Lüneburg II

Um einen Satz Walter Benjamins abzuwandeln: Photographieren heißt, den Dingen und Orten ihre Physiognomie wiederzugeben. Es ist dies eine spezielle Physiognomie. Eine Photographie lichtet das So-Sein einer Szene ab, und sie verschiebt diesen Gegenstand unter der Perspektive des Objektivs um ein Winziges. Indem sie etwa das Relief in einer Kirche oder ein kleines Schleusenwehr aus dem Alltagskontext rückt; ein Plakat etwa, an dem Menschen jeden Tag vorbeilaufen, isoliert. So nimmt es der Betrachter durch die Selektion des Apparats mit einem Male anders wahr: reduziert auf eine Form, auf Schrift, auf die Materialität des Papiers wie auch des steinernen Untergrunds, auf den es gekleistert wurde. All das springt plötzlich ins Auge. Die Kunst, Nebensächliches zu verdichten. Nicht: es poetisieren, als wohne ein Glanz in allen Dingen. Sondern schlicht die Protokollsätze einer Welt zu liefern.

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Lüneburg II

  1. Frohe Ostern schreibt:

    =die Protokollsätze einer Welt zu liefern=

    Warum die Müllberge anwachsen lassen?

    =Die Kunst, Nebensächliches zu verdichten=

    Warum Nebensächliches, Belangloses auch noch „verdichten“?
    Warum nicht Hauptsächliches, Bedeutendes offenbaren?

    Warum trotzig in der verneinenden und zerstörenden Phase verharren?
    Warum nicht in den kreativen, konstruktiven,
    warum nicht in den verantwortenden Modus wechseln?

    Walter Benjamin kann nicht mehr weiter wachsen.
    Er wird immer dort stehen bleiben, wo er aufhörte, zu wachsen. Er ist stehen geblieben.

    Warum es ihm nachmachen?
    Warum mit ihm stehenbleiben?

    Wer lebt, kann wachsen.

    Wünsche eine gute Woche,
    mit auch… einem Blick für Schönheit.

  2. Bersarin schreibt:

    Frohe Ostern, dies ist Dein letzter Beitrag, den ich hier freischalte, da solche Einlassungen, wie Du sie tätigst, ohne Substanz sind. Es lohnt sich mit solchen Leerformeln die Auseinandersetzung nicht, und es raubt mir das Antworten meine Zeit. Dies ist ein Blog, der sich mit Literatur, bildender Kunst und Philosophie befaßt. Ich bin bestrebt, hier eine gewisse Qualität in den Texten zu halten. Dazu gehören analytische Schärfe und Genauigkeit. Die sehe ich durch Deine Kommentare weder inhaltlich noch in anderer Form gegeben. Vielleicht fühlst Du Dich bei der Zeitschrift flow besser aufgehoben. Ganz bestimmt. Doch. Dort wirst Du wachsen. Vielleicht nicht über Dich hinaus, aber es paßt zum Inhalt des dort Dargebotenen.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Uwe: Danke für Deine Kommentare und Deine Sicht zu einzelnen Photos. Ich finde es interessant zu lesen, wie andere die eigenen Photographien wahrnehmen und vor allem zu lesen, was sie sehen. Oft weichen die Blicke und insbesondere die Interpretation des Gesehenen voneinander ab.

  4. ziggev schreibt:

    @uwe, @bersarin: erst entdeckte ich keinen Kommentar; doch beim Anklicken von „Kommentar“ fand ich in der Bildgalerie in diesem Fall die von Uwe.

    auch wenn es Dir, bersarin, nicht so zusagt, mir gefallen immer wieder Deine Naturfotographien als solche. Hier das Spiel mit der Bewegung des Wassers bzw. mit dem Effekt, den Bewegtes in der Fotographie erzeugt (vgl. Kommentar von Uwe). Ich erinnere mich an ein Bild mit ähnlichen „Verwischungen“, allerdings handelte es sich um windbewegte grüne Äste eines Baumes, dort auch kommentiert, es könnte sich um denselben Kommentator gehandelt haben. Ähnliches habe ich auch einmal hinzubekommen versucht, damals ging es mir aber um die Bewegungen einzelner Zweige, während andere Partien bewegungslos abgelichtet werden sollten, ein Phänomen, das manchmal zu beobachten ist: Wie ist es möglich, dass sich lediglich dieses Bündel Blätter im Wind wiegt, während alle anderen still die Zeit anhalten zu versuchen scheinen? Es muss sich um fremde Geister handeln, die schweifend dort gleich Loki ihren Schabernack mit dem Betrachter treiben … es ist die Natur also nur scheinbar belebt, was das notwendige Misslingen von Versuchen einer Allegorie, dass die Natur belebt sei, indem Wischeffekte benutzt werden, beweist.

    wieder Wind, und zwar hier:

    https://proteusphotographie.wordpress.com/category/landschaften/#jp-carousel-2309

    – mit Vögeln im Schwarm(An)flug. Nicht zu malerisch, aber dennoch ein schöner Moment, wie das halb sich in Auflösung begriffene Muster der Silbermöven (plus Stockente) den Raum konturiert.

    Und ein Nachtrag zu einem Bild von 2012 (nicht mehr gefunden auf proteusphotographie):

    das es mir ebenfalls angetan hatte. Und tatsächlich benutzte ich es in s/w für einen Flyer f. unsere kleine Blues-Band, wie Du mir erlaubtest. Bei allen, denen ich auf dem Weg zum Gig ein Exemplar in die Hand drückte, konnte ich eine Regung des Aufmerkens beobachten, und ganz sicher, es lag an der Fotographie. Nicht gerade zum hinsehen war dann das hier (2011):

  5. Bersarin schreibt:

    In der Tat werden die Kommentare direkt unter den Bildern leider nicht angezeigt.

    Ganz im Gegenteil, ziggev, ich höre es gerne, wenn Dir meine Naturphotographien gefallen, und überhaupt photographiere ich gerne die Natur. Das von Dir gezeigte Bild ist eines von jenen, die auch ich sehr schätze. Schön überhaupt, sich die alten Photographien noch einmal anzuschauen. Sie gefallen mir ausnehmend gut. Ich sehe sie mit fremden Augen. Als ich beim Klicken auf den von Dir gesetzten Link mir die ersten Möwenbilder betrachtete, dachte ich mir sogar: „Huch, von wem sind die denn? Nicht schlecht! Diese Bewegung, der Flug, die Dynamik.“ Aufgenommen wurden die guten Möwen an der Ostsee, Usedom, Bansin, im Februar. Müßte meinen Photoblog mehr pflegen, schoß es in meinem Kopf. Wieder Text und Photographie trennen?

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