Die Schwierigkeit der Liebe in den Zeiten des Klassenkampfes – Nora Bossong „36,9°“

Bossong_24898_MR1.inddAntonio Gramsci in einen Roman zu versetzen, scheint ein gewagtes Experiment – zumal das, was mit dem Namen Gramsci verbunden ist, heute wenigen etwas sagt. Gerade wegen solcher Schwierigkeiten könnte ein Buch über ihn Lust bereiten, den von Marx inspirierten Philosophen wieder zu entdecken. Nicht nur als literarische Figur. Sondern befeuert durch eine Erzählung, versenkt sich der angefixte Leser in postmarxistische Theorie. Einen Versuch wäre es wert! Leider mißlang es Nora Bossong, auch nur das geringste Interesse für Gramsci zu wecken. Bloß keine Theorie, bloß nichts Komplexes, bloß keine Literatur, die irgendwie nach Musils Essayismus oder ausgreifender Konstruktion riechen könnte.

Knapp einen Meter fünfzig Länge maß er und trug einen Buckel mit sich herum. Von der Familie wurde das Gramscikind an einen Deckenbalken gehängt, damit der Körper sich zurechtwüchse. Von oben hatte er in der sardischen Hütte einen guten Blick. Der Süden war warm und die Sitten rauh, und Armut ist bekanntlich ein großer Glanz aus Innen. ‚Das wächst sich wieder raus‘ wurde ganz unmetaphorisch genommen. Doch es half nichts, nichts tat sich: Gramsci blieb klein, Gramsci blieb krumm. Die Tücken des Körpers hinderten ihn jedoch nicht daran, politisch aktiv zu agieren. Ganz im Gegenteil: wo es mit der sinnlichen Schönheit und der Anmut in körperlicher Form weit her ist, muß ein anderes Prinzip greifen. Gramsci gründete mit seinen Genossen in Italien eine KP, schrieb für Zeitungen, wirkte als Intellektueller.

In den frühen 20ern besuchte Gramsci im revolutionären Rußland ein Sanatorium, um ein Nervenleide zu kurieren. Dort lernte er Julia Schucht kennen, die später seine Frau wurde; sie zeugten zwei Kinder, wie es Revolutionäre gerne tun. Ja, so war sie damals – die heteronormative Matrix. Keine Critical Sabbelness, sondern konkrete Taten in Krisen. Statt Privilegien zu checken, kurierte Gramsci sich aus, zeugte, reiste 1924 nach Italien, um den Kampf gegen Mussolini aufzunehmen und wurde 1926 verhaftet. Gramsci verbrachte im Knast der Mussolini-Faschisten über zehn Jahre, schwerkrank am Ende, und starb nach seiner Entlassung, die die Faschisten aus der Sorge heraus betrieben hatten, einen Märtyrer zu erzeugen. Im Knast entstanden jene Gefängnishefte. (In einer günstigen Taschenbuchausgabe des Argument Verlages zu kaufen.)

Bossong beschreibt einen körperlich Leidenden, der sich trotz seiner Beschränkungen zum Handeln aufrafft und sich zugleich von Körpergebrechen zu Sanatorium, zu Haft, Krankheit und Tod hangelt. Im Knast verfällt Gramscis Körper, als wäre Grünewalds faulgrüner Kreuzesjesus sozialistischer Revolteur geworden. Eine Passionsgeschichte schreibt Bossong einerseits, und sie schildert – simpel zusammengefaßt – ein Martyrium, als Plot aufgezogen, fast wie eine Heiligengeschichte andererseits – ein Mann, der sich für die Revolution opfert. Das läuft nicht ohne Liebe zu den Menschen. Liebe ist freilich nicht nur abstrakt, sondern immer auch konkret: Da geht ihm in Moskau diese eine, nur die eine Frau durch den Kopf: Julia, Julia, Julia, so kreisen die Gedanken Gramscis, und Bossong zeigt diesen Taumel in Liebe, indem sie eine Seite mit Julias Namen füllt, so wie wir iterierend im Inneren in unserem Liebesirrsinn den Namen der Geliebten vor uns hinsummen, den wir aufladen, wenn die schönen und umschwärmenden Wörter und Lyrik fehlen, die den Leib mit Sprache ausfüllen, ein Name, wie ein Mantra fast: der eine Name nur und immerzu im Kopfe verwirrt er Gramsci. Die politische Arbeit oder diese Frau? Da ist die Revolution und da ist Julia. Was zählt? Für diese Brüche und Widersprüche zwischen revolutionärem Handeln und Liebestat findet Bossong eine intensive Sprache.

„Wenn es sie nicht gäbe, wenn sie verschwände (aber derlei darf er sich nicht vorstellen), wäre die Welt nur ein Stein, der durchs Nichts fällt.“

Das steht auf der Grenze, aber den Kitsch umschifft Bossong in solchen Szenen. Platt und trivial liest dieser Komplex sich nicht. Und doch reiste Gramsci zurück nach Italien, warf sich dort in die Arbeit. Aber das politische Geschehen kommt in Bossongs Buch nur am Rande vor, wie überhaupt die Philosophie Gramscis und Gesellschaft weitgehend unter den Tisch fallen. Bossong interessiert sich für etwas anderes: den Körper. Der Titel des Buches deutet es bereits an. Es ist die Standardtemperatur, der wohltemperierte Körper, sein normaler Wärmezustand. Aber in Gramsci steckt eben auch das Abweichende, Sonderbare, das, was im Körper genommen nicht die Norm ist. Der Mensch, der Widrigkeiten trotzt – die Sinnlichkeit zugunsten eines anderen Momentes zurückstellend. Körperschmerz und Körperlust durchziehen dieses Buch.

Parallel zu Gramscis Körper-Passionsgeschichte und seiner tiefen, aber traurig gescheiterten Liebe zu Julia Schucht montiert Bossong den Wissenschaftlers Anton Stöver, der uns in die Gegenwart versetzt. Kind einer 68er-Ehe, eine marxistisch-unorthodoxe Mutter mit Faible für die Schriften Gramscis, später dann sind es die Texte des heiligen Thomas. Das typische linksliberale Milieu. Anton ist ein inzwischen zynischer Mittvierziger, der Wert auf Stil legt. Er ist ein kluges, intellektuelles, überhebliches Arschloch – akademisch gescheitert freilich, denn die Karriere zog an ihm vorbei. Seine Frau Hedda betrügt er – selbst während ihrer Schwangerschaft. Die Ehe ist zerrüttet und wird nur noch durch das gemeinsame Kind und die neubürgerliche Fassade im provinziellen Göttingen gehalten. Ein Mensch für die Familie ist Anton beileibe nicht; ein Mann, der Verantwortung übernimmt, ebensowenig. Im Grunde Kind geblieben und seinem Begehren ausgeliefert. Hedda hingegen – das ist die flügge gewordene und nun dem linksintellektuellen Studentenmilieu entwachsene Postblitzspießbürgerlichkeit mit dem Klavier und dem Eigenheim und all den Begehrungen nach dem guten Leben. Den Namen Hedda dürfte Bossong in Anspielung auf Ibsen gewählt haben. Nur daß es in diesem Plot, in diesem Mittelklassemilieu anders herum läuft: Die Frau ist die Ungeliebte. Die Lästige, die mit ihren Ansprüchen das bequeme Leben des Herrn Stöver stört.

Stöver erhält nun, um irgendwie noch die ausgebliebenen akademische Meriten zu erwerben, die Aufgabe, in Rom nach einem verschollen geglaubten 33. Gefängnisheft Gramscis zu fahnden. Dort in den hitzeflimmernden Straßen des Südens begegnet er immer wieder einer mysteriösen Unbekannten, die er Tatjana nennt – sozusagen in Parallelführung zu Gramscis Schwägerin Tanja Schucht, die sich in Rom aufopfernd um Gramsci kümmerte und für ihn der Kontakt zur Außenwelt und vor allem zu seiner Frau Julia und seinen Kindern war. Antons Rom-Episode ist der schwächste Teil des Romans und liest sich (teils) wie eine Kolportage. Die Poncho-Frau Tatjana oder die Vorladung in die russische Botschaft bleiben an der Oberfläche und wirken wie schlecht konstruierter Mystery-Touch oder ein teutonisch derber Umberto Eco: Wo ist das verschollenen Heft, wer alles sucht es? Eigentlich nebensächlich und als Strang nur eingebaut, um überhaupt noch einen nennenswerten Bezug zur Gegenwart und zu Gramsci herzustellen, der über Antons Fickgeschichten hinausreicht. Erzählerisch kraftlos gestaltet, lieblos skizziert, flau kombiniert.

Das ist schade, denn eigentlich wäre gerade hier mehr möglich gewesen, und es hätte die Story auch politisch noch einmal Fahrt aufnehmen können, wagte Bossong etwas mehr und gelangte über die Ich-Befindlichkeit der in Rom chronisch unterfickten Antonfigur hinaus. Da retten keine höheren Wesen und auch die spärlich eingestreuten Leckerbissen nicht mehr viel: Wenn zwei Menschen einander kennenlernen – was für Prosa und Poesie prinzipiell ein dankbares Sujet ist, das es zu verfolgen gilt – samt den rückgeblendeten Liebesszenarien nach Göttingen oder Moskau, die durchaus einen zarten poetischen Ton mit sich führen: „dass im Übrigen ein Körper keine Berührung speicherte, sondern süchtig danach wurde.“ Das trifft, das sitzt, das ist es – Liebe, Liebe, Liebe, all you need. Gut geschaut, gut gespürt, gut geschrieben.

Diesen Part beherrscht Nora Bossong. Das Love-Ding meistert sie – ganz Bürgerliche – gut. (Insofern eine schöne Assonanz, daß sie mit Vornamen Nora heißt) Das Gesellschaftliche jedoch verflüchtigt sich unter ihrer Feder. Das Suchtmoment in der Liebe wie auch im politischen Kampf wird als Thema zwar immer einmal wieder über Bande oder direkt angespielt und in Parallele gezoomt, zerfasert sich dann aber. Das Private ist politisch konstituiert? Mitnichten. Das Politische ist leider nur privatistisch genommen und liest sich für das überindividualisierte Publikum genau als solches. Sehr bürgerlich eben. Der Bürger, der es gerne wäre und den es inzwischen nicht mehr gibt, ist eben kein Prolet. Das zeigt sich auch in den Schreibvorgängen. Nun läßt sich aber der Bitterfelder Weg nicht mehr nachholen. Wenngleich es manchem Schriftsteller nicht schadete, ein Zeit in der Produktion zu verbringen. Rimbaud gleichsam materialistisch gewendet.

Der Körper in Gestalt des zunächst verwachsenen und dann hinfälligen Gramsci oder des sexvitalen Anton ist jedoch nur vordergründig das Thema und im Grunde ein Bild, das für etwas anderes steht. Etwas, das mit der Körperlichkeit, sozusagen mit Haut und Haaren, tief verbunden ist. Bossong schrieb ein Buch über die Liebe; sie zerfällt nach zwei Seiten: Die kalte Rastlosigkeit Antons und die Schwierigkeiten der Liebe in den Zeiten des Klassenkampfes. Die Liebe zum Menschen als Passion – das zumindest zeigt das Gramsci-Motiv. Am Ende scheitern beide Varianten der Liebe, weil sie hinter Bildern und in Phrasen versinkt oder über den bloßen Narzißmus samt Ichfixierung nicht hinauskommt. „Keine Ferne macht dich schwierig …“ gilt eben nicht für eine Fernbeziehung zwischen Moskau und Rom. Oder es sind Plattitüden wie die des Priesters bei der Trauung Antons und Heddas, wenn er predigt, den 1. Korinther ohne Saft und als Routine in die Kirchengemeine näselnd, daß die Liebe nimmer aufhöret. Doch in solchem Moment ist die Liebe lange erloschen. Hervor bricht sie – als Theorie – erst am Ende, wenn aus dem Gefängnisheft zitiert wird: „Der gesellschaftlichen Liebe geht stets die bedingungslose Liebe zu einem einzigen Menschen voraus.“ Antagonismus der Gesellschaft oder dialektische Paradoxie, wie sie schon Adorno im Hinblick auf ein Subjekt entfaltete, das noch nicht ist, aber doch einzige Voraussetzung für eine emanzipierte Gesellschaft zu sein hätte?

Doch die Liebe verdorrte: Antons Lieblosigkeit und das Primat der Politik bei Gramsci. Aber was hatten Julia und Gramsci für eine Wahl? Dazu kommt der eigentümlich kalte Gelehrte Brevi, der Antons Archiv-Jagd auf das verschollene Gefängnisheft überwacht. Ein Mann der Theorie, für ihn bedeutet Liebe eine kalte Randnotiz im Text. Doch das, was Brevi am Ende des Buches doziert, bleibt bei Bossong thesenhaft und hineingepreßt. Der Schluß des Buches wirkt auf mich, als schwebte ein Abgabetermin im Hintergrund.

Die Brüche des Jahrhunderts? In Literatur schwierig zu stemmen; deshalb ist es nicht verkehrt, wenn Bossong den geschundenen Leib zum Gegenstand der Erzählung und zum Schlachtfeld macht. Die Brüche im Individuum? Der Mensch in der Revolte? Oder revoltiert der Mensch selbst, kehrt sein Inneres nach außen? Verwachsen nicht nur der Buckel, sondern das Zeitalter insgesamt. Solche deformierten Figuren sind in der Literatur nicht neu, und sie sind interessant, nimmt man etwa Melvilles Ahab, Hugos Glöckner, Gregor Samsa oder den bekanntesten Zwerg der Weltliteratur: Oskar Matzerath. In diese Reihe könnte man nach Nora Bossongs Roman ebenso Antonio Gramsci stellen.

Aber sie gebraucht die Figur Gramsci lediglich als eine Art MacGuffin. Für das, was der Roman eigentlich erzählen will, benötige diese Prosa die historische Figur im Grunde nicht. Schade. Schade auch deshalb, weil in dem Buch gutes Potential steckt und Bossong eine schöne, ausdrucksstarke Sprache pflegt. Daß sie Lyrikerin ist, merkt man der Prosa an. Dennoch hat Nora Bossong bei einem Thema, das sich als Roman bestens ausfahren ließe, eine Chance vertan. In der Konzeption von Bossong steht der Name Gramsci für nichts weiter als ein abstraktes Prinzip.

Gramsci bleibt blaß und merkwürdig konturlos. Selbst in seinen letzten Lebensjahren im Knast – Schmerzensmann der ausgebliebenen Revolution, ein Christus mit Schreibgerät – gelangt kein rechtes Leben in die Figur des Verfalls. Sicherlich, es gibt Ausnahmen: wenn etwa jene andere Dimension der Zeit erzählt wird, die im Gefängnis herrscht, wenn Bossong die unüberwindliche Distanz zwischen Julia und Gramsci beschreibt: wo sehnen nur noch im Kopfe sich abspielen kann, weil zwei Körper unerreichbar getrennt leben und es bleiben werden. Im Gesamt sind mir diese Schlußszenen jedoch zu sehr proklamatorischer Natur. Der Schreibschulenpropagandasatz der reinen Lehre „Show, don’t tell!“ wurde zwar (teils) berücksichtigt. Doch mit Ernst Blochs Satz geächzt, der das benennt, wofür die Griechen in ihrer Sprache den Optativ verwendeten: Etwas fehlt!

Nora Bossong, 36,9°, Hanser Verlag, EUR 19,90 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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