tddl (6) – Die Preisträger des 40. Bachmannwettbewerbs

Bereits in den letzten Jahren überzeugte mich die Wahl der Jury nicht. Weshalb sollte es diesmal anders sein? Dachte ich mir, und so kam es. Ich halte Sharon Dodua Otoos vorgelesenen Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ für eine mißglückte Satire. Der Witz erschließt sich mir nicht, das Ei erinnert mich an Loriot – und das meine ich nicht als Lob. Oder an Humpty Dumpty. Auch das meine ich nicht als Lob. Ich kann solchen Klischees weder im Ironiemodus noch als Satire den Witz abgewinnen:

„Gleich nach der Kirche kutschierte er gerne, samt Frau und Wackeldackel, stundenlang die Hauptstraßen entlang, „Im Frühtau zu Berge“ singend, während ihre Hand auf seinem Oberschenkel lag. Er freute sich über die Pünktlichkeit der Regionalbahn, die schattigen Stellen in seinem Schrebergarten während des Hochsommers und die kleine, verlässliche Flasche Underberg am Ende des Tages.“

Das bleibt simpel, und diese Reihung von Klischees beruhigt sich auch in der weiteren Lektüre nicht:

„Das. Ei. War. Noch. Weich.

Wie konnte das nur sein? Er ließ das Ei augenblicklich auf seinen Teller fallen und befreite seine Krawatte von dem gelben klebrigen Chaos mit seiner frisch gebügelten Baumwollserviette. Verärgert schaute Herr Gröttrup hoch. Frau Gröttrup aß ihr Ei in Ruhe. Es war ihr allerdings anzusehen, dass sie sich anstrengte, nicht loszuprusten. Die Anzeichen dafür waren nicht an ihrer Körperhaltung festzumachen, denn ihre Hände waren immer noch ruhig . Sie tupfte zwar vorsichtig ihren Mund mit ihrer Serviette ab, dabei waren ihre Lippen still. Doch Herr Gröttrup konnte genau sehen, wie Schadenfreude über ihr Gesicht huschte und einen Ort zum Ausruhen in ihren Augen fand.“

Bereits daß der erste Satz deklamatorisch durch diese vier Punkte zerhackt wird, ist ein aufdringliches Stilmittel. Ansonsten wird mir hier eine eher banale Szenerie geschildert. Das rettet auch der sozialkritische Schluß nicht, wo Herr Gröttrup die Reinmachefrau Ada jovial duzt, diese zurückduzt und dieses Duzen Gröttrup irritiert, worauf Ada nonchalant entgegnet: „Sie haben damit angefangen.“ Als Szene freilich amüsant.

Das persönliche Interesse ist sicherlich kein ausreichendes ästhetisches Kriterium für einen Text, dennoch frage ich mich, was mich an dem Text fesseln sollte und aus welchem Grunde ich mich für den Raktenforscher Gröttrup interessieren sollte, der aus der Perspektive eines Eies betrachtet wird. Zumal dieser Trick stilistisch und sprachlich nicht sonders elegant gelöst wird. Vielleicht erschließt es sich beim zweiten oder dritten Lesen oder wenn dieser Auszug als Teil eines Romans erscheint, was an dieser Prosa preisverdächtig ist. Hubert Winkels bezeichnete diesen Text als „realistisches Stück Geschichte“. Und genau da liegt das Problem dieser Prosa. Man möchte rufen: Die Phantasie an die Macht und die Phantastik der Literatur. Aber nicht die gutgemeinte Gesinnung. Der Prosa ist ihre Absicht anzusehen. Das macht sie blaß.

„Als deutsches Ei nicht hart zu werden ist keine so große Leistung. Deutlich schwieriger ist es für mich, auszuhalten, dass ihr Lebenden ausschließlich mittels dieses Gefängnisses namens Sprache kommuniziert.“

Das bleibt alles sehr dicht am Wörterbuch der Allgemeinplätze gebaut. Zuviel Intention, die mir in diese Geschichte hineingeblasen wurde. Weshalb ist es keine große Leistung, als deutsches Ei nicht zu hart zu werden? Wie sonst als mit Sprache läßt sich kommunizieren? Selbst Gesten und Mimik sind eine Sprache, und das nicht nur aus dem Grunde, weil sie im Denken in eine solche übersetzt werden. Ich spüre Zuneigung, ich zeige sie in der Mimik, ich verbalisiere sie. Aber das ist eine andere Sache. Sprachphilosophie, um die es in diesem Text nur bedingt geht. Eher schon um Kategorisierungen, wie der Absatz danach anzeigt. Und genau da funktioniert der Text nicht und kommt übers Klischee nicht hinaus. Für die Literatur, wie schon letztes Jahr, keine gute Wahl.

Wenn zudem eine Twitterin namens Charlotte, die sich als Literaturwissenschaftlerin ausgibt, solches in die Tasten tippt: „Und nochmal zum #tddl16: Es hat der Text einer Schwarzen Autorin gewonnen, die weiße und cis Positionen benannte. So gut.“ Dann sind wir mit der Literatur wieder auf dem Bitterfelder Weg. Nein, das ist falsch, schlimmer noch, Literatur als Politpose und -posse. Hier wird Gesinnung bewertet und nicht Literatur, Sprache, der Bau einer Geschichte betrachtet. Gleiches Motiv vermute ich bei der in Literaturdingen doch ebenfalls eher unkundigen Carolin Emcke: Gesinnungstwittern. Solchen billigen Reduktionismus aufs unmittelbar Politische hat selbst dieser Text von Sharon Dodua Otoo nicht verdient, und man muß sie vor ihren Liebhaber_Innen in Schutz nehmen. (Was sind eigentlich cis-Positionen? Eine besonders versaute Sexstellung? Was aus der Musiktheorie? So cis-dur?)

Literatur nach Gesinnung zu bewerten, schreckt mich ab. Und damit wird weder der Literatur noch der Gesinnung ein Gefallen getan.

Ich will nicht verhehlen, daß ich Isabell Lehns Text „Binde zwei Vögel zusammen“ lieber in der ersten Runde als Preisträgerin gesehen hätte. Zunächst war sie in der Shortlist drinnen – vom Ablauf in Klagenfurt heute fast ein wenig, wie das gestrige Fußballspiel: Wer kriegt ihn, den Preis. Nur zum Glück erwies sich das Prozedere am Ende doch nicht ganz so langwierig und spannend wie der Abend gestern in Bordeaux.

Lehn schreibt über ein aktuelles Thema, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern. Auf den Roman bin ich insofern gespannt. Vom Klang des Titels her erinnert es mich stilistisch zwar an den zweiten Roman von Helene Hegemann, und ich hoffe, diese Imperativ-Titel werden irgendwann nicht literarische Mode: „Schreibe zwei Romane“ „Sotte den Tafelspitz“, „Höre den Hasen“, „Koche das Ei hart“. Aber das, was man das Erzählte, den Plot, die Geschichte nennt, hat mich überzeugt. Ein Ausbildungslager für die US-Army in Franken, das Menschenmaterial für den Einsatz im Mittleren Osten trainiert, und Menschen, die vom Arbeitsamt dorthin als Vermittlungsmaßnahme geschickt werden. Ich hoffe, es ist das bloß eine dichterische Freiheit und Erfindung. Vermute aber, dies wird nicht der Fall sein.

Immerhin bin ich mit der Wahl von Dieter Zwickys Text „Los Alamos ist winzig“ zufrieden, der den Kelag-Preis erhielt. Zwicky schrieb einen wuchtigen, ausufernden, sprachlich anspruchsvollen und doch politischen Text. Voll Humor und vor allem mit Gespür für Sprache. Locker und frech imTon.

„Das kurze frenetische Licht über Fourth Junction befähigt einen zu hübschen, leichtfertigen Spielchen. Man handelt, in einem sozialen Sinn, sonderbar draufgängerisch, leistet sich subtile Dreistigkeiten. So bemerkte ich neulich zu der wahrhaft greisen Frau, die neben mir auf der erwärmten Bank sichtlich schwitzte:

Löse dich auf –  ja, ich habe sie wirklich geduzt – , löse dich auf, und du hast endlich ausgeschwitzt, alter Waran!

Die Dame trug ein auffälliges, jedenfalls auffällig breites Uhrenband aus Echsenleder. Sie verdrehte keck die Augen, hüstelte, weitete unter Zuhilfenahme ihrer Wangenmuskeln theatralisch den Nasenraum und flüsterte mir zu, dass ihr Sohn endlich, endlich der Hölle Englands entkommen sei.“

„Subtile Dreistigkeiten “  und der alte Waran: fein gesagt. (Und wieder das Duzen. Ha!) Auf diese Art des Schimpfens muß man kommen. Ein Text übrigens, der noch mehr gewinnt, wenn er mit guter Betonung gelesen wird. Wie das Dieter Zwicky tat.

Ebenfalls interessiert mich der Text von Astrid Sozio. Rassismus im Denken, im Kopf, im inneren Monolog eines (rätselhaften) Zimmermädchens, einer Reinmachefrau, die im Hotel ihrer Tante die Zimmer säubert. Flüchtlinge aus Afrika schienen dort untergebracht, nun sind sie woanders. Dieser Monolog geschieht allerdings an einigen wenigen Stellen in einer elaborierten Sprache, die eigentlich vom Stil und der Art der inneren Rede nicht zur Sprechrolle paßt. Da sehe ich ein stilistisches Problem. Ihre Angst vor dem Anderen, dem schwarzen Mann, der schwarzen Frau. Vielleicht in einer Weise, bei der das Ergebnis nicht von vornherein feststeht und die gutgemeinte Intention am Schluß den Text doch wieder verdirbt. Insofern paßt es in diesem literarischen Kontext natürlich, wenn jemand „Negerin“ oder „Zigeunerin“ denkt und dann auch schreibt. Der Vorschlag „PoC“ wie jemand twitterte, ist sicherlich als Scherz gemeint. Keine Reinmachefrau und keiner, der sich ernsthaft mit Afrika befaßt, sagt: PoC.

Nein, nach dem im TV geschauten Prozedere dieser Bachmann-Wahl glaube ich eher, daß da in der Hektik, Eile, Schnelle ein Zufallskandidat gewählt wurde. Die Qualität des Textes von Odoo kann ich nicht entdecken.

Interessant in diesen Jury-Debatten war vor allem die Frage danach, wem die deutsche Sprache eigentlich gehört, was insbesondere an dem eigenwilligen babylonischen Text von Tomer Gardi aus Israel diskutiert wurde. Mir nicht ganz klar, weshalb dies bei einigen für Unmut sorgte, denn in der Literatur scheint mir die Frage nach Sprache, Stil, Rhythmus, Ton des Textes nicht ganz unwesentlich. Die Qualität des Farbauftrags kann man an einem Text ja eher weniger diskutieren.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu tddl (6) – Die Preisträger des 40. Bachmannwettbewerbs

  1. holio schreibt:

    Beim Wackeldackel verließ ich den Text. Später, als sich das Wesen als Küken inkarnieren wollte, war ich gans wieder dabei. Sehr schätzte ich dann das Epizentrum, zumal es im deutschsprachigen Journalismus häufig verkehrt für auf dem Erdboden befindliche Zentren verwendet wird.

    Inhaltistisch hat mir der Text den mir zuvor unbekannten Menschen Helmut Gröttrup untergejubelt. Sowas zählt.

  2. Bersarin schreibt:

    Helmut Gröttrup, ja, nur man erfährt bei Otoo nichts über ihn. Insofern bleibt die Figur rein äußerlich. Genauso hätte man Konrad Adenauer und Globke oder sonstwen nehmen können. Eine simple, schlichte Prosa.

    Daß Zwicky nicht immer ankommt, dachte ich mir. Ich will da keine Vergleiche anstellen. Aber ähnlich geht es vielen bei der Wort- und Satzakrobatik eines Jean Paul. Kommt heute nicht mehr gut.

    Sehr gut fand ich in diesem Zusammenhang den Text von Astrid Sozio im Gebrauch jenes verbotenen Wortes. Was nämlich die meisten Zuhörer nicht verstanden haben: Der Begriff funktioniert wie ein Hammer, in einer mimetischen Weise, und es stellt sich diese Schockwirkung ein, in der wahrhaft drastischen Wiederholung des Wortes, Iterativ, immer wieder: die Negerin, Neger, das brennt sich böse, sehr böse ein. Genau dieser Effekt war gewünscht. Aber wie immer bei den politisch Korrekten und Gutmeinenden, wurde das nicht verstanden. Auch in Andrea Dieners Potcast zum Wettbewerb nicht. Schade, ich hätte mir von ihr mehr erwartet als das Bedienen von Ressentiments. Interessant aber, weshalb dieser Begriff in der Metareflexion soviel Wut auf sich zieht.

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, der hier schon. Der der Preisträgerin nicht so. Schlechter Text.

  4. Aiko schreibt:

    Mich erinnerte das Ei an Gregor Samsa. Wobei ich heute in meiner Regionalzeitung las, dass Frau Otoo uns glauben machten will, sie kenne den Bachmann-Preis garnicht und sei da rein zufällig hingeraten und wenn sie gewusst hätte, was das sei, dann hätte sie einen anderen Text gelesen. Aber möglicherweise zeigt sich in diesem Ei der ganze Geist unserer Zeit.

  5. Bersarin schreibt:

    Auf Gregor Samsa käme ich bei Otoo nicht. Eher auf Klaus & Klaus: „Klingelingeling, hier kommt der Eiermann“. Ob es wohl ein Cis-Eiermann ist? Oder ein Eierjensch? Ja, ist ungerecht. Aber diese Bekenntnisprosa und vor allem dann noch diese verlogene Anbiederei des Feuilletons ans sprachlich schlecht Gemachte, ist ärgerlich. Nicht einer verliert auch nur ein Wort darüber, daß Otoos Text voll von Klischees ist.

  6. Aiko schreibt:

    Dass ich das mit der Verwandlung assoziiert habe, liegt wohl an dem Satz, den dpa überbracht hat:
    Manchmal wache ich auf und denke: Heute bin ich ein Ei. Zugegeben: Das passiert mir nicht oft ..
    Ich denke, Frau O2 hat sich bei einigen bedient. Loriot wird häufig genannt. Was aber soll’s – die Preisverleihungen sind was für den Buchhandel und die Verleger – die haben dann eine Orientierung in den heutigen Sprachfluten.

  7. Bersarin schreibt:

    Ja, es ist inkonsistent erzählt. Von Gregor Samsa und Kafka ist dieser Text so weit entfernt wie Italien vom Halbfinale der EM 2016.

  8. Aiko schreibt:

    Wie ich vermute, ist es eine politische Sache. Sandra Kegel hat Frau Otoo eingeladen und das ganze ist „black-power-women“ – da kann man nahezu jeden Text lesen. Ich hätte da aber den Hornbach-Katalog vorgezogen, ganz nach Blixa Bargeld. Den Hornbach-Katalog für den Bachmann-Preis, das wäre heutzutage politisch angemessen.

  9. Bersarin schreibt:

    O2 ist auch schön gewesen.

    Gegen Blixa Bargeld habe ich nichts einzuwenden. Es wäre zumindest ein klares Statement. Mehr noch wünschte ich mir jedoch einen guten Text, der funktioniert. Es waren ja welche dabei. Man muß sie jedoch mehrmals hören und lesen. Bei Otoo ist das nicht nötig gewesen. Bei Sozio eigentlich auch nicht. Ebensowenig habe ich die Wahl von Julia Wolf verstanden.

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