Leipzig Messe – Nachlese

Am Stand des Compact Verlags in der Halle 5 schaute es aus, als patrouillieren am Tresen die Ordner der NPD-Schutzabteilung. Breite Stiernacken, einer mit einem Tattoo, das eine SS-Rune genausogut darstellen könnte wie einen Blitz, der sich am Hals in die Richtung des Kinns hochzüngelt. Sympathisch. Die Szenerie am Stand wirkt bedrohlich und das soll sie sein, genau in dieser Weise soll es herüberkommen: Wir sind da! Was ich dort sehe, gefällt mir nicht. Keine zwanzig Schritte weiter befinden sich die linken Buchstände und Kollektive. (Wer mag sich diese Anordnung ausgedacht haben?)

Verlagseigene oder gedungene Schlägertrupps gehören nicht auf eine Messe. Dennoch bin ich gegen ein Verbot solcher Stände. Wohl aber für ein Verbot von Schutzstaffeln. Die Sicherheit obliegt der Polizei. Dumm nur, wenn Staatsorgane – ein Begriff nebenbei, der für mich einen Tick nach Geschlechtsorganen klingt – in einem ihrem Wasserwerfer auf einer Demo ein Magazin dieses Verlags demonstrativ hinter das Panzerplexiglasfenster positionieren. Die Polizisten wurden zur Strafe versetzt. Vermutlich zum Bewachen von Asylunterkünften.

Wenn schon im Literaturbetrieb nicht viel passiert und Streit sich in Grenzen hält, dann wenigsten das: Stefanie Sargnagel ätzt gegen Ronja von Rönne:

Sargnagel

Hahaha. Gehen 2 Nullen durch die Wüste und treffen eine 8. Fragt die eine Null: „Warum trägt die denn ʼnen Gürtel?“ Poser beide gleichermaßen, Sargnagel ist die Rönne Hegemanns. Zwei Seiten derselben Medaille. Aber das gehört nun einmal mit zum Betrieb. Nach den Großschlachten der weißen alten aussterbenden Männer machen  nun die jungen weißen Frauen bitchy Catfights oder dissen einander. Und wenn wir schon beim Mageren sind, ich müßte noch irgend etwas zu Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben. Allein, es gibt sein Buch nichts her als dumm Tüch wie man in der von Drogerist Barre geschätzten Stadt Hamburg so vor sich hin sagt. Stuckrad-Barre – das ist die hohle Geste mit Krawatte. Wer nicht zum Dandy taugt, sollte es lassen.

Beim Messeschlendern bin ich am liebsten in der Halle 3 an den Ständen der Kunsthochschulen. Schöne Drucke und Bilder, feine Grafiken und Photos der Absolventen lassen sich dort entdecken. Kaufenswert auch die Kunstpostkarten. Diesmal nahm ich gegen Spende ein paar von der Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein. Wer es etwas ruhiger will, fernab des Messetrubels schaue dort. Viel Schönes gibt es zu betrachten, in Kunstbüchern läßt sich blättern. Für mich immer wieder der beste Ort auf der Messe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAm 18.3. ging zudem das Online Magazin für Literatur namens tell an den Start und wurde in Leipzig vorgestellt. Ich schreibe das ein bißchen pro domo. Angestoßen durch die Debatte zur Lage der Literaturkritik im Perlentaucher im Sommer 2015 und durch die immer wieder in den Feuilletons aufflackernden Diskussionen zur Buchkritik. Und so zitierte die Gründerin und Initiatorin Sieglinde Geisel zur Auftaktsitzung im Juli 2015 in den Redaktionsräumen der Zeitschrift Merkur die Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“ Denn all das Meta des Metas der Metakritik und das Verfallsschimpfen nützt nichts – es muß etwas getan werden. Ob das Projekt gelingt, wird sich zeigen. Doch wer nichts wagt, der gewinnt nichts und so lautet das Motto tells für diesen Anfang: „Woʼs not tut, Fährmann, läßt sich alles wagen.“ So heißt’s in Schillers Drama. Ergänzen möchte man gerne: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Nicht unbedingt stürzt die Bedeutung des Feuilletons, wohl aber ändert sich die Medienlandschaft, sie wird deutlich vielschichtiger. Darin spielen zunehmend auch Literaturblogger eine Rolle. Diese Buchmesse zeigte es, und leicht hektisch und mit einer gewissen Erregungsröte im Gesicht reagiert darauf mancher im klassischen Zeitungsfeuilleton, wie am Donnerstag in der Berliner Zeitung Sabine Vogel, die einen mäßig recherchierten Text zu Buchblogs schrieb. Argumentierte man in der Diktion Vogels so müßte man annehmen, die Redakteurin bloggte. Ijoma Mangold hingegen nahm auf einer Diskussion über das Verhältnis von Feuilleton und Literaturblog an, Blogs seien etwas, das der Vergangenheit angehöre. So recht ernst mochte er sie nicht nehmen. Immerhin ließ er sich aber herab, anzuerkennen, daß es sowas gibt. Irgendwo draußen, weitab von der Mangold-Welt. Der Versuch, zu bestimmen, was Blogs im Gegensatz zum Feuilleton leisten, erwies sich in der Debatte schwieriger als gedacht.

Als Schlußwort aus dem Publikum resümierte Jochen Kienbaum von „lustauflesen“ zu recht, die Szene der Literaturblogs sei derart plural verfaßt, daß es kaum möglich und auch nicht sinnvoll sei, im Sinne einer Definition Bestimmungen zu liefern: DEN Literaturblog gibt es nicht. Ich denke, wie bei allen Kollektivsingularen, daß sich darin Mannigfaltiges tummelt.

Ein umfassender Bericht zu dieser Veranstaltung unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“ findet sich auf der Homepage des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels.

Unsinnig scheint es mir das, das eine gegen das andere auszuspielen oder in Konkurrenz zum klassischen Feuilleton zu treten. Die Stärke wie auch die Schwäche von Blogs: das ist ihre Subjektivität. Im Gegensatz zu dem großen Passagierschiff oder dem Tanker Zeitung sind Blogs Schnellboote, manchmal mit netten Bordkanonen bestückt, auf die man mal auf Möwen, dann wieder auf Wale zielt. (Bin heute, in Hamburg weilend, maritim gestimmt: Call me Ishmael: der Erzähler als Überlebender einer Teufelsfahrt mit Malstrom.) Die Kunst der kleinen Form. Etwas aufgreifen, pointieren, zuspitzen, über Bücher schreiben, die kein Feuilleton bespricht. Aber wird diese Möglichkeit, auch abseits zum Betrieb Liegendes aufzugreifen, von den Bücherbloggern hinreichend genutzt? Radikalisiert Euch! Radix matrix: Wurzelgeflecht bilden.

Eigentlich mag ich Buchmessen nicht. Aber das Flanieren an den Ständen vorbei gefällt mir. Keiner kennt mich, keiner will etwas von mir, keiner sieht mich. Keiner spricht.

 

 

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Leipzig Messe – Nachlese

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Sprengnagel gegen von Rönne ist wahrlich ein schöner Treppenwitz. Jetzt fehlt noch das Fräuleinwunder der Jahrtausendwende. Aber die haben ja längst zu viele Falten, werden folglich kaum noch gedruckt. Wer hier einen Wiederspruch zu erkennen meint, hat nichts begriffen.

    War das bei Mangold so wahrzunehmen wie Du es schreibst? Die Blogger beschränkte Liebhaber? Mhhh, hätte ihn anders eingeschätzt.
    2014 erschien übrigens ein NEUES Buch von James Joyce im Suhrkampverlag, „Finns Hotel“, eine Sammlung von kurzen Sachen zwischen dem ULYSSES und FINNIGANS WAKE entstanden. Das war doch für das deutsche Feuilleton die Möglichkeit, die behauptete Kompetenz auch zu beweisen. Man las aber über dieses Buch fast nichts. Warum? Lag es am abwegigen Verlag?😊 Oder war Knausgard einfach wichtiger? Man wird ja wohl noch fragen dürfen.

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    und der Wiederspruch ist ein Widerspruch!

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    kein Widerspruch

  4. Bersarin schreibt:

    Mangold hat mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, daß er sich für Blogs nicht interessiert. Sein Medium für Diskussion ist Facebook. Na ja. Ein seltsames Debatten-Medium zwar, zumal alles irgendwie im Kommentarstrang sich stranguliert und verstrickt und bereits nach einem Monat nicht mehr wiederzufinden ist im Wust der Welt. Aber gut. Ich kann ihn verstehen. Feuilleton ist sein Berufsfeld, damit verdient er als Journalist sein Geld. Blogger sind in diesem Sinne freier.

  5. summacumlaudeblog schreibt:

    „Sein Medium für Diskussion ist Facebook.“ Wer einmal eine facebookschlacht mit Mobilisierung der Reserve-like-Armeen miterlebt hat, kann sich über diese Naivität nur wundern.

  6. kulturgeschwaetz schreibt:

    Du hast mir nicht „Hallo“ gesagt, jetzt mag ich dich ganz subjektiv (das ist ja meine Stärke) nicht mehr.

  7. summacumlaudeblog schreibt:

    @ kulturgeschwätz: hallo

  8. Amike schreibt:

    Vielen Dank für den Hinweis auf tell! Habe neulich erst gedacht, dass das angekündigte Magazin doch jetzt im Frühjahr „fällig“ sein müsste, aber ich hatte den Namen vergessen und den Link verbummelt. Der erste Eindruck ist vielversprechend und macht neugierig auf mehr, hoffentlich komme ich über Ostern dazu mir das ganze in Ruhe anzuschaun.

  9. Bersarin schreibt:

    @ kulturgeschwätz: Bin manchmal so verträumt und habe auch gar nicht auf Cordhosen geachtet. Ganz objektiv, Hand aufs Indianerherz und echt wahr.

    @amike: Es freut mich, wenn es Dir beim ersten Blick und Eindruck gefällt.

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