Zum 10. Todestag von Robert Gernhardt

Da gibt es eine schöne Würdigung von Uwe Wittstock auf seinem Blog „Die Büchersäufer“. Ganz richtig seine Klage darüber, daß Gernhardt nie den Büchner-Preis erhielt. Ein Versäumnis in der Tat und ersten Ranges! Bei Facebook auf Gernhardt eine zarte, feine Liebeserklärung von Oliver Maria Schmitt.

Und von mir eine dieser Zeichnungen von ihm, die so großartig doppelsinnig sind, daß uns dafür die aparten Adjektive fehlen. Faustisch-dick hinter den Ohren und mephistophelisch vertracktes Paradoxon. Dialektik war immer auf der Seite von links, Humor und Satire auch. Ich kenne bis heute keine, die explizit rechts ist. Dogmatik und Humor vertragen sich schlecht.

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Wer übrigens von den hier Mitlesenden ein männliches schüchternes Studentlein ist, voll verkopft und leicht gehemmt, der lese aus dem Erzählungsband „Kippfigur“ die Geschichte „Das Buch Ewald“. Inhalt: eine Wette zwischen Gott und Teufel, ein Student namens Ewald, eine Zimmerwirtin Reinig und eine Kommilitonin, die Gesine heißt. (Traurig und schade übrigens, daß in der ansonsten lesenswerten Literaturgeschichte der BRD von Ralf Schnell (Metzler Verlag) die Neue Frankfurter Schule nicht mit einem Wort Erwähnung findet. Zumindest nicht in meiner Auflage. Auch die Texte von Gernhardt und Henscheid gehören zur Literatur der BRD, und sie waren prägend. )

Ich bin, wenn ich mich an Gernhardt zurückerinnere, nicht frohgestimmt, sondern traurig. Dieser große Dichter, Schriftsteller, Zeichner mit diesem unbändigen und doch feinen Humor fehlt heute mehr denn je, insbesondere angesichts einer zunehmend humorlosen Linken, die jeden bösen Witz, jedes von der herrschenden Szenemeinung Abweichende mit inquisitorischer, humorloser Strenge und zerkniffenem Mundwinkel verfolgt. Auch angesichts eines heute oft billigen Humors im Kabarett fehlt Gernhardt, angesichts verlorener Subtilität. Uns fehlt der derbe, anarchische Hang zum phantasievollen Witz (den er sicherlich mit dem – problematischen und doch verehrten – Wilhelm Busch teilte), der wilde Klamauk, der sich noch beim frühen Otto zeigt, für den einige aus der Titaniccrew anfangs die Sketche schrieben oder am Witz von Interburg & Co. Sing heute mal vor einer Versammlung der Mädchenmannschaft oder dem Missy Magazin „Ich liebte ein Mädchen“. Schöne Zeiten, als es in den 80ern noch jene undogmatische Linke gab, die böse Witze riß, auch über Minderheiten, die Akohol trank, feierte und sich keine Vorschriften machen ließ, die auf kein Parteibuch oder auf Mitgliedschaft in irgendeinem Verein schielte. Und wißt Ihr noch die Empörung der biedern Pathoslutscher, die im Entweder-Oder verharren, als von Gernhardt das da erschien?:

Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform
italienischen Ursprungs

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, daß so’n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Schöne Zeiten. Danke für diese herrlichen Titanic- und Buchjahre. Und weil wir alle auf unsere Weise Liebende sind:

LIEBESGEDICHT

Kröten sitzen gern vor Mauern
wo sie auf die Falter lauern.

Falter sitzen gern an Wänden,
wo sie dann in Kröten enden.

So du, so ich, so wir,
Nur – wer ist welches Tier?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Zum 10. Todestag von Robert Gernhardt

  1. DPNews schreibt:

    Toll geschrieben!

  2. Bersarin schreibt:

    Das ist jetzt das letzte „Toll“, das ich durchgehen lasse. Ok und verstanden?

  3. Bersarin schreibt:

    Es gab übrigens einmal, vor langer Zeit, eine Zeit, als Menschen gebloggt und kommentiert hatten, um sich auszutauschen und nicht irgend eine sinnbefreite Akklamation schrieben, um Klicks und Traffic auf ihren eigenen Kram zu genieren.

  4. Herwig Finkeldey schreibt:

    Unvergesslich mir eine Live-Bemerkung in einer Lesungspause in Berlin, Radio 1 war backstage: „Herr Gernhardt, wie ist es so in der Pause zwischen den Gedichten?“
    Darauf Gernhardt, den Fußballtrainer Sepp Herberger persiflierend: „Eine Lesung hat zwei Halbzeiten, eine erste und eine zweite; Die nächste Lesung ist immer die Schwerste; und: Das Gedicht ist rund!“

    freut Euch der EM und der Gedichte Ronbert Gernhardts (dessen Todestag auch ich vergaß!)…

  5. Dieter Kief schreibt:

    Äh – um es mal so zu machen: Der problematische Wilhelm Busch?
    Ha ick nüscht von jefudn in Robert Gernhardts Busch-Buch (Busch-Hommage) jetzte. Und auch in meinem höchstpersönlichen Kopf: Nüscht!
    Bei Heinarich Bell (Reich-Ranicki) schon – ich meine jetzt die Problematisierung von Buschs Unmenschlichkeit usw. Vielleicht verwechseln Sie das ja – oder sich mit Gernhardt, was ooch weiter nicht verwerflich wäre – ein wenig Identifikation darf schon sein, wo das Weltall immer kälter wird – und wo ohnehin zunehmend alles mit jedem kompatibel ist bzw. durcheinanderschießt/gerührt wird. Da fällt mir ein: Der von Ihnen offenbar geschätzte Echkard Henscheid – schätzen Sie den nicht auch wg. seines Humors? Und der hat doch nicht nur nach der SPD geschielt, zu Titanic-Zeiten, sondern sogar für die Wahlkampf gemacht – wie zaghaft auch immer. Der ist doch damit rechts, oddr itte? Sogar so rechts, dass Gremliza als einer unter allerlei anderen nichts mehr über ihn verlauten lässt – bis ans Ende seiner Tage: Henscheid ist in Acht und Bann getan wg. Rechtsabweichung, nicht.

    Und jöh – für den mittleren Otto hat aber auch der eine oder andere aus der Titanic-Crew geschrieben, nicht nur für den frühen, wie Sie wähnen. Die FR war entsetzt über die „billigen (antiemanzipativen (meine Diktion)) Witzchen“, damals. Gernhardt schob einen Groll.
    Dit ha ick mit ihm (und Bernd Eilert) besprochen, wa. Jaha: Haargenau der: Robert Gernhardt, der nämlich ooch für Otto schrieb. Jau! (Jügen von Manger).

    PS: Ein wenig heruntergedimmt. Ich finde ernsthaft, man kann nicht sagen, früher war witzig, heute iss nicht. Was ich gut verstehen kann ist die Trauer, die man verspürt, wenn man an Gernhardt denkt. Und schon auch ein wenig aus egoistiscchen Motiven. Solche Leute machen einen Unterschied! Und nein: Solche Leute jibbet nicht wie Sand am Meer, allem stumpfen und bis zum Erbrechen als weiter tradierten Äufkläricht (E. Bloch) – gerne auch marxistischer Provenienz – zum Trotz.

  6. Bersarin schreibt:

    Nicht um Gernhardts Sicht auf Busch ging es mir, sondern um den problematischen und doch von ihm verehrten Busch. Man nehme Wilhelm Buch und den Antisemitismus: „Kurz die Hose, lang der Rock, / krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau, / Hut nach hinten, Miene schlau –/ So ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner).“ Oder aus der „Die fromme Helene“: „Und der Jud mit krummer Ferse, / Krummer Nas und krummer Hos‘ / Schlängelt sich zur hohen Börse / Tiefverderbt und seelenlos.“ Das meinte ich mit problematisch. (Kann man natürlich auch als Satire auf die herrschenden Stereotypen lesen. Müßte man weiter ausforschen. Buschbiographisch im Kontext mit anderen privaten Äußerungen.) Gernhardt kannte natürlich die Verse, wenngleich es ihm in seinem Busch-Buch nicht um diesen Aspekt ging, sondern daß Busch ein Ahnherr in der Reihe der Satiriker war – insbesondere für den gezeichneten Witz. Womit Gernhardt ja auch recht hat. Diese Zeilen Buschs schmälern nicht sein Werk. Weisen aber sehr wohl auf Problematisches zu diesen Zeiten – was auch Gernhardt bekannt gewesen sein dürfte. Wobei man wissen muß, daß seinerzeit Antisemitismus zum guten Ton gehörte. Ob Rilke oder Thomas Mann. (Was nichts entschuldigt.)

    Was Henscheid privat treibt, weiß ich nicht. Mir geht es um seine Texte und um seine Sprachkritik. So sehr ich auch Herrn Gremliza zuweilen schätze, wenn er sich nicht zu antideutsch gebärdet. Generelle Reichsacht und Bann halte ich für dummes Zeug. Niemand kann für die Zukunft sagen, wie sich ein anderer entwickelt: Pauschalisierungen bringen da nichts und verstellen den Blick fürs Detail. (Gilt ja auch für Heidegger, Jünger, Benn.) Übrigens fand ich Henscheids Aktion damals auf der Leipziger Buchmesse gut, sich gegen die Ausladung der Zeitung „Junge Freiheit“ zu positionieren. Ich halte nichts von diesem Blatt, aber wir haben eine Freiheit der Presse. Ausstellungen, die nach der richtigen Gesinnung sich organisieren, halte ich für gefährlich. Zumal ja durch deren Pressestand nicht das Staatswesen im ganzen bedroht zu sein schien und auch eine schleichende Erosion durch diese Zeitung scheint mir nicht gegeben. (Dazu tragen andere eher bei.) Das schließt nicht aus, daß man auf der Messe gegen diesen Stand und deren Publikationen Protest und Diskussion organisiert.

    Was ich meinte und auch schrieb: Nicht: Früher war alles besser. Sondern: Heute haben wir eine gesäuberte Variante des Humors, die sich politisch überkorrekt gibt. Verstöße gegen die jeweilige Szenemoral werden übel geahndet. Gernhardt und das damalige Titanic-Team, ob nun Chlodwig Poth, Marie Marx, Eilert, Knorr, Traxler, Bernstein, Waechter, hielten sich an keinen Kodex. Undogmatische Linke. Die gibt es heute natürlich auch noch, drüben der che etwa. Ich selber zähle mich nicht zur Linken, bin aber undogmatisch und lache immer noch gerne über „Sein oder Nichtsein“ von Lubitsch oder mache Witze, die nicht sauber, sondern böse sind. Ähnliches gilt für die hier einst kommentierenden Nörgler. Andererseits verfolge ich zu wenig, was im Fernsehen beim anspruchsvollen Kabarett läuft. Ich kenne die heute-show nicht, sehe nicht Carolin Kebekus. Georg Schramm finde ich sehr gut. Wenn ich jedoch die Vorschau zur 3sat-Satire/Kabarett sehe oder kurz nur hereinblicke, schalte ich schnell aus, weil ich diese Art des Humors öde finde. Außer Georg Schramm tritt auf.

    Leider gibt es solche wie Gernhardt nicht wie Sand am Meer. Vielleicht aber auch gut. Weil sich ansonsten das Ausnahmetalent abschleift. Manchmal bedarf es, wie bei der Titanic-Crew der 80er Jahre, einer besonderen Konstellation. Kairos. (Auch Waechter fehlt übrigens.)

  7. Dieter Kief schreibt:

    Ich verstehe, was Sie meinen, aber es ist trotzdem falsch zu behaupten, die Titanic habe keinen Codex gehabt. Nicht so einen wie heute: Ja. Keinen: Nein.
    Jaja, bei Henscheid ist aber die SPD-Nähe keine Privatangelegenheit. S. Glossen (Helmut Schmidt in der Disco), s. seine Autobiographie (tolles Buch – unglaublich, wie mit dem in der Kritik umgegangen wurde – zu 95% wg. Leipzig und anderer Aktionen bürgerlichen Unterscheidungsvermögens und engagierter Geistesgegenwart) -, und siehe sein Hauptwerk „Die Mätresse des Bischofs“ – sowie geschätzt sehr viele andere Stellen im – – Werk – natürlich nicht bei sich daheim, das ist langweilig, insofern haben Sie recht.

    Ich finde, wir sind bei Gernhardt nicht weit auseinander. Mein Punkt geht so: Gernhardt hat um derlei Busch-Stellen nat’lch gewusst – um die paar negativen Juden-Charakterisierungen im Werk Buschs, aber er hat – wie die SchweizerInnen sagen: kein Büro aufgemacht.
    Das ist für mich der Punkt.
    Heute ist denkbar, dass ein Sonderforschungsbereich „Bild(erzählung) und Holocaust – Stereotypen des bürgerlichen Zerfalls: Wilhelm Busch und der Nationalsozialismus“ vierzehn gutbestallte Damen und Herren hoch den ja tatsächlichen Zusammenhang zwischen Judenfeindschaft und dem 3. Reich mit Buschs idealtypischer deutscher Kleinbürgerbiographie engführt und ihn endlich mit triumphaler Geste und unter heftiger Bezugnahme auf Heinarich Bell neben Adolf Hitler beisetzt. Gernhardt hat die Sache einfach nicht weiter verfolgt, weil er an diesen Konnex nicht genug glaubte, bzw. ihn für sehr schwach hielt (http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6369).
    Sehr wohl glaubte er aber an Buschs – gerade auch (denken Sie nur…) ästhetisches Genie: Dass dieser Provinzler den Expressionismus und den Tachismus und den Pointilismus und den Kubismus usw. vorwegnahm: Das ist unglaublich – und von den Kunstgeschichtlern soweit ich weiß komplett ignoriert. Sancta simplicitas.
    Weitere gern angeklagte Judenfeinde in der Art Buschs: Marx, Heine, Raabe, Tucholsky, Hiller, Fromm, Hermann Peter Piwitt (Die Rothschilds), M. Walser. – Hiller und Fromm wg. wiederholtem expliziten anti-Zionismus bzw. Israel-Gegnerschaft, Piwitt wg. Thematisierung des Philosemitismus der 50er als defizitäre Form der Vergangenheitsbewältigung, Walser wg. der Verwendung des Klischees der großen Nase bei Christen: Frivolität statt kritischem Bewußtsein, aufgedeckt von Zigarettenfiltermaschinenerbe Reemtsma persönlich!
    Ein reiches Betätigungsfeld zur vertieften Aufarbeitung des Nationalsozialismus.
    Ich hab am Samstag, bevor ich sie kaufte, zehn Minuten in die Hiller-Biografie bei Wallstein hineingelesen und was sehe ich da – so gegen Schluß: Man habe auch in der Nachkriegszeit immer wieder davon gesprochen, dass Kurt Hiller Jude sei, und man müsse dies im Rückblick als das erkennen, was es nun einmal zweifelsfrei darstelle: Eine subtile Form des Antisemitismus.
    Ja so!
    Was den Titanic-Kairos angeht,so kann ich immerhin reklamieren: Ich hab’s – zum großen Verdruss der Redaktion praktisch als einziger – anlässlich des zehnjährigen Bestehens gecheckt – und die Zeitschrift landauf, landab und ooch inn Uuusland ausgiebig gefeiert. Ohne freilich den manifesten, geschweige denn latenten Antisemitismus der Titanic herauszuarbeiten und hinwiederum zu brandmarken (mein Fehler…). Tempi passati.

    PS: Subject for further serious research: Tucholskys Idee, das christlich-jüdische Verhältnis in Deutschland habe – bis es dann zu spät war! – an einem M a n g e l an offen ausgetragener Aggression gelitten, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des hiesigen literarischen Lebens: IgittIgitt!!
    Dann kommt noch die Groß-These Freuds: Dass Symbiosen ein Höchstmaß an Aggression generieren. Auch Fromm hat diesen Punkt – wahrscheinlich belehrt durch Nazideutschland – unablässig traktiert: Kaum ein maligneres Beziehungsmodell als das der Symbiose (cf. „motherfucker“). Freilich hat’s – außer Tucholsky – keiner direkt auf Nazideutschalnd und/oder Weimar angewandt: As I said: Subject for further research. Fällt mir noch ein: Soziologische Daten, die den Neid der Christen auf die Juden als Massenphänomen in der Weimarer Republik beleuchteten, auf den in seiner Autobiographie sehr wohl auch Reich-Ranicki bezug nahm, lieferte Siegfried Kohlhammer. Was macht der eigentlich heute? Fahrradverleih? Zen-Adept? Vielleicht wüsste Kurt Scheel etwas.

  8. Bersarin schreibt:

    Henscheid und die SPD – wobei man dazu sagen muß, daß die damalige SPD noch nicht derart offensiv von den Vertretern der privaten Rentenversicherung gekapert war. So wie einige Jahre später, als der VW-Gebrauchtwagenhändler aus Niedersachsen die Macht ergriff. Es gab da mal einen linken Flügel. Lang, lang ist’s her. Mit Ottmar Schreiner gingen die letzten.

    Natürlich gab es bei der Titanic der 80er ebenfalls eine Linie – all die Hefte zeichneten sich dadurch aus, ohne daß man sagen konnte: ein bestimmter und vorgegebener Stil, ein corporate design. Diese Vielfalt machte das Magazin so anregend. Die Linie war: Frechheit und wenig Rücksicht. Auch nicht gegen die eigene Community. Also Witze über das Latzhosenmilieu. Oder man erinnere sich an die Serie: „Ausländer raus, aber bitte mit Humor!“ Der Ton war oft böse-bitter. Gallig, ohne verbittert zu sein oder mit dem Zeigefinger herüberzuwinken. Der Klamauk, den es dort genauso gab, der Nonsense war anarchisch, verschroben und mit „Sondermann“ brachten die etwas Jüngeren nochmal einen anderen Ton herein. Gut – war eine andere Zeit, wir arbeiten inzwischen anders. Heute ist das meiste sehr viel durchgeplanter und entsteht am Reißbrett. Damals merkte man, daß vieles in der Kneipe nach dem vierten Bier geschah. (Wobei ich die heutige Titanic zu wenig kenne.)

    Richtig, Gernhardt hat bei Busch kein Faß aufgemacht. Was angemessen ist, und in Ihrem Beispiel haben Sie sicher recht. Es könnte sich solche akademische Szenerie aus Absurdistan heute tatsächlich ereignen. Zudem: Buschs (mögliche) Haltung entwertet nicht seine Zeichnungen und Texte. Ich kenne Busch aber zu wenig. Man mag bei ihm manche Motive entdecken, die für die Kunstgeschichte relevant sind, wobei ich denke, bei einer gewissen interpretatorischen Offenheit wird ein schlauer Schauer bei vielen Künstlern das eine oder andere bemerkten, was dann die Klassischen Avantgarden in extenso praktizierten. (Wobei ich sagen muß: Busch war von der Art her als Kind nie so ganz meins. Müßte dem mal nachgehen, weshalb ich mit Busch Probleme hatte. Als Kind liebte ich sehr viel mehr den Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. So richtig düster und mit derber Moral. Als letzte der Geschichten aber, sozusagen als Ende der Geschichte, die schönste Figur des Buches. Enzensberger, den Sie zu schätzen scheinen, schrieb darüber ein kurzes Gedicht: „Eskapismus ruft ihr mir zu …“)

    Motive und Weisen des Antisemitismus zu erforschen, ist allerdings nicht per se schlecht, wenn man es nicht einfach nur aus denunziatorischem Selbstzweck betreibt oder um vermeintliche Entlarvungen zu veranstalten und dies zudem ex post facto. Nämlich unter der Optik dessen, was im faschistischen Deutschland dieses Denken am Ende anrichtete: daß sich Antijudaismus und ein eher habitueller Antisemitismus zum eliminatorischen Antisemitismus aufsteigerte. Bei Marx und Heines Religionskritik liegt das Fall sowieso anders. Hier geht es nicht um kruden Antisemitismus und Marx insbesondere unternimmt seine Analyse im Aufsatz „Zur Judenfrage“ unter einer gesellschaftlichen Perspektive. Marx untersucht das Judentum im Hinblick auf die bürgerliche Gesellschaft und wie es darin aufgehoben ist. Weniger greift Marx in dieser Kritik zweier Texte von Bruno Bauer die Juden antisemitisch an, daß er ihnen das Jude-Sein als intrinsische Eigenschaft negativ kodifiziert, sondern es handelt sich im Grunde um eine genealogische Untersuchung, die zeigt, weshalb etwas geworden ist, wie es ist. Und es ist diese Schrift zudem eine Abrechnung und Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus in nuce. Weiterhin muß man sehen, daß es sich um eine Frühschrift von Marx handelt, darin sich die Motive seiner Philosophie verdichtet angedeutet finden. Worauf ich hinaus will: Man muß sich immer den Zusammenhang genau ansehen, in dem und unter dem eine Aussage geäußert wird oder in dem ein Text steht. Das mag auch für Busch gelten. Wobei ich in diesem Kontext eben die gängigen Klischees reproduziert sehe. Das war alles damals nicht problematisch. Wie gesagt: Von Thomas Mann gibt es ebenfalls solche Sätze und noch Adorno und Horkheimer belustigten sich über die Kaftanjuden aus Osteuropa und wollten mit denen nicht allzu viel zu tun haben. Ebensowenig das jüdische Bürgertum in Prag – eine Ausnahme gab es, die sich für diese Leute interessierte.

    Zumindest könnte eine Untersuchung zu gängigen antisemitischen Stereotypen auch fürs Heute hilfreich sein, um nicht in neue Stereotypen und unzulässigen Verallgemeinerungen zu verfallen.

  9. slimslam schreibt:

    Nach meiner Kenntnis hat Gernhardt dem Busch Übel genommen, dass dieser mit 52 Jahren aufgehört hat, Komik zu erzeugen und sich zudem seiner frühen Werke geschämt habe. Dies , so Gernhardt, käme für ihn nicht in Frage.

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