Jahresendzeitfiguren oder auch: vom Erzählen – Hamburg unter dem Vollmond

Figura bedeutet Gestalt und Erscheinung. Es steckt in dem Begriff „Figur“ zugleich aber etwas Gespensterhaftes. Ein Wiedergängertum lauert, ein lebloses, reflexhaftes und dennoch irgendwie lebendes Wesen, das spukhaft umherstreift und jederzeit wiederzukehren bereit ist. Etwas Erstarrtes. Figur erinnert mich unter anderem an jene zentimeterhohen Plastikteile, mit denen wir Kinder in den 70ern spielten: mal Indianer mit Lanzen, mal Kreuzritter mit Axt und Schild,Wehrmachtssoldaten in Feldgrau. Oder als Gestalt und Erscheinung ein Golem, geschaffen aus Erde, in Prag, doch am Ende belebt, Arbeiten verrichtend, Aufgaben ausführend. Schutz bietend und magisches Wesen, das durch die Kraft der Buchstaben wirkt. (Erinnern Sie sich noch an die winzigen Buchstaben, die jener Täter unter die Fingernägel schob, um eine Botschaft und einen Code zu erzeugen und die der Special Agent dann bei der Autopsie mit der Pinzette unter den Fingernägeln der Leiche herauszog?)

Doch ebenso weist diese figura auf die Fiktion, auf die Hoffnung, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein von den Realien geknechtetes Wesen ist, und in dieser Art erfolgt die Belebung der Phantasie bis hin zum Phantasma. So spielen wir. Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt, so konzipierte Schiller idealistisch, aber nicht ganz falsch: Homo ludens.

Ich mag die in der Öffentlichkeit breitgespreizten Jahresrückblicke nicht, ich halte nichts von der ritualisierten Revue. Wohin schauen? Was sichten? Welche Bücher auswählen? Welche Ereignisse? Ich habe das alles bereits wieder vergessen, und da ich glücklicherweise kein Redakteur bei „Menschen, Bilder, Emotionen“ bin, kann ich mich guten Gewissens der Selektion enthalten. Wie schön! Ich lebe im Augenblick, und mich interessieren gelesene Bücher lediglich dann, wenn ich sie in bestimmte Konstellationen einfüge, wenn sie zu einem bestimmten Thema passen oder wenn ich eine Kritik schreibe und mit weisem Auge betrachte, was in einem Werk sich zuträgt. Mich interessiert nicht der Plot, sondern die Sprache eines Buches, sein Gemachtsein, wie es gearbeitet ist und vor allem jene Phase, in der es über seinen Schöpfer hinauswächst. Fantaisie, Phantasia, ein realistischer Phantasmus, eine Phantasmagorie.

Eines der Jahresthemen waren die Texte von Karl Ove Knausgård. Mein Groll gegen dieses Schreiben und Erzählen resultiert daraus, daß hier der Optimierungsslogan „Simplify your life“ als ästhetisches Prinzip in die Literatur einzieht. Hinter diesen Texten steckt eine hochkonservative und biedere Auffassung von Kunst; eine Literatur des Trivialen. Was Proust noch in eine komplexe Anordnung brachte, angereichert mit Philosophie, unter der Optik des Lebens ästhetisch verdichtet – ein Reflex auf jene Zeit und den Verlust, aber doch geschickt konstruiert und auskomponiert , das reduziert sich bei Knausgård in unmittelbaren Ausdruck. Im Modus eins-zu-eins dampft sich Literatur auf pure Emotionen ein: Wir waren dabei und schauten einem Leben zu. Die Leser verfallen in seinen Texten – Romane kann man sie im Grunde nicht nennen, Tagebuch aber ebenso wenig – einer regressiven Kunst, die nicht einmal mehr Kunst sein will. Es wacht wie der Schießhund und ordnungsneurotisch der Autor über seinen Text, über jedes Geschehen, hockt da mit seiner Tastaturwaffe, Herr über die Lebensregungen. Die Wiedergeburt des Autors aus dem Geist der Privatberichterstattung. Bei Knausgård geschieht dieses Lebensprotokoll ohne Trick, Raffinesse und doppelten Boden.

Erzählen jedoch heißt, ein mehrdimensionales Gefüge namens Roman zu erzeugen, wo sich die Horizontale der Zeit mit der Vertikale unterschiedlicher Bewußtseinströme durchdringt. Zeit und Erzählung bedeuten, Subjektpositionen zu destruieren und zu unterminieren, erzählerisch anzutäuschen, eine schöne Lüge aufzutischen, die im selben Atemzug beansprucht wahr zu sein. Erzählen heißt immer auch: Lügen. (In einem guten Sinne. Lob der Lüge.) Doch diese Aspekte kann man naturgemäß nicht proklamieren, sondern man muß sie konkret in den Texten nachweisen. Anhand von Knausgårds Texten läßt sich jedoch bis ins Detail demonstrieren, worin die Schwäche des Realismus liegt, und – sozusagen ex negativo – und aus seinem Text wieder herausfindend, was es eigentlich bedeutet, wenn wir erzählen. Die Urfunktion des Menschen, um Welt zu bannen und zu organisieren. Und im Laufe der Geschichte in Raffinement ausdifferenziert. Torpediert immer wieder von den regressiven Tendenzen und dem Mangel an Mut. Mehr zu diesem Komplex des Narrativen im nächsten Jahr.

Flanieren. Zwischen den Jahren. Ich schlendere durch die Straßen des Schanzenviertels, an meinem „Café unter den Linden“ vorbei, kehre um, öffne die Tür und auf eine Tasse doppelten Espresso mit einem Küchlein kurz ins schöne Café hinein, und da sitzt sie mit ihren blonden Haaren. Sie gestikuliert elegant, die Betonung der Wörter passend zum Rhythmus der Hand gesetzt, und ich denke mir, ich werde einer Erscheinung teilhaft. Als hätte ich diese Frau in einem ganz anderen Leben bereits einmal schon getroffen und gespürt. Später dann habe ich Gott im Stein gesehen, als Schrift, als Menetekel auf dem Gemäuer. Ich habe ihn zwar nicht gesucht. Aber bemerkt. So verharrt ich vor dem Gebäude, betrachtete die Markierung. Gemalt – als Name oder einfach als Begriff mit Bedeutung – über dem Portal. In Jean Pauls „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei“, heißt es:

„Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner – er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den größten Vater verloren, neben dem unermeßlichen Leichnam der Natur, den kein Weltgeist regt und zusammenhält, und der im Grabe wächset; und er trauert so lange, bis er sich selber abbröckelt von der Leiche. Die ganze Welt ruht vor ihm wie die große, halb im Sande liegende ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne Maske der gestaltlosen Ewigkeit.“

In diesen Kältezonen, nah dem Nordlicht, nah dem grünen Leuchten, nah dem Polarlicht, das wild zuckt, flackert und lustvoll züngelt, wollen wir unsere Textkörper betten. Nicht beten. (Haha, der alte Kalauer vom Buß- und Betttag.) Es hilft nichts. Wir sind in der Regel sehr alleine in dieser Welt. Am Ende. Selbst wenn in dieser letzten Stunde eine unsere Hand hielte. Wir hatten nur das Denken, den Geist, den Körper. Ich erinnere mich in dieser Phase, wenn ein Jahr abspannt, ans Flanieren auf der Pfaueninsel, einmal herum um das Eiland, das so sanft und königlich abgeschieden in der Havel treibt (sofern nicht die Besuchergruppen strömen), ich erinnere mich an ihre feine Hand, ihren wilden Mund, an eine Nacht im Steigenberger, in der Badewanne und vorher in der Hotel-Bar süffelten wir mehrere Drinks auf Gin-Basis. „Du schmeckst nach Gin!“, behauptete sie. „Das müssen Schriftsteller auch“, so sprach ich mit meiner vor Klugheit trunkenen Stimme.

Dort wo jetzt die Schrift vom G.o.t.t. prangt, stand damals, in einer Zeit als es kein Internet gab und Nachrichten lediglich mit Hilfe eines altmodischen, in der Wohnung fest installierten Telefons übermittelt wurden, das „Subito“ – es war Bar, Lokal, Club und Aufenthaltsraum. Alles in einem. Ausgerechnet dort nun ragt dieser Schriftzug. Das Tanzlokal jedoch ist lange schon geschlossen, und wer an der Tür vorbeigeht und die Geschichten nicht kennt, der geht einfach nur an irgendeiner Tür vorbei. Verschollen im Bermuda-Dreieck. Wo in den 80ern die Punk-Musik dröhnte, der Kicker ständig in Beschlag war, die Kugel ins Tor krachte und irgendwann einmal in jenen goldenen Zeiten die Decke einstürzte, und alle lachten und lachten. Bierschwemme. Die wunderbaren Jahre. Punk, Protest und Theoriegebäude, jeder ein Pop-Dozent oder gar ein kleiner französischer Meister, ein Foucault oder Derrida, „im Kopf, die Wirrkopfmelodien, zum hundersten Mal, von Walter Benjamin“ (F.S.K.). Wenn nicht sogar ein Künstler. Aber vielleicht heißt der Schriftzug einfach nur: G.O. und dann folgen zwei Kreuze. Der Gott, der seinen eigenen Tod schreibt. Die Botschaften zu dechiffrierten, die im Dickicht der Städte als Zeichen oder Begriffe an die Häuserwände als Graffiti oder Markierung geschrieben wurden, ist die Aufgabe des Dichters. Tagging and reading. Closed.

Meine persönliche Antiklimax, diese Woche gelesen: Ulf Poschardt in Springers „Welt“ – jene Zeitung, in der Matthias Matussek im Grunde genau richtig plaziert war. Schade daß er gehen mußte. Wenn der Poschi die Backen dick macht und uns einen bläst, dann trötet der unverkrampfte Nationalstolz: „was für ein jahr, was für ein irrsinn, was für ein tolles land wir sind (abgesehen von den naziidioten)“ Schreibt der Poschi auf Facebook, um seinen mit Kulturversatzstücken von Hölderlin bis Heidegger angeranztes Artikelchen in der „Welt“ anzuposaunen und den Neoliberalismus zu predigen: „Damit die Integration derjenigen, die bleiben dürfen, gelingt, muss auch das Arbeitsrecht amerikanischer werden und das Steuersystem.“ Das Palaver des Liberalala und die immer gleichen Allgemeinplätze. Nein Poschardt, da irrst Du Dich: dialektisch zu denken, heißt nicht „Alles hat zwei Seiten, und sie haben auch noch viel miteinander zu tun.“ Das ist so Dialektik wie nicht einmal die Bengels in der Untersekunda im ersten Jahr Philosophiekurs sich Dialektik ausmalen. Halbbildung ist nicht die Hälfte, sondern das Gegenteil von Bildung. Da nützt auch die ins Affirmative gebogene Patmos-Hymne von Hölderlin nichts.

Halten wir uns in diesem Falle an Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab. In diesem Sinne wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern ein gutes und halbwegs brauchbares neues Jahr.


[Harmonie freilich ist, das wissen wir seit dem Stück von Tocotronic, auch bloß eine Strategie.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Jahresendzeitfiguren oder auch: vom Erzählen – Hamburg unter dem Vollmond

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Harmonie

    Wie tönt die Harmonie so fein!
    Das Leben – ein Männergesangsverein!

    Die Maestros Proust und Knausgard sind damit so ziemlich genau beschrieben: Proust dirigiert Schönberg und Knausgard singt bei „Harmonie“ die zweite Stimme.

    Ein P.S. nur so nebenbei: In einem Krankenhaus etablierte sich übrigens einst eine Friseuse, die auf den den Vornamen Monika hörte. So nannte sie dann auch ihren Salon: Haarmoni! (Hahaha Moni, gutes Sprachspiel! Schenkelklopf, schenkelklopf)
    Los Karl Ove falls dir dein HAAR nicht mehr gefallet, MONI wartet. Da biste richtig.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich habe nicht einmal etwas dagegen, wenn Menschen ihr Leben aufschreiben oder in irgend einer Form protokollieren, was sie aßen, wen sie wann liebten, welche Bücher sie lasen. Nur ich will das nicht als Literatur lesen, die dann vom Feuilleton hochgejazzt wird, als schriebe da unser Wunderkind. Ich würde gerne eine mich überzeugende Kritik lesen, die es mir einsichtig macht, weshalb wir diese Bücher lesen sollten. Ich lobe einen Preis aus!

  3. holio schreibt:

    Ich hatte hier mal in zugegeben ungewöhnlicher Form aufgeschrieben, was man daran finden kann. Vielleicht wird mich der letzte Band „Kämpfen“ noch einmal verlocken, weil es die Zeit nach seiner Berühmtwerdung behandeln soll, zu Lesungen jetten, endloses Signieren und ein Treffen in Telgte mit Günter Grass möglicherweise.

  4. Bersarin schreibt:

    Sofern solche Dialoge entstehen, ist das doch mal was. Macht aber den Knausgard eben nicht besser. Auch dieser Dialog hat mich literaturästhetisch nicht hinreichend überzeugt.

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