Die Shortlist für den Internationalen Literaturpreis

In bin kein so großer Buchpreisfreund und Fan von Vorankündigungen in Blogs, aber wenn auf einer Liste etwas dabei ist, das mich interessieren könnte, schreibe ich etwas dazu. Am 25.6. wird der Preis für übersetzte Gegenwartsliteratur im „Haus der Kulturen“ in Berlin verliehen. Hier erst einmal die Bücher im Überblick:

Johannes Anyuru (Übersetzer: Paul Berf)
Ein Sturm wehte vom Paradiese her
Luchterhand Literaturverlag

Joanna Bator (Übersetzerin: Lisa Palmes)
Dunkel, fast Nacht
Suhrkamp Verlag 2016

Alexander Ilitschewski (Übersetzer: Andreas Tretner)
Der Perser
Suhrkamp Verlag 2016

Valeria Luiselli (Übersetzerin: Dagmar Ploetz)
Die Geschichte meiner Zähne
Verlag Antje Kunstmann 2016

Shumona Sinha (Übersetzerin: Lena Müller)
Erschlagt die Armen!
Edition Nautilus 2015

Ivan Vladislavic (Übersetzer: Thomas Brückner)
Double Negative
A1 Verlag 2015

Und weil auch Shumona Sinhas Buch mit dabei ist, verlinke ich auf meine Besprechung, die ich im Oktober 2015 auf AISTHESIS brachte: „Ich bin kein Mensch in der Revolte. Die Revolte ist in mir“ – Shumona Sinha „Erschlagt die Armen!“

Auch die übrigen Titel – nur von der Überschrift her, denn ich kenne keines der Bücher – wirken auf mich interessant. „Der Perser“ wurde in den Kritiken, die ich las, gut besprochen und scheint hinreichend komplex-subtil-verschachtelt zu sein. Ferner Rest Europas, wo es hinter den Felsen des Kaukasus nach Asien austreibt. Wozu eigentlich gehört diese Region um das Kaspischen Meer? Von der wir so wenig wissen.

„Ein Sturm wehte vom Paradiese her“ gemahnt an Walter Benjamin, und wenn ich es mit der Aufgabe von Kunst zusammenlese, wie Hegel sie fordert, gesellschaftliches Handeln, überhaupt Gesellschaft und den Geist der Zeit zur Anschauung zu bringen, dann scheint es, daß ich in diesem Buch etwas über eine Region erfahre, die mir fremd ist. Von Uganda weiß ich nichts. Und gerade hier kann die Stärke von Literatur liegen: daß sie uns nicht nur die inneren fremden Welten im Eismeerherzgefrorenen Zerhackungshäckseln objektloser Innerlichkeit  öffnet, jene Axt  im Lesemodus des Wohlstandsbürgers, die sich reflexartig im Zitataktivierungsmechanismus ins Ohr träufelt, sondern ebenso uns zeigt, was weit, sehr weit draußen und ab von uns geschieht. Also ganz anders, als es sich Marcel Reich-Ranicki dachte, während er im Literarischen Quartett in den 90ern wetterte, daß ihn die Liebe eines Töpfermeisters zur Töpfersfrau oder zur Bäckersnachbarin in Kairo samt dem Lokalkolorit nicht interessiere – sinngemäß wiedergegeben. Freilich muß das gut Gemeinte noch lange nicht das ästhetisch gut Gemachte sein, nur weil es weit draußen sich zuträgt.

„Double Negative“ klang mir beim ersten Lesen und Assoziieren am Titel zunächst positiv, aber es geht in dem Buch um Photographie und um eine bestimmte Weise, in Bildern eine Geschichte einzufangen, nämlich die von Südafrika, von Johannesburg. Mit einem Vorwort des nigerianischen Schriftstellers Teju Cole zudem. Es wäre schön, wenn wir sehr viel mehr von den verschiedenen Ländern Afrikas erführen, so daß wir gar nicht mehr in diesem Kollektivsingular „Afrika“ sprechen müßten, sondern die Differenzen als Differenzen wahrnehmen. (Und da sage heute einer, die Philosophie Derridas interessiere nicht mehr wäre nicht mehr relevant; ein vergessener Philosoph gar. Ganz falsch ist das!) Anderes Thema, weiter in der Liste.

Joanna Bators „Dunkel, fast Nacht“ – das spricht mich vom Thema her sofort an, wenn ich die Verlagsvorschau lese, zumal ich einen Faible für Polen habe. (kulturgeschwätz schrieb zu diesen Vorschauen einen Blog-Artikel. Sie ist über den Salms, den Vorschauen produzieren, zu recht erbost.) Zwar hört sich der Suhrkamp-Text ein Stück weit nach Überkonstruktion an. Die Vorschau will auf simple Weise Mitfühlen, Schaudern, Furcht und Zittern erzeugen. Kurz gesagt suspense. Aber am Ende wird es, wie immer, der Inhalt, mithin der Text zeigen und richten. Das Auslandsprogramm von Suhrkamp ist sowieso nicht zu verachten, wenn ich etwa an Szilárd Borbélys „Die Mittellosen“ denke. Oder an Amos Oz. Oder an die Neuübersetzung von Queneaus „Stilübungen“, auf die ich sehr gespannt bin. Ist ja ein trick- und listenreiches Buch. Man kann nur hoffen, daß mit dieser Arbeit vielleicht das verschüttete Werk von Raymond Queneau hier wiederentdeckt wird. So im Rahmen der neuen deutschen Lustigkeit. Und Queneau ist tatsächlich witzig, nicht nur im Rahmen Deutschlands. On verra.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Die Shortlist für den Internationalen Literaturpreis

  1. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ich will ja immer noch „Der Perser“ lesen, aber ich komm ja hier zu nichts!

  2. Bersarin schreibt:

    Es geht mir wie Dir. Und davor auch noch die von Aischylos. Komplexionskompetenzen ausbilden!

  3. Jochen schreibt:

    Der Perser steht auch noch auf meiner – leider immer länger werdenden Liste – der Bücher, die in bälde noch zu lesen wären.

  4. Bersarin schreibt:

    Noch schlimmer als diese Liste sind die Regale mit Büchern, wo inmitten der Reihen mich immer wieder einzelne nichtgelesene Bücher mit vorwurfsvollem Blick anblinzeln. Aber ansonsten auch bei mir: die Liste wächst und so viel zu lesen.

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