Gone, but without the wind – Dahlems Südsee und die Indianer in der Ethnologischen Sammlung

Wer je vom „Wunsch, Indianer zu werden“, besessen war, so der Titel einer Erzählung Kafkas, der wird in unbändiger Vorfreude nach Dahlem gereist sein, um die Räume der ethnologischen Sammlung zu bestaunen. Gar nicht weit von diesem Museum entfernt, in der Grunewaldstraße, wohnte die letzten Jahre seines Lebens Franz Kafka. Zwar wurde das Museum in Dahlem bereits 1921 fertiggestellt, und so hätten Kafka und seine Geliebte Dora Diamant durchaus in den Hallen spazieren können, aber bezugsfertig waren die Räume erst fünf Jahre später. Insofern konnte Kafka all die fremden Objekte aus Übersee nicht mehr betrachten. Es hätte ihm, der das Außergewöhnliche so genau zu beobachten verstand, vermutlich behagt, vor diesen – in seinen Augen – Sammelsurien fremder Welten zu verweilen. Nun ist seit gestern Schluß mit der Südseesammlung wie auch mit den Räumen zu Indien und den nordamerikanischen Indianern, weil der Umzug ins Humboldtforum vorbereitet wird. Keine Südseeboot mehr, kein Südseehaus. Keine Masken, Ketten, Armbänder und Lanzen, und die Totenschädel der Ahnen, die geschnitzten Seefahrpläne in Kisten verpackt und auf Jahre unsichtbar. Alles das soll ins Humboldtforum, sprich ins neue Berliner Stadtschloß verbracht werden.

Zum Schloß stehe ich relativ entspannt – zumal als Leser der Kafkaschen Prosa weiß ich gut von den Unerreichbarkeiten und den Landschaften aus Schnee. Mich stört das rekonstruierte preußische Stadtschloß nicht. Es gibt schlimmeres. Man hätte unbedingt den Palast der Republik lassen müssen – daß er in grobschlächtiger und Geschichte klittender Intention abgerissen wurde, ist der eigentliche Skandal. Alles andere, was sich z.B. in Mitte abspielt, ist mir gleichgültig. Nicht ganz gleichgültig jedoch ist mir der Umzug der ethnologischen Sammlung. Für Dahlem und für eine dezentrale Museumslandschaft, die nicht nur um der Touristen willen, sondern ebenso für die Bewohner dieser Stadt („Völker der Welt“ tönt es noch in meinen Ohren. Ach, die gute alte schlechte Zeit) geschaffen sein sollte, ist der Auszug ein herber Verlust. Zumal sich im Völkerkundemuseum Objekte und Räume auf eine fast magische Weise verbunden haben. Das wird andernorts und in dieser Tradition so nicht wiederholbar sein. Das Dunkle der Südseeräume, das Abgelebte, die Patina, die sich über Ding und Raum gleichermaßen legte; die schönen, uns Europäern so fremden Boote, prachtvoll schnitzten ihre Erbauer Motive und Ornamente ins Holz; Schiffe, von denen man gar nicht glauben kann, daß mit ihnen der Ozean befahren wurde – „hochseetüchtig“ wie auf einer der Beschriftungen steht – das große Südseehaus in der Mitte des Saals, die Scharen von Kindern, die das Haus bestiegen und Eingeborene spielten oder darin bloß lungerten, die in die Boote sich hievten, die die Masken, die Amulette und Gefäße hinter den Glasvitrinen betrachteten.

Schiff_aus_Luf_1890_Berlin-Dahlem

Gleiches galt für die Erwachsenen, deren Phantasie das Museum entfachte. Ach, die Lust am Fetisch. Am magischen Objekt. Schwülstig aufgeladene Welten aus Dschungellandschaften, die wir zu den Objekten imaginierten, die Hitze der Tropen, Traumpfade fast, auf denen ich schritt und beschaute, ohne viel zu wissen, was sich real hinter den Dingen verbirgt und wozu sie einst dienten. Tot nun und aus ihrem sozialen Kontext gerissen, lagern sie hinter Glas in Vitrinen. Manchmal von Völkern fortgenommen, die es lange nicht mehr gibt, manchmal geraubt, ohne viel zu fragen. Und so wird von dem, was ansonsten der Vergessenheit anheimfiele, im Museum dennoch ein kleines Stück gewahrt. All die Lust und Freude, wenn wir das uns Fremde beschauen. Ein Stückchen Bildung natürlich, aber genauso lud ich dieses Vorhandene als ein für mich imaginär Zuhandenes auf. Auf diese Weise unter dem belebenden Blick befreien sich die Objekte von ihrem Dingcharakter und geraten in der Phantasie lebendig. Gar nicht tot, nicht mehr starr. Diese Spaziergängen nach Dahlem und das Flanieren durch Räume, die alltags und sogar an Wochenenden oft völlig leer waren, hören nun auf: vorbei auch diese Indianerjahre, die mit Kindheit, Prairie, lauern hinter Büschen und den Lederstrumpffilmen zu Weihnachten besetzt waren. Die letzten Tage war es in den Sälen noch einmal voll und viele Menschen kamen, um sich Fremdes anzuschauen, was nun verschwindet. Indianerschmuck, Büffelhaut, Tipis, die Bilder vom Sonnentanz.

Einen Teil der Objekte werden wir dann im Humboldt-Forum wiedersehen. Die Eröffnung ist auf den Dezember 2019 terminiert. Besser freilich wäre es gewesen, die Räume im Humboldt-Forum für solche Bilder, Objekte, Zeichnungen zu nutzen, die ansonsten in den Kammern und Depots der Museen verfaulen, ohne daß sie irgendwer zu Gesicht bekommt.

Es heißt nun Abschied zu nehmen von einer Berliner Institution. Traurig. Und dumm.

Aber es bleibt – zumindest in den Welten, wo wir zu Hause sind und uns gedeutet oder ungedeutet so unendlich gut auskennen – immer die Möglichkeitsform, der Optativ gar, daß alles ganz anders wäre und nichts, rein gar nichts so ist wie es ist: Unsere Fluchten und Himmelfahrten: sie spielen sich in der Phantasie, im Phantasma, eben im Ästhetischen ab:

„Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“ (Franz Kafka)

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Nachtrag: Ich müßte nun irgend etwas zu David Bowie schreiben. Das wird nun auf allen Kanälen, auf Blogs und in den Online-Zeitungen kommuniziert. Aber ich habe mit seiner Musik niemals etwas anfangen können. Insofern läßt mich sein Tod seltsam unberührt. Wie mir überhaupt der Tod von Popgrößen nicht sonderlich nahegeht. Es ist doch alles nur Pop.

Photographie Südseeboot: Andreas Praefcke – Eigenes Werk (auf Wikipedia)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Gone, but without the wind – Dahlems Südsee und die Indianer in der Ethnologischen Sammlung

  1. Uwe schreibt:

    In dem Erinnerungsbuch von Durs Grünbein „Die Jahre im Zoo“ gibt es ein eigenes Kapitel zur Indianer-Begeisterung in der DDR, insbesondere über die Neigung der Sachsen zur indianischen und wildwestlichen Phantasterei. Dort beschreibt er – ausgehend von einem versteckten Hinweis auf Kafkas Erzählung, einer Formulierungsspur sozusagen – ganz wunderbar die kindlichen „Prärien der Präpubertät“, die mit den Rollenvorbildern der nordamerikanischen Ureinwohner bevölkert waren. Ihm ging es, wie scheinbar Dir auch bei Deinen Besuchen des Museums, um die Liegeplätze der Phantasie, um das Hineinträumen in „jede nur denkbare Vergangenheit“.
    Daran dachte ich, als ich Deinen schönen und wehmütigen „Nachruf“ auf die ethnologischen Sammlungen in Dahlem las.
    Gruß, Uwe

  2. Aiko schreibt:

    Ach, Berlin und die Indiander. Da fällt mir Hannes Strohkopp ein. Als Frau kommt man leider auch hier zu kurz. Aber das ändert sich ja jetzt.
    Ich mochte diese Räume in Dahlem und bin dort immer gewesen, bei jedem Kurz-oder Langaufenthalt. Aber es ist natürlich eine Ideologie, die da der Kolonisator verbreitet und ich sehe mich doch auch als Frau auf der Seite der Kolonisierten, kolonisiert im Lande des Patriarchen und der Möchtegern-Patriarchen. Aus diesem Grunde hatte ich mir auch gewünscht, dass der Palast der Republik gerettet werde.
    Man sollte Albert Memmi wieder lesen. Oder Horst Eckert.
    Frohes Neues Jahr.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Uwe
    Danke für den Hinweis auf Grünbein. Das Buch liegt bereits auf dem Stapel. Ja, es ist genau diese Phantasie, die sich an die Dinge schmiegt, an Figuren, an Texte und Szenen aus Texten, die beim Lesen zu Bildern werden. Wie früher in den Indianergeschichten bei Karl May, die wir dann mit Figuren nachspielten. Im Grunde sind es immer die Visualisierungen. Kinder sind zunächst einmal Filmemacher, sie sind Theaterregisseure, sie sind Literaten und Maler. Das schöne eben an dieser Zeit. Alles zu sein. Und morgen etwas ganz anderes, nicht das festgelegt wäre.

    @Aiko
    Es ist richtig, daß Frauen in den Identifikationsangeboten der Bücher und Filme zu kurz kommen und daß unser Blick auf die Indianer zudem ein kolonialistischer ist. Wir sind eben, trotz aller Phantasien, keine Indianer. Doch der Wunsch, einer sein zu wollen, muß bereits von einer Sympathie zeugen wie auch von der idealisierenden Romantik, die das Grausame noch ausblenden kann. Ein wenig zumindest. Denn Krieg haben ja auch die Jungs gespielt.

    Die Ethnologische Sammlung (früher Völkerkundemuseum) ist ein verzauberter Ort. Geheimnisvoll die verschlossenen, verschlüsselten Objekte, die einstmals im Umgang benutzt wurden. Für fremde Völker waren es Dinge des Alltags, und wir betrachten sie nun und haben sie uns in irgend einer Weise zu eigen gemacht. Fremdes und Eigenes. Zugleich sind ethnologische Sammlungen eben auch problematische Orte, weil sie einen Umgang mit dem anderen zeigen, der von Gewalt, Raub, Landnahme geprägt war. Dieser Aspekt müßte in diesen Museen sehr viel deutlicher herausgestellt werden, anstatt bloß Objekte zu zeigen. Kultur erweist sich als komplexes Phänomen. Manches zeigt sie, anderes schließt sie aus. Und das Ausgeschlossene wirkt zugleich doch konstituierend.

  4. Aiko schreibt:

    Das Museum ist ein Topos, wie der Zoo. Aus der uns einmal umstellenden Wildnis wird ein zahmer Innenraum, in dem Natur ausgestellt wird und man sie sich ansehen kann. Und ebenso wird die Geschichte eingefangen im Museum. Alles Geschichtliche landet dort und kann mit Abstand betrachtet und umrundet werden. Lebendig waren diese Dinge in ihrem Gebrauch und da war man mitten drin – praktisch umstellt, eingeboren. Nur aus der gewaltsamen Überlegenheit der Stärkeren haben wir uns diese Dinge angeeignet, die Menschen enteignet und ihre Leben als Artefakte ausgestellt. Diese Boote und Werkzeuge bedeuteten alles für sie. Und nun sind sie entmachtet und tot – aber sie werden immer noch durch uns angeeignet, nun als Touristen im Südseeflair eines Resorts, das einer amerikanischen Hotelkette gehört.
    Zoo und Museum sind Orte, an denen das Historische die Herrschaft über die lebendige Natur und Geschichte antritt und so sind sie Zeugnisse für unsere Herrschaft über die Geschichte anderer Menschen und über die Natur. Das entzaubern solcher Orte ist ein Akt der Aufklärung. Aber es geschieht ja durch die Wirklichkeit selbst, denn das einmal Zerstörte lässt sich nicht wieder zum Leben erwecken.

  5. Bersarin schreibt:

    Lebendig sind Dinge nicht nur im Gebrauch, (oder vielleicht sogar: gerade dort nicht). Sie können es jedoch in der Phantasie bzw. für die Einbildungskraft werden. Im Gebrauch sind Dinge Gebrauchsgegenstände. Der Hammer, mit dem ich einen Nagel in die Wand schlage, ist in diesem Zusammenhang des Werkelns rein funktional. Erst im Abstand, wenn ich distanziere, entzündet sich so etwas wie Phantasie. Oder eben Theorie, die sich denkend versenkt, betrachtet, reflektiert.

    Zoos und Museen sind zwiespältige und widersprüchliche Orte. Sie sammeln und sie fesseln. Den Gegenstand wie das Tier auf eine nicht immer freundliche Weise, die Besucher, indem sie schauen und staunen. Richtig ist in der Tat, daß wie an diesen Orten unserer eigenen Herrschaft ansichtig werden könnten, wenn wir denn zu sehen gewillt sind. Dabei sind Museen zugleich immer auch die Orte, in denen sich die Selbst(re)präsentation einer Kultur wie auch deren Widersprüche manifestieren.

  6. thiessenjak schreibt:

    Echt Schade

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