Auctor in fabula – zum Tod von Umberto Eco

„Die Erde rotierte, doch der Ort, wo das Pendel verankert war,
war der einzige Fixpunkt des Universums.“ (Umberto Eco)

Umberto-Eco-007Böse formuliert haben wir Umberto Eco womöglich – und wenn es nach Jorge von Burgos ginge, schmorte er für dieses wie auch für andere Vergehen in der Hölle – all die Mittelaltermärkte und jenes Revival von merkwürdigen Kostümen und Gebräuchen als unheilige Unterhaltung zu verdanken. Nämlich vermittels jenes Buches „Der Name der Rose“ kam es kurz nach dessen Erscheinen zum Rollback. Zurück in die Vergangenheit. Inspiriert auch durch Tolkiens kleinen Hobbit und „Der Herr der Ringe“ boomten ab Mitte der 80er die Pen-and-Paper-Rollenspiele wie „Das Schwarze Auge“ und andere Verließ-, Burg- und Klostergeschichten. Und 1988 schoß dann Hans Peter Duerr mit „Nacktheit und Scham“ sich auf Norbert Eliasʼ These vom Zivilisationsprozeß ein, indem er das Mittelalter – zu recht – keineswegs nur als die finstere Epoche uns zeigte. In vier Bänden dekonstruierte Duerr den „Mythos vom Zivilisationsprozeß“.

Vor diese Zeit fiel passend Ecos „Der Name der Rose“. Der ausufernd-kluge Roman erschien 1982 in deutscher Übersetzung. Doch will ich nicht spotten, das Mittelalter geriet ihm zum Anlaß, eine Art von Literatur zu etablieren, die zwar durch all die Anspielungen und versteckten Verweise verschachtelt war, aber doch als gut lesbar sich erwies, in einer Weise erzählt, daß der Leser kontinuierlich wissen wollte: Wie geht es denn nun weiter? Aber nicht bloß der kulturindustriell präformierte Sofavoyeur kam auf seine Kosten, sondern ebenso der Rätselfreund, der theoriekontemplative Charakter und  der Zeichendecodierer. Diese Form von Roman gab es in dieser Weise bisher nicht. Eco schrieb ein spannendes und dabei zugleich  intellektuell anregendes Buch,  indem er mittelalterliche Philosophie, Klosterleben, Gottesfurcht, Aberglaube, Rationalismus samt Aufklärung, Sherlock Holmesʼ Detektivgeschichten, Spekulatives, das ewige Love-Ding und Literaturtheorie heiter ineinander würfelte. Das eben, was ich gute Unterhaltung nenne. Daß die Leser sich nach der Lektüre wieder für Aristoteles’ Poetik, Wilhelm von Ockham, Anselm von Canterbury oder den Aquinaten interessierten, war nicht zu erwarten. Eher schon für die Liebe und die feinen Stellen der dunklen Schönheit. Daß manches Rätsel ungelöst blieb, weil es gar nicht erst als Rätsel wahrgenommen wurde, scheint ebenso ausgemacht. Aber auch nach „Zurück in die Zukunft“ stürzen sich die wenigsten anschließend auf die Zeitphilosophie und nach Jean-Jacques Annauds „Am Anfang war das Feuer“ – er verfilmte auch „Der Name der Rose“ – schlang niemand Paleo-Nahrung in sich hinein. Das kam 30 Jahre später in Modetrend.

Eco etablierte den Historienroman, und er schrieb mit „Das Foucaultsche Pendel“ ein Gleichnis über Verschwörungstheorien. Aber wie das Leben spielt, sind die Rollen nicht eindeutig zugewiesen. Denn in jenem Roman gibt es Anzeichen dafür, daß die paranoid anmutenden Auswüchse, die als literarisches Werk der Konstruktion, als Textscherz beginnen, sich als durchaus real erweisen. Daß da etwas Böses sein Wesen treibt. Was ist es, daß da im Unterbau von Gesellschaft und Kultur prescht und drängt, aus den Kellern und Gewölben bis in die Gemächer hinein? True detectives sind bei solcher Betrachtung der Situation gefragt, um die Welt-Semiose als Semiotik zu lesen – sei es bloß als Text-Detektive. „Das Foucaultsche Pendel“ griff hier weit wilder und ausufernd in die Geschichte hinein als noch „Der Name der Rose“: Von der kabbalistischen Mystik bis zu den Rosenkreuzlern, den Templern und der Freimaurerei. Das las sich wie eine Spukgeschichte, ein Philosophiekrimi gnostischen Auswuchses, ein Buch der Bücher, Politthriller, Philip Marlowe und Sam Spade auf Speed. Alles mischte sich mit allem, und nichts ist, wie es scheint, die Jahrhunderte schossen in die Gegenwart ein. Im Stil manchmal als Kolportage fabuliert, dann wieder Philosophem, These, Kunsttheorie, höherer und flacherer Sinn, Anspielung und Abschweif: Höhepunkt einer Literatur, die wir die der Postmoderne nennen. Unterhaltung und Anspruch sollten keinen Gegensatz mehr bilden.

Ob diese Mischung sich freilich einlöste, bezweifele ich. Bei aller guten Kurzweil und bei Suspense samt MacGuffin, mutete mir der Plot doch konstruiert an, zu ambitioniert an mancher Stelle und am Prinzip Fernsehserie orientiert, weniger gewagt im Sinne von avancierter Phantastik. Spannungsgeladen, klar. Auch die Effekte kamen neben der Theorie nicht zu knapp vor, manchmal war’s, als betrachtete ich mir einen Comic, eher an der Bild-Story mich entlanghangelnd, die sich als innerer Film abspulte, denn in Sprache mich bewegend. Splash, doing and plop. Der Opferstock für die Theorie war das Erzählerische eines flinken und verwinkelten Plots. Aber diese Geschichte reizte, ich las weiter. Die Verwicklungen von Welt packte Eco in die verwegene Story, und er preßte ins Werk die Philosophie – nicht anders als Sartre. Was dessen Prosa und Theaterstücken freilich noch schlechter bekam als den Romanen Ecos. Denn die zeichneten sich immerhin durch eine Explosion von Thesen, Szenen, Storytelling und Sinnkohärenzen aus. Zwischen Ockham, Pierce, Dechiffriertechnik, Kabbala, Hermetik und Hermeneutik läßt sich viel sinnieren und abschweifen, weit mehr als beim bloßen Engagement, den Situationen und Geworfenheiten der Existenzphilosophie, in der alles und jedes in die Entscheidung gestellt sich wiederfindet.

Diese Sicht soll keineswegs die Freude an der Eco-Lektüre schmälern. „Das Foucaultsche Pendel“ liest sich im Sog und zieht als Mahlstrom in den Bann, in dem der Leser verschwinden konnte – tagelang nicht vom Sofa oder aus dem Bett zu bekommen. Literaturästhetisch jedoch sticht ebenfalls das Prinzip des Aufpfropfens ins Auge. Dennoch konstruierte Eco klug, High-Brow-Theorie und sinnliches Fabulieren bilden die Einheit. Anders etwa als die Romane Dan Browns, die dagegen Abklatsch sind – billig als Konfektionsware von der Stange gehandelt. Sie lassen die Subtilität vermissen, aufgesetzte Bauklötzchen, während bei Eco Wissen, Kenntnisse und Erkenntnis aus dem vollen geschöpft werden, und Effekte nicht bloß als Selbstzweck mißbraucht werden, um nach Schreibschulenart der Spannungspoetik zu unterhalten. Fiktionalität, Imaginäres, Phantastisches und Realität geraten in ein Spiel; Eco versetzt sie in einen Dreh – und das geschieht in dieser Literatur zudem auf jene vertrackte Weise, die wir als die Selbstreferenzialität bezeichnen, an der jeder Literaturspezialist seine hermeneutische Freude hat, wenn sie denn tricky konstruiert ist. So daß die vom Theoriedetektiv dekonspirierte Hermetik einen gewissen Distinktionsvorsprung verschafft, wie wir es ansonsten nur von den Joyce- und Arno-Schmidt-Dechiffiersyndikaten kennen, die gar zu Kurioses zu Tage förderten. Aber bei Eco ist es nicht nur das: Im Selbstreferenzrahmen und im schwungvollen Erzählen konstituiert und zeigt sich ein wesentlicher Zug von Kunst -und das im Medium des Unterhaltsamen. Kunst weiß etwas, das wir bisher nicht wußten, und sie erzählt uns etwas, was wir so und in dieser Weise bisher nicht kannten. Eco vermochte diese Vermittlung von Spannung und Theorie in eine Gestalt zu bringen.

Stop making sense? Nicht mehr dem Sinn eines Romans, der tieferen Bedeutung, dem Gehalt und der Botschaft galt es nachzuspüren, sondern das Erzählen selbst ist die Instanz und mit ihm der Leser, der daran mitarbeitet: Lector in fabula. Das bedeutet nicht, daß kein Sinn mehr sei. Eco zählte in seiner philosophischen Diktion und als Autor nicht zu den Vertretern der Postmoderne, trotzdem die Erzählhaltung und der Bau seiner Romane sich gut mit diesem heiklen Gattungsbegriff vertragen mag. Aber die Geburt des Lesers aus dem Text ist ein Projekt, das sich,  in unterschiedlicher Ausrichtung freilich, die Hermeneutik und ein Poststrukturalismus Barthescher Prägung teilen und gleichermaßen auf die Fahne schrieben. Es ist der „Akt des Lesens“ (W. Iser) selbst, der bedeutsam ist. Doch ist diese Geschichtsfülle – wie auch die wuchernde Interpretation –, die Verbindung von Disparatem nichts Neues. Dieses Ausufern finden wir bereits in so verschiedenen Texten wie Goethes Märchen in den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, in Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ oder in Jean Pauls „Siebenkäs“: Es gibt unendlich viel zu interpretieren, wir sprechen und verständigen uns über die Strukturen, die Umwege des Erzählens, insbesondere bei Jean Pauls galanten Abschweifszenarien, aber es existiert kein fester Ort.

Das gelungene Kunstwerk ist in diesem Sinne formalästhetisch gesehen ein offenes. Literatur löst sich in die Prozesse der Kommunikation und der Konstruktion. Darin sind die Romane Ecos vortrefflich und funktionieren, und in dieser Bauart kombinieren sie sich mit seiner Kunsttheorie. Bewegung und Kommunikation. Ob man diese Sicht der Ästhetik teilen muß? Nein, ich teile sie nicht. Und Ecos Zeichentheorie scheint mir statisch. Beim Erzählen, Fabulieren und Poetisieren freilich verhält es sich bei Eco anders: Da sprüht es  mittels gewagter Konstruktionen  Funken. Aber wie eingangs zitiert: „Die Erde rotierte, doch der Ort, wo das Pendel verankert war, war der einzige Fixpunkt des Universums.“ Was aber ist jener eine Ort? Ist es unsere Wahrnehmung oder am Ende schlicht der Text selbst? Nein, es ist der phantasierende, fiebernde, imaginierende Autor – jener auctor in fabula, der uns im Medium der Kunst eine Geschichte erzählt. Einer dieser intellektuellen Fixpunkte – insbesondere für Italien – war Umberto Eco.

Wer von Eco eine andere Sicht möchte als Literatur, Semiotik oder Theorie und gerne in die Kunstkammern sich begibt, wer’s sinnlich und bildhaft liebt, der schaue und lese „Die Geschichte der Schönheit“, „Die Geschichte der Häßlichkeit“ und „Die Geschichte der legendären Länder und Städte“. Eine gelehrte Bildersammlung, klug komponiert, mit kleinen Texten versehen, als Tableaux dargeboten, thematisch geordnet. Auf stupende Weise werden in diesen fein gemachten Büchern jene Begriffe anhand von Bildern und knappen Texten entziffert. Schönstes Armchair Travelling in die Bibliotheken und Museen dieser Welt hinein. Ein wenig fühle ich mich wieder wie das Kind, das ich war, wenn ich selbstvergessen in der Kinderbücherei stöberte oder in  Mutters und Vaters Lexika mir die Zeichnungen von Pilzen und Vögeln betrachtete. Bildung in einer Form, die mehr meint als nur Blockflöte und Schillerrezitieren. Ins Buch tauchen, ist eine dieser Kitschwendungen. In diesen drei Fällen paßt sie jedoch, weil der Leser sich zwischen und in den Seiten verlieren  kann wie Jacopo Belbo in den Rissen zwischen Realität und Fiktion. Tizians Venus von Urbino, Velázquez’ Venus vor dem Spiegel mit ihrem verführerischen Arsch. Stöber- und Findebücher.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Auctor in fabula – zum Tod von Umberto Eco

  1. che2001 schreibt:

    Interessant finde ich die Tatsache, dass es sich beim Foucaultschen Pendel um eine Art „Umerzählung“ von Illuminatus! handelt und im Roman selbst erklärt wird, wie diese von Statten geht (anhand des Computers Abulafia, der aus „Vom Winde verweht“ „Krieg und Frieden“ macht.

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis. Dieser Bezug war mir erstaunlicherweise nicht bekannt. Ich hatte den Eco-Roman mehr auf der Kabbals-Ebene gelesen und mich danach dann vermehrt mit Gershom Scholem befaßt, was ja für Kafka- und Benjamin-Lektüren zudem nicht ganz abwegig ist. Illuminatus werde ich mir mal auf den Zettel tun. (Nur ist der leider schon so voll.)

  3. che2001 schreibt:

    Ich hatte dazu mal der ZEIT einen Artikel angeboten, in dem ich unter der Überschrift „Ecos Raubzug“ dieses Thema im Einzelnen aufgedröselt hatte und darauf eine erstaunliche Antwort bekommen: Man würde den Beitrag nicht veröffentlichen, da Eco selbst eingeräumt hatte, sich bei Wilson bedient zu haben.

  4. Bersarin schreibt:

    Na ja, mit dem Begriff Raubzug habe ich meine Schwierigkeiten. Ein Raubzug ist es dann, wenn Eco wortwörtlich abgeschrieben hat – was ich nicht beurteilen kann. Sich beim Stoff zu bedienen ist natürlich legitim, sonst müßte man auch bei Goethes „Faust“ von einem Raubzug sprechen. In der Kunst ist es mit den Fragen nach dem geistigen Eigentum nicht einfach. Wer hegemannisiert sollte dann zumindest die Quelle nennen oder das Geklaute so gut einarbeiten, daß es ein Werk von eigener Qualität bedeutet und durch das Kompositionsprinzip besticht.

  5. che2001 schreibt:

    Neinneinein, das ist viel künstlerischer: Es wird beschrieben, wie der Computer Abulafia Texte umschreibt, so dass es möglich wird, aus „Vom Winde verweht“ „Krieg und Frieden“ zu machen, da die Ingredienzien dieser Art von Roman – historische Umbruchzeit, große Liebe, pathetische Gefühle, soziale Verwerfungen und Krieg – immer die gleichen und daher austauschbar seien. Das ist ein komplizierter postmoderner Witz mit mehreren Bedeutungsebenen. Die Rahmenhandlung von „Illuminatus!“ und dem Foucaultschen Pendel ist z.T. deckungsgleich, nur Orte, Namen und Zeiträume sind ausgetauscht. Wilson wiederum hat in mehreren weiteren Romanen die „Illuminatus!“-Handlung in Paralleluniversen angesiedelt, wo sie einen anderen Verlauf nimmt (man stelle sich einen Herrn der Ringe vor, in dem Sauron siegt oder einen, in dem Saruman keinen Verrat begeht und seine Uruk-Hai auf der guten Seite kämpfen). Eco hat da ein kaum entwirrbares Spiel mit einem Ouevre gespielt, das genauso schwer entwirrbar ist. Und nicht umsonst orientierte sich Wilson beim Schreiben einer Romantrilogie über Verschwörungstheorien an „Finnegans´s Wake“ (wozu er schrieb, dieser wäre die Reinkarnation von Huckleberry Finn, eben „Finn again“) und bezeichnete die einzelnen Kapitel als „Trips“ und betitelte sie mit den Sephirot der Kabbala.

  6. Bersarin schreibt:

    Was sich in solcher Literatur gut zeigt, ist die Aufsprengung des Sinns und das Problematischwerden der Sinnkohärenz. Perspektivität in der Handlung, Perspektivität beim Lesen – was nicht bedeutet, daß alles relativ und damit gleich wertig, gleich wichtig, gleichgültig sei. Im dialektischen Sinne läßt sich immer eine differenztheoretische Perspektive finden: und sei es nur die zwischen betrachtendem und betrachtetem Bewußtsein, etwa in der Weise, wie zum ersten Mal in Breitenwirkung Hegel dies in seiner „Phänomenologie des Geistes“ aufzog. (Erst gestern war ich wieder bei seinem Grab auf dem Hugenottenfriedhof und dachte übers Vergängliche nach.)

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