„Glückliche Tage“ – Samuel Beckett zum 110. Geburtstag

„Gott ist ein Zeuge, der nicht unter Eid genommen werden kann.“ (Watt)

„Wenn ich falle, werde ich weinen … vor Glück“ (Endspiel)

Ich verzögere um einen Tag, um diesen irischen Dichter, dessen Heimat am Ende Paris wurde, in einer Notiz und fragmentarisch zu würdigen.

Becketts Werk als eine Theologie ohne Gott zu lesen, es eine Liturgie und Literatur des Deus absconditus zu nennen, gehört spätestens nach „Warten auf Godot“ zum Allgemeingut des erwerbbaren Wissens. Aber diese theologischen Happen wie auch die schwarz-komischen Leckerbissen negativer Theologie, die düstere Anthropologie, die am Himmel flackert, schürfen wir auch aus anderen Werken Becketts heraus. Mal in einer Variante maliziöser Scholastik, wenn im Roman „Watt“, der im Sinne klassischer Erzähltheorie kaum noch Roman genannt werden kann, ein Zettel mit Fragen aus der Tasche gezogen wird:

Lourdes
Hautes-Pyrénées
France

Sir,
Eine Ratte oder irgendein anderes kleines Tier knabbert an einer Hostie:

Nimmt sie den wahren Leib in sich auf oder nicht?
2. Wenn nicht, was ist aus ihm geworden?
3. Wenn ja, was soll mit ihr geschehen?

Oder als hiobsches Schimpfen im „Endspiel“: „Verfluchter Erzeuger“, ruft Hamm. Und noch die Frage der Theodizee klärt Beckett in jenem Witz vom Engländer, dem Schneider und der Hose bündig (ein jüdischer Witz versteht sich):

NAGG: Ein Engländer er verzieht sein Gesicht, um einen Engländer nachzuahmen, und entspannt es dann wieder der dringend eine gestreifte Hose für die Silvesterfeier braucht, begibt sich zu seinem Schneider, der seine Maße nimmt. Stimme des Schneiders: „So, das wäre geschafft, kommen Sie in vier Tagen wieder, dann ist sie fertig.“ Gut. Vier Tage später. Stimme des Schneiders: „Sorry, kommen Sie in acht Tagen wieder, der Hosenboden ist mißraten.“ Gut, macht nichts, der Hosenboden ist nicht so einfach. – Acht Tage später. Stimme des Schneiders: „Bedaure sehr, kommen Sie in zehn Tagen wieder, die Schrittnaht ist mißlungen.“ Gut, einverstanden, die Schrittnaht ist delikat. – Zehn Tage später. Stimme des Schneiders: „Tut mir leid, kommen Sie in vierzehn Tagen wieder, der Schlitz ist mißglückt.“ Gut, wenn’s dann sein muß, ein schöner Schlitz muß sitzen. Pause. Normale Stimme: Ich erzähle ihn schlecht. Pause. Trübsinnig. Ich erzähle diesen Witz immer schlechter. Pause. Erzählerton: Kurzum, die Osterglocken blühen schon, und er verpatzt die Knopflöcher. Gesicht und dann Stimme des Kunden: „Goddam, Sir, nein, das ist wirklich unverschämt, so was! In sechs Tagen, hören Sie, in sechs Tagen hat Gott die Welt erschaffen. Ja, mein Herr, jawohl, mein Herr, sage und schreibe die Welt! Und Sie, Sie schaffen es nicht, mir in drei Monaten eine Hose zu nähen!“ Stimme des Schneiders, entrüstet: „Aber Milord! Milord! Sehen Sie sich mal verächtliche Geste, angeekelt die Welt an … Pause … und sehen Sie da selbstgefällige Geste, voller Stolz meine Hose!“

(Die Nähe Thomas Bernhards zu Beckett ist nicht nur in dieser Passage evident, denke ich mir, wenn sich Claus Peymann eine neue Hose kauft.) Die Welt liegt nicht ganz im Lot, und der Platz des Subjekts ist nicht mehr fraglos in der Mitte; so sehr Clov auch den Hamm in seinem Rollstuhl einmal um die Welt, einmal um die Bühne schiebt, damit er ihn schließlich mit Ruck und vieldeutbarem Da-Ausruf im Zentrum plaziert. Nicht ohne das Nölen und Nörgeln Hamms geht diese Tour ab.

HAMM: Hörst du? Er klopft mit seinem gekrümmten Finger an die Wand. Hörst du? Hohle Backsteine. Er klopft weiter. Das ist alles hohl. Pause. Er richtet sich auf. Heftig. Genug. Jetzt wieder zurück.
CLOV: Wir haben die Runde noch nicht beendet.
HAMM: Zurück an meinen Platz. Clov schiebt den Sessel wieder an seinen Platz und hält ihn an. Ist das hier mein Platz?
CLOV: Ja, dein Platz ist hier.
HAMM: Stehe ich genau in der Mitte?
CLOV: Ich werde nachmessen.
HAMM: Ungefähr! Ungefähr!
CLOV: Da.
HAMM: Stehe ich ungefähr in der Mitte?
CLOV: Es scheint mir so.
HAMM: Es scheint dir so! Stell mich genau in die Mitte!
CLOV: Ich hole den Zollstock.
HAMM: Ach was! so in etwa. So in etwa. Clov schiebt den Sessel unmerklich weiter. Genau in die Mitte!
CLOV: Da!

Zwischen dem Zwang, das Treiben zu beenden und der Ordnungsneurose exakter Strukturiertheit, schlägt das Stück seine Kapriolen. Ausdeutbar sind solche Szenen in viele Richtungen hin – von der dreifachen narzißistischen Kränkung des Mängelwesens Mensch, die kompensiert werden will, bis zur poststrukturalen Kritik Descartescher Subjektphilosophie, wie es im Frankreich des 20. Jahrhunderts zum guten Ton gehörte. Die Vermessung von Welt im Rahmen der Kunst. Deren Reich vormals von Theologie durchpflügt wurde.

Beckett

Mit dem „Endspiel“ steigt Beckett in den Maschinenraum der Ästhetik, indem er die „Poetik“ des Aristoteles sichtet, die er dann nach Arbeitsmaß im Drama gleichsam auf die Bühne zerrt und inszeniert. Beckett nimmt Aristotelesʼ Konzept der Einheit von Zeit und Handlung wörtlich und dechiffriert im gleichen Zug das Theater, indem er dieses Prinzip bis zum letzten ausreizt und damit auf sein Rudiment eindampft. Becketts Drama ist ein Endspiel mit der Kunst, das er uns genüßlich vorführt – jenes nicht enden wollende Enden der Kunst, das als Reflexionsfigur die klassischen Moderne seit Hegels Diktum in Kontinuität begleitete. Aber bei allem tragischen Enden ist der Spielcharakter des Dramas nicht zu übersehen. Hamm und Clov spielen Rollen. Noch zum Schluß heißt es: „spielen wir es eben so … und sprechen wir nicht mehr darüber …“ Nicht mehr Kommunikation als kommunikatives Handeln im pseudoemanzipatorischen Gewand, sondern der Spielcharakter als Form und Kunst tritt in den Vordergrund. Das Ende wird der Anfang sein. Daliegend, mit dem Taschentuch über dem Gesicht, scheint Hamm zu schlafen, zum Ende hin, („Altes Linnen“) und zum Anfang, um sodann zum Beginn des Spiels wieder erneut geweckt zu werden. Wachbleiben heißt da sein. Auch dies ist in einer theologischen Perspektive genommen.

« Il ne faut pas dormir pendant ce temps-là «  heißt es in Blaise Pascals „Pensées“ an der Stelle, wo es um das Mysterium und die Verheißung Jesu geht, die zugleich etwas vom unabdingbaren Zwang hat: „Bis an das Ende der Welt wird die Agonie Jesu dauern: nicht schlafen darf man bis dahin.“ Und in Becketts „Endspiel“, das diese Agonie ins theatralische Bild bringt, spricht Hamm im Überdruß: „Wenn ich schlafen könnte!“

Das Berkeleysche „Esse est percipi“ exzerziert sich noch im Zwang des Wachens, des Nicht-mehr-schlafen-könnens – auch eine Reaktion auf die ins Negative gewendete Theodizee –, aber genauso im reinen Spiel als Spiel, um des Spiels willen, um sich des eigenen Daseins wie dem Sein des anderen zu versichern. Intersubjektivität als gestanztes Rollenspiel und ein verdrehtes Anerkennungsverhältnis, wie wir es auch bei Herrn Watt und Mr. Knott finden, von dem Hegel nicht zu alpträumen wagte, dem das Ganze noch als das Wahre erschien.

Schade daß es in der Lektüre – insbesondere der Romane Becketts – ruhig um ihn wurde. Sicherlich begrub man ihn nicht als toten Hund, aber doch erlitt er das Schicksal der Klassiker: er entschlief und ruhte sakrosankt und ausdeutbar im Museum der Literaturwissenschaft. Becketts Prosa wäre kalt und unsinnlich, läse sich sperrig, so die irrige Annahme. Wer in den in den Wir-kommen-Jahren der gegenwärtig Ungegenwärtigen, der jetztzeitig-modischen Leser freilich Raketen angelt, Tiger jagt, die Welt vermaß und im Gegenspiel bürgerlicher Befindlichkeiten oder Knausgardscher Ich-schreib-mich-Seichte in Lektüre authentisch sich geriert, wird mit der Prosa Becketts seine Schwierigkeiten haben. Die Komplexität der literarischen Moderne ging flöten. Pan läßt auf sich warten.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu „Glückliche Tage“ – Samuel Beckett zum 110. Geburtstag

  1. che2001 schreibt:

    Zu erwähnen wäre aber auch, dass die absolute Krönung der Sprachspiele und komischen Drehs sich in Joyces „Finnegans Wake“ findet, wo es um niemand Anderen geht als um die Reinkarnation von Huckleberry Finn (Finn again).

  2. Bersarin schreibt:

    Das mag richtig sein, wobei Witz und Dichtung bei Beckett eben doch in eine andere Richtung gehen. Sozusagen die Grenzen von Sprache und Welt, bis hin zum Schweigen und einem reinen Rhythmus von Bewegung, wenn man an „Quadrat“ denkt. Auch diese Performance, dieses Spiel läßt sich gut mit dem „Endspiel“ zusammenlesen. Zumindest finden sich in den Kompositionen Bezüge.

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