Paris – im dunklen Grunde

Ich schriebe etwas über den andauernden Protest in Paris, genannt Nuit Debout. Er richtet sich gegen den Sozialabbau unter der Regierung des Sozialdemokraten Hollande. Die Aktionen fanden keine 2 km entfernt von meinem Hotel statt, am Place de la République. Ich ginge hin, ich schösse Bilder. Allerdings bin ich am Abend zu erschöpft und politisch lustlos wie auch skeptisch. Ich wünsche zwar, aber glaube nicht wirklich an den Erfolg der neuen sozialen Bewegungen. Unter dem Pflaster liegt nicht der Strand, sondern dort lauern die Wizoreks, die Mädchenmannschaft, Inquisistion oder schlimmer noch Georg Diez und Jakob Augstein. Erstickt wird die Revolte wieder und wieder durch die Moral des Kleinbürgers und idiotische Partialinteressen, die sich im Gesinnungsdenken manifestieren. Debatten auf Nebenschauplätze lenken, die dann zur Hauptsache gedreht werden. Gute alte Encounter-Methode.

Meine Sache ist eher dies hier und bereit mir wesentlich mehr Freude. Galante Feste und provokante Lust in einem.

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In Bildern Gerahmtes, daran die Phantasie sich entzündet. Allzu direkt wird das weibliche Geschlecht dargeboten, ohne Schleier, aber wer mit Courbet sich beschäftigte, kennt ebenso die Geschichte, wie diese Gemälde verhüllt und überdeckt wurde. Das, worauf sich der begehrliche Blick des Mannes (und manchmal auch Blick und Sehnen der Frau) richtet, entzieht sich. Erstaunlich im Musée dʼOrsay, wo das Gemälde Courbets seit 1995 hängt, daß vor dem Selbstbildnis van Goghs einige Säle weiter die Menschen sich drängeln und im Selfieformat neben dem Bild des Malers sich ablichten, um zu zeigen: Wir waren dort, nahe einem echten van Gogh, und Minuten später sind sie zusammen mit dem Antlitz van Goghs in Pixeln auf Facebook gegenwärtig. Während der Raum, wo der Courbets L’Origine du monde hängt, leer ist. Gut eigentlich fürs betrachten. Eine Familie mit ihren beiden Kindern schlenderte hinein. Mehr nicht. Andere gehen achtlos vorüber. Was einst im Pariser Salon einen veritablen Skandal erzeugt hätte, so daß der osmanische Diplomat, der das Bild erwarb, es lieber in einer Kammer verbarg, ist heute im Zeitalter der Nackten zur Gewohnheit verkommen. Nur daß sich Frauen heute rasieren. Der Kitzel ist weg. Im Saal der van Gogh-Bilder tummeln sich die Zuschauer. Die Menschen knipsen sich mit ihren Telephonen, simulieren Präsenz, zeigen, daß sie dabei waren, ohne auch nur einen kurzen Blick auf das Bild geworfen zu haben. Denn sobald das Photo im Telephon sitzt, wird in den nächsten Saal gewandert, ohne weiter von den reproduzierten Ich mit photographiertem Gemälden Notiz zu nehmen. Kunst war immer schon eine Ware, und sie besitzt eine symbolische Funktion, um die „feinen Unterschiede“ deutlich zu markieren. In solchen Szenen wie im Musée dʼOrsay zeigt sich der Fetischcharakter der Kunst überdeutlich. Sich selbst zusammen mit dem Bild festzuhalten, das den Mehrwert fürs eigene Dasein verschafft. Hier aber ist es nicht einmal mehr der Unterschied, der feine Leute macht, sondern der herabgesunkene Kleinbürger feiert sich selbst vor dem Kunstwerk als Event. Was sich im Musée dʼOrsay, im Louvre und an anderen Orten abspielt, ist das Gegenteil von Kunst. Kulturbetrieb ohne Kultur.

Was sich in den Bildern abspielt, und was sich dahinter zuträgt. Wie sich in einem Bild ein Geheimnis verstecken läßt. Insbesondere das Rokoko-Gemälde „Le Verrou“ von Fragonard, das es im Louvre zu sehen gibt, lädt zum Raten ein. Aber es gilt hier gar nicht so sehr, das Rätsel zu lösen: Was nämlich hinter der Tür sich verbirgt, die die junge Dame zu öffnen trachtet, indem sie nach dem Mann greift, der wiederrum den Riegel hält, sondern das Rätsel als Rätsel zu bewahren und sich vielmehr von der Szene in Beschlag nehmen zu lassen, allenfalls über die im Gemälde eingestreuten Zeichen zu sinnieren, der am Boden gestreute Strauß Blumen, die auf dem Bett gebrochene Rose wie auch der Faltenwurf der Gewänder. Das Bild will gerade nicht eindeutig sein und uns etwas zeigen, das offen daliegt und was wir beim Betrachten bereits ahnen, sondern es möchte verbergen. Der Rätselcharakter ist für die Kunst konstitutiv. Immerhin waren das galante Spiel samt den mal mehr, mal weniger frivolen Festen und den Maskenbällen Bestandteil der höfischen Kultur jener Jahre. Zu solcher Sinneslust und dem Vertreiben von Langeweile jedoch bedarf es der Zeit und des Geldes. Gut ist es, beides zu haben.

Schade freilich, daß sich eine solche Szene, wie Fragonard sie malte, nur selten wird photographieren lassen. Gleichsam als ein Dokument des Augenblicks von Eifersucht, Leidenschaft, Begehren und Lust. In einer ganz anderen Weise des Schnappschußhaften on the street und in Tokio Dekadenz et tristesse macht Daidō Moriyama seine Photos. Zu sehen in der Foundation Cartier am Boulevard Raspail. Über diese Ausstellung schreibe ich nächste Woche.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Paris – im dunklen Grunde

  1. irisnebel schreibt:

    Schade freilich, daß sich eine solche Szene, wie Fragonard sie malte, nur selten wird photographieren lassen. … warum schade? ist doch cool, dass der kunst heute überhaupt noch eine rolle zukommt. ;)

  2. Bersarin schreibt:

    Ja. Die Kunst der Vergangenheit.

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