Eine Woche für die Photographie – f/stop Leipzig

Die EU hat seit Jahrzehnten ohne die Schweiz existiert. Sie wird nun auch ohne die Briten auskommen. Mir geht der Affenzirkus, die Rhetorik des Alarmismus und das mediale Hochgekoche lediglich auf die Nerven. Ist gerade der britische Kontinent untergegangen und schlug dort eine Internkontinentalrakete ein? Nein. Wurde eine Mauer gebaut und so schöne Städte wie Cambridge oder die englischen Küstenbäder sind unbesuchbar? Nein. In ein paar Jahren wird sich Schottland von GB lösen und wird die Aufnahme in die EU beantragen. Also beruhigt Euch!

Zum Glück bin ich ein Mensch ohne Smartphone und von dem Gespreize all der neuen Peter Scholl-Latours weit entfernt: ich reiste nämlich nach Leipzig. Dort hat gestern die f/stop Leipzig eröffnet – eine Ausstellung weniger zu den Positionen der Photographie, denn diese sind in einer Ausstellung überblickshaft schlechterdings nicht darstellbar, sondern vielmehr geht es um Möglichkeiten und Aspekte von Photographie und um ihr Spezifisches, wenn sie unter dem Blick von bestimmten Themen agiert und abbildet: Was kann sie, was leistet? Wie visualisiert und konzeptionalisiert sie? Insbesondere im Hinblick auf politische Themen. Das 7. Festival für Fotografie läuft bis zum 3. Juli in der Alten Baumwollspinnerei, auch andere Galerien und Orte sind an das Konzept angedockt. Viel zu sehen, viel zu denken, viel Photographie.

Die f/stop läuft unter dem Titel the end of the world as we know is ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen. Thema ist unter anderem die Visualisierung von Krieg und Flucht, insbesondere die toten Kinder vom Mittelmeer finden hier ihren Platz. Insofern läßt sich hier gut an die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit vor dem Maxim Gorki-Theater anknüpfen. Es scheint also daß die f/stop wieder eine politische Photoschau ist. Diese Themen sind in der Halle 12 zu sehen, sozusagen dem Zentrum des Festivals. Im öffentlichen Stadtraum dann finden wir Bilder von Robert Capa und den Kriegsphotographinnen Gerda Taro, Margaret Bourke-White und Lee Miller ausgestellt. Taro reiste mit Capa in den Spanischen Bürgerkrieg. Sie wurde erst kürzlich als eigenständige Photographin entdeckt, die lange im Schatten des großen Kriegsphotographen stand. Taro starb in Spanien.

Gut ist freilich, denn mir sind die simplen Politbotschaften zuwider, daß sich die f/stop nicht nur auf diese eine Causa fokussiert. Beim ersten Schlenden und Schreiten gestern, um mir einen Überblick zu verschaffen, sah ich ebenfalls andere Arbeiten, unter anderem Bilder von Studenten der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Rodchenko Art School Moscow – ein Dialog im kleinen mit Rußland, den ich, auch angesichts der Nato-Kriegshetze gegen Rußland, die immer fein als Putin-Kritik und im Deckmäntelchen Demokratie verpackt wird, für sehr viel wichtiger halte als das langweilige Brexit-Gedröhne.

Wer Zeit hat, sollte nach Leipzig reisen, durch die Stadt spazieren und die frei hängenden Bilder entdecken oder in den Hallen der wunderbaren Baumwollspinnerei auf Tour gehen.

 

 
 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Eine Woche für die Photographie – f/stop Leipzig

  1. Günther Quast schreibt:

    Wenn das Flüchtige das Bleibende ist,dann war es doch wohl auch schon immer,ist also , und wird wohl auch immer sein…..das sehen des Flüchtigen wäre also ein Wiedererkennen ,dessen was wirklich ist,in sicherlich unterschiedlich zeitgemässen Formen aber unveränderbarem Inhalt,Substanz….Die zweite Natur des Vaters (Sanftmut,Pneuma) nach Jakob Böhme….und ein zweiter Atem,der dich mitbewegt,sich manchmal sanft und still verströmend über alles legt“…..als sei dies alles hier noch etwas mehr,aus eisigem Ende gebiert sich stets ein knospend Frühling her……(G.Q.2005)

  2. hANNES wURST schreibt:

    Leipzig ist auch schön, aber London ist nun einmal die Heimat der Rockmusik. Alle schreiben von wirtschaftlichen Nachteilen und vielleicht noch vom Tourismus, aber mich macht es traurig, dass wir Nähe zu einer Kulturnation ersten Ranges verlieren.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Günther Quast: Ich hoffe beim pneuma und beim zweiten Atem immer, daß kein Döner Kebab mit einer Extralage Zwiebeln gegessen wurde.

    _________________

    Aber hanneswurst, wir verlieren diese Nähe nicht. Es werden doch nicht Ärmelkanal und Nordsee verbreitert. Außerdem ist der Brexit zum 40-jährigen Jubiläum die Rache des britischen Punk.

    Wenn der Klimawandel übrigens fortschreitet, wird England sich seinen Wein bald selber anbauen können und bedarf auch der Franzosen nicht mehr: Steillage Dover, im Abgang mineralisch-kreidig. Hoffen wir nur, daß die Weine nicht die Qualität des englischen Essens haben!

  4. Günther Quast schreibt:

    tja,wie befürchtet,es ergibt keinen Sinn Sie wirklich ernst zu nehmen…Ironie forever…nu ja,irgendwann sieht man ein ,das ein darüberhinaus für bestimmte Leute unmöglich bleiben muss….,sonst hätten Sie nichts zu sagen..

  5. Bersarin schreibt:

    Das Drüberhinaus ist das Mittendrin des Sinns im Einssein. (11. These meiner diahektischen Kopulationsphilosophie) Übrigens wird mein Blog um genau solcher Sätze willen geliebt und gelesen.

  6. holio schreibt:

    Von wem? Von Wesen?

  7. Günther Quast schreibt:

    anstatt einer Kopulation ereignet sich aber „Herabreissen des Himmels auf die Erde,und dann soll Erde Himmel werden“(J.Böhme),eine rein geistige unmechanische Zeugung IN DER ZEIT,die allerdings schon ein Mittendrin im Sinne des Einsseins DANN ist,…die Extralage Zwiebel beim Döner bekommt urplötzlich eine bislang unbekannte ,dem Gericht nicht zugehörige aber seltsam vertraute reine Süsse,die besonders „Klüglingen“ (J.Böhme) Angst bereiten kann,da sie distanzaufhebend ist,ihnen ihr und der Welt MEHR-SEIN andeutet….Maria Assumpta..wenn ich recht erinnere,hatten Sie vor einiger Zeit schon einmal dies als eventuelle aber bezweifelte Möglichkeit angedeutet….

  8. hANNES wURST schreibt:

    @bersarin: Mit „Nähe“ meine ich keine Beziehung im Raum, sondern im Bewusstsein. Die Abkehr der Briten ist sicherlich Ausdruck des Unmuts über die Innenpolitischen Verhältnisse und die Ineffizient der EU, aber es ist auch Ausdruck lange vorhandener und vielleicht noch anwachsender Antipathie. Es sind nicht nur die Alten und die Dummen die den Club verlassen wollen – wie gerne kolportiert wird – sondern es sind auch die Menschen die zurecht mit den uncoolen Deutschen und den gockeligen Franzosen (…) so wenig wie möglich zu tun haben wollen. Das finde ich traurig, nicht so sehr die politischen und wirtschaftlichen Implikationen.

  9. Bersarin schreibt:

    @ holio: Wesen wessen? Wer wie was? Das deutsche Wesen, daran soll die Welt genesen? Ein Wesen in Loch Ness? Herr und Frau Wesendonck?

    @ Quast: Was wollen Sie den Lesern damit sagen? Es wird sicherlich einen Sinn für Sie haben. Nur ist nicht jedes Privatgeraune gleich gehaltvolle Mystik.

    @ hanneswurst: Natürlich ist der Brexit nicht schön. Andererseits fühlte sich GB immer schon von Europa weg und zu den USA hingezogen. Mich läßt dieser Abgang merkwürdig kalt. Sollen sie es so machen! Am Ende wird es auf einen Zustand hinauslaufen, wie wir ihn auch mit der Schweiz haben.

  10. holio schreibt:

    Wesen ist das schönste Wort überhaupt. Inbegriff Romantick. Genesen, gewesen, what auch ever.

  11. Bersarin schreibt:

    Da gebe ich Ihnen recht. Bei Hegel ebenso ein zentraler Begriff. Das Wesen, das erscheinen muß. Donnerstag in Bamberg: Literarische Romantik pur: Das erste Mal, daß dieser Begriff überhaupt auftauchte, war im Zusammenhang mit dem Bamberger Dom (und auch der Stadt selbst) verbunden, Wackenroder/Tieck benutzten ihn in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“. Und dann erst E.T.A Hoffmann!

  12. Bersarin schreibt:

    Oder war es doch bei Tieck, wo der Begriff „romantisch“ zuerst geschrieben wurde? Ich bin mir nicht mehr sicher. Wikipedia sagt die Schlegels verwendete ihn, im Sinne von romanhaft, aber ich meine, es stimmt so nicht. Daß er in einer Stadtbeschreibung von Wackenroder/Tieck auftaucht. HWP, Germanistiklexikon und mein Lexikon zur Ästhetik weisen ebenfalls auf Schlegel.

  13. holio schreibt:

    Wesen – hässlich oder schön -, das Claus Heck umkreiste, als er über Joelle van Dyne bei Guido Graf schrieb.

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