Berlinale, Route 66 – Urbane Räume (11)

Nun läuft die Berlinale, und es liest am Wochenende dann sowieso kaum einer in meinem Blog. Auch soll das Wetter gut werden. Da ist ein Text verschenkte Mühe. Andererseits gibt es sicherlich auch Leserinnen und Leser, die nicht in Berlin leben. Von Wien bis Neuruppin. Von der Maas bis … Nein, es reicht ja, wenn die Lektüre dieses Blogs anregt. Zu diesem oder zu jenem. Es lassen sich zur Abwechslung ebenso die alten Artikel lesen: dem Archiv verschrieben und darin wühlen, graben, baggern. Etsch oder Belt – was kostet die Welt? Von blond bis gen Italien. (Kann man da so einen Fips Asmussen-Witz machen? Jetzt bitte mal?)

Ich bin eigentlich kein Kinogeher, weil es mir im Saal zu unruhig ist. Ich hasse das Geknistere, das Geschlürfe und das Gefresse während eines Filmes, ich verabscheue, die Menschen, die mit ihren Grapschfingern in Riesentüten fassen, in denen sich erhitzte Maiskörner befinden oder die alle zehn Minuten auf ihre idiotischen Smartphones glotzen. Als gäbe es auf oder unter dem Display sonstwas, als ob irgendwer sie erwartete oder sie wichtig seien. Menschen, die an den falschen Stellen lachen, die bedeutungsvolles Zeug quatschen, das in Wahrheit ohne Belang ist. Bei den Cineasten fällt mir der Satz von Karl Kraus ein, daß, wenn die Sonne der Kultur tief steht, auch Zwerge lange Schatten werfen. Ich mag die Gerüche im Kino nicht, den Knoblauchatem des Menschen, der andauernd prustend von hinten über meine Schulter lacht. Die sich mit ihren Armen ausbreitende Frau neben mir, ihr nach Katzenpisse stinkender Mantel, der Ärmel ihres Mantels, der unfreiwillig und aus purer Rücksichtslosigkeit in die Nähe meiner Lederjacke sich schiebt, widerliche Platzwegnehmer. Am schlimmsten sind jedoch die Abspannglucker, wenn der Film zu Ende ist und minutenlang Namen über die Leinwand ziehen, einer nach dem anderen, auf schwarzem Untergrund oder vor irgend einem Filmstil, dazu tönt irgendeine Musik. Ein Name nach dem andern. Ich wette, niemand kennt Joseph Sullivan, Mara O’Neill, Peter Henbrock, Melanie Ruperts, irgendwelche Skriptgirls, Cutter, Gaffer, Techniker, Technicolor.

Und dann dieses bedeutungsvolle Zischen oder der mißbilligende, maßregelnde Blick des Cineasten, wenn man einfach und achtlos aufsteht, weil mir Joseph Sullivan, Mara O’Neil, Peter Henbrock, Melanie Ruperts egal sind. Es sei denn, Mara O’Neill ist blond, Anfang vierzig und hat einen klugen eigenwilligen Kopf und wartet im Grandhotel Abgrund bereits mit ein paar Leckereien sowie alkoholhaltigem Kaltgetränk auf mich, um meinen Drang nach Theorie in die richtige Sphäre zu lenken. A girl named Riesling. Aber das ist nicht der Fall. Und wenn Mara O’Neill bei meiner Heimkunft plötzlich wartend auf meiner Couch säße, dort häkelte, nein hegelte, wäre das ein viel schlimmerer Chock, als turnte der Filmheld plötzlich wie in „The Purple Rose of Cairo“ aus der Leinwand herab auf mich zu, denn schließlich lebe ich aus gutem Grunde allein und möchte nur dann Besuch, wenn ich es auch möchte. Ich bin ein gar brummiger Geselle. Sollte Besuch dasitzen, während ich nicht da bin, Besuch, den ich gar nicht einlud und den ich eigentlich nur als Name aus dem Filmabspann kenne, wäre ich denn im Kinosessel geblieben, wäre das unheimlich. Bitte keine Überraschungen. Andererseits denke ich mir dann im Lauf des Abends mit einem zweiten Satz von Karl Kraus: „Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“ Da nach dem Kino nun einmal keiner zu Hause ist, nehme ich die Sache wie sie ist. Schreibe einen knappen Text nieder, ein paar Skizzen, damit ich mich am nächsten Tag für einen Bericht noch erinnere und gehe zu Bett, nicht ohne vorher den von mir oder von Mara O’Neill gereichten wohltemperierten Riesling zu mir genommen zu haben.

Da ich jedoch auf der Berlinale keinerlei Verpflichtungen habe und mich keiner zu nichts einlud, nicht einmal sexy Scarlett Johansson, kann ich es halten wie ichʼs mag. Es ist lange her, daß ich ins Kino ging.

 „Wenn also die Philosophie und das Kino übereinstimmen, wenn Reflexion und technische Arbeit dieselbe Richtung nehmen, so deshalb, weil der Philosoph und der Cineast eine bestimmte Art zu sein gemeinsam haben, eine bestimmte Weltsicht, welche diejenige einer Generation ist.“  (Maurice Merleau-Ponty, Das Kino und die Psychologie)

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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