Kriegsgebiete – Anja Niedringhausʼ „At war“

00003935Photographien vom Krieg sind trivialerweise nie einfach nur Bilder vom Krieg, die wir neutral betrachten oder die uns eine Ansicht geben. Kriegsphotographien zeigen uns, was wir sehen sollen. Sie sind selektiv, sie bilden einen Ausschnitt von Realität ab, der unsere Emotion anrührt, oft auch wurden Bildausschnitte manipulativ gewählt. Die Essayistin Susan Sontag war gegenüber solchen Photos, die Leid darstellen und Gefühle wecken, ausgesprochen skeptisch. Zumal dann, wenn Zeitschriften sie den Lesern ohne den Kontext einer Geschichte präsentieren – selbst Bildunterschriften erläutern bloß das Minimum und reichen deshalb nicht hin. Es existiert beim Betrachten solcher Photographien des Schreckens kein „wir“. Das Selektive in Ausschnitt und Auffassen und das Manipulative in der Bildauswahl gilt insbesondere wieder für das 21. Jahrhundert. Man denke an die Bilder aus Syrien und aus dem Irakkrieg. Böse Bomben von Russen, gute Uranmunition von den USA; Photographien der „Embedded Journalists“ müssen vor Veröffentlichung dem Militär vorgelegt werden. So geht der Deal für die, die mitwollen.

Es bestimmen die in den Medien gezeigten Bilder unser Bewußtsein vom Krieg, der in der Regel an einem weit entfernten und für uns kaum zugänglichen Ort wütet. Andere Informationen als die der Reporter besitzen wir nicht. In die tagesaktuellen Zeitungen gehören unabdingbar die harten Faktenfotos hinein: Leichen, Verstümmelte, brennende Häuser, tote Zivilisten, flüchtende Menschen, verzweifelte Menschen, abgekämpfte oder auch mordende Soldaten. Denn das sind die Szenen des Krieges. Nichts anderes. Der Rest ist ästhetizistisches Beiwerk. Bedauerlicherweise werden solche harten Photos nie gezeigt. Höchstens in Ausnahmefällen, wenn Zeitungen eine bestimmte politische Botschaft lancieren wollen. (Nein, keine Angst, keine zentralgesteuerte Lügenpresse. Die Schere im Kopf sitzt bereits beim Redakteur. Und Schreibtischtäter wie die Kriegstrompete Richard Herzinger sind mit ihrer Schmierfeder immer fix zur Stelle.)

Die meisten der Zeitungsphotos, die auf der Seite 1 aus Kriegsgebieten gedruckt werden, sind harmloser Natur oder führen uns einen geminderten Schrecken vor. Andererseits ist der Abstumpfungseffekt nicht zu unterschätzen, präsentierte man den Lesern jeden Tag die Drastik und das volle Programm. Zu fragen wäre trotzdem, weshalb ungleich mehr belanglose Photographien gezeigt werden als brutale. Die Wahrheit aber ist den Menschen zumutbar. Dieser Satz Ingeborg Bachmanns gilt ebenso für die Photographie.

In Bildbänden ist es legitim und kann im Sinne der photographischen Serie ein Prinzip der Bildkomposition abgeben, eine eher ästhetische, erzählerische Sicht zu vermitteln, eine ruhigere Perspektive zu entfalten: die des Alltags der Zivilbevölkerung, die Routine der Soldaten zu photographieren und über die lange Strecke der Photoreportage Soldaten oder das Leben in einer Stadt im Kriegsgebiet zu begleiten. In solcher weniger brutalen Weise zwar, aber nicht minder auf den Zuschauer eindringend, sind die Bilder der 2014 in Afghanistan erschossenen Kriegsphotographin Anja Niedringhaus. Sie wurde keine 50 Jahre. Ihre Bilder zeigen uns die Facetten des Krieges. Diese Vielschichtigkeit des photographischen Blicks macht den Band „At war“ sehenswert. Ihre Bilder – das sind zwischen Dokument, Erzählung und Kriegsschock angesiedelte Werke. Und ebenso Zeugnisse, die den Photos von Robert Capa in nichts nachstehen. Niedringhaus war eine der begnadeten Photographinnen und dies inmitten einer Männerdomäne. Vielleicht gerade deshalb.

9783775739351_05bAls ich 2011 im alten c/o Berlin zuerst ihre Bilder auf großen Wänden abgezogen oder aber in kleinem Format gerahmt sah, war ich von der Wirkung wie auch der Komposition fasziniert: Wie konnte jemand unter härtesten Bedingungen so punktgenau auslösen? Ja, selbst beliebig reproduzierbare Photographien haben, entgegen dem Satz Benjamins, eine Aura. In ihrem Bildband „At war“, der anläßlich jener Ausstellung erschien, gibt es völlig unterschiedliche Bildgenres zu sehen. Allesamt zwar Photographien aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens oder aus Nordafrika: Irak, Afghanistan, Gaza, Libyen. Dennoch präsentiert der Bildband nicht bloß die Desastres de la Guerra, sondern vielfach stille Szenen: Erschöpfte Soldaten, mit Waffen spielende Kinder, Frauen mit Hidschab, die in Gaza-Stadt auf einer Kirmes im Polyp fahren, die Bewohner von Dschabaliya: Sie schlendern durch die von der israelischen Armee zerstörte Stadt, als herrschte an diesem Ort normaler Alltag: ein Schwarzweiß-Bild, im Gegenlicht, drei Männer auf einer staubigen Straße, links von ihnen ragt die Ruine eines Hauses in die karge Landschaft. Ein blauer Himmel in Grautönen, darin weiße Wolken ziehen, durch den Rotfilter nicht überdramatisiert, sondern anschaulich zeigt das schwarzweiß uns das Wesentliche, zieht die Farben heraus, lauter Kontraste, eine Landschaft in der Sandsteppe, Urbanes mit den zerstörten Häusern und wie unvermittelt drei spazierende Araber.

Nicht daß wenigsten in diesen Photographien Frieden einkehrte – den Krieg spüren wir um jede Ecke kriechend. Aber manchmal eben sehen wir auch dieses kurze Erschlaffen vom unablässigen Töten. Ruhepausen der Invasoren in Falludscha, im staubigen Feld auf Patrouille streifende Soldaten, deren Füße den Sand wirbeln, unspektakulär, aber vom Licht und in der Haltung formal auskomponiert; im richtigen Augenblick ausgelöst. Sekunden aus dem Leben der Bevölkerung, wunderschöne, anrührende Bilder, Kinder beim Spiel im Westjordanland, widersinnig in der Anmutung, tobend inmitten von Trümmern. Dann wieder Grauenvolles, Bilder des Kriegs. Angeschossene US-Marine-Infanteristen, aus denen das Blut läuft, die in den Hubschrauber geschoben werden, irakische Gefangene mit Plastiksäcken über dem Kopf. Leichen und Schwerverletzte, ein zur Evakuierung Verwundeter landender Hubschrauber wirbelt den Boden auf.

Es sind bei Niedringhaus die Details, das Erzählerisch-Reportagehafte einer Photographie, sie bannt oftmals das, was wir nebensächlich nennen würden, auf den Sensor – früher schriebe man auf den Film, aber kaum einer schießt heute noch analog Bilder. Doch um diese Nebendinge des Alltags mitten im Krieg auf einer Photographie festzuhalten, muß einer schon sehr genau beobachten. Ihre Photos sind eigentümliche Zwitterwesen: Sie brennen den Moment in unseren Blick ein, die harmlosen inmitten des Krieges wie die schrecklichen, und vermögen es dennoch, eine um diesen Augenblick gruppierte kleine Geschichte zu erzählen, so daß nicht nur eine Szene aufblitzt und im Medium der Photographie die Zeit überdauert, sondern kurz das Schicksal eines Menschen sichtbar wird.

Ja, durchaus. Womöglich sind diese Photographien vom Krieg viel zu schön, wie Prinzessinnen auf Erben zu feinfühlig, zu nah dran, zu genau. Sie fallen unter von David Shieldsʼ Verdikt der pretty violence, das ich im ersten Teil des Essays nannte. Solche Photos können, wenn sie in Zeitungen als Einzelbild gedruckt werden, dazu beitragen, Krieg zu beschönigen und ein Szenario vorzuführen, das für die Betrachter eher idyllisch denn grausam anmutet.  Panzer im orangen Licht der Wüstensonne. Morgens, Dunst, Einsatz. Kampfbereitschaft. Bei Niedringhaus jedoch ist es anders.  Vor allem deshalb, weil in diesem Buch die Photos so angeordnet und gemischt sind, daß ganz unterschiedliche Szenarien gezeigt werden: von halb-totem GI bis zum Jungen mit halbautomatischer Waffe, der sich im Kettenkarussell dreht, den Waffenarm schwenkt, als schösse er in die Menge.  Oder einfach nur Frauen, die über einen Marktplatz schlendern, afghanische Männer, die auf einer Mauer sitzen. Doch selbst dieser zunächst harmlos erscheinende Alltag ist einer, der unter dem Zeichen des Krieges über die Bühne geht.

Exakt auf den Moment auszulösen und abzubilden, inmitten einer Kampfhandlung oder in gefährlicher Lage auf einer Demonstration im Westjordanland und dabei das Gesicht eines Mädchens einzufrieren, den Ausdruck von Angst, wenn das palästinensische Girl zusammen mit ihrer Freundin zügig versucht fortzueilen, ihre Freundin beim Arm greifend, erzwingt Gespür. Denken Sie ruhig laut und sprechen es aus, womit wir alle, die Kameras benutzen und keine dummen Handys für aufgeschnappte Schüsse (das machen nur Trottel), vertraut sind: Es gibt eine Serienfunktion in der Kamera, mag die laienhafte Fachkraft einwenden, und bei fünf Photos pro Sekunde wird gewiß eines dabei sein, das zählt und den sogenannten magischen Moment Cartier-Bresson-mäßig ins Digitale graviert. Aber so einfach gestaltet es sich nicht. Ein Photograph muß sehen, was er weiß, muß wissen, was er sieht, muß intuitiv vorgehen oder über eine ausgefeilte Beobachtungsgabe und Intuition verfügen: Was geschieht da gleich? Geschieht überhaupt etwas? Und wenn ja, wann? Er muß sehen, vorab schmecken, entdecken und spüren vor allem, was gerade geht und wo was geht. Es erfordert dieses Auslösen – ich kenne es in meinem bescheidenen Rahmen von den Demonstrationen mit Mille Krawallo – Gespür. Da reicht die Serienfunktion der Kamera nicht aus. Die Photographin muß vor allem die Technik kennen. Niedringhaus beherrschte sie wie Martha Argerich die Pedale und Tasten des Klaviers. Bei einem Bauchschußopfer für nebenbei und à point  im Hubschrauber die Blende aufzuziehen und auf den Rosenkranz auszulösen, den die Hand umklammert, statt auf das Gesicht des Soldaten, das kahl, matt, verschwommen und fast tot im Hintergrund verschliert, zeigt Fertigkeit und verrät den Blick für das Wesentliche.

9783775739351_09bNiedringhausʼ in diesem Band versammelten Photographien sind nicht nur eindringlich, sie bestechen ebenso durch ihre Komposition. Fast möchte man beim Betrachten dieser Bilder meinen, es seien keine spontan und in lebensgefährlichem Einsatz geschossenen Photographien, sondern inszenierte Szenen, wie sie etwa der kanadische Photokünstler Jeff Wall lieferte: „Dead Troops Talk“ aus dem Afghanistankrieg der Sowjets. Anja Niedringhaus besaß einen teuflischen Blick. Teuflisch genau und menschlich. (Wie das Töten – die conditio sine qua non.)

Erste Teil des Essays: „Die Bilder des Krieges: Eine Ästhetik des Schreckens oder ästhetische Lust am Schrecklichen?

Anja Niedringhaus, At War, Hatje Cantz Verlag, 2011, EUR 34,

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Kriegsgebiete – Anja Niedringhausʼ „At war“

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Der Rosenkranz im 21.Jahrhundert, umklammert von einem GI, das ist Gelegenheit, Zufall und große Kunst in einem.

  2. Pingback: Fotoausstellung im April | arabesken

  3. Bersarin schreibt:

    Absolut. Das eben zeichnet eine gute Photographin, einen Photographen aus. Die Details zu gewichten, intuitiv oder bewußt – wie auch immer – zu sehen, was wie wirkt. Zu wissen, was man tut, ohne zu wissen manchmal. Theorie des Genies? Nein. Eine Frage der Praktiken, der Technik, die man beherrschen muß. Ein wenig auch Stil und Manie(r).

  4. Pingback: Funde (6) | arabesken

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