White Noise – Martin Heidegger zum 40. Todestag

heidegger41Mit zweierlei Maß messen? Da haben wir einmal Heideggers Philosophie und zum anderen seine Äußerungen zum Politischen. Das eine ließe sich vom anderen abtrennen. Aber kann man diese Dichotomie tatsächlich aufziehen? Jean-François Lyotard schrieb in „Heidegger und ‚die Juden‘“, er mache diese Form des Dualismus nicht mit: entweder Heidegger sei ein großer Denker, dann könne er kein Nazi sein. Oder er sei ein Nazi, dann könne er kein großer Denker sein. Denn das eine schließt das andere nicht kategorisch aus – der Mensch ist aus krummem Holz. Freilich tröstet dieser Satz wenig, geschweige daß er millionenfachen Mord entschuldigte. Heidegger war politisch, das zeigt seine Rektoratsrede, sein Gutachten über Hönigswald, seine Schlageter-Rede am 26. Mai 1933 vor der Universität Freiburg, und dieses Politische war: „Weder Unfall noch Irrtum“, wie der Titel eines Aufsatzes von Jean Luc Nancy 1988 in dem Sammelband „Die Heidegger-Kontroverse“ lautete. Nancy schrieb den Essay nach dem Enthüllungsbuch von Victor Fariás. Inzwischen sind die sogenannten „Schwarzen Hefte“ – herausgegeben von Peter Trawny – erschienen. Darin finden sich Passagen eindeutig antisemitischen Inhalts:

„Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern.“ (Heidegger, Überlegungen XII–XV, in GSA 96, S. 262)

„Die zeitweilige Machtsteigerung des Judentums aber hat darin ihren Grund, daß die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Wege eine Unterkunft im ‚Geist‘ verschaffte, ohne die verborgenen Entscheidungsbezirke von sich aus je fassen zu können.“ (Ebd. S. 46)

„Die Juden ‚leben‘ bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzten. Die Einrichtung der rassischen Aufzucht entstammt nicht dem Leben selbst, sondern der Übermächtigung des Lebens durch die Machenschaft. Was diese mit solcher Planung betreibt, ist eine vollständige Entrassung der Völker durch die Einspannung derselben in die gleich gebaute und gleichschnittige Einrichtung alles Seienden. Mit der Entrassung geht eine Selbstentfremdung der Völker ineins – der Verlust der Geschichte – d. h. der Entscheidungsbezirke zum Seyn. Und damit verschütten sich die einzigen Möglichkeiten, daß Völker ureigener Geschichtskraft in ihrer Gegenwendigkeit sich zur Einheit bringen: z. B. der wissende Begriff und die Leidenschaft der Besinnung mit der Innigkeit und Weite des Unheimlichen – Deutschtum und Russentum – was mit ‚Bolschewismus‘ nichts zu tun hat, der nichts ‚Asiatisches‘ ist, sondern nur die Ausformung westlich-neuzeitlichen Denkens auf der Stufe des ausgehenden 19. Jahrhunderts – die erste entschiedene Vorwegnahme der uneingeschränkten Macht der Machenschaft.“ (Ebd., S. 56)

In perfider Logik wird bei Heidegger an dieser Stelle der Rassismus ausgerechnet als Merkmal des „Judentums“ gezeichnet.

„Kruder Nazi-Kram“, so mag man das leichtfertig abtun. Seinsgeschichtliche Esoterik, die Ontologisches ontisch reifiziert. Wenn die Wirklichkeit ins Denken einbricht und dieses kontaminiert, sieht es manchmal weder für die Wirklichkeit noch für das Denken  gut aus, wenn es den Anstrengungen  des Begriffs nicht als gewachsen sich erweist. Aber das Diktum „Heidegger ist halt Faschist!“ reicht mir nicht aus – auch im Sinne jener Überlegungen Lyotards nicht – und bleibt eine Behauptung, die sich erst am Text Heideggers zu erweisen hat. Zumal wir in seinen zahlreichen Texten eben nicht eine sich durchhaltende antisemitische, rassistische Suada finden. Ob Heideggers „Philosophie bis in ihre innersten Zellen faschistisch ist“, wie Adorno schreibt, mußte man im Detail untersuchen: wieweit Begrifflichkeiten Heideggers in diesem Sinne kontaminiert sind und zumindest in den Konnotationen eine Art seynsgeschichtliches Volkstum mitschwingt. In dieser knappen Sicht auf Heidegger ist dazu jedoch kaum der Platz.

[Hinweisen möchte ich auf das Buch von Philippe Lacoue-Labarthe „Die Fiktion des Politischen“, das sich kritisch mit Heidegger auseinandersetzt, ohne ihn zu verteufeln. Lacoue-Labarthe kommt aus dem Umfeld Derridascher Dekonstruktion, beschäftigte sich mit der literarischen Romantik, mit Hölderlin und Nietzsche, ohne daß er sich, wie auch Derrida es nie tat, rein affirmativ zu Heidegger verhielt. Endlich übersetzt übrigens, nach mehr als 38 Jahren liegt nun bei Turia + Kant eines seiner wichtigsten Werke vor, das er zusammen mit Jean-Luc Nancy  schrieb: „Das Literarisch-Absolute: Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik“.]

Daß Heidegger der heimatlichen Scholle und einem Begriff eigenen Bodens näher stand als dem Kosmopolitismus und reisender Weite spricht weder gegen noch für Heidegger. Ohne sie gleichzusetzen, denn ihre Philosophien sind nicht in Parallele oder Ähnlichkeit zu bringen, finden wir jedoch auch bei Adorno starke Bezüge zur Frankfurter Heimat und zum Odenwald als Ausdruck philosophischer Erfahrung. Nur daß Adorno dabei nicht deutschtümelnd verfährt, sondern im Sinne der brechtschen Kinderhymne Heimat als ein Eigenes nimmt, das genauso dem Anderen zukommt und seinen Erfahrungsraum ausmachen kann.

Während Heidegger in „Der Feldweg“ oder „Warum bleiben wir in der Provinz?“ sich geriert, als befänden wir uns vom Stand der Produktivkräfte in der Sattelzeit um 1800 herum und entsprechend sich die Sprache Heideggers Sprache gestaltet, als lebten wir immer noch unter Hirten, Schafen und Bauern mit wettergegerbtem Gesicht, die in der Schankstube im Herrgottswinkel hocken, ist der Text Adornos lange schon in der Moderne angekommen. Technischer Fortschritt wird nicht abstrakt verdammt, sondern Adorno betrachtet ihn unter dialektischer Perspektive. Nicht Heimatverschrobenheit ist es, die ihre Zeit in einer anderen Epoche hat und damit anachronistisch wirkt, Authentisches lediglich simuliert, sondern Ortschaften und literarische Landschaften als Modelle von Erfahrung, die sich in seiner Philosophie und in den Erinnerungen auftun. Seine feine Miniatur „Amorbach“ in dem Band „Ohne Leitbild“ (ein Titel nebenbei, der Heidegger nie in den Sinn käme) gibt davon Zeugnis und ebenso die Passagen in den „Meditationen zur Metaphysik“, die sich der Kindheit widmen. Ohne je in den Kitsch und in den Pathos sprachlicher Atavismen zu gleiten. Bei Heidegger bleibt die Sprache der problematische Rahmen. Der ontologische Bezirk reinen Seins vergegenständlicht sich in solchen Schreibszenen ontisch. Kant wäre es in diesem Kontext sicherlich nicht in den Sinn gekommen, das Ding an sich reifizierend durch die Welt und über die Felder tanzen zu lassen. So aber kann es gehen, wenn empirischer und intelligibler Charakter in der Trennung unscharf werden.

Der von Peter Trawny gebrauchte Begriff eines „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ in seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ scheint mir in diesem Kontext jedoch problematisch. Es ist ja nicht so, daß Antisemitismus lediglich eine philosophische Metapher wäre – ohne Realgrund, ohne Rückstand und ohne Folgen. Dieser seinsgeschichtliche Antisemitismus ist – wie auch der Antijudaismus – mit dem „eliminatorischen Antisemitismus“ (D. Goldhagen) eng verknüpft. Dieser erwächst zwar nicht mit Notwendigkeit aus jenen Varianten des Antisemitismus, doch führen im Gang der Geschichte und in den Aufsteigerungsrhetoriken Wege ins Progrom und in die Shoah. Jener Antisemitismus bleibt hinreichende Bedingung, damit aus den Worten am Ende auch die Konsequenzen gezogen werden können.

Aber es gibt bei Heidegger ebenso Passagen, die zeigen, daß er kein Rassist im üblichen Sinne war; sein Antisemitismus speist sich aus anderen Quellen:

„Alles Rassedenken ist neuzeitlich, bewegt sich in der Bahn der Auffassung des Menschen als Subjektum. Im Rassedenken wird der Subjektivismus der Neuzeit durch Einbeziehung der Leiblichkeit in das Subjektum und die Vollständige Fassung des Subjektums als Menschentum der Menschenmasse vollendet.“ (Heidegger, Überlegungen XII–XV, S. 48)

Bei Heidegger ist dieser Antisemitismus in einer grundsätzlichen Kritik der neuzeitlichen abendländischen Moderne verwurzelt, für die Begriffe wie Machenschaft und Technik stehen. Freilich gibt es – wie oben – Passagen, die nahelegen, daß dieser Modernismus wesentlich jüdischen Ursprungs ist.

Was bleibt von Heidegger? Die Shoah zumindest findet sich in keinem der Schwarzen Hefte und ebensowenig in Heideggers späteren Schriften je erwähnt. Nicht anders bei seinen drei Begegnungen mit Paul Celan zwischen 1967 und 1970. Als Celan Heidegger in seiner Hütte im Schwarzwald besuchte, schwieg dieser und Celan dichtete in  „Todtnauberg“:

die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Zum Ende des Besuchs notierte Celan für Heidegger: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit der Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967/Paul Celan.“ Das Wort kam nicht, kam Heidegger nie über die Lippen.

Was bleibt von Heideggers Philosophie? Vielleicht ein Ringen in Sprache um etwas kaum Darzustellendes. Sprachliche Anachronismen, die sich an etwas heranwagen, was nicht in einfacher kommunikativer Rede und diskursiv gewonnen werden kann – schon gar nicht in apophantischen Aussagen. Vielleicht die Faszination für jene dunklen Philosophen, die sich dem Stahlgehäuse kommunikativer Rationalität entziehen. Jener Rest, der näher an Kunst und Dichtung ist als die Texte eines Habermas oder eines Rawls. (Wobei ich selber auch hier nicht die Entweder-Oder-Logik mitmache.) In solchem Verfahren mag ein theologischer Rest überwintern, wie wir es im Sprechen der Mystik finden oder wenn wir uns einem Numinosen nähern. (Wobei Heidegger solchen Deutungen sofort widersprechen würde, da sie in seiner Diktion der schlichte Ausdruck abendländischer Onto-Theologie sind.) Den anderen Anfang zu wagen, wie Heidegger dies in Drehungen, in Spiralen und Verwindungen von Metaphysik plante. Seine Sprache kreist darum, sie versucht zu zeigen und zu deuten. Nicht anders als Kunst. Heidegger selbst spricht in leicht altfränkischer Manieriertheit von „Winken“. Seine Gesamtausgabe ist mit jenem Motto übertitelt: „Wege – nicht Werke“. Diese Philosophie will ein Etwas in Begriffen anordnen und in Sprache einholen, was sich in keinen Begriff je einfach wird übersetzen können.

[Daß sich das Sein und manchmal auch ein Text entzieht, zeigt sich in diesem Falle übers Wesen und die Tücke der Technik: Das was ich gestern abend formulierte, schrieb und speicherte, war am nächsten Morgen nicht mehr vorhanden. So daß ich diesen Essay aus meinem Gedächtnis wiederhole. Oder rekonstruiere. Einige Überlegungen im Sinne einer Kritik Adornos, etwa an einem Begriff wie dem der Destruktion von Metaphysik sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber das hebt sich auf und kann warten. Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen, wußte Hegel. Ein andermal. Heidegger wird uns im Laufe dieses Blogexperiments ein Stück weit auf Weg und Umweg begleiten.]

White noise.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu White Noise – Martin Heidegger zum 40. Todestag

  1. MBe schreibt:

    Zum Thema Heidegger und sein Schweigen über die Shoah ist vielleicht noch dieses Zitat aus den sogenannten „Bremer Vorträgen“ von 1949 erwähnenswert:

    „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, in der Tat aufschlußreich. Ich kannte es allerdings und ich glaube, es war in diesem Blog schon einmal Gegenstand einer Debatte. Vielen Dank aber.

    Motorisierte Ernährungsindustrie und Gaskammern in eins zu setzen (als Auswuchs von Technik und rechnendem Denken oder wie immer Heidegger diesen Geist der Zweckrationalität nennen mochte) bedarf schon einer gehörigen Portion Chuzpe und zeigt wenig Lust und Fähigkeit zu einer differenzierenden Betrachtung. Mag Heidegger auch in der Tendenz recht haben, daß da ein identisches Prinzip waltet, so daß es vom einen zum anderen nicht allzu weit ist. Aber für jemanden, dem die Sprache das Haus des Seins ist, scheint mir in diesem Falle ausnehmend schluderig formuliert.

  3. MBe schreibt:

    mangelnde Fähigkeit zur Differenzierung scheint mir hier ursächlich und zwar resultierend aus dem selbst konstruierten geschichtsphilosophischen Narrativ „Seinsgeschichte“, mit dem er sich einerseits gegen alle Zudringlichkeiten des Partikularen immunisiert wähnt mit dem er sich möglicherweise aber auch selbst in die Falle gegangen ist (Stichwort 1933)

  4. Bersarin schreibt:

    Dem möchte ich sozusagen volle Kanne zustimmen. Eine Adlerperspektive und der Blick des Seins-Makrologen, der sich nicht mit dem Geist als Wühler und dem mikrologischen Blick zusammenbringt und vermittelt, läuft am Ende fehl. Ontischwerden des Ontologischen – in diese Falle tappte Heidegger, der den empirischen und den transzendentalen Charakter nicht auseinanderhielt. Empirisches, das ins Transzendental schwappte: Nämlich die reaktionäre Gesinnung. Dennoch schmälert all das nicht per se Heideggers Philosophie. Auch Heidegger gehört zu jenen, die am Abhub der Erscheinungswelt sich beteiligten. Es gibt Motive, Stränge, Aspekte in seinem Denken, die sich weiterverfolgen lassen. Trotz Heideggers „Verschwiegenheit“ in Sachen NS und einer attavistischen Sprache. Der Versuch, ein anderes Denken zu wagen. Was sich bei Adorno (teils) und bei Benjamin ein Stück mehr aus dem Messianischen vermittelt, das speist sich bei Heidegger aus dem Katechon. Man müßte das katholische Element Heideggers genauer betrachten. Heideggers Lesart von Hölderlin und die von Georg Lukács‘. (Ohne irgendwie parallel zu setzen.)

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