der Arbeitgeber, des Kapitals oder in welchen Begriffen des 19. oder 21. Jhds wir es benennen wollen. Insofern sind all die, welche von einer Share-Economy träumen, schief gewickelt. Das Prinzip Kapitalismus setzt sich gegen sämtliche Widerstandsformen, die den Überbau nur und die Begriffe betreffen, hartnäckig durch. Aber an die Produktionsmittel legt niemand Hand an. Und wo es in sozialistischen Ländern geschah oder geschieht – z.B. Venezuela – da läuft es schief. Manchmal sicher auch mit Hilfe der USA und deren Möglichkeiten. Aber eben nicht nur. Ich bin allerdings kein Ökonom und kann zu diesen Dingen wenig sagen.

  12. Dein Beitrag gefaellt mir sehr gut!
    Liebe Gruesse Monika

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