Von den Büchern

„Es ist kein Geringerer als Hegel, der den Chinesen einen angeborenen Hang zur Lüge bescheinigt. Er wirft ihnen eine ‚große Immoralität‘ vor. In China gebe es überhaupt keine Ehre. Die Chinesen seien ‚dafür bekannt, zu betrügen, wo sie nur können‘. Hegel wunderte sich darüber, dass es auch keiner dem anderen übel nehme, selbst wenn der Betrug auffliege.“
(Byung-Chul Han, Shanzhai. Dekonstruktion auf Chinesisch)

Früher, das muß in den 80er Jahren und zu Beginn der 90er gewesen sein, in der schönen Zeit, als den Frauen noch Schamhaar wuchs, streiften durch die Cafés Menschen mit einer Art Bauchladen, verkauften Taschenbücher, die als Raubkopien nachgedruckt waren. Meist stammten diese Bücher von namhaften Verlagen. Da es sich um linke Künstler- und Studenten-Cafés handelte, duldeten die Kellner diese Verkäufer zumeist stillschweigend. Die fliegenden Händler sprachen die dort Sitzenden an – all die Genießenden, Debattierenden, aber ebenso die Lonley-Hearts-Wartenden (auf die eine Frau,die schließlich in blond und Mantel hereinwehte), die Lesenden und solche, die ihr Versteck hinter ihrer Zeitung suchten, die Schreibenden, die sich immer mal kurz umschauten und dann versunken oder hektisch in ein Notizbuch kritzelten. Die, die bloß das Treiben beobachteten oder der Caféhausstille den ihrigen Teil hinzufügten. Die, die sich mit Trinken die Zeit vertrieben, und die Zeit verging schließlich auch, und aus den 90ern wurden die bekannten 00er Jahre („Eure Geld ist nicht weg, es ist nur woanders.“ Zum Beispiel bei Halliburton).

Manche wieder saßen einfach nur da, tranken ihr Bier und wollten nicht weiter behelligt werden. Aber mit einem großen Schwung trat jemand an den Tisch heran. Nun also doch, nun wurden sie durch einen mal verlegen, mal aggressiv und aufdringlich Fragenden aufgeschreckt. „Willste ’n Buch kaufen?“ „Na, was vertickt ihr denn?“, murrte der Trinkende halb widerwillig, halb  mit der sozialen Arroganz Besserweggekommener, weil er ja bloß seine Haut am Theater zu Markte trug oder als Hilfskraft Anfängerstudenten für lausiges Geld betreute. Womöglich aber war er gar kein Besserweggekommener ­- wer überhaupt kann das von sich behaupten? Unter dem Richtschwert des strafenden Gottes fielen schon manche Köpfe. Die den Trinkenden begleitende Frau schaute milder. Worauf ruhte ihre Blick? Auf dem Verkäufer vermutlich, so wie ich sie kannte.  Dann zog der Mann aus seinem Bauchladen die Raubdrucke hervor und präsentiere verhuscht oder auch aufdringlich-offen die Waren. Etwas von Umberto Eco, von Süsskind „Das Parfum“, Steven Hawkins Zeit-Buch, Botho Strauß, Handke, Goetz – alles was Literaturenthusiasten in den späten 80ern und ein paar Jährchen darüber hinaus lesend verzehrten und aufsogen, wurde urheberrechtsmäßig in veränderter Ausstattung in die Zirkulation geworfen. Geraubt, genauer gesagt, oder freundlicher genommen, kopiert und unters Volk gebracht, womit dann  linke oder nicht-linke Raubdruckkollektive monetär ebenso am Erfolg der Verlage teilhaben wollten. Der Gebrauchswert war natürlich derselbe, weil die Inhalte der Bücher sich glichen. Doch der Tauschwert wich ab. Auch der Merve Verlag raubdruckte in seinen anfänglichen Zeiten und verkaufte die Bücher in Szenekneipen, wenn ich Philipp Felschs wunderbarem „Der lange Sommer der Theorie“ trauen darf.

Diese Art von Buch, wie überhaupt das Taschenbuch, verströmte keinen besonderen Geruch, ein wenig nach Papier vielleicht, manchmal sogar stinkt das Buch naß-muffig; das Papier fühlt sich rau an, grob in der Haptik. Wie anders ist es bei den fest in Leinen oder in feinem Karton gebunden, neu erschienenen und frisch aus der Druckerei gelieferten Werken. Meine Buchhändlerin hielt mir kürzlich eines dieser Exemplare unter die Nase und forderte mich auf: „Riechen Sie mal, es sind Bücher, die vor einigen Stunden vom Buchbinder kamen!“ „Ja“, entgegnete ich freundlich, „ich kenne den Geruch, bin aus der Branche.“ Immer mal wieder passiert es, wenn ich ein Buch bestelle, das just aus der Verarbeitung kommt: Ich nehme es, entferne die Folie und es strömt ein technischer, aber doch schöner Duft. Im November war das Alexander Kluges „Kongs große Stunde“ – mit Vorfreude harre ich bereits auf den phantastischen Kluge, um zu lesen – oder gerade erst der Nachdruck vom Michail Ossorgins neu entdeckten Roman aus dem Jahre 1928 „Eine Straße nach Moskau“, bei „Die Andere Bibliothek“ erschienen. Ich spüre das Leinen bei Kluge, rieche den frischen Druck, die Farbe des Einbandes, den Leim. Ok, solche Typen nannten die Kids früher Sniffer, wenn die an Uhu-Tuben sich delektierten. Hier also haben wir Sniffing für das herabgesunkene Kulturbürgertum – ich müßte mir wieder proletarischere Gesten zulegen wie Meister Brecht mit seiner Wurststulle im Theater. Bücherbeschnüffeln aber kommt für die Street Credibility meist lau. Dabei färbt in Berlin doch eigentlich der ruppig-proletarische Gestus von selbst ab.

„Nachrichten aus der ideologischen Antike“? Nein, Schnüffelsurrogate und Denksprünge. Kleine Warenkunde. Kopierte Bücher, vernutzte Bücher, mit Unterstreichungen und Randnotizen. Bücher stiften Bilder, schichten das Erzählen und verbinden oder zerhacken Theoriestränge; erlauben es, assoziierend, denkend und reflektierend gleichermaßen sich einer Sache zu nähern. Bücher setzen Referenzrahmen, und sie sind Weisen der Welterzeugung, Weisen der Phänomenologie – insbesondere der des Geistes. Aber in diskontinuierlicher, eruptiver Form. Sie erzeugen ein Spiel, das im Fort-da, in Spiegelstadien, in Enthüllung besteht – ach, der Jüngling und das Bildnis zu Sais: Die Wahrheit ist in der Diktion Nietzsches eben doch ein Weib, wie wir in der „Fröhlichen Wissenschaft“ nachschlagen können. Lesen bedeutet eine Auf- und Entdeckungsorgie zu unternehmen. Lesen wie Schreiben webt Schleier, Hüllen und Stoffe. Bücher sind insofern Fetische, sie schieben sich vor etwas. Beim Olfaktorischen und Haptischen angefangen. Besondere Objekte, denen Sinn und Sinnlichkeit innewohnen. Bücher transportieren und entziehen dabei zugleich einen dunklen Grund, den sie in der Geste des Schreibens, in einer Trasse der Schrift als Text wiederum sichtbar bzw. lesbar machen, um ihn gleichzeitig wieder und im selben Zug zu verbergen. Diese Schrift-Szenen zu entdecken und erfahrbar zu gestalten, ist der Ort von Theorie, ist die Arbeit eines Essays. Ist der Ort von Kupido. Berührungen – auch wie jene tastenden Finger, die langsam, wild, begehrend unter die Wäsche ins Warme gleiten.

Lange Zeit bin ich abends in Cafés gegangen.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Von den Büchern

  1. Leser schreibt:

    Danke für den schönen Text, generell für das Blog.

  2. Uwe schreibt:

    Na denn, Proust!
    Und in dessen Geist könntest Du textliche Erinnerungsschleifen bilden, die ihren Ausgang vom Geruch einzelner Bücher nehmen. Eine eigentümliche Sammlung von Duftmarken ergäbe das ;-)

    Zum Bild: Vielleicht lässt sich das Vollendete nur mit einem Makel, einem Defekt ertragen. Selige Zeiten, brüchige Welt. Interessant wäre auch, den Ort der Aufstellung zu kennen.

    Gruß, Uwe

  3. Paul schreibt:

    Weil ich mir neue Bücher meist nicht leisten kann, kaufe ich oft gebrauchte Exemplare von Amazon, wo selbst Bücher aus Amerika für fast nichts zu haben sind. Da sind dann oft Unterstreichungen oder Widmungen drin, oder die Stempel der Bibliotheken, in denen sie ausgemustert wurden: „Brooklyn Library“. Ich erinnere mich an eine Ausgabe von „Murphy“, in der sich auf der ersten Seite eine lange, sehr persönliche Widmung befand, fast wie ein Brief. Ich habe auch eine „Lolita“-Erstausgabe von 1955, in die ein Herr mit italienischem Namen damals sein Autogramm gesetzt hat. Komisch, dass man sich sowas für ein paar Cent liefern lassen kann.

  4. Bersarin schreibt:

    @ Leser: Vielen Dank! Da der (oder das) Blog mir beim Schreiben Vergnügen bereitet, macht es mir vergnügen, wenn es auch Leserinnen und Leser vergnügt, behagt oder zum Widerspruch reizt.

    @Uwe: An den Geruch einzelner Bücher habe ich ebenfalls gedacht, aber ihn nicht beschrieben. Gerade solche aus den vergangenen Zeiten, als ich noch rauchte und in den intensiv gelesenen Büchern sich intensiv der Tabakrauch ablagerte und manchmal, wenn ich heute Passagen wiederlese, krümmelt zwischen den Seiten Tabak heraus: Schöne Momente und Erinnern. Die Bibliothek ist voll von solchen Werken. Dazu passend müßte man dann von Walter Benjamin etwas zum Sammler lesen und vor allem „ich packe meine Bibliothek aus“.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Paul: Solche gewidmeten Bücher haben in der Tat ihren eigenen Reiz. Allerdings tue ich mich leider aus einer persönlichen Aversion heraus mit bereits gelesenen Büchern, die noch Spuren anderer Menschen enthalten, die ich nicht kenne, schwer. Insofern versuche ich, sofern das Buch nicht vergriffen ist, neue Werke zu erstehen. Interessant aber und zum Imaginieren anregend sind solche Bücher mit persönlichen Widmungen allemal: ich habe eine solche, die von einem mir Unbekannten geschrieben wurde, in Grimms Märchen aus dem Deutschen Klassikerverlag. Dieses Buch kaufte ich mir während meines Studiums in einem Antiquariat. Und darin fand sich diese feine persönliche Widmung. Ich habe mir ausgemalt, wer sie schrieb, an wenn das Buch verschenkt wurde und weshalb der Beschenkte es weiterverkaufte. Alt sah das Buch noch nicht aus. Abgenutzt auch nicht. Schönes blaues Leinen. Trennung tippte ich. Nachforschen hätte man müssen. Widmungsdetektiv.

  6. che2001 schreibt:

    Ein ebenso schöner wie wahrer Beitrag, danke dafür!

  7. Bersarin schreibt:

    Gerne geschehen. E-Book nur, um Begriffe zu recherchieren. Schlimm genug schon, daß wir Autos fahren, die keine Autos mehr sind, sondern Elektrocomputerbaukastensätze aus Leichtmetall und Plastik. Bei Büchern möchte ich das Unsinnliche nicht einreißen lassen.

  8. che2001 schreibt:

    Als ich an meiner Dissertation gesessen hatte, las ich alte Bücher aus Archiven, Folianten. Die hatten Seiten aus dickem Büttenpapier, Einbände aus lederüberzogenem Holz und Rücken aus Kupfer, und ich fragte mich, wie sich wohl Bücher aus Pergament oder Papyrusrollen anfühlen würden.

  9. Bersarin schreibt:

    Die Materialität bestimmt in ihrer Weise die Lektüre. Wer vorsichtig blättern muß, insbesondere, weil Werke zu Staub zu zerfallen drohen oder weil sie zerkrümmeln, liest anders. Für mich ist beim Lesen die Haptik wichtig, das Spüren, der Kontakt mit dem Gegenüber. Lesen ist ein sinnlicher Akt. Wer E-Books liest, bevorzugt statt eines Körpers Internetpornos. (Wobei ich nichts gegen diese Form des Sex in der Imago gesagt haben will. Lieber sexy Clips statt digital books.)

  10. che2001 schreibt:

    Sinnlich ausgebreitet auf einer Liege, zwei Rollen bedienend, las die Römerin ihren Vergil…

  11. Bersarin schreibt:

    Solche Szenarien wünsche ich mir noch heute. Gerne auch mit Ovid. Dem nach Rumänien Verbannten, in dessen Dichtung sich Gestalt und Form wandelten. Meist mit Gewalt verbunden. Aber wie es ist: es muß die gute Dichtung grausam sein.

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