Gottes Werk, Malicks Beitrag – „The Tree of Life“

Tree-of-Life78-300x153Ist dieser Film ein großer Wurf wie Kubricks „2001“ oder mehr Planetarium und Space-Night, damals im ollen BR? So ganz läßt es sich nicht unterscheiden, wenn zu Beginn kosmisch-wilde Energien und wabernde Glutfetzen grellrot und sonnenorange über die Leinwand huschen und Textversatz wie „Sohn“ bedenklich im Bedeutungston gewispert oder Passagen aus dem Buch „Hiob“ im Off eingehaucht werden. Zwischen dieses Spektakel der Natur eingebettet, die Geschichte einer US-amerikanischen typischen Kleinstadt-Familie in den 50er Jahren. Dann wieder, die erzählenden Bilder unterbrechend, ziehen Wolken am Himmel und Eruptionen von Asche und Wasser entfleuchen der Erde. Pathos, Pathos allemal, Weißes bricht aus und schießt flugs in den Himmel, daß der Betrachter des Films, während er gebannt auf die Leinwand starrt, Angst bekommt, sämtliche Flugverbindungen auf der Nordhalbkugel könnten eingestellt werden, wie weiland beim Ausbruch des Eyjafjallajökull.

Aber diese kosmischen Schüsse müssen wir im Zeitkontinuum eher in der Vorgeschichte sistieren, als es keine Flugzeuge und nur den schöpferischen Demiurgen gab und Saurier kreuchten. Leuchtfelder, die wie Vulven pulsieren. Nett anzusehen, denn es wallt, wühlt, brodelt und spritzt in Malicks fünftem Spielfilm immer mal wieder zwischen der bebilderten Geschichte, als habe der Chemielehrer ein Experiment verpfuscht, das nun den Schülern ins Gesicht haut. Was ist los? Die Elementargeister und mit ihnen der Gott ist los und dazwischen eingespannt wie immer die arme Kreatur Mensch: „Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure.“ Ein anderer Effektmeister, der wirkt, ist der Animationstechniker an des Hexenmeisters Hollywood-Computer. So geht es Hand in Hand. Gott ist ein VJ.

Tree-of-Life79-300x154Es hat „The Tree of Life“ beides: Von der großen Geste her, mit geschmeidig-pathetischer Musik unterlegt, die Malick schon in „Badlands“ über Orffs seltsam popaffine Töne zu setzen wußte, scheint es eine Art Kosmogonie, also eher die „Odyssee im Weltraum“, eine Theodizee gar zu sein. Vom Kitschfaktor mancher Pathosanmutung wirkt’s wie oben genanntes Planetarium. Wer Gott, die Welt und alles drum herum in ein Kunstwerk zu führen trachtet, setzt sich meist dem Scheitern aus. Man kann solches Hen kai pan des philosophisch inspirierten Filmwerkers und die Ewigkeit des genesishaften Lebensflusses als Prolog schön formulieren, wie es Goethe in seinem Vorspiel tat (ich bin nun einmal ein großer Freund des Vorspiels): „Die Sonne tönt nach alter Weise, in Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise vollendet sie mit Donnergang.“ Nicht jedes von Malicks Bildern gibt Stärke, zu oft ächze ich unter der Last von Bedeutung „Oh nein!“.

Diese Gedanken gingen mir beim Filmschauen durch den Sinn. Dann aber, wenn die Bilder genug aufgeladen wurden und die Glutnester und Meeresflüsse zu versiegen sich anschicken, folgt in der Regel ein Inhalt. Den liefert auch Malick. Es ist also nicht bloß Naturkunde mit Kinomitteln. Grob geschrieben erzählt „The Tree of Life“ in Rückblicken die Geschichte eines Jungen, der seinen Bruder verlor. Die Story eines Jungen, der zusammen mit seinen Brüdern im konservativen, religiösen evangelikalen Milieu irgendwo in der texanischen Provinz aufwuchs. Als Mann mitten in den besten Jahren, hat er es inzwischen zu etwas gebracht und wirkt nun in den Babylonischen Türmen der Bürowelten als Architekt – auch eine Art von Demiurg der eigene Welten erschafft. Aber das Grübeln und der Blick zurück auf das, was geschah, verlassen den Mann nicht. Alle Bilder: Überlagert vom Tod des Bruders – der im Film als Szene kurz nur angedeutet wird. Ein Schrei der Mutter, Bilder von einem Militärflughafen. Da blitzt dann in der Rückschau die Bruderwelt auf, Das Spielen und Toben der drei Kinder, die Welt des harten, oft strafenden Vaters, der unendlich liebenden, aber doch so stillen und zarten Mutter. Die Natur der Provinz, das Leben in der Kleinstadt, aber ebenso die unbarmherzige Religiosität.

Es geht in dieser Provinzwelt um Prinzipien. Du kannst wählen zwischen dem Weg der Natur und dem der Gnade, auf dem du durchs Leben schreitest. Nun gut Dschungel, Django, Dosenfleisch – und der älteste Sohn kommt bei einem Militäreinsatz ums Leben. Malicks verdecktes Trauma ist Vietnam und die Gewalt durch Waffen. Aber diese Prinzipien, auf welchem Weg für uns Menschen zu leben sei und wie die Welt sich bewegt und in ihrem Takt schreitet, sind bei Malick nicht dualistisch gedacht. Die Bereiche durchdringen einander. Der Weg der Natur ist unerbittlich, es ist der Weg des Gesetzes, das der Altvorderen, die es immer schon so machte, mithin die Tradition, und das einer blind wirkenden Natur, die sich in den eruptiven Bilder zeitigt. Aber diese Natur kennt nicht das Korsett religiöser Regeln oder verbohrter Konventionen. Es ist zugleich das der Schönheit, noch im Schrecken; der Anmut, wenn der Fluß fließt und Provinz-Bäume im Wind rauschen oder im Garten gepflanzt werden. In Malicks Naturbild scheint ebenso das auf, was man als das Erhabene bezeichnen kann: Die Größe und Macht der Natur. Dagegen steht der Weg der schenkenden Liebe und der Gnade, den die Mutter repräsentiert – nebenbei die einzige weibliche Hauptfigur des Films, ansonsten ist es eine Welt der Männer.

Tree-of-Life72-300x154Dieses Reich einheimischer Wärme erweist sich zwar als eine feinfühlige Gegenwelt voll Liebe. Etwa wenn die Mutter mit ihren Jungs durchs Haus tollt, wenn sie mit ihnen tobt und spielt. Frei alles, als wäre die Mutter selbst eines der Kinder, ganz der Geist einer unbeschwerten Kindheit, voll von Liebe, während der Vater fort auf einer Geschäftsreise ist. Hier und im Spiel der Kinder miteinander, wenn sie durch die Kleinstadt streifen oder am Fluß spielen, gelingen Malick die stärksten Szenen und Bilder des Filmes. Einfach, schlicht und doch hinterlassen sie Eindruck. Durch die Fahrt der Kamera, ohne viele Worte – man könnte sich den Film ebenso in Chinesisch anschauen und ohne Untertitel: man würde dennoch alles verstehen. Im Reigen der Bilder erzählt sich die Geschichte rein durch die Intensität der Handlung wie auch durch die Kinderschauspieler.

Aber sobald das Reich der Natur bzw. die väterliche patriarchale Ordnung der Regeln und des Gebetes wieder Herrschaft aufnimmt, ist es mit Gnade wie Liebe, die bedingungslos sich verschenkt, nicht weit her. Die Mutter ist schwach, ist machtlos. In dieser Widerstandslosigkeit liegt eine andere Form der Härte. Der Vater freilich, in einigen Szenen als musischer Mensch gezeigt, der die Musik liebt und selber Orgel spielt, wird am Ende des Films genauso machtlos sein, wenn ihm die patriarchale Macht, die er qua Arbeit ausübt, schlicht entzogen ist, weil die Ölraffinerie schließt. Damit ist der Patriarch im zweifachen Sinne seine Stellung los. Die Familie muß ihr Haus und ihr hartes Idyll in der grünen Vorstadt aufgeben. Das Zentrum des Filmes aber, um das all die Rückblenden und Bilder kreisen – es ist der Tod, der sinnlose Tod, der manchmal viel zu früh einen Menschen aus dem Leben nimmt. Wir dachten als junge Menschen, das Leben sei unendlich – doch das ist es nicht. Und es ist zugleich – trivialerweise – alles Leben ein Nichts gegen den unendlichen Fluß der Natur und die Kräfte des Kosmos. Solche Art von Esoterik liegt im Trend, weshalb der Film im Zeitgeistrahmen entschleunigter Welten gut zu den Klostergängen, Jakobsweg und Japan paßt. Solche Ideologieproduktion macht den Reigen der Bilder fragwürdig.

Aber was erzählt der Film eigentlich? Die Story selbst ist im Grunde schnell geschildert. Doch den Inhalt des Filmes wiederzugeben, gar Erklärungen und Muster liefern zu wollen, führt bei diesem Reigen an Bildern und der einfachen, aber in der Komposition dann doch verschachtelt gebauten Geschichte vom Ziel fort. Malick geht es nicht um eine konsistent erzählte Handlung – etwa eine Geschichte aus der US-Provinz, irgendwo in den 50er oder 60er Jahren, uns zu bebildern. Diese Erzählweise pflegte Malick noch in „Badlands“ – wenngleich auch hier bereits gebrochen: man denken an die Naturszenen, die Kargheit der Great Plains, die fein versponnenen Reflexionen Holly Sargisʼ. Und wenn sie zusammen mit Kid die Gegenstände ihres Lebens, Bilder und Sachen vergräbt, die sie auf der Flucht mitgenommen haben, irgendwo in der Prairie, dann ist das sicherlich keine typische Handlung von Flüchtenden. Das machen übrigens auch die Kinder in „The Tree of Life“: sie verbuddeln ihre Schätze. Für irgendwann, auf das sie selber oder ein fremder Mensch diese Habseligkeiten in ferner Zukunft finden, daß sich an den Dingen etwas entzünde und aufgehe. Gerade in diesen Intensitäten liegt die Kraft des Films. Er verweigert die klassische Erzählung. Dieses Prinzip der Komposition freilich macht den Film, trotz überbordenden Kitsches und religiösem Sentiment interessant. Mit den ureigensten Mittel des Films – Bild, Bewegung, Montage, Mise en Scène nämlich – bricht Malick zugleich die Regeln des Narrativen. Zeigt, daß es eine andere Art des Kinos gibt, eine Welt der Bilder, die nicht dem klassischen filmischen Erzählen folgt. Es ist – in dieser Weise fabriziert – nicht die Welt des Kinos, wie ich sie mir vorstelle, aber sie ist in ihrer Weise konsistent gebaut.

Ich hatte mir vorgenommen, „The Tree of Life“ schon vorab schlecht zu finden, so wie ich von vornherein mir dachte, daß „Badlands“ Kult und gut sein müsse – allein weil ich meinte, ein Film, der solchen Landschaftsnamen im Titel trägt, kann nur gelingen. Schließlich würde, wer in dunkler Stimmung nach Finsterwalde führe, dort ebenso eine Form von Erfüllung oder Herzschuß im Kugelhagel finden. Diese Erwartung erfüllte „Badlands“ und aus Behauptung und Vorurteil wurde Urteil. Anders bei „Tree of Life“: der Film ist an vielen Stellen schwer zu ertragen, eine Bilderorgie, in Natur, ein überhöhter, übersteigerter Ton, Religiosität ohne konkrete Religion und Dogma, Referenzbuch ist einzig die Bibel. Aber etwas in diesem Film wirkt. Vielleicht deshalb, weil es against all ods gemacht war. Und Theologie bleibt das Reste-Residuum des postmoral letzten Menschen.

Der Zuschauer sollte, damit diese Bilder ihre Wirkung voll entfalten, den Film auf einer großen Kino-Leinwand oder über einen Beamer sehen. Abraten von dem Film mag ich nicht, so ganz zuraten kann ich freilich ebensowenig.

Es zeigt dieser Film eben auch die zarten und subtilen Szenen unseres Menschseins, etwa wenn die Kamera die Welt der Kinder einfängt, als sei es die Handkamera des Vaters oder ein Film- und Bewußtseins-Auge, das die unendlichen Bildfragmente evoziert, die nicht anders hervorbrechen als die Lava des Vulkans. Wie nahe die Kamera an die Gesichter fährt, wie unverstellt sie dieses Spielen und Toben der Kinder einfängt, die evangelikale Bibelstenge des Vaters, der dauernd Gebote aufstellt, „Schließ die Türen leise! Sprich beim Essen nicht! Leg deinen Ellenbogen nicht auf den Tisch!“ Und doch selber all das macht. Ein Familienalbum des Dorf-Idylls, der Provinz. Einer trügerischen freilich. In diesen Szenen und in diesen Bildern liegt die Stärke des Filmes. Das unverhältnismäßige Pathos muß man da in Kauf nehmen.

Die drei Film-Stils sind der Internet-Seite „The Film Stage“ entnommen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Gottes Werk, Malicks Beitrag – „The Tree of Life“

  1. dj7o9 schreibt:

    einer meiner liebsten Filme ;)

  2. Bersarin schreibt:

    Ich kann es gut nachvollziehen, daß vielen der Film gefällt. Er ist auf alle Fälle eindringlich. Ich habe ihn mit gemischten Gefühlen mir betrachtet. Es gab starke Stellen, aber eben auch zu viel des Pathos, zu überwältigend in den Bildern. Wobei ich das Überwältigtwerden schätze. Etwa bei von Triers „Melancholia“ (insbesondere der Anfang) und bei den Filmen von Greenaway.

  3. Gagarin schreibt:

    Kino kann durch Bilder und Töne berauschen, aber es braucht auch Menschen. Malick lässt sie leider nur zuschauen, in ihrer eigenen Welt und ich werde mir selber fremd. Verstörender Film.

  4. Bersarin schreibt:

    Gagarin ist in diesem Falle ein passender und guter Name, denn in dieser Malick-Welt wird die Natur oft aus der Vogelperspektive betrachtet. Verstörend trifft es. Malick nähert sich den Menschen auf eine andere Weise als das herkömmliche Kino. Diese Art des Filmes hat in meiner Sicht schon etwas Bestechendes. (Leider ist es ebenso dicht am Kitsch und an einem eigenwilligen Pathos gebaut.) Entfremdung ist ja zunächst nicht per se schlecht und sich selber fremd zu werden, kann Blickpositionen ändern.

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