Über das Gehen in der Sprache, das Gleiten und Auslöschen und daß uns der Verlust des einzig geliebten Menschen, gar des Lebensmenschen durch rein gar nichts ersetzt werden könne – Thomas Bernhard zum 85. Geburtstag

Als ich mit meinen Gedanken zu Ende war, so sprach ich zu Reger und zu Oehler, während diese mir im selben Augenblick vorhielten, daß ich der schlechteste aller bisher aufgetretenen Stimmen- und Bernhard-Imitatoren sei, die es in der Blogwelt wie auch in der Daseinswelt des Realen und Faktischen gebe und ich Reger wie Oehler einerseits innerlich zustimmte, aber doch ein wenig verärgert über deren vorschnellen beim Gehen zum Mittagsstammtisch unserer Billigessensgehergemeinschaft geäußerten ungeheuren Verdacht, und mich also dahingehend äußerte, daß man über die Einsamkeit glücklich sein müßte und daß sich doch und dennoch mit diesem Satz das Unglück nicht zum Glück machen ließ, entgegnete der ebenfalls mitgehende Koller in harschem Ton, daß Sprache vor allem „aus Wörtern gleich Gewichten bestehe, von welchen die Gedanken fortwährend herunter und zu Boden gedrückt und dadurch in keinem einzigen Falle in ihrer ganzen Bedeutung und tatsächlichen Unendlichkeit offenbart werden können. Die Sprache belaste das festzuhaltende Denken in unglücklichster Weise und reduziere es in jedem Falle auf einen fortwährenden Schwächezustand des Geistes, mit welchem sich der Denkende aber abzufinden habe. Denken sei noch niemals in seiner Vollkommenheit und Unendlichkeit wiedergegeben worden, so Goldschmidt zu Koller. Daran werde sich solange die Wiedergabe des Denkens auf Sprache angewiesen sei, nichts ändern.“ Dem mochte Bersarin nichts entgegenhalten, und als sie im Ganymed am Schiffbauerdamm angelangt waren, aßen sie sprachlos ihr Essen miteinander. Fünfmal Frittatensuppe.

***

thomas_bernhards_viele_gesichter_bernhard20110202200301Thomas Bernhard ist ein Schriftsteller, dem man – zunächst und auf den  ersten Blick zumindest – am wenigsten die Tradition der Romantik zutraut oder ihn damit in Verbindung brächte. Eher schon mit den Dauerschimpftiraden, der Wut auf Österreich, mit den zwanghaften Marotten, die aber nicht einmal mehr gut freudianisch neurotisch zu nennen sind, sondern eine paranoide Schleife drehen. („Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr“: Sprache in Sprache, in Sprache). Aber die unendliche Schlechtheit von Welt oder die schlechte Unendlichkeit einer Beckettschen unendlichen Annäherung, asymptotisch und doch immer erfolglos wie der Versuch, nur einmal das Forellenquintett einzuspielen oder den ersten Satz einer Arbeit über Mendelsohn-Bartholdy zu beginnen, erweist Thomas Bernhard, grosso mode, mutatis mutandis, als einen der legitimen Nachfolger romantischer Theorie und Literatur. In die heillose Moderne transformiert, die die Romantiker lediglich mit leichtem Schrecken und Schaudern ahnen mochten. So retteten sie sich in die Transzendentalpoesie und ins unendliche Poetisieren von Welt. Ein Bilderreigen Blüthenstaub.

Es sind Umwege, Abwege, Besessenheit. Endlosschleifen wie letzte Bänder gespult und verheddert wie nur Magnetbänder sich ineinanderwinden können. Bandsalat im Trägermaterial. Das kann man ebenso auf die Sprache als Medium übertragen. Eigentümlich eigentlich, daß Thomas Bernhard im Internetzeitalter der Echokammern, des Dauer-Mimimi, der uferlosen Dispute ohne Sinn und ohne Verstand und vor allem der Blasenwelt nicht viel mehr wieder ins Bewußtsein rückt und – wie noch in den 80er Jahren und in den frühen 90ern – nicht mehr auf den Spielplänen der Bühnen steht. Ein fast vergessener Österreicher ist er sicherlich nicht, wie etwa Gert Jonke oder der legendäre Werner Schab – so ganz übergewichtig und in Unform aus dem Leben geschieden, aber in seiner Bedeutung, in seiner Realismushärte keinesfalls unwichtig. (Die Mariedl macht es halt ohne: die Widerlichkeit der Welt: eine Kloschüssel, die rein ohne Gummihandschuhe gesäubert wird.) Ja, Filterblasenwelten. Nur daß deren Bewohner im Netz in den kommunikativen Solipsismus von Facebook oder Twitter sinnlos und zeitraubend sich verkapseln, während es in der Bernhardschen Sprachwelt wuchernder und wilder zugeht. Ich und sie und Solipsie. Solipsismus der Sprache, das Gefängnis, aus dem sich nicht ausbrechen läßt. Eine Art „Verstörung“, ein Buch, gemacht ganz aus Sprachreflexion. Filterlos, bruchhaft, im Vakuum der Existenz, abgeschieden. Ein Lebens-, Denk- oder Schreibexzeß, der sich in einer unendlichen beschränken Aufgabe manifestieren. Sei dies auch der einzige und perfekte Satz, aus dem sich das Ganze der Welt evoziert, die Welt selbst, ihre Ausdrucksform hervorgezogen wird. Verdichtet, nicht darstellbar fast, AUfgbe der Kunst eben, dieser Wahnsinn in Sprache kurz vor den Mauern von Steinhof. „…möglichst alles an einem einzigen Gedanken von weit unter dem Horizont aus dem Nichts heraufzuziehen, …“ („Verstörung“)

Der eine und einzige Gedanke war Bernhards Obsession, musikalisch in Sprache Kreise ziehend, Loops drehen, wissend, daß dieser eine Gedanke als metaphysica specialis und generalis in einer Trasse, als Ausdruck, als Denken, womöglich als intellektuelle Anschauung unerreichbar, tentativ, nur in Konstellation machbar, denkbar, spielbar ist oder als ein Bild-Mosaik in einem Kaleidoskop aufblitzt, um sodann wieder sich zu entziehen und zu verlöschen. Wer diese Gipfel besteigt, kann sich nur dem Scheitern aussetzen. Am Ende ist es der Vollzug selbst, der zählt: mal als bloßes Abbruch, wie im Forellenquintett, das der Zirkusdirektor Caribaldi in „Die Macht der Gewohnheit“ mit den seinen zu spielen sich abmüht. Es geht in diesen Szenen schon lange nicht mehr um die perfekte Aufführung, sondern einzig um den Akt des Musizierens selbst, um die Performanz, um die Aufführung einer Aufführung, die zudem noch mit absoluten Dilettanten, sozusagen mit Bajazzos stattfindet, um auf Thomas Mann zu weisen, dem Bernhard in „Auslöschung“ Leitzordnerliteratur konzedierte. Oder ein „Scheitern als Chance“: Selbstreferenz des Theaters, die Bernhard in unterschiedlichen Varianten, bis zum Verlöschen des unabdingbaren Notlichts bei „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ ausspielte. Wenn wir in seinem Deklamieren und in seinem Furor jenen Theatermacher, den Staatsschauspieler Bruscon, betrachten; in seinem donnernden Größenwahn, der im Dörfchen Utzbach sein Theater-Spiel treiben muß: theatrum mundi, Weltentragödie, Weltenkomödie, mit Bismarck und Napoleon als Rollenspiel. Während im Hinterzimmer des Wirtshauses, wo gastiert werden soll, ein Hitlerbildchen hängt. Das Lamento ist die Aufführung als solche. Sprache kann sich einzig annähern.

Es sind die Details, vielleicht manchmal auch das Spiel oder die Übertreibung um der Übertreibung willen; die Fragmente, worin wir die höchste Lust haben, wie der um seinen Lebensmenschen trauernde Reger in „Alte Meister feststellt. Das Gefühl der Lust und Unlust als das rezeptionsästhetische Lebenserhaltungsmaschinerie und Regung im Subjekt. Aber diese Szenen auf jener Bank im Kunsthistorischen Museum zu Wien weisen zugleich auf den Objektfetischismus und insbesondere auf die Fixierungen, die das Werk Bernhards tragen: Die samtene Museumsbank, auf der Reger jeden zweiten Tag bis auf Montag hockt, auf der er seine geliebte Frau, einen Lebensmenschen eben, kennenlernte. Um die Fixierungen aufzubrechen, erzeugten die Romantiker eine Funkenschweif aus Bildern, einen Strom, in dem das eine Bild sich aufs andere bezieht, eines zugleich das andere übersteigt, durchstreicht, auflöst, überblendet. Aber nicht in der Weise dialektischer Aufhebungen undVermittlung, sondern als das, was bei Hegel die schlechte Unendlichkeit heißt. Diese finden wir auch in Bernhards Werk. Und erst die Fragmente, die Bruchstücke, die den Fluß bilden, gewährleisten Leben:

„Erst wenn wir immer wieder darauf gekommen sind, daß es das Ganze und das Vollkommene nicht gibt, haben wir die Möglichkeit des Weiterlebens. Wir halten das Ganze und Vollkommene nicht aus.“ („Alte Meister“)

Ein jeder Engel ist schrecklich, wußte der Österreicher Rilke zu dichten. Thomas Bernhard ist aktueller denn je.

Bild: (c) Johann Barth/ (c) Sepp Dreissinger, entnommen: Die Presse.com

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Über das Gehen in der Sprache, das Gleiten und Auslöschen und daß uns der Verlust des einzig geliebten Menschen, gar des Lebensmenschen durch rein gar nichts ersetzt werden könne – Thomas Bernhard zum 85. Geburtstag

  1. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Und!
    JA!
    Er, der berühmte Nicolas Thomas Bernhard, lebt doch, und jetzt noch mehr als jemals zuvor.
    Bernhard hängte mehrfach alles an einen Gedanken, das stimmt wirklich. Anders geht das auch nicht. Der Realität, so schmutzig und verzehrend sie auch immer war, ist und sein wird, niemals auszuweichen, war wohl sein Geheim-Credo. Umsomehr stellte Thomas Bernhard die ganze Realität offen und ehrlich dar, v.a. die inneren Vorgänge im Menschen selbst, plastisch und elastisch, auch das drastisch und schonungslos, eben, einfach und kompliziert sozusagen, aber zugleich: realistischer als all die Anderen, die es nur, dabei scheiternd, versuchten. Und das revolutionäre Tun des Thomas Bernhard war eines mit seinen eigenen! brillanten, seinen besonders wirkenden Stil-, Rhythmus- und Sprachmitteln, die sich immer, auch in der Zukunft, sehen lassen können und in ihrer Wirkung, das Publikum sowie die Leserinnen und Leser ständig immer wieder zu fesseln, den doch „wirklich“ besonderen Nachdruck verleihen.
    Viele zerbrachen bereits an ihrer geglaubten und zum Schein gelebten Vollkommenheit, die es zum Glück nicht gibt. Thomas Bernhard aber nicht!
    Im Kampf gegen seine wilde, zähe und sehr tückisch-wütende, tödliche Morbus Boeck-Krankheit, die ihm ständig mehr als SEHR-VIEL abverlangte, siegte zum Schluss zwar auch der Tod, der ihn aber, so wußte er es immer, doch auch so befreite und somit umsomehr unsterblich machte, für alle Zeiten und allerorten.
    Bernhards Werk lebt, es pulsiert, es findet Fürsprecher und strenge Gegner, auch weiterhin.
    Und!
    Und genau das wollte Thomas Bernhard, der aktive Lebenskünstler, der nun immer lebende, der 85-jährige, der immer leuchtende Star der Literaturwelt, im Himmel und auf Erden.

  2. Bersarin schreibt:

    Thomas Bernhards Literatur, seine Dramen und Komödien: sie leben. Sie bleiben. Wenngleich es um ihn im Betrieb still geworden ist, auf dem Theater nur noch vereinzelt gespielt. Was bedauerlich ist. In Stil und Klang zumindest hallt er am deutlichsten bei Goetz wohl nach. Was ok. Wenngleich mir viele derer, die den Bernhardschen Ton zu imitieren versuchten denn doch in the long run und schon in den 80ern gehörig auf die Nerven gingen.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Bei den Bernhardinern war in der Tat lediglich der Inhalt des Weinfasses bekömmlich. Manchmal nicht mal der. Die Imitatoren imitierten nämlich die Attitüde und konnten so die Sprache Bernhards nicht finden.
    Unvergesslich ist mir eine Nachtwache auf einer Augenstation: Eigentlich langweilig. Dann blieb noch eine übergriffige Krankenschwester länger und wollte nicht gehen. Bis ich sagte: Ich mach jezt meine Runde.
    Als die Krankenschwester dann endlich gegangen war, holte ich „Wittgensteins Neffe“ hervor, mir von A. B. zu Geburtstag geschenkt. Bis zur Morgenrunde war er durch gelesen. Solche Leseerlebnisse vergisst man nicht. Sie sind an den Moment gebunden UND an den Text, der vor einem liegt. In diesem Fall eben: Thomas Bernhard. Bernhard schlug Krankenschwester null zu acht.

  4. Bersarin schreibt:

    Sehr schön formuliert! Insbesondere die Attitüde, die eben nicht an den Gehalt von Bernhards Werk heranreicht, diesen einen Gedanken, den er umkreist. Der sin Wahrheit eben nicht der eine Gedanke ist, sonder ein Konvolut an Bewegungen, die musikalisch in Sprache und Schrift eingefangen werden. Wobei man sich, wenn es gut läuft, an den Imitationen noch schulen kann und das ergibt dann, wie bei Goetz, immerhin noch ein eigenes Werk: Brachiales.

  5. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Nun, summacumlaudeblog, liegt es also doch jetzt an „A.B.“, Ihnen das nächste, ein weiteres Thomas Bernhard-Werk zu schenken, vielleicht nunmehr das Werk “ Der Schein trügt „?
    Ihr Leseerlebnis und die Faszination des Moments ( text- und autorgebunden ) dabei offenbart es genau: Bernhard liest man weiter oder legt ihn nach dem ersten gelesenen Werk für immer beiseite. Für welchen Weg entscheiden Sie sich nun?
    „Bernhard schlug Krankenschwester null zu acht“, vermerkten Sie. Läßt sich auch ein 8 zu 0 in Toren denken?

  6. summacumlaudeblog schreibt:

    Auf „Wittgensteins Neffe“ folgte noch eine Menge anderer Werke ohne Zusammenhang zu A.B. oder zu einer übergriffigen Krankenschwester.
    Ansonsten haben übergriffige Krankenschwestern ja durchaus ihre Reize. V.a. weil die Übergriffigkeit den öden Altruismus des Berufs zu kompensieren hat. Da wirds „echt authentisch“ und voll spannend.

  7. Jürgen K. Napieralla schreibt:

    Was nun, “ …noch eine Menge anderer Werke ohne Zusammenhang „? Welche?

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