„Kölner Botschaft“, Teil 2

Ich gehöre nicht zu den großen Blogverlinkern im Netz, ich gehöre nicht zu denen, die sogenannten Blogparaden veranstalten – ein Begriff, den ich idiotisch finde und der bei mir Aversionen auslöst wie sonst nur das Wort Polonaise. Gemeinschaftsstimmungen sind mir eher zuwider, und ich meide sie, wo es geht. Aus guten Gründen.

Im Falle der massiven Übergriffe auf Frauen in Köln möchte ich jedoch auf einen wichtigen Blogtext von von Jutta Pivecka aka Melusine Barby verweisen und verlinken: „Kölner Botschaft“ statt #ausnahmslos. Was sie formuliert und analysiert, deckt sich mit meiner Sicht. Weshalb ich also ebenfalls die „Kölner Botschaft“, aber keineswegs #ausnahmslos unterschreiben würde. (Wenn ich denn überhaupt Petitionen und Aufrufe unterzeichnete.) Aus welchen Gründen die „Kölner Botschaft“ die richtige Reaktion auf die Ereignisse in dieser Stadt ist, formuliert Jutta Pivecka auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“ in klugen und abwägenden Worten: ohne ins linke Sabbeltrallala abzugleiten, ohne rechtspopulistische Slogans zu bemühen, ohne zu relativieren, ohne in den Aufregungsdiskurs zu verfallen. Nein, Köln war kein Sexterror und auch kein Zivilisationsbruch – solcher Aufsteigerungen bedarf es nicht. Aber Köln ist ebensowenig eine Nebensache, die mal eben so passiert. Diese Silvesternacht verweist auf grundsätzliche Probleme, die mit einem Mal, im Sinne eines Ereignisses, hervorbrachen.

Wer eine gute Flüchtlingspolitik machen will und ernsthaft eine sogenannte „Willkommenskultur“ – ein Begriff nebenbei, den ich ebenfalls für problematisch halte – schaffen möchte, wer mithin das Asylrecht ernst nimmt, darf im Falle von Straftaten nicht wegschauen. (Das gilt ohne Ausnahme, ausnahmslos also.) Wer dennoch wegschaut, schüttet Öl ins Feuer und schürt eine sowieso schon dramatische Gemengelage, in der alles mit allem unterschiedslos vermischt wird. Wichtig also auch, in den Analysen die Ebenen zu trennen und zu prüfen, was zusammengehört, was nicht, was Ursache sein könnte und was Wirkung. Weil Medien nicht immer korrekt berichten – ein Phänomen nebenbei, das wir nicht erst seit Köln ,Griechenland und der Ukraine kennen –,  haben wir noch lange keine Lügenpresse oder eine mediale Verschwörung. Weil auch Flüchtlinge Straftaten begehen, sind Flüchtlinge keine Kriminellen, sondern zunächst einmal Geflüchtete, die Schreckliches erlebten. Daß unter diesen Menschen auch solche  sind, die aus anderen Gründen nach Europa kommen, ändert nichts an dieser Tatsache.

Über Köln muß gesprochen werden. Wie geschrieben: statistisch gerechnet alle zehn Minuten ein Übergriff auf Frauen, innerhalb von 6 bis 8 Stunden auf engem Raum scheint mir keine Petitesse, die unter die Rubrik Herrenabend im Kuhdorf fällt – der ebenfalls schlimm genug ist, aber von einer anderen Qualität. Und ebenso ist es keine sehr beruhigende Vorstellung, wenn eine Polizei auf einem öffentlichen Platz einer 1000köpfigen Menge, aus der heraus über Stunden Straftaten verübt werden, nicht Herr wird. Mag sein, daß für die Straftäter aus Arabien und Nordafrika der Diebstahl im Vordergrund stand; das tut es für Taschendiebe in der U-Bahn auch. Aber die befummeln, beschimpfen und begrapschen keine Frauen und stecken Finger in Körperöffnungen, sondern die Beute in ihre Taschen und reiche das Geklaute unauffällig weiter. In Köln jedoch inszenierten sich, nach dem, was wir bisher wissen, provokante, sexistische Gruppen von Männern, die im Schutz einer aufgeheizten Menge agierten.

Starke und richtige Worte, wie ich finde, von Jutta Pivecka:

„Wer allerdings sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus auch für strukturelle Probleme (patriarchaler) Gesellschaften und Weltanschauungen hält – und nicht nur für individuelle Defekte – , muss sich durchaus Fragen zum sogenannten „soziokulturellen Hintergrund“ von Tätern stellen. Das, so würden die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen von #ausnahmslos antworten, bestritten sie in ihrem Text ausdrücklich nicht. Stimmt, einen Satz ist es ihnen durchaus wert. Jedoch hüten sie sich davor, auf den spezifischen soziokulturellen Hintergrund der Täter von Köln einzugehen. Das hat Gründe. Doch es wäre auch anders gegangen, wie die „Kölner Botschaft“ eindrucksvoll beweist, die nicht darauf verzichtet, die konkreten Hintergründe der Kölner Taten zu benennen und die im ersten Absatz eine offensive Position – die der Liebe zur eigenen Stadt –  vertritt, die es – gegen die Täter von Köln, die Pegida-Aktivisten, Nazi-Apologeten und Dschihadisten – zu verteidigen gilt.“ (Via „Gleisbauarbeiten“)

Am besten den ganzen Text lesen. Patriarchale Strukturen sind nicht nur als Twitter- oder Aktionismus-Slogan ausnahmslos in den Blick zu nehmen, sondern sie sind konkret und im Zusammenhang zu benennen. Dafür eben spielen auch der soziokulturelle Hintergrund und Biographien eine Rolle. Denn Menschen sind nicht vom Himmel gefallen und mal eben so da wie die liebe Sonne. Nachfragen müssen sich alle Religionen gefallen lassen. Ob Islam oder Buddhismus oder die katholische Kirche, sofern sie Kultur und Sozialisation bestimmen. Und auch ich als Mann sollte es tun, ohne gleich in Bußfertigkeitsübungen zu verfallen und in Selbstzerknirschungsritualen zu zergehen. Selbstreflexion kann niemandem schaden. Wer übrigens Köln sagt, sollte zugleich die Situation von geflüchteten Frauen in den Asylunterkünften in den Blick nehmen. Die scheint nämlich ebenfalls sehr schlimm zu sein. Müßte man mal recherchieren.

Und wie geschrieben: Vielleicht führen die Übergriffe in Köln dazu, daß allmählich ein Bewußtsein für Gewalt gegen Frauen einsetzt. Und zwar ohne die Kindergartenlogik des „Die-aber-auch“. Die Wahrheit ist nun einmal konkret.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu „Kölner Botschaft“, Teil 2

  1. Astridka schreibt:

    Die Wahrheit ist nun mal konkret – das trifft die Kölner Geschehnisse auf den Punkt! Danke für deinen Beitrag!
    Astrid

  2. Bersarin schreibt:

    Dein Beitrag war im Spam verschwunden, deshalb konnte ich erst jetzt freischalten.

    Ja, die Wahrheit ist konkret und insbesondere um der vielen Menschen willen, die unter schlimmen Bedingungen und aus guten Gründen in die BRD fliehen und die hier Schutz suchen, ist es wichtig, diese Ereignisse aufzuklären und ggf. Täter zu verurteilen und danach abzuschieben, sofern sie keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Klingt hart, scheint mir aber in mehrere Richtungen hin wirkungsvoll.

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