Fietes Friktionen – Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“

Wer Hamburgensien mag, kommt kaum an ihrer bösen Variante vorbei. Fritz Honka, mit Spitznamen Fiete, ein Frauenmörder, der die toten Weibskörper zerstückelte, in Müllsäcke stopfte und in seiner Wohnung aufbewahrte, so daß sich im Dachzimmer bald ein aasiger Geruch breitmachte. Es sei die fremdartige Küche der Griechen unter ihm, so versicherte Fiete den Besuchern, die nachfragten. Aufgeflogen ist er durch einen Zufall, denn die Frauen, die Honka sexuell mißbrauchte, waren Geschöpfe, die kein Mensch mehr vermißt, tote Seelen im Grunde bereits bei lebendigem Leibe. Nicht anders als der Held dieses Romans.

Fiete ist eine arme Sau, vom Leben gebeutelt. Man könnte an Hiob denken, aber auf St. Pauli heißen die Götter Sex und Alkohol. In einem der Schnacks, die Strunk im Ton der Hamburger Koberer liefert, schnoddert ein Barkassenführer treffend: „Lieber von Rembrandt gemalt als von Weinbrand gezeichnet.“ Bei Fiete reicht es nicht einmal für den Weinbrand. Underdog, von Wuchs klein und eine schiefe Fresse. Oft gedemütigt und Zielscheibe des Spottes. Auf einem Gehöft bei Hamburg wurde er vom Bauern wie ein Sklave gehalten, nachts ans Bett gefesselt und in seiner eigenen Pisse schlafend. Die erste Flucht scheitert, der Bauer verprügelt ihn, auch beim zweiten Versuch wird er geschnappt und vom Bauern mit dem Trecker auf dem Asphalt zerschmettert. Fiete kommt gerade noch mit dem Leben davon. Danach war sein Gesicht um einiges schiefer und es fehlten die Zähne im Mund. Strunk stellte dem Roman ein Zitat des Jungenmörders Jürgen Bartsch voran. Alice Miller zeigte bei Bartsch auf eine empathische Weise, daß für Straftaten ebenso die Biographie und das Milieu, in dem einer lebt, eine Rolle spielen. Was einem Menschen angetan wird, und was ein Mensch anderen antut.

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„Der goldene Handschuh“, eine Kiezkneipe auf St. Pauli, 24 Stunden am Stück geöffnet, ist der Angelpunkt des Romans, um den herum Strunk Fietes Geschichte und die einiger anderer knüpft, so etwa die der blankeneser Reederfamilie von Dohren. Düsterere Geschichten sind es vor allem. Beim Lesen bedarf es eines harten Gemüts, die Ekelschwelle sollte niedrig gesetzt sein, wenn verlotterte Körper erst bestiegen, geschlagen, gewürgt und dann zerstückelt werden. Schön ist in diesem Roman nichts, heiter allenfalls die geklopften Sprüche.

Im „Goldenen Handschuh“ erhielt Fiete seinen Spitznamen. Es ist zwar nur einer zweiter Klasse, die der ersten heißen „Ritzen-Schorsch“ oder „Bulgaren-Harry“, aber immerhin: es ist ein Spitzname, darauf ist er stolz. Fiete hockt und labert am Tresen mit den Gestrandeten, weiter hinten lungern die Schimmeligen, manchmal spricht er Frauen an, die eher an Gespenster und Müll erinnern, denn an menschliches Leben und lädt sie zu Fanta-Korn, kurz Fako, ein. Omas, wie er sie nennt und die er im Suff zu sich nach Hause abschleppt, denn eine Frau in seinem Alter kriegt er mit seinem Aussehen nicht. Dankbar sind sie, daß überhaupt noch einer sie anspricht, ihnen was ausgibt und sie irgendwo die Nacht verbringen können. In dieser Art dümpeln die Abende unter Alkohol dahin. Einmal sogar scheint es, daß Fiete es schaffen könnte – er hat Arbeit als Nachtwächter im Shell-Gebäude. Aber wie es beim Suff läuft: es kommt der Suff dazwischen.

Selbst die wenigen unbeschwerten Szenen sind vergiftet. Wenn der Bruder Fiete in seiner winzigen Bude besucht, in der es nach Verwesung riecht und wenn sich trotzdem Heiterkeit breitmacht, weil Bruder Siggi die Sorgen mit Sprüchen beiseite quatscht, dann ist es nicht wirklich heiter, sondern führt die Trübsal nur um so deutlicher vor Augen. Der Buddenbrooks-Imperativ der Sesemie Weichbrodt „Sei glöcklich, du gutes Kend!“ funktioniert in diesem Roman für das gesamte Personal nicht. Man mag es noch so predigen oder das Glück herbeiphantasieren.

Neben dem Elend durchzieht den Roman als Motiv die Gier nach Sex. Das Begehren nach Liebe, das sich nie erfüllt, weil der Körper abstoßend ist. Ob bei Fiete, bei der verkommenen Oma-Frau Gerda in ihrer Kittelschürze oder beim 17jährigen Reedersprößling mit Behinderung, von Gestalt her abschreckend, mit Pickeln übersäht. Er träumt von Mädchen, träumt. Fiete hingegen nimmt, was abfällt, und was als Frau nicht spurt – im Suff wird es genommen.

„Als sie tot ist, legt er sie auf den Bauch, damit sie ihn nicht angucken kann, dann trinkt er noch was. Er nimmt das Küchenmesser und säbelt ein wenig an seinen Eiern herum. Am liebsten würde er den kranken Schwanz köpfen, den Kern seiner Verfluchtheit herausschneiden. Dieser verdammte Sack, der Ursprung allen Übels! Er zittert wie ein sterbender Hund.“

Strunk schildert all das Elend ungeschminkt, manchmal jedoch im Slang dick aufgetragen oder zu nahe am Klischee gebaut: „Die Stunden sinken zu Boden, die Tage werden fortgespült ins Nichts, verkleben im Schmiersuff.“ Strunk erzählt anfangs aus der Position des auktorialen Erzählers – der Roman beginnt im Stil eines Polizeiprotokolls –, aber im Lauf der Geschichte löst der Standpunkt sich in personalisierten Reden und inneren Monologe auf. Trotz allen Ekels bleibt der Leser gefesselt, weil Strunk Suspense erzeugt, und auch der Sprachwitz, den wir in seinem Debüt „Fleisch ist mein Gemüse“ schätzten, sowie die Lakonie, mit der Entsetzliches in einer Art heiteren Plauderei vorgetragen wird, läßt den Leser bei der Geschichte bleiben. Strunk zeichnet seinen Roman-„Helden“ weder in anbiedernden Zügen noch baut er Distanz auf. Wir sind im Milieu und blicken von mittendrin aufs Elend. Strunk erzählt, ohne sich über seinen „Helden“ zu belustigen. Darin liegt die Stärke des Romans.

Den Kontrast zu Fietes Geschichte liefern die von Dohrens, die Strunk in Parallelmontage einbaut. All der Reichtum bereitet jedoch keine Freude. Doch wenn Strunk die Leere der Elbchaussee schildert und von den Geldhanseaten erzählt, die sich am Kolonialsystem und in der Nazizeit an den Juden bereicherten, schwächelt der Roman und fällt deutlich ab, weil Strunk uns Thesen statt Geschichten vorsetzt.

Nein, langweilig wird es nicht – wie auch bei einem Mann, der vier Frauen umbrachte und bei launigem Geschnacke? Doch hat das Buch in der Konstruktion Schwachstellen. Die inneren Monologe wirken bei allem Witz gleichförmig. Viel zu sehr lese ich den Strunk-Ton heraus, statt daß fremde Stimmen sprechen. Oft denkt einer wie Fiete sehr viel komplexer, als es sein Gemüt zuläßt. Auch da höre ich mehr die Stimme Strunks als die Honkas.

Strunk versteht zu beschreiben. Aber was er erzählerisch aufbaut, wird durch Klischees und Floskeln wieder zunichte. So mißlingt – trotz Witz und kleinen Glanzlichtern – eine Geschichte, die ich für interessant zu lesen hielt.

Eindringlich zwar sind die Szenen im „Goldenen Handschuh“ beschrieben, der Dreck, der Gestank, das sinnfreie Gequatsche. Aber im Laufe des Romans verlieren sich die Beschreibungen und der Plot in Verkündungsprosa. Selbst die frechen Kalauer ermüden auf Dauer und scheinen bereits für den Strunk-Vortrag auf Lesereise und das zeitgleich  erschienene Hörbuch angelegt. Ebensowenig funktioniert das Stilmittel des variierenden Erzählens qua Perspektivität der Figuren. Literarisch bleibt Strunk konventionell. Hier täte ein gewagteres Montage-Prinzip not, wie auch eine forciertere und komplexer gebaute Rede, der man nicht so sehr den Strunk-Ton anmerkte. Nimm mich mit, Kapitän, auf Montage!

Nicht nachvollziehen kann ich, weshalb der Roman für den Leipziger Buchpreis vorgeschlagen wurde. Die Kraft der Prosa reicht dafür nicht aus. Trotz des heftigen Sujets samt Ekelsex und einem schonungslosen Blick in die Zonen der Verwahrlosung zwischen Elbchaussee und Kiezmilieu: „Der goldene Handschuh“ ist ein biederes Buch.

Am Rande bemerkt – es gab es schon einmal einen Hamburger Autor, der den Namen einer Kneipe im Titel führte, und ebenfalls kamen in dem Roman die Gestrandeten vor. Das war Hubert Fichtes „Die Palette“, 1968 erschienen. In diesem Buch, das formal in die Tradition der klassischen Moderne sich einordnet, funktioniert das Wagnis Montage. Noch heute lesenswert. Eine Kneipe als Fluchtort, sie gerät zum Ausgangspunkt fürs Schreiben. Der Akteur Jäcki, den es in die dunkle Kaschemme am Gänsemarkt verschlägt. Ausgebufft konstruiert etwa, wenn das Erzähler-Ich von dem man annehmen darf, daß es autobiographisch an Fichte selbst orientiert ist, sich aufspaltet und aus sich heraus die Romanfigur Jäcki entläßt. Fände ein solcher Roman eigentlich heute noch einen Verlag?

Heinz Strunk, Der goldene Handschuh, Rowohlt Verlag, 255 Seiten, 19,90 EUR

Über Bersarin

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2 Antworten zu Fietes Friktionen – Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“

  1. jecki schreibt:

    dem kann ich nur zustimmen. ein grobes, klischeebeladenes buch. keine Poetik, wenig bis nichts, was es zu Literatur werden lassen würde. was blendet die Kritiker? das Sujet? dreck als dreck zu beschreiben macht keine Kunst aus, keine Literatur. ein krudes buch.

  2. Bersarin schreibt:

    So ist’s. Ein rundum überschätztes Buch. (Sich jecki zu nennen, ist in diesem Zusammenhang gut und passend. Definitiv auch zum Anlaß,im Titel den Namen einer Kneipe zu führen.)

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