Abgebrochen. Eine knappe Skizze zu Michael Rutschkys „Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen“

zoom_berenberg_book_b15421740188„Erfahrungshunger“ auf alte Zeiten oder doch eher, wie Walter Benjamin einen Aufsatz betitelte, „Erfahrung und Armut“? Als ich in den Zeitungen die ersten Besprechungen von „Mitgeschrieben“ las, dachte ich mir, das Buch sei bestimmt wichtig und interessant, weil es mir auf geistreiche und unterhaltsame Art das Leben der anderen wie auch die Zeit der frühen 80er Jahre näherbrächte – meine Jugend schließlich. Nichts ist spannender, als über die eigene Adoleszenz zu lesen und was sich da zutrug. Immerhin war es eine bewegende wie auch bewegte Zeit – eine Zeitreise also erwartete mich, dachte ich mir, Blicke zurück, als die gute alte Bundesrepublik noch die gute alte BRD war und die DDR die DDR, diese letzten Jahre der BRD: Nato-Doppelbeschluß, Anti-AKW, F.-J. Strauß, Kanzler Kohl, die Russen in Afghanistan, Polens Solidarność, Reagan, Thatcher, Papst, Titanic, die RAF in Agonie, Absterben des Punk, coole Bands wie die Einstürzenden Neubauten oder die Neonbabies, eine merkwürdig leblose BRD-Literatur der Befindlichkeiten, die neue alte Subjektivität, in die plötzlich ein besserer Ton, eine andere Art zu schreiben einfiel. Die jungen Wilden gab es eben nicht nur in der Malerei. Klar, die ansonsten existierten immer schon: vom stürmenden, drängenden Goethe, dem räuberisch-verwegenen Schiller, dem wilden Kleist, dem revolutionären Büchner, dem frechen Heine und dem pöbelnden, ätzenden R.-D. Brinkmann, der den Pop ins Gedicht warf. Auf eine angemessene Weise. Dies zumindest konstatiert ein Mensch wie ich, der kein Freund der Pop-Musik ist, sondern diese Unterhaltungsweise eigentlich zutiefst verabscheut. Aber ich will nicht abschweifen. Ich hoffte beim Lesen des Mitgeschriebenen auf ein Gemisch von Dichtung und Wahrheit. Oder meinetwegen auch: Nur Wahrheit im Auge des Betrachters.

Rutschky also und seine Frau Kathrin, wie er (also R.) sie im Buch nennt. In München. Auf Reisen. Die Nackten an der Isar. Der mit Rutschky, also mit R., wie er sich in der dritten Person beschreibend nennt, befeundete Rainald Goetz, Szenen hier, Szenen da, Petitessen und Anekdötchen, die in einer Art bernhard-goetzschem Stil aufgetischt werden. Sloterdijk bei den Rutschkys zu Hause. Heftige Dispute am Ende über Freud und die Psychoanalyse. „Der kommt mir nicht mehr ins Haus!“, empört sich Kathrin. So gleitet die Lektüre in detailversessener, aber leider auch ermüdender Tonlage von Bruchstück zu Bruchstück. Rutschky notiert Beobachtungen und schreibt diese wie beiläufig auf. Die Zeit beim Kulturmag „TransAtlantik“, das Enzensberger und Gaston Salvatore gründeten, Redaktionsalltag, Redaktionssitzungen, Bürobefindlichkeiten wie man sie von tausend Arbeitsstellen kennt; auch der Gang zum Klo wird nicht ausgespart. Schön für Rutschky, langweilig und vor allem ohne jede Relevanz und ohne jeden Reiz für die Leser. Aha, so war das also in München, denke ich mir. Na fein.

Leider bin ich nur bis zur Seite 90 gekommen, und habe dann noch ein wenig geblättert, kursorisches Sichten, Textstellenhopping betreibend, weil ich mich bei dieser Lektüre unsterblich gemopst habe. Ein öder Schreibstil, teils prätentiöser Ton, dann wieder als schriebe ein Faultier, das eigentlich gar keine Lust zum Schreiben hat. Betont gelangweilt oder distanziert wird Text aufs Papier gebracht, eine Geste und ein Stil, der mich regelmäßig gegen Schreiber und Buch aufbringt. Lauter Anmutungen, vor allem aber viel Belangloses. Jedes Tagebuch von Thomas Mann ist erheiternder, ergiebiger, besser, lehrreicher. Wenn einer lesen möchte, wie man den Geist der Zeiten einfängt, der zwar nur der Herren eigener Geist ist, in dem die Zeiten sich bespiegeln, wo aber doch irgendwie ein Hauch von Zeitgeist und Epoche mitschwingt, der lese unbedingt Fritz J. Raddatz‘ köstliche „Tagebücher“ über die 80er und 90er. Hier finden wir einen Journalisten, der zugleich Schriftsteller ist, der mit Witz, mit Esprit und Lust zu formulieren versteht. Jemand, der fragt, sucht, um Liebe flennt, schimpft, über die Größen seiner Zeit lästert und Begegnungen mit tatsächlich bedeutsamen Schriftstellern elegant skizziert. Raddatz lebt seinen Narzißmus fast größenwahnsinnig aus, aber zugleich versinkt er in Selbstzweifeln. Den Leser kotzt diese Eitelkeit des Kulturmackers zwar an und er stöhnt auf „Oh, nein, jetzt nicht noch das! Und nicht dieses Selbstmitleid!“ Aber als wilder Voyeur liest der Leser dann doch wißbegierig weiter, weil er einen Homme de Lettre vor sich hat, der auf eine irgendwie doch zupackende Art sein Tagebuch zu führen versteht wie der Edelmann den Degen. Französische Eleganz und Parfümiertes. Wohlriechend aber, wie es besondere Frauen an bestimmten Stellen tun und wo man nicht mehr fort will.

Bei Rutschky ist es aber alles so lala. Ja doch, es gibt auch bei ihm die eine oder die andere kluge und geistreiche Beobachtung, so daß manchmal aus dem Gewöhnlichen tatsächlich die Sensation hervorsticht oder ich schmunzele zumindest beim Lesen, wenn etwa Goetz nachts nach einem Kneipenbesuch und trunken eine Polizeiwache mit Graffiti besprühen will. Aber der Lauf des Banalen erdrückt leider allzuoft die wenigen hellen Momente des Buches. Weshalb sollten mich die Juttamutter oder das Ehepaar Doppler interessieren? All diese Figuren bleiben seltsam leblos. Selbst Enzensberger. Allenfalls lebt das Buch von dem immer wieder wie Kai aus der Kiste auftauchenden Goetz und den typischen Goetz-Bemerkungen, wie wir sie im typischen Goetz-Ton seit nunmehr über 30 Jahren kennen.

Kehrt nun ins Schreiben die neue Subjektivität wieder ein, das Ding mit dem Knausgård-Fetisch, wahrhaftig vom Leben und wie es so im besonderen und allgemeinen sich zuträgt, zu plaudern? Statt zu erzählen und trickreich Phantasmen zu streuen, doppelte Böden zu zimmern, finden wir in der Literatur immer mehr: Berichten und schreiben, was ist. Meine Tagebuchnotiz von heute, Berlin, den 14.1.2016 wird von Folgendem berichtet haben: Rutschky gelangweilt weggelegt.

Michael Rutschky, Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, 432 Seiten, EUR 25,00
Immerhin ist das Buch aus dem Berenberg Verlag schön ausgestattet und bildet einen Schmuck im Bücherregal. Ist ja auch was. Schade aber ansonsten, denn ich hatte mich auf die Lektüre sehr gefreut. Lese ich vielleicht doch weiter und hoffe, es würde besser?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Buchkritik, Bundesrepublik Deutschland abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Abgebrochen. Eine knappe Skizze zu Michael Rutschkys „Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen“

  1. MBe schreibt:

    Schade, aber gut zu wissen, dass man sich die Sichtung dann schenken kann.

  2. Dieter Kief schreibt:

    Sie können hier machen, was Sie wollen. Dieses Medium ist Ihr Ding.
    Einerseits. Andererseits erheben Sie einen Anspruch, als intellektueller Kopf ihr öffentliches Dasein zu fristen – und da sieht die Sache anders aus. Ist das Niveau gut, sind die Texte gedankenvoll. Je mehr das Niveau des Textes sinkt, desto privater wird er. Der so gesehen völlig authentische Text ist der total private und zugleich völlig uninteressante.
    Ich bin Ihnen freilich nicht böse, dass Sie so obenhin über „Mitgeschrieben“ schreiben. Auch dass Sie zugeben über ein Buch zu schreiben, das Sie nur zu einem runden Drittel gelesen haben, ist eine Info, die anderswo eher verschwiegen würde. Bleibt mir nur zu sagen, dass mich „Mitgeschrieben“, seit ich es (langsam) gelesen habe, immer weiter beschäftigt.
    Schreiber haben mit der Schrift an etwas allgemeinem Teil, und da viele der Schreiber viel Zeit mit Schreiben und dem Geschriebenen verbringen, kann eine Neigung entstehen, die Welt rein aus der Schreibenden-Perspektive heraus zu deuten. Eine Deutungs- (und Phantasie!) -Welt tut sich dann auf, die risengroß ist, irgendwie mit der Wirklichkeit verschwimmt und doch voller Wunder zu sein scheint. Im strahlenden Zentrum dieser Wunder: Der Schreibende selbst als Weltmittelpunkt von höchsten (im Fall Rutschky: = Frankfurt/Kritischen) Graden.
    Kommt auch nur ein anderer hinzu, der auch nur ein Weniges abweicht: Fühlt der AUTOR/ die AUTORIN wie der Veloziraptor, wenn er die Witterung eines Fressfeindes aufnimmt. Insofern ist Ihr Beispiel mit dem Besuch des jungen Peter Sloterdijk im Hause Rutschky gut gewählt. Was ich sagen will: Weil Rutschky solche Momente der Selbstgrandiosierung des jungen Schreibenden qua unablässiger Phantasieproduktion gnadenlos ausleuchtet: Bis hin zum schon schmerzlich schönen Kulminationspunkt: Wo der Phantasie-Rutschky per Flugzeug unterwegs ist zu allerlei wichtigen Terminen und sich kaum mehr entscheiden kann, wohin er als nächstes soll, so wichtig ist er – durch eischne Geisteskraft! – – letzlich geworden: Weil Rutschky derlei Selbst-Sezession sag ich permanent vollzieht, schafft er eine obertolle Desillusionierungskonstellation, wenn wir z. B. daran denken, wie wenig sich der wirkliche Kohl z. B. um den – sozusagen – echten Rutschky gekümmert hat, währen dieser sich als dessen Berater imaginiert. Kritisch Frankfurt hin oder her – das ist jetzt wurschtegal!
    Und derlei steht, wollen Sie mir das bitte glauben: Haargenau in „Mitgeschrieben“ – das ist einer der dicken Erkenntnisfische, die darin herumgleiten: Aber weiß Gott nicht der einzige.

    So jetzt geh ich wieder: auf ganz leisen Sohlen – und ohne im Geist das kleinste Hälmchen zu knicken

  3. Bersarin schreibt:

    @ MBe: Ist immer eine Frage der Perspektive, ich kann mir gut vorstellen, daß es manchen gibt, der dem was abgewinnt. Dieter Kief brachte Gründe dafür. Nein, abraten würde ich von diesem Buch niemandem. Wie ich überhaupt nur ganz selten jemandem von einem Buch abrate.

    @ Dieter Kief: In der Tat – ich habe mit Absicht geschrieben, daß ich die Lektüre abbrach, damit klar wird, daß es sich in dieser Kritik-Sichtung um einen polemisch-subjektiven Eindruck handelt. Knappe Skizze eben. Nach der Schiene: Schreib mal anders, berichte über die erste Emotion beim Text. (Von der ich mich sonst, in meinem perspektivischen Blick, nur bedingt leiten lasse. Ich flechte sie zwar, als Stil gerade, ein. Aber sie sollte nicht das Primat besitzen und Oberwasser haben. Wobei ich die Emotion wie auch das Subjektive nicht geringschätze, wenn es gekonnt sich in Szene setzt [„Wie führst Du Dich heute schon wieder auf, Junge!“] und wirklich etwas Neues bringt und nicht nur als das allgemeine Immerschondagewesene auftritt.) Ansonsten lese ich jedoch Bücher komplett, wenn ich über sie schreibe. Wobei ich bei „Johann Holtrop“ auch schon vorhatte, einfach mal eine Kritik zu machen, indem ich nur die ersten 10 Seiten lese und dann Versatzstücke montieren. (Auch hier fing ich mit dem Lesen an, auch hier habe ich nach 4 Seiten geächzt: „Bitte nicht!“)

    Ich will Ihnen gerne glauben, daß in dem Buch etwas steckt. Die Aspekte, die Sie nannten und auch diese Subjektivierung als Essayist leuchten mir als Produktions- und Wahrnehmungsprozeß von Welt ein.

    Ich will gestehen – ich fand nicht ins Buch. Das kreide ich nicht einmal dem Buch an, und insofern ist auch das, was ich tat, in einem gewissen Sinne nichts als Subjektivität, gleichsam eine Art von vorschnellem Geschmacks- und Distinktionsurteil. Wie es ja auch in dieser Goetz-Post-Punk-Welt, die mir nicht unvertraut ist, wenngleich ich zehn Jahre jünger bin, diese große Geste des wilden Niedermachens gab. Als eine Art Distinktionsgeschmack des Pop. Hier im Buch aber mit den Elementen der sogenannten Hochkultur durchzogen und sehr viel ruhiger durchgeführt. Das Goetzwilde, das war bei uns nicht anders. Vian, Queneau, Benjamin und Breton neben den Buzzcocks und den Untertones und den Neubauten. Die Drogen. Ich habe, was den Stil und die Art des Erzählens betrifft, das so hart an der Wirklichkeit sich bewegt und dann doch wieder mit der wunderbaren Brille der Imago ausschreitet, durchaus etwas Positives abgewonnen, und insofern verstehe ich auch ihre Einwände gegen meine Skizze (oder kann sie zumindest nachvollziehen). Aber ich habe mich – ja, fast schon ein wenig auch aus einer bösartigen Haltung heraus – für die Gegenseite entschieden. Gut möglich, daß ich demnächst weiterlese, weiterbeobachte. Denn diese Beobachtungslakonie von Rutschky hat mich andererseits auch wieder angesprochen. Vielleicht mein böser Blick auch deshalb, weil ich zu nahe dran war. Aber dennoch gab es in dieser meiner ersten flüchtigen Lektüre etwas in diesem Buch, das mich störte.

    Aber danke trotzdem für Ihren ganz anderen Blick auf das Buch. Er hat mich leicht versöhnt, vielleicht doch nicht das falsche Buch gekauft zu haben. Eigentlich wollte ich im Anschluß daran dann „Baggersee“ von Kittler lesen. Und vielleicht noch Sloterdijks „Zeilen und Tage“ und dann noch Henning Ritter, um mich mit dieser Art des Schreibens, die einerseits als Schreibweise ebenso für einen Blogger von Reiz ist, weil es Parallelen in der Darstellung gibt, und die andererseits nicht die Fiktionalisierung der Literatur, aber eben auch nicht plumpes Lebensprotokoll ist, vertrauter zu machen. Sondern wo sich die Prozesse des Denkens zeigen. Der Essay als Form eben. Frankfurt rules!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s