Chausseestraße: Schuß und Gegenschuß – Urbane Räume (12)

Wer noch vom alten Schlage ist und sich für Dissidenten, Dichter und Liedermacher der DDR interessiert, wird diesen Sound von Straßengeräuschen im Ohr haben. In den Gleisen quietscht und kreischt die Tram im Stahl, entfernt heult ein Motor, ein Wagen brummt undefinierbar, biegt um die Ecke, die Monotonie der Fahrbahngeräusche summt sich in die Gitarre. Der Straßenklang der alten DDR. Dazu die intonierende, hochfahrende, schreiende Stimme des Wolf Biermann auf seiner LP „Chausseestraße 131“, als könne er mit Lautstärke die Repression des vermieften Staates übertönen, und er nahm mit einem Tonband seine Lieder auf, bei offenem Fenster, denn ein Tonstudio gab es für ihn nicht. War gerade keines frei. „So oder so“ und „Frühling auf dem Mont-Klamott“, dem Trümmerberg Ostberlins. Da, wo der Wolf wohnte und wo die sich schmiegenden Frauen mit schneidender Stimme zur Tine sagten, den Wolf, den kann nie eine nur für sich allein haben, steht immer noch dieses Haus, und es sieht – eines von wenigen in der Chausseestraße – noch immer so aus wie es früher ausschaute: verwohnt, grau, staubig, tristesse-schön. Das bunkert Vergangenheit in sich. Steht da, aber wie lange noch? Denn der Rest von Stadt und Straße ändertet sich rasant. „Es steht in Berlin eine Straße, die steht auch in Leningrad, die steht genauso in mancher andern schönen Stadt.“ Nicht mehr lang. Dieses Haus aber, wie eine Photokulisse für Melancholie, wie eine Reise in die DDR-Vergangenheit, wie überhaupt die Häuser der DDR zur Melancholie und zum Photographieren des Verfalls einluden. Ideale Kulisse auch für die Mode-Photographen der  „Sibylle“.

Ein Stück des Weges weiter, nach Norden hin, liegt der Dorotheenstädtische Friedhof, auch Hugenottenfriedhof gescholten, über den Biermann eines seiner wohl schönsten Lieder sang. Immer wenn ich zu Hegels oder zu Brechts Grab schlendere – gleich neben Hegel das Grab Fichtes, sein in den verwitterten Stein geschlagener Name kaum noch lesbar – und Bechers Hybris-Inschrift lese, summe ich dieses Biermann-Lied vor mich hin: die Vergänglichkeit, daß irgendwann alles vorüber ist, mit uns und mit allem, was wir lieben, die sich jagenden Spatzen, die Platanen, paar welke Blätter und Frühlingssaat. Unwiederbringlichkeit, um Fontane in den Nominalstil zu wuchten. „Wie nah sind uns manche Tote …“ Die Haltbarkeit des Sandsteins. Und des Küssegebens für den Moment. Innehalten und memento mori, was bin ich doch für ein verdammter Vanitasplünderer. Das geht alles mal davon. Und danach ist nichts mehr als diese eine Grabstätte, die da ungepflegt oder als Ehrengrab dürftig geschmückt, auf Ewigkeit lungert. Hegels wilde hochfahrende Theorien. Wie Geist die Welt prägt. Es bleibt nur die Schrift. Kein Körper, keine Stimme, kein Leben.

Den Friedhof als Ort von Ruhe als auch Tradition und das Brecht-Haus werden sie wohl nicht abreißen, auch wenn sie es gerne möchten, da der Grund für Immobilien lukrativ ist. Andererseits sind beide Objekte qua alter guter Zeit Standortfaktoren für weitere Bauten. Aber für was noch? In einer mittlerweile leblosen Gegend. Da, wo ungleich weiter der Bundesnachrichtendienst in einer absurd-gigantischen und monotonen, monolithischen Betonwucht seine Zentrale baut. Rasant änderte sich dieses Viertel seit einigen Jahren, und nichts ist mehr von dem, was dort einmal war. Mit einer Freundin machte ich 2012 Photographien – ich zeige auch diese demnächst, um den Kontrast zu veranschaulichen. Wo damals noch Brandmauern standen und in Hinterhöfen Trödler und Autoschrauber ihre Garagen betrieben, prangen nun die Baugerüste.

Aber was für einen Kontrast bietet Berlin immer noch: Gegenüber von einem der am besten gesicherten Gebäudekomplexe der Stadt – sieht man einmal von geklauten Wasserhähnen auf der Baustelle ab, die fast wie ein Mafiazeichen wirken, wie der Pferdekopf auf dem Bettkissen: seht her, wir kommen auch an diese feine diskrete Stelle – ragen verkommene Altbauten oder aber der soziale Wohnungsbau der 50er Jahre. Nein, nein, dieses Unveränderliche und die Disparität sind kein Zeichen stummen Protestes, sondern das BND-Gebäude zeigt und verdeutlicht den alteingesessenen Bewohnern eher: Auch ihr seid nicht lange mehr an diesem Platze. Es steht in Berlin eine Straße …

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Chausseestraße: Schuß und Gegenschuß – Urbane Räume (12)

  1. Gagarin schreibt:

    Was für ein kluger, nachdenklicher Erinnerungstext! Danke.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, vielen Dank. Der Hugenottenfriedhof ist ein inspirierender Ort. An Wochenenden leider etwas überfüllt von denen, die die toten Berühmten tot sehen wollen.

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