Karneval zu Rom, Karneval zu Köln

Goethe beschreibt in seinem zweiten Römischen Aufenthalt 1788 den dortigen Karneval in schönen Worten:

„Das Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt.
Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit gelinder Hand.
(…) hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, daß jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle, und daß außer Schlägen und Messerstichen fast alles erlaubt sei. Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick aufgehoben: alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten.
[…]
So findet die Erwartung sich jeden Tag genährt und beschäftigt, bis endlich eine Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es sei erlaubt, unter freiem Himmel töricht zu sein.
In diesem Augenblick legt der ernsthafte Römer, der sich das ganze Jahr sorgfältig vor jedem Fehltritt hütet, seinen Ernst und seine Bedächtigkeit auf einmal ab.
[…]
Der Fremde muß sich auch gefallen lassen, in diesen Tagen verspottet zu werden. Die langen Kleider der Nordländer, die großen Knöpfe, die wunderlichen runden Hüte fallen den Römern auf, und so wird ihnen der Fremde eine Maske.

Weil die fremden Maler, besonders die, welche Landschaften und Gebäude studieren, in Rom überall öffentlich sitzen und zeichnen, so werden sie auch unter der Karnevalsmenge emsig vorgestellt und zeigen sich mit großen Portefeuillen, langen Surtouts und kolossalischen Reißfedern sehr geschäftig.

Die deutschen Bäckerknechte zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus, und sie werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder auch etwas verzierten Tracht taumelnd vorgestellt.“

Merkmal des Karnevals ist es, daß gesellschaftliche Rationalität, Normen und Regeln (teils) ausgesetzt werden. Allerdings in einer ritualisierten Form und insofern auch wieder unter der Maßgabe von Regeln. Nicht anders als bei bestimmten Stammespraktiken, die die gewöhnliche Ordnung des Lebens eine Zeit lang außer Kraft setzen. Nicht anders als im Mannschaftssport. Beide entfesseln zwar einerseits durch Entgrenzung und Wildheit, im Sport geht es zudem darum mittels des Körpers, Ausdauer, Geschick und Kraft einen Gegner zu besiegen, zugleich aber kanalisieren solche Veranstaltungen Gewalt, damit diese Kraft sich nicht als unkontrollierte Selbstdestruktion entlädt. (Hinzu kommt noch die dritte Halbzeit für die Betrachter, die nach dem Spiel sich ein wenig Aktivität wünschen.) Brot und Spiele, Zuckerbrot und Peitsche heißt das Prinzip. Für jeden ist gesorgt. (Im Rahmen der höheren Bedürfnisse regelt das die Kulturindustrie mit Kino, Theater, Musical.) Insofern dienen auch solche Feste wie der Karneval dazu, Gesellschaft zu stabilisieren.

Etwas anders muß man wohl die Ereignisse in Köln zu Silvester gewichten, die Slavoj Zizek nicht zu unrecht als „Karneval der Underdogs“ bezeichnete. Im Perlentaucher heißt es:

Ganz anders beschreibt Slavoj Zizek im Spiegel und im New Statesman auf Englisch die Übergriffe von Köln als einen obszönen Karneval der Underdogs, die nicht nur ihren sexuellen Hunger befriedigen, sondern in einem öffentlichen Spektakel Angst verbreiten wollten: „Natürlich ist bei einem solchen Karneval nichts Erlösendes oder Emanzipatorisches, nichts wirksam Befreiendes – aber so funktionieren echte Karnevals. Deshalb sind die Bemühungen, Migranten aufzuklären, ihnen zu erläutern, dass bei uns andere sexuelle Sitten und Gebräuche herrschen, dass beispielsweise eine Frau, die in der Öffentlichkeit einen Minirock trägt und lächelt, damit keine sexuelle Einladung ausspricht, Beispiele atemberaubender Dummheit. Sie wissen das, und deshalb tun sie es. Es kann also nicht darum gehen, ihnen beizubringen, was sie schon wissen, sondern ihre Haltungen, ihre Einstellungen, ihren Neid und ihre Aggression zu verändern und abzubauen… Um sie wirklich zu emanzipieren, müssten sie zur Freiheit erzogen werden.“

Schwieriges Unterfangen. Denn was heißt Erziehung? Eine solche zur Mündigkeit qua Selbsteinsicht und -reflexion oder sich des eigenen Verstandes zu bedienen, scheint mir insgesamt ein gescheitertes Projekt. Wie überhaupt die Aufklärung. In diesem Kontext gibt es im „Tagesanzeiger“ ein interessantes Interview mit Zizek, auf das Thierry Chervel vom „Perlentaucher“ hinwies. Und zwar geht es dort unter anderem um den von Zizek vor einiger Zeit wieder in den allgemeinen Diskurs gebrachten Begriff des Klassenkampfes. Auch daran glaube ich freilich nicht, weil es keine homogenen Klassen mehr gibt. Allenfalls Entrechtete mit kurzfristigen, teils ausnehmend egoistischen Interessen. Rückkehr zu Lenin? Die Partei als Avantgarde? Was tun? Karneval feiern, einen guten Platz im Circus Maximum ergattern und wenn es schlecht läuft, wehrhaft sein.

11_02_27_D_300_636

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Gewaltdiskurse abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s