Komplexitätsdigression in Sachen Mensch

„Der Verstand nämlich will sich abstrakt nur eine Seite des Charakters herausheben und zur alleinigen Regel des ganzen Menschen stempeln. Was gegen solche Herrschaft einer Einseitigkeit streitet, kommt dem Verstande als bloße Inkonsequenz vor. Für die Vernünftigkeit des in sich Totalen und dadurch Lebendigen aber ist diese Inkonsequenz gerade das Konsequente und Rechte. Denn der Mensch ist dies: den Widerspruch des Vielen nicht nur in sich zu tragen, sondern zu ertragen und darin sich selbst gleich und getreu zu bleiben.“

Das schrieb Hegel bzw. Hotho in den „Vorlesungen über die Ästhetik“. Um diese verschlungenen Wege des Menschen wußte man seinerzeit noch, als die Zurüstungen zum eindimensionalen Menschen nur mäßig fortgeschritten waren. (Allerdings erwies sich diese Art des Denkens seinerzeit für die meisten als ein ungeheures Privileg. Solche Erkenntnisweisen dürften an ein sich ausdifferenzierendes Bürgertum gebunden sein. Heute könnten in Europa sehr viele mehr ihrer Vernunft sich bedienen. Doch sie unterlassen es. Nicht nur, daß das Bürgertum seiner eigenen Philosophie nicht mehr mächtig ist, sondern es hat sich mittlerweile ausradiert und feiert einen Residualkult lediglich, indem es plötzlich auf Tischsitten wert legt und in Anzüge sich steckt, die seltsam stillos anmuten. Konventionen ohne Konvention.) Kant formulierte das Widersprüchliche bildhaft: „… aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. Nur die Annäherung zu dieser Idee ist uns von Natur auferlegt.“

Mir scheint – nicht nur in den Zusammenhängen der Kunst und in ihren Werken, wo sie den Menschen zum Thema hat – diese Hegelsche Sicht des Widerspruchs und der Differenz ein annehmbares Denken. Doch steigerte Hegel im Verlauf seiner Theorie der Kunst diese Erfahrung von Differenz wieder ins Konzept der Einheit – wenn auch einer vermittelten, in der der Widerspruch in jenem mehrfachen Wortsinne aufgehoben erscheint. Da aber, wo ästhetisch und gesellschaftlich die Vermittlung abbricht, muß es sichtbar werden, wenn sie aussetzt. Und in welcher Weise sie aussetzt. Das Negative bleibt negativ – da helfen ästhetisch wie auch in Sachen Gesellschaft keine Beruhigungsstrategien. Hegels Ästhetik war für die Brüche, Risse und die unaufhebbaren Widersprüche eines sich herausschälenden, modernen Subjekts wenig empfänglich. Ebensowenig für das Unheimliche. Das Fragment, der Bruch, der als Bruch bestehen bleibt, wie wir es bei Hegels Zeitgenossen Kleist wohl am drastischsten und im Sinne vorgezeichneter Moderne finden, war Hegels Sache nicht. Die Kunst hatte als ideales Ziel die Einheit des Humanen. Ein sich zum Ganzen Entwickelndes, das als das Wahre sich erweisen würde. Diese Totalität war womöglich niemals zu haben. (Nicht einmal das Wagnersche Gesamtkunstwerk vermochte sie einzulösen.)

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und ebenso die Komplexität. Andererseits bleiben solche Sätze Predigten von der Kanzel, wenn sie nicht mit Inhalten gefüllt sind. Vom Leben weg, zur Ästhetik hin – da finden sich zwar keine Lösungen, aber doch komponierte Einlösungen und Bilder, meinetwegen auch die Phantasmen. Um dann wieder ins Leben zu gelangen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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