Die Vermessung der Literatur im Computer

Um einen Gefühlsstadtplan von London zu schaffen, durchsuchten Computer der Universität Stanford diverse Romane von 1700 bis 1900, um zu finden, auf welche Weise und in welcher Form Emotionen in Romanen auftauchen. Der Literaturwissenschaftler Franco Moretti nennt dieses Verfahren in Anspielung auf das Close Reading der Literaturwissenschaft „Distant Reading“: Romane werden nach bestimmten Begriffen, Wortfeldern oder Satzarten durchforstet. Dass diese Analyse nicht zwangsläufig die Quantifizierung von Literatur zur Folge hat, zeigt Morettis Buch „Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne“. (Eine Buchkritik findet sich hier im Blog.) „Distant Reading“ und hermeneutische, dialektische oder dekonstruktive Lektüre müssen keinen Gegensatz bilden – auch wenn viele immer noch den alten Oppositionen anhängen. Sofern sich dieses Verfahren nicht im quantifizierenden Zählen und in der Begriffshuberei erschöpft, daß die Wörter „Scham“ und „Schaf“ in einem Roman 78 und 15 Mal vorkamen, scheint mir darin ein ähnliches Potential zu liegen wie die Suchfunktionen bei Texten: auf schnelle und unkomplizierte Weise an Begriffe und Fundstellen zu gelangen – zumal manche Verlage sich nach wie vor weigern, ihren Büchern anständige Sachregister beizufügen.

Die Frage ist immer, was man aus diesen Daten macht, wie man sie interpretiert, wie Wissenschaftler mit der Quantität von Daten umgehen und sie in eine neue Qualität führen. Moretti gelang es in „Der Bourgeois“, einen Blick auf den Bürger in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts zu werfen und diesem Begriff literaturwissenschaftlich Relevanz zu verschaffen. Trotzdem er Google Books benutzte.

Im „Spiegel“ schildert Moretti sein Vorgehen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur, Medien abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die Vermessung der Literatur im Computer

  1. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank! Ich lese es mir in Ruhe durch. Sicherlich geht das Interview eher in die Tiefe als bei Bild am Mont…, äh beim Spiegel

  2. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Zum emphohlenen „Spiegel“-Artikel, siehe oben: „Ein wunderbares Interview, danke. Ja, das ist wirklich eine „Komödie“, Herr Franco Moretti, aber doch m.E. auch schon eine Tragödie, dass das „Neue“ immer so schwer durchzusetzen ist, aber auch hier gilt, eben nicht aufzugeben!
    Was ich mir wünsche, ist die Anwendung des „Distant Reading“ auf das weltberühmte Werk des österreichischen Literaturgenies: Thomas Bernhard, dem großen Meister, der in der Literatur Komödie und Tragödie fein differenzieren konnte und umsomehr die Symbiose von Komödie und Tragödie künstlerisch-meisterhaft abbildete.
    Beste Grüße von Jürgen K. Napieralla.“

  3. Bersarin schreibt:

    Beim wunderbaren Bernhard konnte man in der Tat oft nicht sicher sein – insbesondere beim späten. In der Tragödie stecken Farce und Komödie gleichzeitig. Bernhard tarierte die Anteile angemessen aus und verteilte gerecht. Wobei ich seinen tragischen Übersteigerungen, ob in Beton oder in der NZZ-Szene in Wittgensteins Neffe, immer die Komik abgewann. Aber eigentlich lebten diese Bernhard-Texte vom Spiel beider Elemente. Nichts ist komischer als das Unglück, wußte Beckett zu berichten – die Aristotelische Poetik pointierend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s