American Beauty oder: Etwas stimmt hier nicht. Stephen Shore im c/o Berlin

640-9783868285628Weshalb photographieren wir? Und wieso betrachten wir uns in Ausstellungen mit solcher Inbrunst Photographien fremder Menschen? Das sind zunächst allgemeine und nichtssagende Fragen, doch wenn wir die Bilder von Stephen Shore anschauen und uns seine US-amerikanischen urbanen oder halburbanen Räume besehen, die mählich in eine Landschaft gleiten, dann scheint mir diese Frage gar nicht so trivial, sondern vielmehr rührt sie ans Wesen der Photographie. Weshalb Bilder? Weshalb Abbilder vom ganz gewöhnlichen Alltag, von alltäglichen Dingen und unspektakulären, nachgerade langweiligen Orten bestaunen? Keine Gemälde wohlgemerkt, die eine banale Landschaft vermittels Stil und künstlerischer Zutat aufwerten, so daß ihr eine Aura anhaftet, keine artifiziellen abstrakten Photos, sondern ganz schlicht genommen Bilder als Tagebuch. Shore dokumentiert und zeigt, was ist. So könnte man auf den ersten Blick annehmen.

Solche photographischen Notizen lieferte uns Shore Anfang der 70er Jahre mit seinen Bildbänden „American Surfaces“ und „Uncommon Places“. New York, Arizona durchs Objektiv der Kamera gesehen, reisend in Texas und Oklahoma. Bilder als Dokumente einer Stadt und ebenso einer Landschaft. Zunächst scheint es, als drückte ein Amateur auf den Auslöser und machte auf einer Fahrt quer durch die Staaten an einem beliebigen Ort seiner Reise einen Schnappschuß. Da schauen wir in ein Hotelzimmer, dort steht ein amerikanisches Frühstück, eine Garage, Straßenkreuzer fahren on the Main Street, ein Voyeurbild unter einen Rock, ein weißes Höschen, den Betrachter freut’s. Was sich zunächst als Alltagsbild gibt, erweist sich als konstruiert. Zu genau ist in den Photographien alles angeordnet, zu perfekt der Zufall, daß sich der Betrachter fragt: Was stimmt hier nicht? Shore arrangiert und er maskiert. Seinen Bildern ist, wenn wir genauer und länger hinsehen, das Künstliche nicht abzusprechen. Und damit hält das Künstlerische Einzug in die Reise-Photographie. Der geübte Blick des Photographen betreibt scheinbar Oberflächen- und Feldforschung, vermeintlich dokumentieren diese Photos jene Americana, die weltweit den neuen Mythos bilden. Was jedoch zunächst wie zufällig abphotographiert wirkt, erweist sich als kunstvolles Arrangement. Hinter den Oberflächen steckt mehr. Jedes Bild ein Vexierspiel. Im Sinne von Walker Evans handelt es sich bei Shores Photographien nicht um Dokumente, sondern um einen „dokumentarischen Stil“: Das Vorwort des Kataloges (erschienen im Kehrer Verlag) zu jener Ausstellung im c/o Berlin weist auf diesen Unterschied hin. Was wir in Photographien sehen, ist künstlich. Die Indexikalität einer Photographie ist, wie jeder Hollywood-Film, eine Inszenierung, die nach Standards erfolgt. Die On-the-road-Storys vermeintlicher Unmittelbarkeit sind gestanzt. Mythosmaschinen. Freedom is just another word.

Im c/o Berlin gibt es einen Überblick auf Stephen Shores photographischem Werk, das doch vielfältiger ausfällt, als es zunächst den Anschein hat, wenn wir den Namen Shore hört. Die Ausstellung läuft allerdings am Sonntag aus. „Hingehen!“, empfehle ich. Gemeinhin verbinden wir mit Stephen Shore und vor allem mit William Eggleston sowie etwas vergessen mit Saul Leitner die frühe Farbphotographie der USA. Als die Farbe sich emanzipierte und ebenso wie die s/w-Ästhetik Cartier-Bressons, Kertészʼ, Evansʼ und anderer Anspruch auf Kunst machte. Farbe galt nicht mehr als verachtenswert, war ästhetisch genommen nicht mehr die ungezogene Stiefschwester und vor allem war die Farbphotographie nun keine Sache der Amateure.

Zunächst sind da die frühen Bilder Shores: klassische Street Photography in s/w aus den frühen 60er Jahren. Aber beim Betrachten bemerkt man bereits den ganz eigenwilligen Rhythmus der Photos. Gleich beim Eingang bin ich wie in den Bann gezogen. Die Bilder sprechen eine eigene Sprache: sie versuchen, die Menschen, die in einer Stadt leben, in Korrespondenz zum Raum zu bringen. Ausschnitthaftes, im Moment ausgelöst. Dicht dran. Die Auswahl ist gut getroffen, gerade auch deshalb, weil die Ausstellungsmacher sich hier auf einige wenige Bilder fokussieren, die jedoch den photographischen Blick Shores in den 60ern illustrieren und auf den Punkt bringen. So zeigt Shore bei zwei New-York-Photos von vorbeieilenden Menschen: keine Gesichter, lediglich der Gang übers Pflaster, die Schuhe, die Kleidung, von oben herab geschossen, sehen wir. Anonyme Menschen.

Ebenso interessant sind die weitgehend unbekannten konzeptionellen Arbeiten, wo sich bereits in einer seriellen Weise das Spiel mit der Zeit und mit den Orten zeigt, nämlich Daten und Ortschaften festzuhalten. So wird z.B. am 22. Juli 1969 24 Stunden lang alle halbe Stunde exakt eine Photographie von seinem Freund Michael Marsh geschossen.

Aber diesen Weg einer Photographie, die sich konzeptuell und vom Sujet an der Kunst ausrichtete, verläßt Shore in den 70er Jahren. Es entstehen jene On-the-road-again-Photos, jene Americana als Reisetagebuch. Erst später in den 80er Jahren kehrt Shore zu den Landschaften, zum s/w und zu einer wieder konzeptuell ausgerichteten Photographie zurück. Leere Landschaften, in deren photographierter Kargheit sich die Betrachter verlieren können. Leere Landschaften, die ihre Leere offen zur Schau stellen, um den Satz eines Schriftstellers in bezug auf seine künftige Lebensgefährtin abzuwandeln. Baumrinden, Steine, und in den 90er Jahren archäologische Ausgrabungen. Alles in s/w. Besonders aber drücken die großformatigen Landschaften aufs Gemüt. Wie ein Sog gerät man beim Betrachten ins Bild hinein, die Photos stoßen durch ihre Kälte ab, und sie ziehen in ihrer Anordnung der Elemente zugleich hinein. Nichts, was auf Menschen wiese. Vereinzelt auf dem Stein mit schwarzer Farbe geschrieben, vor einem See in Orange County, New York, der Schriftzug „Monica“. Oder an anderem Ort zwei Autos, die vor einer großen Pfütze parken. Später dann gleitet man in die Stadtlandschaft New Yorks mit seinem Menschengewimmel, diesmal wieder, wie zu Anfang seiner Arbeit, in s/w, aber auf Breitwandformat abgezogen.

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Ich lasse mich in der Ausstellung treiben, von einem Raum zum anderen, nachdem ich alles abgeschritten hatte, gab ich die chronologisches Ordnung auf, es zog mich zu den Oberflächenforschungen, den „American Surfaces“, dann wieder zu den frühen New Yorker Bildern, zu Warhol, zu den Vorortsiedlungen und den Reisebildern.

Und dann immer wieder dieser verdammt blaue Postkartenhimmel. Wie wir ihn bereits aus seiner Amarillo-Serie 1971 kennen. Unspektakuläre und völlig unbedeutende Gebäude der Stadt, auf Postkarten in Hochglanz gedruckt, ohne daß auf der Rückseite zu sehen ist, um welchen Ort es sich handelt. An verschiedenen Kiosken in den USA ausgelegt. Konzeptuelles und dokumentarischer Stil mischen sich, kaum zu sagen, was nun überwiegt. Die Leere einer Stadtlandschaft bliebt haften. Und es fällt mir, wenn ich diese Karten betrachte, die Abwandlung eines Satzes von Raymond Chandler ein: nichts ist so leer wie ein leerer Parkplatz um 12 Uhr mittags. Genauso zeigt uns Shore eine fast schon metaphysische Leere im Blick auf die Stadt und die Natur. Metaphysischer Realismus. Besonders beim schottischen Hochland und jener Kargkeit Texasʼ. Wo in den „Uncommon Places“ die Vororte langsam in Landschaften Montanas oder Nevadas versickern, bleibt in der Entwicklung von Shores Photos hin in die 80er Jahre nur noch jene ausufernde Kargkeit. Das Spektakuläre des Unspektakulären zu inszenieren, teilen jedoch beide Motivarten gleichermaßen miteinander, und dieses Zusammenspiel vom Spektakel des Gewöhnlichen vermag Shore perfekt in Szene zu setzen.

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Shores Bilder verstören. Gerade durch ihre Leere, obwohl sie uns ja durchaus Objekte zeigen – sogar Menschen und Portraits gibt es. Eine Reise durch die 70er Jahre. Zeichen, Marken, Straßen, die den Mythos USA zaubern, wie er sich in unserem kollektiven Bildergedächtnis niederschlug.

Es mag eine Nebensache sein. Doch ist es die schönste der Welt. Wer ein Faible für die Autos der 60er und 70er Jahre hat, wie ich etwa, kommt bei diesen Photos auf seine Kosten. Straßenkreuzer, Chevrolets, Cryslers. Und dann, mit einem Male, ich schaue zum zweiten Mal hin, sah es zunächst nur im flüchtigen Betrachten, links auf der Straße am Bildrand, überwuchtet von einer Chevron- und einer Texaco-Tankstelle, (Gott habe die Marken als Identitätskitt der Kindheit selig), winzig, klein und in der Unschärfe von Bewegung ein Stück weit verwischt sehe ich den orangen VW Karmann-Ghia. Kindheitsglück. Shore zieht im Reigen der Photos viele Register. Die Bilder aus der Ukraine habe ich dabei noch gar nicht erwähnt. Muß man sich halt selber angucken. In Dresden waren im Juli 2015 im Rahmen der Ausstellung „Conflict – Time – Photography“ Teile dieser Serie ebenfalls zu sehen.

Shore läßt sich nicht einfach in ein Raster festlegen – das zumindest zeigt diese sehenswerte Ausstellung im Überblick. Noch bis Sonntag.

Stephen Shore: Retrospektive, 320 Seiten. 300 Farb- und S/W- Abb., Euro 49,90, Heidelberg/Berlin 2014

 

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu American Beauty oder: Etwas stimmt hier nicht. Stephen Shore im c/o Berlin

  1. Uwe schreibt:

    Ich habe es auch gesehen, jenes Gefährt in Orange, das mit seinen sphärischen Rundungen so wunderbar zu meiner Gefährtin passt, die es auch seit ihren Kindheitstagen in den 70ern zu ihrem Lieblingsauto erkoren hat ;-)

    Solches und vieles andere mehr zu sehen macht einen Reiz der Fotos von Shore für mich aus, auf den ich hier noch hinweisen möchte:
    Sie (vor alllen die Uncommon Places) enthalten eine Fülle an visuellen Informationen, die durch eine akribische Komposition und einem geschickten Einsatz des Seitenlichts den Betrachter dazu einladen, in das Motiv imaginär einzudringen und sozusagen die gezeigte Dingwelt optisch abzutasten. Hier wird die „Hölle der Details“ – für mich – zum Paradies für die Augen, denn die geistig-sinnliche Registratur nimmt kein Ende, sondern findet immer wieder neue Anfänge in Bildern, die aufgrund ihrer präzisen Konstruktion – vor allem hinsichtlich ihrer Tiefe – die Aufmerksamkeit des Betrachters fordert und lenkt. Im besten Falle „saugt“ man die Motive auf wie ein Schwamm und hat dabei das Gefühl, sie wie zum ersten mal zu sehen.
    Das Spannende ist dann, dass es Shore gelingt, beim Betrachter trotzdem das Bewusstsein für das Gemachte, Konstruierte und mythisch Überformte der (uramerikanischen) Sujets wach zu halten, und zwar durch intelligente Kunstgriffe wie vexierhafte Spiegelungen, schräge Perspektiven, harte Anschnitte, kalkulierte Farbkontraste und einer grandiosen Licht-Schattenregie. D. h., bei aller Empathie in die Details vergisst der Betrachter nie, dass das vor ihm befindliche Foto an einem „Schnittpunkt von Realität und Fantasie“ (Ernst Haas) entstanden ist.
    Und daraus resultiert auch ihre eminent hohe „bildliche Qualität“, von der Hilla Becher einmal sagte (und aus meiner eigenen Bilderfahrung heraus kann ich ihr da nur zustimmen): „Bei Shore ist alles sehr liebevoll umgesetzt, ja , wirklich begriffen. Seine Fotos haben für mich etwas, das ich als ein Ideal der Fotografie begreife, dass man sich tatsächlich in das Objekt hineinversetzt, sich so damit auseinandersetzt, dass man es nachher tatsächlich liebt.“

    Gruß, Uwe

  2. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Ja, Bersarin, „Shores Bilder ( und Fotos ) verstören“ schon, ja, sie irritieren sogar auf einer besonderen Art und Weise, aber m.E. eben nur für den kurzen Moment im spiegelklaren, unvoreingenommenen Anfangsbetrachten dieser zurecht brillant beschriebenen wahrgenommenen „Leere“, diese Bilder und Fotos, die uns zuerst innehalten lassen und dann den emotionalen und rationalen Betrachtungsprozess ummünzen und das ohne Gedankeneskalationen. Als Bilder- und Fotobetrachter werden wir so in den Bann gezogen und verinnerlichen diese hohe Kunst, die Shore beherrscht wie kein anderer.

  3. Bersarin schreibt:

    Schöne und gute phänomenologische Beobachtung, Uwe. Wobei ich sagen muß, daß es bei in Shores Bildern zugleich etwas gibt, das ich problematisch finde. So wie die von Shore inspirierte Nan Goldin mir zu nahe am Objekt dran ist, scheinen mir bei längerem Betrachten Shores Bilder zu glatt. Am interessantesten fand ich seine frühen s/w-Photos in New York. (Wobei man Shores Americana-Photos in ihrer Zeit sehen muß, und da sind sie in ihrer Kälte, mit derLeere und zugleich diese herben Landschaften Aus- und Abdruck der Zeit. Insofern passend. Aber manchmal zu schön, um wahr zu sein.) Auf alle Fälle besitzt Shore diesen Blick für Dinge, Szenen und Situationen, gepaart mit dem Gespür, wie man es kompositorisch im Bild festhält und verdichtet.

    @ Jürgen K. Napieralla: Daß sich diese Irritation auf den ersten Moment beschränkt, sehe ich ebenso. Schönheit und Leere können, das zeigen Shores Photos, manchmal einander entsprechen.

  4. Uwe schreibt:

    Das mit der ästhetischen „Glätte“ ist in der Einzelbetrachtung, zumal als Abzug an der Wand, sicherlich richtig. Nimmt man sie sich aber als Serie oder in ihrer konzeptuellen Abfolge in den diversen Buchpublikationen vor, so erhält das Einzelbild einen anderen Stellenwert und zusammen genommen, als Sequenz gewissermaßen, bekommen sie einen Ryhthmus, der von formalen Kontrasten, inhaltlichen Korrespondenzen und motivischen Irritationen bestimmt erscheint. Differenz der Lesarten: Ausstellung versus Buch.

    Die „Kälte“ der Stadtlandschaften sehe ich nicht so, dafür ist mir die gegenständliche Erscheinungswirklichkeit, die sie nach strengen formalen Gesichtpunkten inszenieren, motivisch zu reich und in einer so bestechenden Licht- und Farbregie dargeboten, die für mich im besten Sinne einladend wirkt. Man betrachte hierzu einmal die Bilder mit Straßenkreuzungen, ein uramerikanisches Motiv und Symbol zugleich, das von Shore zuallererst bildmäßig erschlossen wurde. (Ähnliches hat übrigens Fred Herzog für Vancouver geleistet) Das Fehlen von Menschen oder erzählerischen Details würde ich nicht mit „Kälte“ assoziieren, sondern mit der Absicht, gewöhnliche Dinge und urbane Situationen in einer brillanten Tiefenschärfe für sich zu präsentieren, jenseits anekdotischer Verwicklungen. Die Fotos sind ja keine Schnappschüsse, sondern langwierige und im vollsten Bewusstsein der künsterlichen Mittel durchgeführte Kompositionen. (Es kann aber sein, dass ich Deinen „Kälte“-Hinweis hierbei falsch verstanden habe)

    Die „Leere“ hat mich (in der Berliner Ausstellung) vor allem vor den Landschaften erfasst. Gerade bei diesem Gerne verfällt der Fotograf leicht in tradierte Standards und klassische Kompositionsmuster, wie man eine Gegend ins Bild setzt und die dann unseren Erwartungshaltungen wie auch unserem Bildgedächtnis entsprechen. Diese Vorprägungen und Vor-Bilder zu unterlaufen ist ein schwieriges Unterfangen, und ich glaube, das Shore es in seinen Landschaftsfotos versuchte. Allerdings kenne ich für eine wirklich substantielle Beurteilung dieses Teils seiner Arbeit zu wenige Beispiele. Die „Leere“ zeugt dabei vielleicht von seinem Bemühen, die abgelichteten landschaftlichen Gegebenheiten gewissermaßen ohne Ansehen ihrer (faktischen und kulturell geprägten) „Bedeutung“ der Betrachtung anheimzustellen. Man müsste sie sich diesbezüglich genauer ansehen und vor allem darauf achten, wie er in ihnen die Fokussierung einsetzt oder unterlässt oder wie er Detailgenauigkeit bei gleichzeitiger Überschauperspektive erreicht. Die „Kargheit“ der Ansichten, die dabei entsteht, veranlasst uns, sich mit dem Sichtbaren auf dem Foto gerade nicht fanatsievoll (im Sinne eines dargestellten „Ereignisses“) auseinanderzusetzen, sondern vor allem optisch, registrierend, abtastend.

    Gruß, Uwe

  5. Bersarin schreibt:

    Was das Formale und die Gestaltung betrifft, schaue und lese ich diese Bilder ähnlich. Es sind die Stadtbilder keine Schnappschüsse, auch wenn sie so wirken. (Wobei ich auch bei den Bildern von Moriyama denke, daß sie zwar auf die Schnelle „geschossen“ wurden, aber doch durch und vermittels einer Kamera, hinter der ein analytisches und komponierendes Auge steckte, das intuitiv und aus der photographischen Routine heraus, seismopgraphisch und blitzschnell registrierte, was sich gerade zuträgt, um dann abzudrücken und nahe dran zu gehe.)

    Die Kälte bei Shore resultiert aus einer zunächst nach Tristesse anmutenden Szenerie. Wenige Menschen nur. Ich denke schon, daß diese Leere einen Teil dazu beiträgt, diese Photos sachlich erscheinen zu lassen. Im Sinne von Eugène Atgets Paris-Bildern könnte man sagen, fast sind es Tatortphotos. Auch das Blau des Himmels mag seinen Teil dazu beitragen. (Wobei zudem Kälte bei mir nicht negativ konnotiert ist.)

    Richtig ist, daß Shore bei den Landschaftsbildern, die klassischen Techniken und die Ansel-Adams-Dramatik wie auch das Kompositionsprinzip erhabener Schönheit unterläuft. Hier geschieht das Sich-Verlieren noch einmal anders. In einer Gleichförmigkeit der Landschaft, die sich durch die großen Formate zudem steigert.

  6. Uwe schreibt:

    Diese „Kälte“ als Sachlichkeit gegenüber dem bzw. im Motiv erkenne ich auch in den Fotos. Nicht jedoch als vermeintliche Objektivität (das tust Du ja auch nicht), sondern als Verfahren, in dem Ausschnitte der Wirklichkeit in einer spezifisch eigenen Regie abgelichtet werden. Insofern gehört Shore für mich zu den sog. „Autorenfotografen“. (Klaus Honnef)

    Der Tatort-Hinweis, mit Benjamin im Sinn, ist gut und richtig. Urbane Stillleben, in denen nichts oder nur sehr wenig vorfällt, alles jedoch unter einem strahlend blauen Himmel deutlich sichtbar ausgestellt wird.

    Die Erfahrung des Sich-Verlierens in der Gleichförmigkeit einer Landschaft wird sogar bei einer längeren und anhaltenden Betrachtung der Fotos noch intensiver, da man dann merkt, wie unterschiedlich jeder Quadratzentimeter der dargestellten Landschaft wirklich ist. Die obstinate Andersheit eines jeden Grashalms, die Unendlichkeit der Variation: Die Details kennen eben kein Ende, unsere Beschreibungsverfahren jedoch schon.

  7. Bersarin schreibt:

    Die Landschaftsphotos fand ich für meine eigene Arbeit insbesondere inspirierend. Mal schauen, was ich mit dieser Anregung anfange. Wobei ich bereits in den frühen 80er Jahren (um 1980/81) einen schönen dichten grünen Wald einfach nur in die Grautöne übersetzte, und es wurden ungemein Bilder von Leere. Ich muß sie mir mal digital scannen und schauen, was ich daraus mache. Vielleicht auch hier im Blog.

  8. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Danke, Bersarin, Deinem Argument pflichte ich bei.

  9. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Eine empfundene, wahrgenommene “ Kälte “ in den Kunstwerken aller Arten und Weisen kann m. E. uns, die Betrachter, also auch dazu einladen und fesseln, sozusagen, sich der Kunst ( “ Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele „, von Pablo Picasso ) sehr intensiv und schrittweise zu nähern, um sie zu verinnerlichen.
    Sofort erinnere ich mich daran, dass das auch in der Weltliteratur von Thomas Bernhard ein besonderes Merkmal ist.
    So läßt Thomas Bernhard seinen “ Maler Strauch “ in seinem Hauptwerk “ Frost “ sagen: “ Frost ( Kälte ) …bedeutet bei dem einen die Frostbeule, die er hat, bei dem andern ein Sommerstädtchen…“ ( Quelle: “ Frost „, S. 275, 1. Aufl. 1972, Suhrkamp ).
    Das gleicht doch, Uwe, dem, was Sie in Ihren aussagekräftigen Kommentaren doch sehr gut und konsequent angedeutet und begründet haben: “ Die „Kälte„der Stadtlandschaften “ in Stephen Shores Fotos und Bildern “ wirkt “ für Sie “ im besten Sinne einladend “ und so ist doch die Einheit von sinnlicher und rationaler Erkenntnis das folgerichtige Resultat.
    Und vergessen wir bitte nicht: “ Kalt ist alle Erkenntnis „, wie es schon damals in dem markanten und sehr interessanten Artikel, hier als Überschrift, leuchtete ( Quelle: http://www.tagesspiegel.de/kultur vom 16.09.2014, 16:39 Uhr ).

  10. Bersarin schreibt:

    „Kalt ist alle Erkenntnis“ ist ein treffender und richtiger Satz und erinnert mich an Adornos Formulierung, daß man zunächst einmal durch die Eiswüste der Abstraktion müsse. Schön auch der Verweis auf Thomas Bernhard. Insbesondere in der Kunst halte ich diese Kälte und das Seziermesser – etwa im Sinne Flauberts – für eine angemessene Weise des Umgangs, um Werke zu schaffen. Kälte die sich in den Werken selbst dann wie das Eis manifestiert. Insofern würde ich dem vielzitierten Kafkadiktum vom Buch und dem Eismeer widersprechen und vielmehr das Gegenteil dessen setzen. (Insbesondere in unseren gegenwärtigen Zeiten des ästhetischen Wettkuschelns. Zudem Kälte und Mitleidlosigkeit des ästhetischen Blicks bedeutet eben nicht, im eignen Haus, in den Lebenswelten und im Umgang kalt zu sein. Allerdings kann ein „Pathos der Distanz“ manchmal nicht schaden.)

    (Bei dem Link kommt man leider nur auf die aktuelle Kulturseite des Tagesspiegels)

  11. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Hier bitte der richtige link ( aus der Rubrik “ Das hätte wirklich nicht passieren dürfen… “ ):

    http://www.tagesspiegel.de/kultur/schaubuehne-das-kalkwerk-kalt-ist-alle-erkenntnis/10709786.html

    Sorry. So verspreche ich Besserung.

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