Vollmond über Shinjuku – Daido Moriyama in Paris (2)

Photographien sind – trivialerweise – ein Medium, durch das wir die Welt gefiltert und wie in einer Metapher verdichtet uns betrachten können. Das reicht vom schönen und doch kalten Schein Ansel Adamsscher Landschaften bis hin zum outrierten und auf Reizwirkung kalkulierten Schrecken der Photos von Miron Zownir. Ausschnitte von Welt in Bilderserien, und wenn es gut läuft, unternehmen wir in unserem Kopf und imaginierend beim Betrachten eine kleine Reise, sofern die Photos mit einer Ortsangabe versehen sind. Da tummeln wir uns plötzlich in der Bretagne, in Paris, Wien, Kopenhagen oder Finsterwalde.

Bei den s/w-Dias von Daido Moriyama ging es jedoch weniger darum, auf einen konkreten Ort zu deuten, sondern vielmehr datiert er den photographischen Blick. Ein Ereignis, eine Szene, die wahrgenommen wurde und die der Photograph für Wert befand, festgehalten zu werden, wird an ein Datum gebunden: nicht das Hier, sondern jetzt. Ohne daß Moriyama einen Ort nannte. Detail um Detail, das sich unter dem geschärften Blick des Spaziergängers oder aber unter dem assoziativen Treiben des Photographen – wir vermögen es nicht zu sagen, denn jeder Photograph arbeitet anders – zu einem Bild verdichtete. Serendipität, wie es unter dem letzten Beitrag Uwe vom Blog „Spazierensehen“ zu Recht nannte. Moriyama dokumentiert nicht unbedingt im klassischen Sinne. Aber er liefert dennoch Dokumente.

Deutlicher, weil kompakter und mit Blick auf einen Ort wird dieser Ausflug in die Stadt im ersten Raum der Pariser Ausstellung. Trotz der Größe der Bilder und trotzdem uns die Details und die Objekte manchmal in grellen Farben anspringen, wirkt das Ensemble ruhiger und konzentrierter – und damit im Stil klassischer. Es begegnet uns eine Stadt in ihrem Treiben, und dieses Unbändige zeigt sich bereits darin, wie die Bilder gehängt sind. Nicht klassisch an Wänden. (Ich schrieb im ersten Teil dazu.) Diese Stadt hat zudem einen Namen: Tokio. Auch in der Farbhängung wieder ein obligatorischer Schuh, einer im Rinnstein liegend, zwei andere in einer Auslage. Im close-up zwei Hände in einem schwarzen Netzhandschuh, Rotes und der Schatten einer Frau im Profil, von hinten ein Pärchen, eine Stadtlandschaft, darüber sich orange und drohend ein Gewitterhimmel wölbt.

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Eine moderne und schnelle Straßenphotographie, innovativ und andere Blicke probend, in welcher Art eine Stadt aufzunehmen ist, wie seinerzeit William Klein das Raue und Schnelle von New York in einer jazzartigen Bildsymphonie einfing: Birth of the cool. Bei Moriyama ist es eher der Blick auf eine Kunstwelt, in der sich die Zeichen und die Zeitebenen überlagern – deutlich vor allem, wenn Moriyama die Reste eines traditionellen Japan zeigt: eine Geisha im blauen Karokimono, eine Art Pinsel in der Hand, aber aus ihrer Bekleidung rutscht wie zufällig ihre Brust hinaus, und ich frage mich: ist die Geisha echt, sitzt sie da so in der Auslage im Schaufenster hinter Glas, dazu die Spiegelungen, die die Straße ahnen lassen; oder ist es eine Photographie von einem Photo? Überhaupt in den Spiegelungen, wo sich Szenen ineinander legen, und in der Häufung, in der Moriyama Plakate ablichtet, ohne daß wir beim Schauen auf den ersten Blick erkennen, ob es ein Plakat oder eine „Original“-Szene ist. Moriyama spielt mit den Bildern, indem er auf das Medium selbst, auf die Photographie verweist: daß jedes Bild vermittelt ist und nie ein Bild an sich bedeutet. Der im Spiegel wie zufällig zu sehende Photograph, die abphotographierten Photographien, Werbeplakate, Monitorbilder, Negativstreifen von s/w-Kontaktabzügen, die sich mit einer nicht zu identifizierenden Farbspiegelung überlagern. Detailaufnahmen der Dinge, nebeneinander, miteinander. So wie Moriyama oft mit den Identitäten wie auch dem Identifizieren spielt und sich zudem Motive wiederholen und in neuen Kontexten wieder auftauchen, um dann weitergeführt werden. Wie etwa die Gitternetze, die Netzstrumpfhosen, die Netzhandschuhe. Raster, die sich übers Objekt ziehen. Oder die obligatorischen Rohre. Da entsteht in seinen Stadtphotographien eine Erzählung und in der Weise, wie die Photos angeordnet sind, zeigt uns Moriyama den Rhythmus eines Viertels.

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Lichter der Großstadt. Wir bekommen die Auslagen von Schaufenstern, Fetisch und Sex zu sehen. In einer Auslage hängt hinter Glas und dünnem Drahtgitter als Poster ein roter Kußmund, daneben die Beine einer Schaufensterpuppe mit einer Netzstrumpfhose: Schöne neue Warenwelt. Teils in grellen Farben und wie im Diaraum aufs Detail gezoomt, daß einen das Objekt anspringt. Haptisch, taktil, Sinne reizend, man möchte etwa die Wattekokons am liebsten berühren. Schräge Perspektiven, wie der Blick von oben auf eine Badewanne, rotstichig, im Inneren lila. Die Waren- und Schaufensterwelt wiederum bricht sich mit dem Schmutz der Straße: Bettler, Junkies, Kippen, Rohre. Eine Corvette, bedeckt von einer dünnen Schicht Schnee. In den Schnee schrieb irgendwer mit dem Finger Zeichen. Tiere sind da, wie z.B. ein Krokodil, Straßenkrähen, ein Rabe hockt auf einer Stange, ein anderer krächzt und wimmert auf der Erde kauernd gegen einen Baum, eine Riesenspinne, wieder in einem Schaufenster, dahinter sehen wir die Spiegelung der Straße. Beschmierte Fenster. Shinjuku eben – ein Viertel Tokios, das für Sex und Rotlicht bekannt ist. Aber ebenfalls drängen noch die letzten Anmutungen eines traditionellen Japans ins Auge: Ein Kimono-Geisha-Girl in red mit einem Ölpapierschirm. Die Photographie eines Mannes in Zivil, er schaut wie der ehemalige Kaiser Hirohito aus.

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 Was dem Photographen beim Flanieren ins Auge springt, wird von Moriyama als Referenz auf Wirkliches, aber ebenso als medial vermittelt festgehalten – eine Wirklichkeit als Ausschnitt. Die Wirklichkeit Shinjukus im Stillstand, wenn Moriyama eine fast leere, von Schnee bedeckte Straße photographiert. Der Schnee schmilzt, auf dem Gehweg matscht es bereits. Flocken rieseln, und in der Bildmitte steht ein roter Getränkeautomat, hoch wie ein Mann. Solche Szenen berühren, sie weisen auf Einsamkeit (nein, auch Ruhe schwingt darin) mitten in einer Stadt; eine Verlassenheit, die dem einen oder der anderen geläufig ist, wenn es beim Flanieren in die stillen Stunden geht. Dieser Blick ist vom Zufall gesteuert; eine schweifende, streifende Kamera zieht durch die Stadt. Und wie sich in solchen Photographien ebenfalls der Betrachter dem Bilderreigen und einem Rausch an Farben überlassen kann.

 Doch verhält es sich beim Ablichten nicht ganz so einfach. Es ist ein Zufall, der auf Beute lauert, da der Photograph wie ein Besessener nach den Motiven jagt: er will, er begehrt und liebt diese Stadt, in der er seinen Blick wetzt – oder manchmal auch haßt er sie und muß sie deshalb in die Photographie fixieren.

Moriyamas Photographien wirken zunächst extrem modern, einerseits auf die Tradition sich beziehend, die Gesichter von Schaufensterpuppen etwa – aber verfremdet. Bildfetzen in Farbe; sogar Andy Warhol auf einem Bildschirmbild. Medialer geht nicht. Im Sinne des Reproduktionskontexts von Nachbildungen freilich. Solche Photos sind – vermutlich gegen die Absicht ihres Autors – offen für Phototheorie. Ein Insekt kriecht auf einem engmaschigen Gitter, von schrägunten photographiert. Hinter dem Gitter ragt verschwommen ein Wolkenhimmel. Männer vor einem Maschendrahtzaun, die stehen oder warten, aufgenommen aus einer Perspektive, als lichtete der Photograph heimlich etwas ab. Auch hier: Schnappschußästhetik. Doch mittlerweile gehört selbst das Unkonventionelle von Moriyamas Blick in den Kanon der Klassizität: ein ruppiges, intensives Arrangement von Stadt. Es besticht. Es fasziniert. Reiz, Rausch, Reaktion. Gebrochen werden diese Straßenbilder und der sozusagen narrative Fluß des Stadtschlenderers durch die Intensität der Farben und weil Moriyama immer wieder aufs Detail zoomt, wie um zu sehen, als ob hinter den Dingen noch irgend etwas anderes läge.

 Und dann mit einem Schuß – das reine Naturbild. Siehst Du den Vollmond am Himmel über Tokio? Es wölbt sich über uns ein blaudunkler Himmel. Und in uns wenigen die Gesetze ästhetischer Form. Abwandelbar

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Vollmond über Shinjuku – Daido Moriyama in Paris (2)

  1. Uwe schreibt:

    Die Prsätentationsform in diesem Glaskubus ist wirklich sehr eigen und scheint mir doch auch dem Wesen dieser Fotografie zu entsprechen: Der Besucher wird sich wie auf einem Parcour vorkommen, bei dem er an Bildertableaus vorbeigeht, die intensive farbige und motivische Netzhautreize bieten, ganz so als wäre er selbst in den Straßen als Promeneur unterwegs, von einer Überraschung zur nächsten. Dazu passt auch, dass die Tableaus etwas erhöht hängen, so dass man die Beine und Füße der anderen Besucher sehen und mit“denken“ kann. Überlässt man sich diesem Gang mit allen Sinnen, so kann sich eine Überstimulation einstellen, die einem die Unmöglichkeit vor Augen führt, den mutierenden urbanen Raum zu erfassen. Gerne hätte ich mich dem ausgesetzt.

    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, es ist dieses Spiel vom Innenraum und dem Außen, das beständig beim Betrachten eindringt. Ein Spiel, das sich mit diesen besonderen Photographien ereignet. Zwei Stadträume sozusagen. Tokio und Paris. Wegen dieser Korrespondenz von Drinnen und Draußen erinnert mich dieser Raum ein wenig zudem an die Neue Nationalgalerie. Ärgerlich dort freilich, daß die eigentlichen Ausstellungen im Keller stattfanden. (Im Augenblick wird umfassend renoviert.) Denn dieser Raum lebt vom Licht und von dieser Luftigkeit samt Weite, und das kann gut zusammen mit den Bildern ein neues Ensemble ergeben und zudem den Blick transformieren. Aber Gemälden tut zu viel Licht vermutlich nicht gut. Also wurden sie in den Keller gebannt. Der Untergrund. Aber nicht als Underground der Kunst, sondern der Logik des Museums folgend.

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