Nach Syrien und andernorts

Falamaleikum
falamaleitum
falnamaleutum
fallnamalsooovielleutum
wennabereinmalderkrieglanggenugausist
sindallewiederda.
oderfehlteiner?
(Ernst Jandl im Jahre 1966, aus dem Gedichtband „Laut und Luise“)

Das Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht. Gedichte dienen nicht zur Propaganda. Nicht einmal für die der guten Sache. Dennoch sind auch Gedichte eine Waffe, und es können sich diese Laute und Töne all jene hinter ihre Journalistenlöffelohren schmieren, die nicht früh genug die Menschen dazu manipulieren möchten, in die Tornado-Flieger zu springen oder eine positive Haltung zum Krieg zu entwickeln. Freilich ohne selber ihren praktischen Kriegspart zu leisten (unsere Leistungsträger) – schließlich ist es in den Redaktionsstuben der sogenannten selbsternannten Eliten hinreichend gemütlich. Immer frei nach der Devise: „Hannemann, geh Du voran. Unsere Söhne stell’n sich hinten an.“ Ich denke da nur an Richard Herzinger („Die Zeit“, „Die Welt“) und andere Mitglieder von Atlantik-Brücken, die in ihren Verlautbarungsorganen namens Zeitung trommeln und trommeln und trommeln. „Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken, wie sie lügen!“ Das zumindest ist Motto der „Jungen Welt“. Es ist ein gutes Motto, und es gibt im Mainstream des Zeitungseinerleis zum Glück immer noch die Gegenstimmen. Man muß sie freilich suchen. Jandl war einer, der den Mund wie auch die Sprache auftat. Lustvoll.

Jandl-Revolver

Wer Jandl live erleben durfte, so wie ich zuletzt Anfang der Neunzigerjahre, zusammen mit der wilden, klugen und hegelianisch-esoterischen Tatjana in der Hamburger Markthalle, möchte diese Gedichte gar nicht mehr lesen, sondern sie hören, hören, hören. Oder eine Jemandin liest sie einem anderen Jemand vor. Im Bett – aneinander geschmiegt. Diese Haltung ist die literarische, ästhetizistische Form des Bed-In wie John Lennon und Yoko Ono es praktizierten. Wir haben uns im August diesen Jahres aus Alban Nikolai Herbsts „Meere“ vorgelesen. All die scharfen Stellen. Ich bin, als Adorno gewohnter Essayist und ansonsten die karge Kost Kants löffelnd, sehr rot geworden.

„Laßt keinen General in euch aufkommen! Macht Karten, keine Photos oder Zeichnungen! Seid der rosarote Panther, und liebt euch wie Wespe und Orchidee, Katze und Pavian.“ (G. Deleuze/F. Guattari: Rhizom)

Propaganda der Tat eben. Anschreiben gegen deren Kriege, gegen deren trompeten und trommeln.

PS: Die Pose Jandls auf der Photographie gefällt mir. Es ist zudem eine feine Hommage an jenes Revolver-Photo von Jean Cocteau.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Nach Syrien und andernorts

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Ich war ja durchhaus überzeugt von einer Aktion gegen den IS, bei dem auch kriegerische Methoden zur Verbrechensbekämpfung als ein Teil von notwendigen Maßnahmen stattfinden müssen. Denn den IS kann man ja als organisierte Kriminalität verstehen. Und ich hatte mich ja sehr deutlich gegen altlinke Naivität gewandt, die den Terrorkapitalist IS als Ausdruck der Verdammten dieser Erde ansieht.

    Aber nun gibt es nur fotogene Starts mit schinkelkreuzbewehrten Tornados; und über die viel wichtigere Methode gegen organisierte Kriminalität – nämlich das Trockenlegen des Sumpfes, des Umfelds – spricht keiner mehr. Ja, man geht Putin sogar dann an, wenn er mal die Wahrheit sagt, nämlich die, dass der IS-Ölhandel via Türkei gelaufen ist. Und „unsere“ Verbündeten am Golf vernebeln die eigene Rolle bei der IS-Anschubfinanzierung durch irgendwelche Antiterrorkoalitionen. Fragt mich beim nächsten Mal, ihr Saudis, das hättet ihr preiswerter haben können. Vom Waffenhandel ganz zu schweigen.
    „Deutsche Waffen, deutsches Geld –
    morden mit in aller Welt.“
    hieß es einst auf den Golfkriegsdemos 1990/91. Wurde als zu verkürzt, als naive Simpelei kritisiert. Heute wissen wir: Bescheidenste Fotografie mit sehr viel Tiefenschärfe. Denn genauso ist es. Ein Teil des deutschen Bruttosozialproduktes wird gerade in Nahost verkonsumiert und verlangt nach Nachschub. Da werden Heckler und Koch doch sicher eine diesbezügliche Weihnachtsbotschaft für die Front haben. Wenn es nicht wahr wäre, man dürfte es ob der grobschlächtigen Metapher nicht erfinden. Aber in der Tat feiern Waffenmanager das Friedensfest und singen Choräle. Nun danket alle Gott. Jau, mook wie!
    Es war immerhin Heiner Geissler, der schon 1992 (!) feststellte, dass in „Kuwait wieder alles so schlimm ist, wie vor dem Krieg“. Genau darauf werden wir uns wieder freuen können.

    Schade und das ist noch viel zu schwach ausgedrückt.
    Die entstandene, komplexe Wirklichkeit in Syrien war die Gelegenheit für den Westen, mal über die eigene, durchaus nicht immer gute Rolle in Nahost nachzudenken. Darüber, dass geheimdienstermittelte „Informationen“ evtl. doch nicht so aussagekräftig sind und man dann aufgrund solcher „Informationen“ Entscheidungen trifft, die einem massiv auf die Füsse fallen. Aber Herzinger und Nachdenken – naja. Da sind ehe immer die Anderen schuld. Und um solche Schuldsprüche zu untermauern, lässt er verbal die Jets anrollen. Nichts ist so gefährlich wie die Dummheit der Gescheiten.

  2. Bersarin schreibt:

    Auch ich bin nicht prinzipiell gegen den Einsatz von Militär. Aber es ist genau wie Du schreibst: beim Daisch (IS) handelt es sich um eine halb staatliche, halb kriminelle Organisation. Zunächst sollte man also die Sümpfe trockenlegen. Das bedeutet: wie müssen uns über Saudi-Arabien, Katar und die Türkei unterhalten. Ebenso über die Rolle der USA, die den Daisch anfangs finanzierte. Hier Themen zu schaffen, ist die Aufgabe von Zeitungen. Statt jede Handlung Putins mit Argusaugen zu überwachen. Hatte der Spiegel“ ein Cover wie „Stoppt Putin jetzt“ auch bei Bushs völkerrechtwidrigem Angriffskrieg gegen den Irak gemacht? Oder nach Guantanamo, nach Abu Ghraib? „Stoppt Bush jetzt“?

    Unsere Aufgabe, bzw. die der Medien: Vielleicht auch mal den Balken im eigenen Auge sehen. Wären übrigens die Geflüchteten nach Europa gekommen, weil Rußland im Irak einmarschierte und einen failed state hinterließ und in Libyen das Chaos herbeibombte, dann wüßte ich, wie die Berichte im Fernsehen und in den Zeitungen usw. aussähen. Wir könnten uns sicher sein, ich welchem Tone Claus Kleber faselte, Herzinger, Kohler, Joffe et al. schrieben. Interessant aber, wie die USA, die hauptverantwortlich für ein ungeheures Chaos im Nahen und Mittleren Osten ist, aus der Schußline bzw. der Berichterstattung herausgehalten wird. Gleiches gilt, wie Du schriebst, für die Rüstungs- und Waffenindustrie. Ob nun Heckler & Koch oder Halliburton – all die Kriegsgewinnler.

    Nein, ich gehöre nicht zu den Putin-Verstehern. Allerdings verteufele ich ihn ebensowenig. Er ist, wie auch Bush und Obama ein Machtpolitiker. Teils sehr viel berechenbarer als seine Pendants in den USA. In Syrien hätte man bereits 2011 MIT Putin und dem Iran verhandeln müssen. Es ist ein Skandal, daß dies nicht geschah. Daß es hier durchaus Möglichkeiten und Anknüpfungen gab, versäumt ein großer Teil der Presse darzustellen – vor allem die Mainstream-Medien, die von den meisten rezipiert werden. DAS ist es, eine tendenzielle und einseitige Berichterstattung, was ich den Medien ankreide. Es ist Hofberichterstattung.

    Von vierter Gewalt ist in den meisten Zeitungen und im Fernsehen nichts zu bemerken. Und spricht man es an, so tönt von den Journalisten unisono das große Mimimimi. Gleiches gilt für die Berichte über die Ukraine und Griechenland. Mal sehen, was nun kommt, wo Portugal eine linke Regierung hat. Aber auch hier wird man, wie in Griechenland über EU-Vorgaben vermutlich eine linke Regierung dazu benutzen, Sozialabbau zu betreiben. Die Zeitungen werden uns aber etwas ganz anderes berichten.

    Kommentare zu Putin und zur Rolle Rußlands, wie sie von Aly in der „Berliner Zeitung“ oder Eugen Ruge 2014 in der „Zeit“ kamen, sind leider eine Seltenheit.

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