Jena Paradies – Urbane Räume (11)

Zwischen Jenas literarischer Romantik und dem Hauptbahnhof Jena Paradies liegt eine gedehnte Spanne an Zeit, die man in Epochen schneiden kann. Unüberbrückbar eigentlich, und wenn ich Bruno Preisendörfers Buch lese „Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit“, möchte ich als Weltflüchtender und bei aller innerlichen Idealisierung abgelebter Zonen in jener Phase zwischen Sturm und Drang, Frühromantik und Weimarer Klassik nicht gelebt haben – nicht einmal mit allem Fürstenkomfort. Höchstens im ästhetischen Phantasma oder als Phantasmagorie, wie sie Walter Benjamin in seinen Baudelaire- und Paris-Studien beschreibt. Wer sich in eine Vergangenheit weiter als 50 Jahre zurücksehnt, sollte immer die irgendwann anstehende Zahnbehandlung vor Augen haben. Noch in den 60ern wurde beim Dentisten mit Lachgas behandelt. Nicht wirklich lustig. Wie es Hegel, Kleist oder Hölderlin erging, möchte ich weder wissen noch spüren. Gegen die Schmerzen einer Zahnbehandlung waren die Wehen, die Susette Gontard dem Herzen Hölderlins verschaffte, gering anzusetzen und aushaltbar. Ungleich kürzer ist die Reisezeit zwischen Berlin und Jena, sofern sie innerhalb derselben Raum/Zeit-Stelle stattfindet. Mit dem Auto fahre ich knapp über zwei Stunden. Kurz vor dem Fläming beginnt ein heftiges Schneetreiben. Die Sicht reicht keine hundert Meter weit, die Straße ist naß und rutschig. Das Thermometer zeigt den Gefrierpunkt an, so daß ich meine Geschwindigkeit drosseln muß.

15_11_28_P_5_10275

 Jena, im Oktober 1806 – Der Donner der französischen Kanonen hallte aus der Ferne der Hügel, und Hegel klaubte seine letzten Manuskriptblätter der „Phänomenologie des Geistes“ zusammen. Es ist jene legendäre „Vorrede“, in der er, wie bei allen seinen Vorreden und Einleitungen, zwar betonte, daß Vorreden und Einleitungen „bei einer philosophischen Schrift nicht nur überflüssig, sondern um der Natur der philosophischen Sache willen sogar unpassend und zweckwidrig“ seien, weil sie nun einmal nicht die Sache selbst seien, sondern vorbereitendes Denken, aber wie bei allen Hegelschen Vorreden und Einleitungen enthielten diese Präliminarien im Gang des Geistes und des Denkens wesentliche Aspekte seiner Philosophie. So könnte ein Roman anfangen. Vielleicht als irrsinnige Verwechslungskomödie, wie Manuskripte vertauscht werden und aus Literatur plötzlich Philosophie wird, weil eine Vorrede in ein ganz anderes Buch hineinschlittert und ein Bildungsroman der Weimarer Klassik sich in eine Beckettsche Abstraktion verwandelt, eine Reduktion jeglicher Handlung auf die reine Form, die Abbreviatur erzählerischen Schweifens, das aus Jean Pauls „Siebenkäs“-Konstellation ein Endspiel mit fünf Personen bereitet. Siebenkäs, Leibgeber, Stiefel, Lenette und Natalie. Im Stil der Screwball Comedy. „Das Genießen des Anderen, des Andern mit einem großen A, des Körpers des Anderen, der ihn symbolisiert, ist nicht das Zeichen der Liebe.“

 Die Tinte noch nicht trocken, so mutmaße ich, den Plot dramatisierend, während ich mir das mir bisher unbekannte Jena imaginiere, Restromantiker von Statur, Resterampen von Theorie, Restposten in den Passagen, Kaufland, Kaufkraft, Kaufrausch, Schillerpassage, Schnellspurt aufs Risiko, während vor mir das Schneegestöber dichter und dichter kaltes Weiß zeigt, eine flirrende Wand und es nimmt Ausmaße an, daß ich mein Fahrtempo weiter drosseln muß, brachte Hegel die letzten Seiten dieses grandiosen Werkes in Sicherheit. Ich klemme zu dicht am Wagen vor mir. Das langsame Geschiebe, das sich auf der mittleren Spur abspielt, bringt mich gegen den langsamen Autofahrer vor mir auf. Weshalb benutzt er nicht die freie rechte Spur? Nur mit dem Licht hupen, denke ich mir, kein dichtes Auffahren, mehr ist nicht drin, in den Seitenspiegel blicken, Nacken steifen, Schulterblick links setzen, blinken, das Gaspedal durchtreten, Kickdown, ausscheren. Ich überhole, der Mann präsentiert mir einen veritablen Fuck-Finger und glotzt aggressiv. Neben ihm eine Frau, ich versuche einen Blick zu … Nichts möglich, Augen geradeaus wieder auf und den Blick auf die Fahrbahn werfen. Ich sprinte, schere dann scharf nach rechts wieder auf die mittlere Spur und setze mich dicht vor den Fuck-Finger, hoffend, daß die Nässe ihm die Scheiben zuschmiert und fette Schneeschlieren macht. Er versucht, sich an mich dranzuhängen. Als Stunden später die Franzosen plündernd in die kleine, aber doch bedeutende Universitätsstadt einzogen, in der einst Fichte, Schiller Schelling lehrten und nun Hegel seine Vorlesungen abhielt, wo knapp vor dem Jahrhundertwechsel die Gebrüder Schlegel in ihrem frühromantischen Kreis die Einbildungskraft ins Kraut schießen ließen, stand Hegel am Fenster und betrachtete jenen Augenblick, der Geschichte prägte oder zumindest einen Teil von Geschichte ausmachte. Nein, Hegel sagte über Napoleon Bonaparte niemals „Weltgeist zu Pferde“, wie gerne und oft die Anekdote fehlerhaft von Generation zu Generation und von Leser zu Leserin weitergereicht wird und bis heute geschrieben steht, sondern im Jahre 1806, als die französische Armee unter Napoleon die Preußen bei Jena und Auerstadt vernichtend schlug, berichtete Herr Hegel am 13.10.1806 an seinen Freund Niethammer: „Den Kaiser, – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; – es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ Wie sehr doch auch für Hegel Geschichte am Ende am einzelnen Faktum, am Individuum hängt. „Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag.“

15_11_28_P_5_10294

Wir durchqueren die Zonen. Hogarths Schönheitslinie ist am Ende bloß eine S-förmig gefädelte Autostraße, die sich über die Thüringischen Hügel hin nach Jena zieht. Am 25. Januar 1793 schrieb Schiller aus Jena an seinen Freund Körner:

„Denn eben darin zeigt sich die Schönheit in ihrem höchsten Glanze, wenn sie die logische Natur ihres Objekts überwindet; und wie kann sie überwinden, wo kein Widerstand ist? Wie kann sie dem völlig farblosen Stoff ihre Form erteilen? Ich bin wenigstens überzeugt, daß die Schönheit nur die Form einer Form ist und daß das, was man ihren Stoff nennt, schlechterdings ein geformter Stoff sein muß. Die Vollkommenheit ist die Form eines Stoffes, die Schönheit hingegen ist die Form dieser Vollkommenheit: die sich also gegen die Schönheit wie der Stoff zu der Form verhält.“

 80 Jahre später wird Nietzsche vom Schein des Scheins sprechen – einer Potenzierung und Verabgründung, in der die Form in den Strudel einer radikalen Ästhetik gerissen wird, die die Welt unter der Optik der Kunst betrachtet und Dasein einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sieht.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Ästhetische Theorie, Fetzen des Alltags abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Jena Paradies – Urbane Räume (11)

  1. MBe schreibt:

    Der Papagei der Minerva …

  2. Uwe schreibt:

    Die Jahrmarkt-Bilder hätten als selbständige Serie einen eigenen Text verdient, einen, der, obzwar im Hier und Heute verortet, nicht ohne Restromantik wäre, und mit gebrochenen Augen und scharfen Schnitten das Sichtbare in eine Wortfolge brächte, vielleicht unter dem Titel „Fideles Entsetzen oder: Der Rummel zwischen Lockung und Absturz“.
    Die Fotos jedenfalls geben einiges her, sowohl in ihren Motiven (auch jenen hintergründigen des Fotografen) und Standpunkten als auch in ihrer Ausschnittwahl und der seriellen Darbietung.
    Ich selbst besuche diese Kulissenwelten ja gar nicht mehr, aber wenn ich von ihnen lese oder sie in Bildern sehe, überkommt mich manchmal eine Wehmut, der wahrscheinlich diffuse Kindheitserfahrungen zugrundeliegen, die später dann von einschlägigen Lektüreerlebnissen literarisch überhöht wurden. Eine interessante Gemengelage aus Worten, Bildern, Erinnerungen, Fiktionen. Und nicht zu vergessen: Was hatten die Surrealisten für eine Lust an solchem Budenzauber!
    Gruß, Uwe

  3. Bersarin schreibt:

    @ MBe: Schönes Bild. Aber wann fliegt der Vogel? Wenn eine Gestalt des Lebens bunt geworden ist oder wenn es dem Vogel zu bunt wurde? Für die Romantik eigentlich nicht unpassend, dieser Vogel.

    @ Uwe: Ich habe zunächst überlegt, den Rummel als eigene Serie zu machen, aber da der Weihnachtsmarkt ebenso Bestandteil meines Flanierens war, brachte ich alles in eins. Ein zweiter Jena-Teil folgt demnächst.

    Das Spiel, der Jahrmarkt, der Zirkus – alles das, was sich den Zwecken der Kunst entzieht und was nicht bedeutungsvoll sein will. Das lockte sicherlich die Surrealisten. Zugleich aber wirkt ein Rummel merkwürdig aus der Zeit gefallen. Sich überlebende Unterhaltung angesichts neuer Medien.

    Besonders ansprechend finde ich es, am Vormittag über den Hamburger Winterdom zu gehen, wenn die Karusselle, die Achterbahnen, die Losbuden, die Bratwurststände noch nicht geöffnet haben. Über der Szene liegt eine feine Melancholie. Diesen Zustand des Erwachens zu photographieren und in diesen Moment sich zu begeben, versetzt den Photographen in einen exzeptionellen Zustand. Daseinsentragung. Danebenstehen und auf die Leere schauen. Aber diese Leere, da wo sonst Menschen sich tummeln, hat etwas Anziehendes. So auch dieser Rummel in Jena, der zunächst schlecht besucht war.

    Beste Grüße zurück nach Hamburg.

  4. Uwe schreibt:

    Wenn Du den Dom so schätzt, wenn auch vornehmlich als Fotomotiv, dann könnte ein erhebendes Lektüreerlebnis sein: Joachim Maass, Das magische Jahr (1945), darin der Autor seine Kindheit und Jugend in HaHa beschreibt, unter anderem auch ein Besuch des Winter-Doms, dieser „Budenstadt der tausend Überraschungen, Wunder und Genüsse“. Besonders eindrücklich die Schilderung der Geisterbahn, dieser „Burg des Grauens“, in dem der achtjährige Junge das Gruseln erlernt, mehr als ihm lieb ist. Für einen, der Hamburg besonders zugeneigt ist, bietet dieses Buch ohnehin viel Lokal- und Mentalkolorit.

  5. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für diesen Tip.

  6. Aiko schreibt:

    Selbstbildnisse – interessant.

  7. Bersarin schreibt:

    Was ist schon das Selbst? Und das Ich in Geschichten ist ein wackeliges fragiles Gebilde. Ist, wer „ich“ sagt, schon Ich?

  8. Aiko schreibt:

    Walker Percy bezeichnete das Selbst als Loch im Kosmos.

  9. Bersarin schreibt:

    Ein schönes Bild. (Percy ist wohl auch einer der Schriftsteller, die relativ in Vergessenheit geraten sind.) Als Hegelianer mit Hang allerdings zur negativen Dialektik muß ich dieses Bild kritisieren, weil es auf so etwas wie Anthropologie hinausläuft und die Geschichte von Sujektivität, in der sich ein Selbst jeweils bildet, nicht im Blick hat.

  10. Aiko schreibt:

    Leider hat mir die falsche Übersetzung da wieder quer gespielt. Das Bild von Percy ist „Lost“ – das Selbst ist verloren im Kosmos und auch sonst wo. Und ein Loch ist da zwar durchaus eine angemessene Metapher, da ja dort, wo jetzt nichts ist man vermuten kann, dass da mal was war. Und aufgrund dieser Vermutung macht man sich dann auf die Suche nach dem Selbst. Das ist mir zu anstrengend und ich halte es da mit der Quantenverschränkung.

  11. holio schreibt:

    Herrlich!

  12. ziggev schreibt:

    Gut, dass das geklärt ist. Denn das „Loch im Universum“ übte auf mich einen eigenartigen Sog aus, wobei nicht gewiss ist, ob Anlass dazu die Vorstellung einer leibnitzschen Monade als unendliche Einheit, des Selbst in kierkegaardscher Konzeption, derzufolge es „nächst Gott […] nichts so Ewiges wie ein Selbst“ gibt, oder ob dazu die Vorstellung von einem Nichts überhaupt, als welches dieses Loch – abgesehen von seinen Rändern, die es deshalb einem Allgemeinplatz zufolge definieren – qua Negation des Kosmos seinen allesverschlingenden Schlund öffnet, Anlass gab, ein Sog, durch den der Kosmos, das Universum in der Vorstellung, eingesogen zu werden, sich zum Loche hin wie nach allen Seiten unendlich auszudehnen begann, das Selbst, jenes Loch also im Verhältnis und selbst immer kleiner, unendlich klein zu werden drohte, ohne je selbst ganz sich zu verschlingen.

    Dieses Selbst, tatsächlich „lost“ im Universum, also als unendlich Kleines, als Punkt, dem alles als unendlich groß erscheinen würde, der Mikrokosmos durchaus als der Makrokosmos (um Leibniz seinen Tribut zu zollen) oder gar gleich das ganze Universum. Und so begann ich mir ernstlich Sorgen um Percy zu machen. Es wäre ein erschreckender Selbst- bzw. Ichverlust qua unendlicher Zusammenschrumpfung, wie wir ihn gewöhnlich mit psychoaktiven Substanzen assoziieren, die kosmische Instant-Erfahrung des Universums, umso kosmischer, je kleiner das Selbst.

    Erleichterung also, dass es sich um einen Fehler bei der Übersetzung handelte. Wir können somit eins mit unserem konsolidierten, durchaus endlichen Selbst die Feiertage und die Zwischenjahreszeit samt familiärem Kirchenbesuch begehen. In diesem Sinne und an dieser Stelle also allseitige Grüße und hier natürlich besonders an den Blogbetreiber!

  13. Bersarin schreibt:

    Wenigstens eine geklärte Causa. Wie so oft, Derrida hätte seine große Freude, ein Fehler in der Übersetzung.

    Auch Dir, ziggev, als treuem Leser, viele Grüße und angenehme Feiertage.

  14. Aiko schreibt:

    Lost in Translation, gewissermaßen. Wie jetzt zwischen den Zeiten. Frohes Fest.

  15. Bersarin schreibt:

    Dir ebenso ein frohes Fest. Als großer Fan von Scarlett Johansson loste ich immer wieder gerne in den Translationen. (Sowieso ein ausgesprochen kluger und vielschichtiger Filmtitel.)

  16. Aiko schreibt:

    Danke.
    Ja. Ein sehr guter Film, der ja von Sofia Coppola produziert wurde. Drehbuch und Regie waren auch von ihr. Und ich mag alternde Schauspieler, wie Bill Murray, die sich in Japan rum treiben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s