Ich ist ein Fremder – Shumona Sinha „Erschlagt die Armen!“

Shumona Sinha erhielt den Internationalen Literaturpreis. Ob zu recht, vermag ich nicht zu sagen, da ich die anderen Bücher noch nicht kenne. Ich verwies an dieser Stelle auf die Kandidaten.

Unhabhängig davon, ob preiswürdig oder nicht, halte ich jedoch diesen Roman für ein großes Stück Prosa. Von der Sprache wie auch von der Geschichte her. Kein paternalistischer Blick auf Flüchtlinge, sondern ohne Illusionen, die Tragik wie auch das Traurige von Flucht und Vertreibung nennend. Und ich kann nur raten, das Buch ein zweites Mal zu lesen, weil sich in dieser Lektüre noch einmal andere Bezüge und Verbindungen auftun. Etwa das Spiel mit der Grenze, das Sinha betreibt. Vor allem aber, weil in einem dicht gebauten Text mit stark lyrischen Momenten beim ersten Lesen manche Perle nicht wahrgenommen wird.

Sieglinde Geisel machte beim Literaturmagazin tell den (unbedingt lesenswerten) Page-99-Test und war von diesem Roman nur bedingt begeistert – zumindest im Hinblick darauf, was sie auf dieser Seite las. Ich sehe es nicht so und würde die sprachlich sehr genau von ihr herausgearbeiteten Bezüge anders interpretieren. Etwa das Adjektiv „geheimnisvoll“, das ich in dem von Sieglinde Geisel zitierten Satz für unerläßlich halte oder auch den Bezug zur Peripherie, womit vermutlich der Boulevard périphérique gemeint ist. Der Blogger Holio liefert zudem kluge Hinweise zum französischen Originaltext. Richtig ist aber, daß Eigenschaftswörter mit Bedacht eingesetzt sein wollen. Möchten Sie mal einen besonders guten Satz mit Adjektiven lesen, die in den Text mit einer Schrottflinte appliziert wurden? Ja? Dann nehmen wir jenen Brief, den Johann Caspar Lavater im Jahre 1774 an den Herrn Goethe schrieb:

„Meine Frau, liebster Goethe, ist ein gutes, Herzgutes, sanftes, Daubenähnliches, lang u. zart u. reinlich gebildetes, geduldiges, unschuldiges Herzens Lämmchen – ein edles, stilles, friedsames, in meinen Armen unaussprechlich anmuthvolles – mich unaussprechlich beglückendes Weibchen; ungelehrt, ungestutzt, ohne Coketerie u. Prätension. (…) Nichts weniger als schön – aber voll Anmuth u. edler Jungfräulichkeit – Amen! Hallelulja –“ (Lavater an Goethe)

Nun aber in Wiederholung meine Besprechung von Shumona Sinha, die ich bereits im Oktober 2015 hier brachte. (Meine Geliebte haßt es, wenn ich Besprechung schreibe und sie witzelt in ihrer liebenswert-bösen Art: Wen besprichst Du denn? Eine Warze?)

„Ich bin kein Mensch in der Revolte. Die Revolte ist in mir“ –
Shumona Sinha „Erschlagt die Armen!“

Verdichtet, verdammt, verdreckt tritt diese Prosa schon in ihrem ersten Satz auf: und vor allem ohne jedes Sentiment, das sich zuweilen einstellt, wenn von Flüchtlingen die Rede ist, als kämen Verheißungen aus fernen Ländern geflogen und „Real Life“ spielte an irgendeinem Hauptbahnhof „Send me an Angel“. Jene dunklen Wesen zu schildern, „die wie ungeliebte Quallen die Meere befallen und sich ans fremde Ufer geworfen haben.“ Dabei treffen hier und ebenso in Frankreich Menschen ein, die – mehr als verständlich – nur eines wollen: fort von Trostlosigkeit und Elend, aus der Gewalt heraus. Sie fliehen vor Folter, sei es realer, sei es ausgedachter, mit allen menschlich möglichen Lügen, mit Tricks oder aber der nackten, in den Leib gebrannten Wahrheit, um in Europa leben zu dürfen.

Aber Shumona Sinha schildert nicht die Strapazen der Flucht oder das karge Leben in den Ghettos der Community. All das bleibt am Rande und abstrakt als Folie, wird überdeckt von dem, was man als Einerlei des Alltags bezeichnen kann, der sich aus dem subjektiven Blick speist, aus den inneren Monologen der Protagonistin heraus abspielt. Die eingedampfte Außenwelt dringt gleichsam durch die Sehschlitze eines Schleiers an die Leser heran. Der harte Ton der Prosa sitzt wie ein Schlag und kontrastiert in seinem poetischen Bau die Monotonie des Alltags. Dieser harte Ton von Quallen und Auswurf an Ufern benennt das, was die meisten insgeheim denken. Darüber sollten wir uns nicht täuschen und Figurenrede von der Rede des Realen scheiden. Identität ist das, was uns nahe und ähnlich ist. Zugleich aber produziert sie eine binäre Logik, die sich ubiquitär spreizt und als Politik auftritt. Wer A sagt, kann B draußen halten. Dennoch schimmert in dieser Prosa das Elend der Geflüchteten immer wieder durch. Zuckt auf wie unter einem zu grellen Licht.

Die Erzählerin, ein Ich, das in der gesamten Prosa ohne Namen auskommt, ist Dolmetscherin und übersetzt am Gericht all die Geschichten der Flüchtlinge in die Amtssprache Französisch. Es ist in der Sicht jener Dolmetscherin dieses Changieren und das Spiel der Wörter, das einen letzten sinnlichen Reiz in der Existenz von Scheitern ausmacht, eine Sprachgymnastik, ein Gleiten, so etwas wie eine Übung zwischen den Welten. Jene Frau lebt auf beiden Seiten der Schranke, weil sie einerseits die Hautfarbe derer hat, die sie dolmetscht, weil sie deren Sprache spricht, weil sie aus derselben armen Region stammt wie die Emigranten, aber gewechselt hat jene Frau „auf die andere Seite der Dinge“, in die Zone der Privilegierten, auf die Seite der Macht. Eine Fremde unter Fremden, abgezirkelt. Irgendwo (vermutlich in Paris), alles in allem eine seltsam namenlose und konturlose Szenerie, die lediglich durch den Innenraum ihrer Monologe bestimmt wird, sitzt sie den Maskenexistenzen der Geflüchteten gegenüber. Es sind „so viele und sich untereinander so ähnlich, dass ich den Eindruck hatte, immer demselben Mann zu begegnen.“ Routinen laufen von Amts wegen ab, in denen für ein Schicksal kaum Zeit bleibt. Das Asylrecht ist eine (freilich notwendige) Farce. Aussichtslos. Menschen sind Antragsteller. Selten nur dringt eine Regung durch, ansonsten treibt und arbeitet jene Frau in einer abgestumpften Welt aus Pflicht und Pflicht und Verdruß, die das erzählende Ich meist gleichgültig läßt.

„Um politisches Asyl zu bekommen, mussten sie lügen und uns eine Geschichte erzählen, die nicht die ihre war. Sie mußten die Last eines Lebens auf sich nehmen, das ihnen fremd war. Sie versuchten, in die Haut der Charaktere zu schlüpfen, die die Menschenhändler, die ihre Landsleute für sie erfunden hatten.“

Ausgerechnet eine Frau, aus dem gleichen Kulturkreis, die sich erdreistet, muslimische Männer auszufragen. Affront gegen ihre männliche Religion, Männer aus Regionen mit strengen Ritualen; eine Frau, die arbeitet, ist ein unmögliches Ding, eine Frau stellt keine Fragen. Nicht in dem kulturellen Kontext, aus dem diese Männer stammen, die nun in Frankreich leben wollen. All diese Widersprüche, die Widerstände, das Traurige und Schale, teils auch das Abstoßende dieser Menschen, die Tücken, wenn die Richter die Männer befragen und die Dolmetscherin in beide Richtungen hin übersetzt. Grenzgängerin der Sprache, die Rede des einen in die der anderen zu überführen. Zwar keine Torwächterin, aber das Gewicht der Worte liegt am Ende in ihrer Hand. Daß Sprache immer auch mit Identitätspolitik zu tun hat, wissen wir seit den biblischen Zeiten der Ephraimiter und der Gileaditer, die im Gegensatz zu jenen das Schibboleth regelkonform auszusprechen vermochten.

„Der Entscheider sprach seine Sprache, die Sprache der verglasten Büros. Der Antragsteller sprach seine flehende Sprache, die Illegalen-Sprache, die Ghetto-Sprache. Und ich nahm seine Sätze, übersetzte und servierte heiß.“

Für jene Dolmetscherin ist diese Art des Lebens nichts als ein Monolog, den jeder in seiner Sprache und für sich hält, von den anderen unverstanden und am Ende unübersetzbar. Diese Unmöglichkeit, irgend etwas zu übersetzen, Erinnerungen und Leiden in eine andere Sprache, in die des Gerichts zu überführen, samt all den Lügen und Wahrheiten, die sich zu einem trüben Gemenge vermischen, treiben die Protagonistin zu jener wirren, notwehrhaften und zugleich überzogenen Tat, die den Titel des Romans motiviert. In der Metro zieht sie einem jener Migranten, dem sie vielleicht einmal (oder auch nicht) in einer Befragung gegenübersaß und der sie nun drangsaliert und am Pelzkragen faßt, eine Rotweinflasche über den Kopf, was dazu führt, daß sie in Polizeigewahrsam und ins Verhör genommen wird. Ihren Job als Dolmetscherin wird sie nach dieser Tat los sein. Eine Grenze ist überschritten. (So wie Sinha nach diesem Buch ihren Job verlor. Absurde politische Korrektheit.)

Der Ton in Shumona Sinhas Buch ist rauh, und hart klingt diese Prosa, wenn sie die Realitätsfragmente beschreibt; illusionslos, was die Situation der Migranten anbelangt, die von Bengalen und anderswo nach Europa fliehen und vor dem Gericht ihre Geschichten auftischen. Erfundene Diplome, erfundene Biographien, erfundene Geschwister: „Die Lüge drang in die Sätze ein …“

Meist geriert sich der Blick dieser Frau mitleidlos, aber in manchen Passagen, insbesondere in denen der Introspektion, fällt er lyrisch aus. Das verleiht dem Text einen eigenen Reiz, weil durch dieses Mittel des Stils zwei unterschiedliche Ebenen gegeneinander gebrochen werden. Dialektisches Verfahren fast, indem Gegenworte sich bilden. Die Sprache der Beobachterin konterkariert das Beobachtete. Sinha schrieb zuvor Lyrik, weiß also, wie sich Bilder in Sprache erzeugen lassen – wenngleich nicht jedes dieser Bilder mir gut geglückt erscheint. Stellenweise ist das Zuviel an Lyrik zu wenig in der Geschichte und strapaziert den ansonsten straffen Text über Gebühr. Doch insgesamt genommen, stimmt der Ton dieses Textes und funktioniert in Lyrik wie in der drastischen Prosa.

Im Übermaß an Leid wie auch Lüge erstickt jene Erzählerin irgendwann unter dem sich türmenden Berg harter Fakten in der Gleichgültigkeit und in den unüberbrückbaren kulturellen Differenzen, die Sinha böse zuspitzend nennt. „Jeder ist eine Welt für sich. Jeder trägt eine ganze Welt in sich, eine chaotische Welt. Hinter dem Anschein von Ähnlichkeit sind die Bewohner des globalen Dorfs unendlich weit voneinander entfernt, vereint und gleichzeitig so allein.“ Einen Namen in diesem scénario tristes hat einzig eine Person: die Vernehmungsbeamtin Lucia (nomen est omen). Auf sie wirft das erzählende Ich einen liebenden, begehrenden Blick, während sie die enge Jeans mit ihren Augen abfährt und dabei Nan Goldins Zeichnungen weiblicher Geschlechtsteile imaginiert, „die sie wie unzählige, unbeschreibliche Blüten gezeichnet hat.“ Einer der wenigen zarten Momente in dieser Prosa. Doch auch diese Lucia erreicht das Ich nicht, weil sie auf der Fahrt zu ihr in jene unsinnig-irre Szene gerät, die der Erzählerin einen Abend in Haft und Verhöre bescheren wird. Ein kafkasches Namensrudiment kommt ihrem Vernehmungsbeamten zu: ein schlichtes, aufragendes K. Trauer, Wut, Erinnerungen, die am Ende nur noch in Fetzen daliegen, werden vor jenem undurchsichtigen Mann ausgebreitet, der ohne Kontur und als Initial die anonyme Instanz einer Macht verkörpert, der wir als Individuen schneller gegenübersitzen als uns lieb ist.

Angesichts der Leere und Tristesse der Szenerie sowie dieser sinnlosen Tat, die die Dolmetscherin begeht, fühlt man sich an Camus „Der Fremde“ erinnert: eine Tat aus dem Nichts heraus, als Gegenwehr zwar auf einen Angriff. Dennoch überzogen und den Lauf der eigenen Welt ändernd. Nein, die Frau hat, wie in jenes gleichnamige Gedicht von Baudelaire, auf das diese Prosa Bezug nimmt, den Armen nicht erschlagen. Nur eine Flasche Rotwein über den Kopf gezogen. Eine Flasche, die sie als Gastgeschenk für jene Frau mit dem Namen Lucia mitbrachte. Einfach sind die Perspektiven in dieser Prosa nicht und mit den Mitteln des moralisch korrekten und ethisch einwandfrei auftrumpfenden Blick kommt man in dieser Lektüre bei diesem aktuellen Thema – zum Glück – nicht viel weiter.

In diesem Buch steigert und speichert sich die Härte der Realität auf: nicht mehr der Logik des Mitleids zu folgen, sondern das, was ist, kalt zu betrachten. Problematisch übersetzt ist leider der Titel des Buches und führt auch vom Plot her in die falsche Richtung: Nicht „Erschlagt die Armen“, sondern „Verprügelt die Armen“ oder „Schlagt die Armen“ müßte es heißen. Im Original steht: „Assommons les pauvres!“ Im Prosa-Gedicht von Baudelaire kommt der Arme bei diesem Faustschlag zu Bewußtsein und wehrt sich gegen seinen Angreifer. Aber auch das reiht sich am Ende nur in die individuellen Tathandlungen. Revolution wie auch Revolte sind vertagt. Unabsehbar. Es bleibt die Macht des Faktischen und eine unheilvolle Melancholie des Blickes, die das, was ist, weiter zementiert. Du mußt nur die Laufrichtung ändern!: Bestechend klar ist in diesem Buch das Eingangszitat des französischen Schriftstellers Pascal Quignard über die etymologische Herleitung des Begriffes Freiheit aus dem Altgriechischen, die der erzählten Story eine ganz andere Wendung verleiht, als man es beim ersten Lesen der Prosa erwartet.

„Das Nichts ist ein sinnliches Fest“ heißt es an einer Stelle des Romans. Das aber bleibt dem Ton der Zynikerin geschuldet, angesichts von Ohnmacht und der Übermacht einer unaufhebbaren Realität. Mit dem Text Baudelaires freilich teilt diese Prosa einiges. Sogar den Diebstahl und den Rausch: „Ich stehle ihre Geschichten. Ich überzeichne das Elend und die Hässlichkeit. Ich bin eine Rauschpiratin. Ich möchte mich berauschen.“ Von Shumona Sinha möchte ich mehr lesen! Auch diese Prosa ist ein Rausch und sie steht in bester Baudelairescher Tradition, schaut aufs Aas am Wegesrand, aufs Grobe. Im Unsentimentalen liegt das Politische dieses Textes.

Shumona Sinha, Erschlagt die Armen!, Edition Nautilus, Hamburg  2015, 128 Seiten, 14,99 Euro
 [Das Zitat im Titel stammt von der Band Tocotronic auf ihrer Platte „Wie wir leben wollen“.]

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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