Notation mit Kiezgang

Kurz vor Beginn der Buchmesse. Mir graut vor der Fahrt im überfüllten IC, die Büchermenschengesichter, die Autoren, die Verleger, die Kritiker, die Lektoren, die Rollkoffer, wie jedes Jahr, ich hätte mit dem Auto fahren sollen, denke ich mir, dieses Mal hätte ich mit dem Auto fahren müssen. Immer die A 9 entlang, dann auf die A 14. Eine Symphonie von Bruckner im CD-Spieler. Aus Versehen verpasse ich die Abfahrt und reise einfach weiter in die Fränkische Schweiz zu Jean Paul und auf dem Rückweg halte ich in Schulpforta und Naumburg. Ich kaufe mir auf dem Weingut Kloster Pforta Kisten mit Riesling und Silvaner. Die Weine trinke ich behaglich auf meinem Essayistensofa, den Nietzsche in der einen, das Glas in der anderen Hand haltend. Nietzsche trank keinen Alkohol. Wie der Führer. Hat Carl Schmitt getrunken? Ich müßte in seinen Tagebüchern nachlesen. Darin berichtet er von seinen Einschlafstörungen und von onanistischer Tätigkeit.

Mir ist eigentlich eine Welt lieber, in der die Menschen still ihre Bücher lesen, sich darüber unterhalten, in Lesekreisen, in Salons, im geistreichen Gespräch unter Freunden debattieren und sich streiten. Eine Welt ohne Buchpreise und Messen. Als Auftakt für meine Besprechung von Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“, die ich im Laufe der Woche bringe, zeige ich einige Photographien aus Hamburg-St.-Pauli bzw. von der Reeperbahn. Die Zeiten haben sich gewandelt. Die Kiez-Welt der 70er Jahre ist eine völlig andere, als sie es heute ist. Ich erinnere mich noch an die gemalten Kinoplakate im „Aladin“, wenn ich als Kind im Auto des Vaters über die Reeperbahn fuhr und auf dem Rücksitz erwartungsvoll und mit Glanz in den Augen schaute. Auf eine Welt, die nicht die unsere war. Leuchtreklame, Tristesse, Winterlicht, und da hing in Übergröße ein Westernheld – in der Hand einen Revolver, dessen Mündung er dem Betrachter entgegenhielt. In Farbe. Nicht wie in unserem Fernseher, die Männer mit den rauchenden Colts in schwarzweißer Manier. Der Kiez war Puff, trinken, ficken. Für einen Jungen im Alter von acht Jahren genau das richtige. Musicals gab es noch nicht, höchstens das Operettenhaus, wo im Winter manchmal die Weihnachtsmärchen gespielt wurden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Notation mit Kiezgang

  1. Serge schreibt:

    Carl Schmitt trank allerdings Alkohol und sogar sehr viel, was seine Tagbücher für manchen auch als „Protokoll eines fortwährenden Rauschs“ (Bahners) erscheinen lässt.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/neue-buecher-ueber-carl-schmitt-das-ganze-war-ihm-unangenehm-1643059.html

  2. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ich bin auch da. Also, bei der Buchmesse. Ich habe auch ein Büchermenschengesicht wie aus dem Bilderbuch. Sag doch dann mal „Hallo!“. Du erkennst mich am Rollkoffer und an den ausgebeulten Cordhosen.

  3. Bersarin schreibt:

    @ serge
    Bis auf wenige Ausnahmen bin ich kein Freund von Tagebüchern. Für die wenigen guten Sätze muß ich zu viel Belangloses lesen. Ausnahmen bildeten bisher die Tagebücher Kafkas und die von Raddatz, die jedoch mit einem Auge bereits auf die Öffentlichkeit schielen. Aber unübertroffen im Selbstzweifel, im Ichbezug und in literarischem Tratsch und Trash.

  4. Bersarin schreibt:

    @ kulturgeschwätz
    Ach, dann begegnen wir uns sicherlich. Ich achte auf eine Frau mit Rollkoffer und ausgebeulten Cordhosen. Wenn Du einen Mann in weißer Jeans und Lederjacke siehst, dann könnte ich das sein. Oder mein Doppelgänger, den E.T.A Hoffmann auf die Messe schickte, um mich freizuhalten von all der Mühe.

  5. El_Mocho schreibt:

    Lies mal das Tagebuch von Samuel Pepys. Sowas ist mir lieber als jeder Roman.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Pepys

  6. Bersarin schreibt:

    Kannst Du mir in zwei oder drei Sätzen den Grund nennen, weshalb es lesenswert ist? Denn Bücher gibt es ja zuhauf, die zu lesen sich lohnen.

  7. Bersarin schreibt:

    @ Uwe: Danke für Deine Kommentare und Deine Sicht auf die Bilder: Ja, Hamburg eben und zudem eine düstere Ecke. Leider werden die Texte, die direkt unter die Photos gepostet werden, nicht angezeigt.

  8. El_Mocho schreibt:

    ich finde es faszinierend, das Alltagsleben eines Menschen im London des 17. Jahrhunderts nachzuvollziehen. Außerdem ist es nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen, er schrieb praktisch für sich selbst und ist deshalb völlig ehrlich. Er schreibt, dass die Geliebte des Königs eigentlich nur eine Huhre ist, sie ihn aber trotzdem fasziniert; dass er sich wundert, warum die Armen nicht den Adligen einfach die Kehle durchschneiden, sie sind ja viel mehr; dass er im Gottesdienst der vor ihm stehenden Frau an den Hintern gefasst hat und sie es sich gefallen ließ usw. Köstlich, sowas zu lesen.

  9. kulturgeschwaetz schreibt:

    Auch wichtig: total ironisch gemeinte bunt gemusterte Socken. Und gestreifte Schals.

  10. Bersarin schreibt:

    @ kulturgeschwätz: Es geht nichts über Ironie. Aber noch viel mehr geht über die Wut auf ironisch gemeinte bunte Socken. Doch die Liebe zu schön geformten Füßen und zu wilden Messeküssen: da geht manches drunter und alles drüber.

  11. ziggev schreibt:

    zum Thema Tagebücher: da ich regelmäßig von zeitgenössischer (nicht nur deutscher) Literatur enttäuscht worden bin, plane ich Anschaffungen nur noch von Klassikern (oder über Klassiker). Oder ich bekomme sie nachbarschaftlich vorbeigebracht – von jemandem, der Haushaltsauflösungen macht und meine Interessen kennt, wenn nicht teilt. So bin ich nun im Besitz eines Kompendiums über Naturheilverfahren eines Nachbars von Karl May: Höchst amüsanter Neunzehntesjahrhundert-Trash. Nervosität und Kaffeesucht, insbesondere bei Frauen: kein Wunder ,dass die Frauen so nervös sind, schließlich sind die so frech, in letzter Zeit Berufe auszuüben! Ja es werden auch Empfehlungen für das Treppensteigen (für Frauen) unterbreitet.

    ich komme vom Thema ab: Ich plane bereits seit einiger Zeit, mir die Tagebücher von Virginia Woolf anzuschaffen, seit etwa 10 Jahren auf deutsch vorliegend. Nicht zuletzt wegen der Proust-Pastichen die der Brüder Goncourt. Jemand da Leseerfahrungen? Klatsch und Tratsch auf hohem Niveau einschließlich das Porträt einer Zeit – davon verspreche ich mir doch einiges.

    Rückhaltlos kann ich empfehlen: Wolfgang Will – Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte. C. H. Beck Verlag, München 2015. Sehr sauber lektoriert, keine Kommafehler, eine einige mir fragwürdig erscheinende Formulierung – aber noch nicht nachgecheckt. Kein Wunder, denn schließlich geht es um keinen geringeren als Thukydides. Eine einzige Lesefreude.

  12. ziggev schreibt:

    PS… jetzt fehlt nur noch, dass mir mein Nachbar den möglichst gesamten Herodot vorbeibringt.

  13. Bersarin schreibt:

    Empfehlungen für das Treppensteigen bei Frauen dürften als cooler Lesetip durchgehen. Für den Will werde ich in nächster Zeit kaum Zeit aufbringen können, danke aber für diese Empfehlung.

    Zu Virginia Woolfs Tagebüchern weiß ich leider nichts zu sagen.

  14. El_Mocho schreibt:

    Das tagebuch der Brüder Goncourt ist auch sehr lesenswert; es gibt eine neue Übersetzung bei 2001, leider sehr teuer, aber ich konnte sie entleihen. Im Gegensatz zu Pepys ist das ein tagebuch von Schriftstellern, die überwiegend mit anderen Schriftstellern verkehren, darunter all die französischen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts, Flaubert, Victor Hugo usw. Am interessantesten finde ich allerdings ihre Alltagsbeobachtungen, Szenen aus dem Omnibus, aus der Markthalle oder auch aus dem Bordell. Höhepunkt ist sicher die ausführliche Beschreibung der Belagerung von Paris 1871 und der Commune, die Goncourt durchaus objektiv beschreibt, obwohl er ein Reaktionär und Antisemit ist und auch von Frauen wenig hält.

  15. Bersarin schreibt:

    Ich hatte seinerzeit die Besprechung zu den Tagebüchern der Gebrüder Goncourt gelesen. In der Tat ist dies ein guter Hinweis. Danke dafür.

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