Selbst sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 80. Todestag

„Unsere Kultur besteht aus drei Schubfächern, von denen zwei sich schließen, wenn eines offen ist:
aus Arbeit, Unterhaltung und Belehrung.“

Über Karl Kraus zu schreiben, kann nur bedeuten, Karl Kraus selbst sprechen zu lassen. Alles andere bleibt schales Nachholen und Nachbeten. Was können wir heute von Karl Kraus lernen? Die Waffe der Kritik schärfen und die Kritik der Waffen vorantreiben, um einen anderen bekannten Kritiker und Polemiker zu nennen. Kritik bedeutet: Negation, Negativität; hinterfragen, was Zeitungen und der common sense uns auftischen. Aber das allein reicht nicht aus, denn die Vernebelungen und das Seichte kommen in einem Medium daher: nämlich der Sprache. Insofern muß der Kritiker den Blick auf diese Sprache richten, die wir sprechen und die unser Denken formt. Wenn Leser oder TV-Zuschauer sich nicht mehr selber eine Meinung bilden, sondern ihnen im Nachrichtenteil die passende und die richtige Meinung von Medien qua Phrase vorgesetzt wird. Kritik – und das gilt ebenso für Satire, siehe den Fall Böhmermann – steht über ihrem Gegenstand und nicht darunter. Dies betrifft empfindlich auch das Medium selbst: Sprache. Karl Kraus beherrschte sie als Waffe meisterhaft.

Was Kraus zum Journalismus schrieb, hören viele nicht gerne. Kein Wunder – häufig (aber nicht immer) sind es Journalisten, die die Kritik an ihrer Zunft abwiegeln. Gleiches gilt für das Phänomen, für das wir den Begriff „Kultur“ reserviert haben: Kraus kritisierte Kultur, ohne aber in akademischer Weise „Kulturkritik“ zu betreiben. Er nahm sich ihre Ausprägungen vor. Angefangen beim bürgerlichen Moralbegriff. Hoch stand für ihn das Gut der Privatsphäre, die jedem zustand. Auch einem Reaktionär. Auch vor der Justiz: der (vermeintlich schlechte) Lebenswandel eines Menschen – etwa wenn im fin de siècle eine Frau als Prostituierte wirkt – läßt nicht umstandslos auf die Schuld schließen. Dafür focht er. Etwa in „Sittlichkeit und Kriminalität“ oder in seinem Essay „Maximilian von Harden. Eine Erledigung“, wo es um die Affäre Eulenburg ging. Der Graf wurde von dem Publizisten Maximilian von Harden öffentlich der Homosexualität bezichtigt, mit dem Ziel, ihn aus dem Kabinett des Kaisers Wilhelm II zu entfernen. Kraus attackierte den einst bewunderten von Harden scharf: „Nicht Wanzen zu töten, aber den Glauben an die Nützlichkeit der Wanzen zu vertilgen ist meine Sache.“ „Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht.“ Und ganz folgerichtig heißt eine seiner Aufsatzsammlungen „Untergang der Welt durch schwarze Magie“.

Krausʼ Mittel war der Aphorismus. Der Aphorismus spitzt ein Übel zu, denn in der Übertreibung scheint Wahrheit grell auf, ohne daß ein Aphorismus im strengen Sinne wahr sein müßte. „Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.“ Aber wir unterschätzt Kraus, wenn wir ihn lediglich auf dieses Medium der knappen, flapsigen, klugen Bemerkung reduzieren, die uns lachen läßt, weil böse Wahrheit ohne viel Langtext hervorblitzt. Genauso gibt es bei Kraus den Essay, der sich etwa der bürgerlichen Doppelmoral oder der Literatur widmete oder sein mächtiges und leider auf deutschen Bühnen nie gespieltes Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Eine moderne Montage, eine Anklage gegen Krieg, gegen die Kriegsrhetoriker aus Presse und Politik (die Literaten nicht zu vergessen), die widerlichen Kriegsgewinnler und jene, die am liebsten sofort losschießen würden – ohne freilich selber mit dabeisein zu müssen. Dies kennen wir auch heute: ob das der präsidial sich gerierende Gauck oder die Kriegstrompete von Jericho, Richard Herzinger von „Die Welt“, ist. Oder Thea Dorn, die das Lob des deutschen Soldaten schreibt. Derer Söhne bleiben immer brav zu Hause. Kraus Spott konnte ihnen sicher sein.

Dennoch war Kraus im strengen Sinne kein Linker. Er ließ sich keinem Lager zuordnen, er blieb Zeit seines Lebens Einzelgänger, nur sich, seinem Denken und der Sache verantwortlich. Sofern er Partei nahm, geschah es aus einer konkreten Situation und einem Anlaß heraus. Friedrich Rothe schreibt in seiner Kraus-Biographie: „Proteste und Resolutionen gegen behördliche Gängelung von Literatur und Kunst hatte er als Selbstreklame von Leuten verachtet, die fürchteten, übersehen zu werden.“ Das kommt mir heute im Zeichen von Netzfeminismus und Irgend-was-mit-Medien-links ganz ungemein bekannt vor. Und man möchte mit den Fanta4 gleich rufen: „Ist es die da?“ Oder der da? Na wir wissen. Solche wie die grauenhafte Kolumnistin Margarete Stokowski oder der nicht minder schreckliche Georg Diez. Sie beziehen ihre Schreibberechtigung aus der proklamierenden Politphrase. Die Banalität des Blöden.

Wer sich einen ersten Überblick zu Kraus verschaffen will, lese „Die chinesische Mauer“, den Band „Aphorismen“, beide bei Suhrkamp erschienen, oder aber im marix Verlag das Buch mit dem schönen Titel: „Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt: Aphorismen, Sprüche und Widersprüche“. Doch lassen wir nun Karl Kraus selber sprechen – in Auszügen, in Skizzen:

„Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Schuhe putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.“

„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“

„Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.“

 „»Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: ›König Lehar‹, Trauerspiel in fünf Aufzügen von W. Shakespeare.«

Da gibts gar nichts zu lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz machen wollen. Das Wort, das er nicht zu setzen hat, die Assoziation, die ihm in die Arbeit gerät, ist der Maßstab der Zeit. An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespearesches Trauerspiel.“

„Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.“

„Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“

„Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit — sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustandekommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

„Für die wahren Weiber kommt es in der Kunst wie in der Liebe auf das Stoffliche an.“

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“

„Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.“

„Feuilletonisten sind verhinderte Kurzwarenhändler. Die Eltern zwingen sie zu einem intelligenten Beruf, aber das ursprüngliche Talent bricht sich doch Bahn.“

„Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“

„Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kulturmensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder Trottel eine Individualität ist.“

„Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“

„Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat.“

„Perversität ist die haushälterische Fähigkeit, die Frauen auch in den Pausen genießbar zu finden, zu denen sie die männliche Norm verurteilt hat.“

„Ein perverser Kopf kann an der Frau gutmachen, was zehn gesunde Leiber an ihr nicht gesündigt haben.“

„Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen  Prostitution.“

Aber kann, darf, soll man das überhaupt: Kraus zitieren?

„Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.“

Kraus dachte mit den Ohren, nahm Texte akustisch war, und er mußte, wie Elias Canetti schrieb „diese Zeitungen so lesen, als ob er sie hörte. Die schwarzen, toten Worte waren für ihn laute Worte. Wenn er sie dann zitierte, war es, wie wenn er Stimmen sprechen ließe: akustische Zitate.“

Von Karl Kraus können wir uns abschauen, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein.

Eine Reklame zur Besichtigung der Schlachtfelder von Verdun kommentierte Kraus wie folgt – Karl Kraus war ebenfalls eine großer Rezitator und Vorleser, der mit seinen Vorträgen Säle füllte:

Einen Nachruf auf Karl Kraus sprach Alfred Polgar:

Auf dem Twitter-Account des Literaturmagazins tell gibt es 24 Stunden lang Zitate von Karl Kraus zu lesen. Ich hoffe, all dies macht Lust auf mehr. Nicht nur bei Kraus die kurzen Happen zu kosten, sondern sich mit diesem Kosmos des Denkens genauer zu befassen. Was nur bedeuten kann, möglichst viel von ihm zu lesen – insbesondere aus seiner „Fackel“.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Selbst sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 80. Todestag

  1. che2001 schreibt:

    Außer Herman Gremliza sei in dem Kontext an einen meiner Lieblings-Komentataren erinnert, den Nörgler, der Kraus mit Marx zusammenbrachte und leider kaum noch kommentiert.

  2. ziggev schreibt:

    … in meinen feuchtesten Träumen würde ich vom Nörgler so richtig, nach allen Regeln der Kunst, vermögelt werden, wann meldet er sich wieder? ich bin ´n Jazzer, aber wenn er improvisierend loslegte, bogen sich die Balken, und es war nichts mehr sicher …

  3. Milner schreibt:

    „Von Karl Kraus können wir uns abschauen, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein.“

    Darin kommt er mit äußerst vielen Menschen spätestens seit Sokrates und den Sophisten überein. Heute zeigen sich wahrscheinlich die ‚GendertheoretikerInnen‘ als mindestens lauteste ‚VertreterInnen‘ dieser Art von Kritik, was uns lehrt, nicht nur kritisch, sondern auch interessant zu sein.

  4. Bersarin schreibt:

    Ziggev, das hast Du aber schön geschrieben. Auch dem che ist zuzustimmen. Die Verbindung von Marx und Kraus liegt geradezu nahe, nur kamen bisher wenige darauf.

    @ Milner: Die äußerst Vielen verstehen es aber, dies äußerst geschickt zu verbergen. Welche äußerst Vielen meinst Du überhaupt? Die, die in der Heideggerschen Verborgenheit hausen?

    Ich weiß zwar nicht, was in diesem Kontext die Genderleute zu suchen haben. Aber wenn Du mir zwei oder drei Sätze von einer dieser Theoretikerinnen zitieren könntest, die dem Niveau von Karl Kraus nahekommen, wäre ich Dir sehr verbunden.

  5. ziggev schreibt:

    bersarin, ich glaube, dass Du die tragische Dimension, bei dem, was ich sagte, nicht begriffen hast:. Denn nein, als ich das droben schrieb, glaubte ich, dass der Nörgler durchaus bereits von uns gegangen sei.

  6. Bersarin schreibt:

    Nein, das denke ich nicht. Manchmal gibt es ganz profane Gründe, aus der Internetwelt zu verschwinden. Sie raubt Zeit und Texte schreiben kostet Zeit.

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