Pariser Ansichten (3) – vom Friedhof Père Lachaise

„Die Existenz des reinen Begriffs, in den der Geist aus
seinem Körper geflohen, ist ein Individuum, das er
sich zum Gefäße seines Schmerzes erwählte.“
(G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes)

Auf dem Friedhof Père Lachaise schlafen die Toten, und Spatzen springen in den Pfützen. Das Leben der Spatzen ist unendlich, denn sie sind immer und unermüdlich da, stöbern und stochern in den Büschen. Das Leben der Menschen ist begrenzt. Touristen irren bereits frühsonntags zwischen den Gräbern, den Steinen und in all dem Grün umher, die Prominenten zu suchen. Die, die es einmal waren. Vom Grab Jim Morrisons ist schon lange die Büste abmontiert und gestohlen. Ich habe sie Mitte der 80er Jahre noch gesehen; von Fans besucht, mit Sprüchen beschrieben, über und über, rund um das Grab lagen Devotionalien, die Freunde der Pop-Musik dort ablegten. Eine Horde dummer, lärmender, deutscher Hippies lungerte am Grab. Grölend zogen sie irgendwann weiter und aus meiner Sichtweite. Die in schwarzen Stoffen gekleideten alten Damen auf den Parkbänken blickten den drei Männern und der Hippiefrau böse nach. Heute befinden sich Absperrgitter aus Metall um das Grab. Sie sind mit na was wohl behängt?: Mit Schlössern. Die Individualität der Popkultur äußert sich in kollektiven Akten.

Steinerne Frauen thronen über Grabstellen, manchmal mit abgebrochenen Armen. Andere verbergen ihre Gesichter in ein Tuch aus Stein. Der „Übergang vom endlichen zum unendlichen Leben“ gilt als nicht gesichert, aber manche nehmen ihn an. In südlicher Lage ragt die Mur des Fédérés, dort wurden die letzten Aufständischen der Pariser Kommune im Mai 1871 erschossen. 145 Jahre ist es her. „Le Temps des cerises“, kurz vor Mai, kalter April. Was für ein schönes Lied! Heute ist es der Name einer Modefirma, die ihre Produkte über Zalando vertreibt. [„Chaque époque rêve la suivante“ J. Michelet] Das Hier-und-Jetzt dieses Friedhofsortes erweist sich als stiller Raum für einen Rückzug von der Stadt. Der Lärm dringt nur von der Ferne ans Ohr, als eine Art Grundrauschen. Paris ist still. Zum Spazieren und Verschnaufen vom wilden Treiben eignet sich dieser Friedhof wegen seiner Größe hervorragend. Ebenso, um sich dort beim Stöbern zu verlieren. Ach, guten Tag Oscar Wilde, und wie schön meinen geliebten Marcel Proust zu treffen und jenen rundlichen Herren, der die menschliche Komödie notierte. Walter Benjamin schreibt in seiner „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“:

„Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.“

Ein Erinnerungsbuch, hinter den Dingen die Zeichen zu lesen und Orte zu dechiffrieren. Abhub der Erscheinungswelt und abends Spukgeschichten. Auch auf einem Friedhof läßt es sich gut verirren und umherirren und wie durch einen Zufall auf die Gräber stoßen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Pariser Ansichten (3) – vom Friedhof Père Lachaise

  1. hANNES wURST schreibt:

    Ein mitfühlender und schön illustrierter Bericht. (nur 500 Wörter)

  2. Bersarin schreibt:

    Oh Gott und heiliger Blumentopf – ich sehe gerade, daß ich den zweiten Teil meines Essays gar nicht eingestellt habe: „Die Pariser Friedhöfe in phänomenologischer Hinsicht und als Reflexionsproblem philosophischer Moderne unter Berücksichtigung von Proust, Wilde, Barbey d`Aurevilly, Sartre, Balzac, Beckett und Serge Gainsbourg“ Ich werde das flugs nachholen.

    (Ich habe Sie übrigens gesehen, wie Sie sich da in der Grabkammer versteckt und den Blumenschmuck von den Gräbern geräubert hatten und die roten Nelken dann hinterher an Nuits Debout-Aktivisten verkauften.)

  3. hANNES wURST schreibt:

    Ist Ihnen aufgefallen, dass die Grabplatte auch auf einem Ihrer Bilder abgebildet ist? Ich meine jedenfalls, dass es die gleiche Platte ist. Natürlich spielt ein Friedhof auch gerne mit dem Element der Wiederholung, symbolisch für den finalen Gleichmacher.

    Als ich den Arm aus der Gruft streckte, was eigentlich gruselig sein müsste – es aber nicht ist, genauso wenig wie dieser ganze Friedhof – gab es die Büste von Jim Morrison auch noch, es war 1988. Dennoch fand ich das Grab eher unprätentiös, hatte mir eine Schiller-Gruft vorgestellt. Kaum zu glauben, dass der ewig 27-jährige Jim Morrison 1988 schon seit 17 Jahren tot war und der etwa gleich alte Van Morrison heute noch über die Bühnen dinosauriert. Lang möge er leben.

  4. Uwe schreibt:

    Schöner Kontrast: das Himmelsblau und die Graurigkeit der steinernen Gräber / Grüfte, einzig abgemildert in den s/w-Aufnahmen. Die allerdings halte ich für das Genre der Friedhof-Fotografie für allzu naheliegend, sprich: plakativ, es sei denn, Perspektive, Schärfeverlauf oder Motiv geben anderes zu fühlen auf als die obligate Trauer, Melancholie und die platte Einsicht in die Endlichkeit alles Irdischen. Dann schon lieber in Farbe und im hellen Licht der Sonne das große Zerbröckeln ansehen.

    Wo waren eigentlich die Touristenscharen, für die solche Labyrinthe der prominenten Grabstätten wie ein Magnet wirken?

    Verirren finde ich gut: Im Zweifel für den Zweifel.
    Doch Orientierungslosigkeit auf Friedhöfen kann den streunenden Loner auch ängstigen. Mich z. B. hier in HaHa, wenn ich mich im Ohlsdorfer Parkfriedhof treiben lasse und bald schon nicht mehr weiß, wo um Himmels willen einer der Ausgänge ist. So gut er auch erschlossen ist, es gibt Partien, da fühlt man sich wie aus der Welt gefallen, unter den großen Bäumen, zwischen den verwitterten Gräbern, auf den menschleeren Wegen.

    Meine Lieblingsfriedhofsruheoase: Cemiterio dos prazeres in Lissabon, den Du ja auch schon besucht und abgelichtet hast. Und dort bildet gerade der tiefblaue Himmel den bestmöglichen Fond für all die grandiosen Grabmäler und ihren allmählichen Verfall.

    Gruß, Uwe

  5. Bersarin schreibt:

    @ Hannes Wurst
    Nein, das ist mir nicht aufgefallen. Ich glaube es auch nicht. (Glauben ist bei Friedhöfen keine ganz verkehrte Haltung.)

    Der Friedhof ist nicht gruselig, da haben Sie recht.

    Bob Dylan wurde gestern 75 Jahre. Immerhin noch einer, der es schaffte. Und Iggy Pop, von dem es keiner dachte.

    @Uwe
    Den Ohlsdorfer Friedhof mag ich ebenfalls, war jedoch lange nicht mehr dort.

    Es gab Motive, da haben die Farben zu sehr abgelenkt und es mußte zwangsläufig s/w sein. Es darf sich das allerdings in einer Serie nicht durchhalten, sonst ist es in der Tat zu naheliegend, wirkt simpel und setzt keinen Kontrapunk. Es geht s/w hier nur, wenn es als Mittel vereinzelt eingestreut verwendet wird.

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