Im Schneegestöber oder Pandämoneum Germanikum

CLOV: Es gibt so viele schreckliche Dinge.
HAMM: Nein, nein, es gibt gar nicht mehr so viele.
(S. Beckett, Fin de partie)

Jena im Jänner, Schneetrieb und Hofmeister Michael Lenz auf dem beschwerlichen Weg nach Weimar, den er sich hätte schenken können. Aber hinterher ist mancher schlauer. Oder Waldersbach. Was genau war die Peinlichkeit, das Inkriminierende oder Zudringende, das seinen Weggang aus der Dichterstadt unerläßlich machte? Wärmende Worte wohnen weich westwärts. Immer in mildes Licht getaucht. Versteht sich. Wer „mild“ schreibt, will vertuschen. Schillernd schildert Schiller Schilda schönfärberisch. Gute alte Idylle, als die Pferde noch wild ausschritten. Hoch zu Roß galoppierend durch die Waldeinsamkeit. Zwischen Winterreise und ihrer Haut, die mich fremd anzog. Reiten, reiten, immerzu. Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschkasten. Zusammen mit dem Leutnant von Leuthen. Sprechkurs für Schauspieler und Nachrichtensprecher. Alliterieren nach Abend. Alliterieren nach Auschwitz. Alliterieren auf Arsch. Adjektive ausnehmend sparsam ein-, nein sie besser aussetzen.

Dichtung nach Auschwitz, überhaupt die Kunst nach dem Metzeln und Morden – das war die Frage, die Adorno in den Fünfzigerjahren umtrieb, ihn wütend machte. Als ginge nach ein paar Bußesätzen und ritualisierten Einübungen, als Jargon der Eigentlichkeit und im Angerührt- und Ergriffensein gesprochen, im Kunstbetrieb alles gemütlich weiter wie bisher, und diese 12 Jahre seien bloß ein Betriebsunfall von Geschichte und Kultur. Ein kleiner Aussetzer eben. Diese Erkenntnis frißt auch den noch an, der sie ausspricht. Und die sowieso, auf die sie ausgespuckt wird. Als gingen die Sprachspiele munter weiter. Als sollte die Scham sie überleben. Und das tat sie. Es lief alles wie bisher und weiterhin. Nicht weit von Jena steht der Ettersberg. Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Ich hatte mich da im April vor vier Jahren umgesehen und spazierte über das Gelände, als könne man an diesem Ort genauso mit dem Photoapparat flanieren wie in einer Großstadt, wo nur ab und zu der Mord ins Auge sticht, weil eine Reihe goldener Steine in den Gehweg gehauen sind, über die müde Füße gelangweilt laufen. Der Engel der Geschichte mit seinen strammen Flügeln ist eine viel beanspruchte und weitgereiste Person. So wirkt sein Blick irgendwann melancholisch umwölkt – vor Erschöpfung oder einfach nur aus dem Ennui heraus -, und er beginnt, sich jener Dürerschen Gestalt anzugleichen, die der Meister in den Stein ritzte, beflügelt, mit Lorbeer bekränzt, das Gesicht in den Arm gestützt, und ein Zirkel hängt lustlos in ihrer Hand, nicht mehr bereit, den Kosmos zu (re)konstruieren, so als fiele er alsbald zur Erde. Metamorphosen ins Gestaltlose, ins Amorphe. Erinnert mich an Morpheus, not Orpheus. Kein Gesang klingt, sondern es bleibt der Schlaf. Das Narkotikum. Heißt heuer Pop.

Auf dem Bergchen kurz vor Weimar aber schimmeln fragmentierte Gebäudelandschaften, das, was einst die Baracken waren,  es versinken die Steintrümmer, von Gras und Kraut überwachsen. Neben den Steinen ziehen sich gepflegte und begehbare Wege, damit die Fragmente aus Geschichtsgranit von den Besuchern betrachtet werden. Grau, vom Granit, vom Gras, Gras, Gras. Auseinandergeschrieben. Lies nicht mehr, schau! Schreibt manʼs auseinander, lesen wir Gas oder anagramatisch verdreht liegen wir in einem feinen Sarg (Was aber bleibt, stiftet Möbel Richter. Und seien es bloß die Erdmöbel), wenn wie in Paul Celans Gedicht nicht nur die Begriffe enggeführt werden. Erst der Audio-Guide und damit dann verbunden die Imago stellen das Lager in meiner Einbildungskraft wieder her. Vorher war es ein Feld. Da richten sich Turm und Haus und das Tor mit der Inschrift, dichterisch wohnet der Mensch. Kein Ding sei, wo das Wort gebricht?

Die Genickschußanlage für Russen im Arztzimmer, wo scheinbar die Untersuchungen stattfanden, getarnt, hinter dem Maß für die Körpergröße angebracht, ein Loch, fast unsichtbar, nur gelassen für den Gewehrlauf und für die Ruskis, Juden und Kommis, ist noch intakt. Lenz im Gebirge. Und wer auf dem Kopf geht, hat, folgt man Büchners Lenz, den Abgrund bekanntlich unter sich. „Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe.“ Sinnierte Hölderlin, damals noch im französischen Auftriebsstrom in seinen frühen Jahren. Vor Susette, vor Bordeaux und vor dem Irrsinn im Turm beim Tischler. In die Höhe fallen. Besser gut gefallen als schlecht gegangen. Tübingen, Jänner. Im Gebirg oder auf markiertem Waldwanderweg. Der in einer anderen Zeit bei der Reiter-SA zu Pferde sich fortbewegende ehemalige Bundespräsident Karl Carstens war später dann ein begeisterter Wanderer durch deutsche Landschaft. Heil Hitler, teurer Wandersfreund! Waldeinsamkeit – das deutsche Wort der Romantik. Mich interessiert die Befindlichkeitsprosa deutschsprachiger Literaten der Gegenwart nicht, nicht ihr Realismus zwischen Liebesleben und Berlin. Eher schon die Bernhardschen oder Heiner Müllerschen Scheiterungsaufschüttungen. Oder daß hinter der Geschichte noch eine Geschichte stecke und sich Räume und Behältnisse fürs Assoziative und Phantastische öffneten: eine Ästhetik des Widerstands. Freier Fall ist Kür. Dasein ist Pflicht – und sei es nur einen Augenblick, vielleicht nur ein Gedicht lang. Es gibt zu viele davon. Die Futtertröge aber sind spärlich aufgestellt. Wo aber nehme ich, im Winter, wenn es frostet und Schnee und Reif Losung wie Blätter bedecken, die Worte und das Geld? Die Prosa vieler der jungen Männer und Frauen – beileibe aber und zum Glück nicht aller – ist öde. Mehr oder weniger. Hält nicht. Nicht auf Dauer. Es ist so müßig. Jeder ein Ich, vom ausufernden Daseinsnarzißmus erfaßt, jede ein Scheitelpunkt. Am Ende: ein Scheiterpunkt. Nein, reime ich nicht. Das ist mir so aus der Tastatur gerutscht. Ja. Geschieht leider zu oft. „Haarflaum in der Abfickzone“ ist eigentlich ein guter Titel für einen schmalen Lyrikband. Dein goldenes Schamhaar, Grete. Während ich aus dem Sächsischen heraus und in das Thüringische hinein gleite, nimmt der Schneesturm ab. In Jena ist Frühling.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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Eine Antwort zu Im Schneegestöber oder Pandämoneum Germanikum

  1. Bersarin schreibt:

    Lieber Nörgler, leider werden die Kommentare zu den einzelnen Bildern nicht in der rechten Kommentarspalte angezeigt. Weshalb das in WordPress so ist, weiß ich nicht, bekomme das auch nicht geändert.

    Wer also lesen will, was der Nörgler schrieb, der schaue sich das rechte Bild in der 5. Reihe an. Fast ist gerade diese Figur zu schade, um sie einfach in der Galerie untergehen zu lassen. Ich poste es heute zu einem Text mit dazu. Wiederholen, erinnern, durcharbeiten, bleibt das Diktum des Gesellschaft denkenden Theoretikers.

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