Kommt nun der Kältebus der Literaturkritik?

„Die Einsamkeit wäre ein idealer Zustand, wenn man sich die Menschen aussuchen könnte, die man meidet.“ (Karl Kraus)

Im Blätterwald des Feuilletons ist das zum Glück anders. Ich kann mir auswählen, was ich lese. Dennoch ist manches unausweichlich, sticht ins Auge, läßt sich nicht übergehen, zumal dann, wenn ich eine Zeitung im Abonnement beziehe und sie am Donnerstag aus dem Briefkasten quillt. Ist nicht im Feld der Literatur und in den tückischen Weiten des Internets sowieso alles schlimm und schief genug gewachsen? Müssen es manche Zeitungen mit ihrer Titelseite noch furchtbarer machen? So dichtete, nein berichtete „Die Zeit“ Nr. 48 auf ihrer Seite 1: „Bücher gegen die Kälte. Je komplizierter die Welt, desto wichtiger die Literatur“ Eine der schlimmsten Überschriften und unsäglich bekloppt dazu. Je trivialer die Überschrift, desto tumber die Redaktion? Zeit des Winters – Zeit der Abokündigung? Der „Zeit“-Kältebus holt die Leser dort ab, wo sie frierend stehen und harren. Vielleicht meinte die „Zeit“ aber bloß, daß es Bücher gibt, die eher dazu taugen, Winters mit ihnen ein Feuerchen machen, um in die kalte Hütte Wärme zu zaubern. Denn allem Anfangsfeuer wohnt bekanntlich ein Anfangszauber inne. Ist in der Liebe, ist beim Lesen so. Während wir Abgeklärten müde lächeln. Aber nun: Love is in the air!

large

Auf der ersten Seite dieser Literaturbeilage sehen wir eine mittelalte, große Frau stehen, die konzentriert auf ihr Smartphone starrt. Das Bild ist in warmen Farben gehalten – wie auch die Photos auf der Doppelseite 4/5. Als Cover-Titel lesen wir: „Die Einfühlerin“. Bei der Dame handelt es sich um Leslie Jamison, und eine Seite weiter finden wir dann den Hinweis „Die Autorin des ‚Empathie-Tests‘ verfügt über die Gabe des Mitgefühls“. Ich bin froh, daß mir selber diese Gottesgabe in Sachen der Kritik und der Literaturbesprechungen abgeht. Ich bin froh, solche Interviews wie das mit Leslie Jamison nicht führen zu müssen. Wer nicht denken will, muß fühlen. Oder wie lautete der Spruch, der als Auswuchs schwarzer Pädagogik galt? Man fühlt nur mit dem Herzen gut, spricht eine sanfte Fuchsstimme einschmeichelnd. Gefühlsprosa, die inflationär bereits durchs Netz wabberte, kriecht nun also von der Blogwelt herüber ins Feuilleton herein. Bücher gegen die Kälte.

Zu Zeiten, wo Menschen von Literatur gewärmt, berührt, gestreichelt oder sonstwie betatscht werden wollen, passen solche Sätze allerdings ins Konzept, um die Kundenbindung zu erzeugen. Wobei ich selber den Kabelbinder vom Bauhaus im Sinne von „Shades of Grey“ bevorzuge. Wenn schon Kitsch, dann soll es körperlich wehtun, damit die Axt, die das gefrorene Meer aufbricht – auch eines jener beliebten Zitate, die als Pathosformel hoch gehandelt werden –, wenigstens real die Haut und vielleicht auch ein wenig die Seele ritzt. (Die Bücher des lieben Marquis de Sade oder Batailles Texte lasse ich mal außen vor, denn da befänden wir uns qualitativ bereits auf einer anderen Stufe.)

Zu solchem Zeit-Lese-und-Wellness-Zirkus paßt ebenso jener Wirbel, der seit einiger Zeit um die Bücher von Karl Ove Knausgård getrieben wird. Der Wunsch nach Authentizität, wenn Subjekt und Erfahrung in den immergleichen Standardsätzen repetitiv beschworen werden wieʼs asiatische Mantra für den gesättigten Westler, deutet darauf, daß von alledem im Grunde nichts übrig und das Subjekt lange schon ramponiert ist.

Knausgårds Prosa korrespondiert mit dem digitalen Zeitalter und der Subjektferne: die Verdinglichung von Leben im Schreibakt zu entdinglichen und ein Ich zu inszenieren als wäre wir mit dabei. Das, was die Schlegelsche Romantik Annihilation nannte. Aber dort eben besaß dieser Prozeß als ästhetische Tat noch Saft und Kraft, konzipierte sich als – freilich affirmatives – Aufhebungsgeschehen, während inzwischen die Literatur fast schon im Ratgebermodus auftrumpft, der uns das Leben des anderen vorführt. Ohne ein Mehr. Das kommt lesermäßig gut an. Knausgårds Text komplementiert Facebook wie Twitter -gleichsam als die andere Seite derselben Medaille. Das Schöne der Kunst erweist sich als das bloß Gefällige, das die Gefühlsregungen perfekt zu spiegeln hat. Im Westen nichts Neues.

Nein, ich habe ganz und gar nichts gegen das Fühlen, gegen Gefühl und Zuneigung. Wo es mir jedoch zu oft beschworen und wie ein Marschbefehl getrommelt wird, gerate ich skeptisch, weil es genau das Gegenteil vom eigentlich Gemeinten bedeutet. Ehemals gute Regungen werden instrumentalisiert. Es ist wie mit den Werten: je mehr sie als kollektives Moment herbeigeredet werden, desto ausgelutschter, hohler und leerer sind jene beschworenen Werte de facto. Wenn ihr authentisch und bei euch selbst sein wollt, dann gründet eine Familie, macht Liebe, heiratet, zeugt zwei oder drei Kinder, liebt die Menschen, die euch nahe sind, und versucht so zu leben, daß es euch gut geht und ihr anderen möglichst wenig schadet. Aber laßt um Gottes willen die Literatur mit diesen Dingen in Ruhe. Daß Authentizität im Bereich der Kunst nichts als ein großer Schwindel ist, können wir gut in den Stücken von René Pollesch lernen. Daß Authentizität zu den Kreativitätsimperativen gehört, damit die Menschen im Sinne der Selbstdisziplinierung ihre Arbeit als verlängertes Hobby sehen, das sie freiwillig und gerne betreiben, und mehrwertschaffend mittun, lesen wir bei Deleuze und Guattari.

Literatur ist, wie alles andere auch, eine Ware. Diese Lektion können wir ebenso mit nach Hause nehmen. Bei manchen Titeln für Literaturbeilagen wünschte ich, daß sie nie entstanden wären, wie man bei machen Schreibern wünscht, daß sie endlich aufhören zu dichten und Sprache hinzurichten. Ja, ja, das ist böse. Aber die Polemik ist nun einmal von alters her ein Mittel der Erkenntniskritik – da hilft kein Mimimi, sondern nur eines: Besser machen, anders machen. Und für die Literatur gilt: Gegenanschreiben und Wut, Wut, Wut. Kunst wird aus Zorn und Trauer gemacht, aus Widersprüchen gefertigt, nicht aus Lebensrealismus, der mir das erzählt, was ich sowieso schon weiß – von des Gedankens Blässe angekränkelt.

„Bücher gegen die Kälte. Je komplizierter die Welt, desto wichtiger die Literatur“: Wer offen für Literatur und Sprache ist, käme nie auf die Idee, solche Überschrift zu texten. Zumal: Wenn man diesen Slogan tatsächlich beim Wort nähme, so müßten in dieser Beilage ebenfalls Bücher rezensiert werden, die nicht nur tagesaktuell sind. Angemessen zu Rußland vielleicht Tolstois „Krieg und Frieden“, Isaak Babels „Die Reiterarmee“ oder zum politischen Islam von Winston Churchill „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi“, bei „Die Andere Bibliothek“ erschienen. Vielleicht einmal wieder einen Blick in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ geworfen oder Karl Krausʼ „Die letzten Tage der Menschheit“? Solche Bücher, die das Komplexe unserer Welt zum Inhalt haben und gerade dadurch realistisch sind, indem sie es sich sparen, Leben im Modus eins-zu-eins abzupinseln, kommen aber in der Beilage gar nicht vor. Nähme sich diese „Zeit“ -Ankündigung wenigstens ernst und zeigte uns Bücher, die nicht nur tagesaktuell auf den Markt geworfen werden! Keine Sicht auf Literatur, die Licht ins Komplizierte brächte, die auf Themen fokussierte, sondern bloß eine feuilletonistische Lesebeilage.

Postscriptum zum langsamen Kältetod: Immerhin regte mich die Besprechung des geschätzten Ulrich Greiner dazu an, mir Dorothy Bakers „Zwei Schwestern“ zu kaufen. Um so ärger dafür Marie Schmidts dumme Homestory zu Shumona Sinha. Solche Art von „Buchkritik“ – eigentlich darf man diese Art von Schreibe gar nicht mehr so nennen – könnte genausogut in der „Brigitte“ oder der „Gala“ stehen. Daß zudem die Lesungen Shumona Sinhas, auf die sich Marie Schmidt bezog, allesamt ausgefallen waren, auf diesen Umstand weist Holio in seinem Blog „ad acta“ hin. Schmidt schreibt über etwas, das in der Realität leider niemals stattfand. Vielleicht gibt es irgendwann auch Rezensionen zu Büchern, die niemals ein Schriftsteller schrieb. Eine sozusagen auf Feuilleton gemünzte Variante des Gonzo-Journalismus oder der Fake-Schreibe.

Die Photographie entstammt dem Twitteraccount von Wabbeldickwurst.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Literatur abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

27 Antworten zu Kommt nun der Kältebus der Literaturkritik?

  1. almathun schreibt:

    Warum leugnet die ZEIT den Klimawandel? Es ist nicht kalt, sondern viel zu warm.

  2. Bersarin schreibt:

    Hm, nicht schlecht. So kann man es auch sehen. In den Redaktionsstuben bei Glühweingeruch und Lebkuchengebäck: der Wunsch nach Winter, Schnee und Kälte.

  3. MBe schreibt:

    „Bücher gegen die Kälte“ Ich stelle mir gerade vor, wie wunderbar auch jemand wie Adorno gegen solch eine unsägliche Überschrift und den Ungeist, den sie ausstellt, polemisiert haben könnte.

    Die ZEIT scheint endgültig zur „Landlust der gebildeten Stände“ verkommen zu sein, wie Ekkehard Knörer unlängst meinte. (https://www.perlentaucher.de/essay/tatsaechlich-ein-desiderat.html)

  4. ohneeinander schreibt:

    Was für einen abscheuliche Botschaft mit dieser Überschrift vermittelt wird. Was sitzen da für Leute in der Redaktion? Hilfe.

  5. Aiko schreibt:

    Ich les‘ nur noch Bücher die kühlen. Also gegen den Geist der ZEIT.

  6. Tess schreibt:

    <>

  7. summacumlaudeblog schreibt:

    Dei ZEIT vergeht, die Kälte kommt, denn die Zeit weiß viele Dinge, dioe Kälte aber eine große Sache.

  8. Bersarin schreibt:

    @ MBe: Adorno wäre vermutlich etwas höflicher geblieben als ich und hätte zudem weiter und in die Tiefe gehend das Literaturferne solcher Überschriften im Detail erklärt. Jede Substanz von Kunst geht in solchem Gestus, wie es „Die Zeit“ pflegt, verloren. Gleiches gilt für die Literatur von Knausgård: Schulfall des Amusischen bzw. es fällt in dieser Art des Schreibens die Kunst hinter ihren avancierten Stand zurück. Befindlichkeitsprosa eben, es werden Herzensergießungen ausgetauscht. Ich werde mir demnächst wohl doch noch mal die Mühe einer detaillierten Knausgård-Zerlegung machen. Damit wir das dann endgültig durch den Häcksler gedreht haben.

    @ Ohneeinander: Ja, das könnte ebenso in einem Katalog der dämlichen Thalia-Buchhandlungen stehen, die ja in Wahrheit zu einer Parfumkette gehören.

    @ Aiko: So lese ich ebenfalls: „Birth of the cool“. Aber was bleibt dem Gemahl der Schneekönigin anderes übrig?

    @tess: DZvinwüievfiAzs. (Diese Zeichen verstehe ich nicht, wie überhaupt ich es verdinglichend finde, in Abkürzungen zu schreiben.)

  9. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude: Ich liebe ja die Kälte, den kalten, analytischen, schonungslosen Blick wie ihn Dr. Benn und Kafka pflegten. Wer hat ihn von den heutigen deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern? Ich grübele, es fallen mir wenige Gegenwartsautoren ein. Eigentlich keine. Marlene Streeruwitz vielleicht. Doch – es gibt sie. Bestimmt. Ich stehe nur gerade auf dem Schlauch. Im Assoziationsverfahren bleibt im Kopf eine leere weiße Fläche hängen. Schnee und tabula rasa. Wer welche weiß, nenne sie mir.

  10. Tess schreibt:

    Huch, Pardon! Ich hatte eine kleine themenferne Frage gestellt, nämlich ob Sie, Herr bersarin, die neue Zeitschrift für Literaturkritik ‚Die Wiederholung‘ kennen und was Sie davon halten? (und ferner, ob das, wie dort Literaturkritik stattfindet, Ihrer Vorstellung davon nahe kommt oder vielleicht auch nicht).

  11. Aiko schreibt:

    Kafka – der war nicht kalt. Aber Denken und gar analytisches Denken ist mehr oder weniger wie das Messer des Chirurgen und der Patient, also der Leser, sollte da schon betäubt sein durch die ersten Seiten. Und dann liest es sich wie im Flug. Ich hab’s ja mehr mit den Autoren und es muss da immer Witz dabei sein. Den finde ich bei Kafka auf jeden Fall, was aber auch mit meiner Herkunft zu tun hat und ich eben im Prager Gemüt aufgewachsen bin. Daniel Kehlmann lese ich gern – und lache dabei über die besondere Ironie. Marlene Streeruwitz ist eigentlich schon was Gestriges. Sorry. Dann lieber was wirklich Vorgestriges, aber hoch Aktuelles, wie Kafka oder Eich. Aber Eich ist ja Lyrik, die natürlich auch zur Literatur gehört. Aber eben Lyrik.

  12. Bersarin schreibt:

    @ Tess: Ich kenne einen Buchtitel gleichen Namens von Alain Robbe-Grillet, von Peter Handke und das Buch von Kierkegard. Letztere beide las ich in den 80er Jahren. Diese Zeitschrift ist mir unbekannt. Da kann ich Dir leider nicht weiterhelfen. Weil ich jedoch selber an einem Literaturmagazin beteiligt bin, das sich neu gründet, interessiere ich mich natürlich dafür, was „Mitbewerber“ so treiben, wie es im Neusprechmarketing heißt. Leider ist die Zeitschrift nicht online zugänglich, insofern kann ich zu diesem Heft nichts Substantielles sagen.

    @ Aiko: Nein, Kafka als Mensch war vermutlich nicht kalt, wenn ich den Biographien, insbesondere der von Stach folge. Doch war er sicherlich auch nicht einfach, wenn man die Episode mit Felice Bauer nimmt. Seine Prosa ist exakt und genau, was manche freilich mit Kälte gleichsetzen. Der Text seziert und beobachtet genau. Insbesondere das Gestische bei Kafka ist nicht gering zu nehmen. Kehlmann – na ja. Ich setze stilistisch einiges an ihm aus, zudem ist er mir im Ton zu bildungsbürgerlich bemüht. Allerdings ist „Die Vermessung der Welt“ ganz unterhaltsam, ich habe das Buch nicht ungerne gelesen. Aber zwischen gut und gelungen gibt es denn doch Differenzen.

  13. Tess schreibt:

    @Bersarin: Stimmt, genau deshalb, weil du sowas ja bald auch machst, habe ich gefragt. Hm, schade vielleicht bekommst du ja noch das erste Pilotheft? Das reguläre Abo soll ja im spätestens Mai nächstes Jahr kommen, ich habe erst eine Kritik lesen können (die zu Houellbecqs Unterwerfung von Chiara Caradonna) und die war nicht ganz unanspruchsvoll bzw. ungewohnt zu lesen, was ich aber prinzipiell begrüßenswert finde. Bin auch gespannt, welchen Weg ihr geht und ob das ähnlich anspruchsvoll wird.

  14. Tess schreibt:

    PS: Wobei Kritik in diesem speziellen Fall eigentlich nicht stimmt, es ist vielmehr eine Untersuchung hinsichtlich eines bestimmten Gegenstands des Buches, nämlich der Danksagung von ‚Unterwerfung‘, aber da ‚Die Wiederholung‘ ‚Zeitschrift für Literaturkritik‘ im Namen führt, ist mir das durchgerutscht.

  15. Aiko schreibt:

    Zur Literaturzeitschrift:
    http://diewiederholung.de/?page_id=76

    Nachdem ich Gerhard Neumann „Franz Kafka“ gelesen hatte, war mir der Stach einfach zu verfranzt. Zumal ich Stach’s ersten Kafka Versuch „Kafkas erotischer Mythos“ als mißlungen ansehe. Und seine Werbevideos fand ich dann zwar verständlich, aber eher abschreckend.

    Ja. „Die Vermessung der Welt“ ist nicht schlecht. Bei „Ich und Kaminski“ hatte ich zudem noch eine konkrete Verlegerperson vor Augen und hab‘ mich auch aus diesen Gründen köstlich amüsiert.

  16. Bersarin schreibt:

    @ Tess: Anspruch ist immer so eine Sache. Leider folgt darauf häufig der Abbruch. Da ich allerdings an Abos und Zeitschriften hier im Oikos bereits ersticke, so daß dieser zum Orcus gerät, und ich an einem mehr als großen, ich würde sogar sagen sehr großen Schreibprojekt namens „Buch“ sitze, das irgendwann in drei oder vier Jahren fertig sein könnte, weiß ich überhaupt nicht, wie ich das Lesepensum bewältigen soll. Da ich die dort besprochenen Bücher bis auf das von Houllebecq nicht kenne und mich in der ersten Recherche lediglich Dallmann interessiert, wird’s mit der Lektüre zunächst nichts. Die Ankündigung der Bandnummern allerdings scheint mir etwas wirr. Wenn nicht monatlich ein Heft erscheint, hat es keinen Sinn eine Bezeichnung wie 11/2015 zu wählen. Besser das Ding Ausgabe 1/2015 nennen!

    Michel Houellebecq ist einerseits interessant von der provokativen These her, andererseits ist „Unterwerfung“ literaturästhetisch doch ein schwaches Werk. Eher in den Thesen und im Ausblick scheint es mir anregend. Man müßte allerdings im Augenblick wohl eher die umgekehrte Variante schreiben: Europa unter dem Zeichen der rechtsnationalen bis faschistischen Diktaturen. Allerdings ist das von Houellebecq beschriebene Wahlergebnis eben das Resultat daraus, eine solche rechtnationale Regierung zu verhindern. Weniger literaturästhetisch und mehr in den politischen Diskursen Perspektiven eröffnend. Sieht man mal von der Huysmans-Geschichte ab. Aber die scheint mir eher ein Köder zu sein.

    @ Aiko: Stach mäandert, schweift und manche Trouvaille gelangt dabei ans Tageslicht. Kafkas Leben, teils mit filmischen Mitteln geschildert, wie die Kritik festhielt, gerät dabei plastisch und anschaulich. Das filmische Moment im Erzählen paßtzu Kafka ganz gut, wenn man Peter-André Alt, Kafka und der Film: Über kinematographisches Erzählen folgen mag. Das, was Stach tat, ist von der Schreibe schon gut gemacht. Allerdings weiß man am Ende der Lektüre häufig nicht mehr, wann was genau eigentlich war. Insofern ist die Stach-Biographie eher etwas für die eingefleischten Kafka-Freunde und das Verb verfranzen scheint mir schön-passend. Das Buch von Neumann kenne ich nicht. Der Untertitel klingt für den Foucault-Freund, der in mir steckt, reizvoll.

  17. Tess schreibt:

    Die 1 erschien auf dem Titel durchaus — http://i.imgur.com/FFbPLYI.jpg — nur eben gefolgt vom Monat der ersten Ausgabe und dem Jahr.

    (Sofern Interesse besteht, kann ich den erwähnten Artikel gern mal einscannen und dir zukommen lassen, ich käme allerdings erst nach Weihnachten dazu, so im Zeitraum zwischen den Jahren herum.)

  18. Bersarin schreibt:

    Eine unübliche und verwirrende Zählung, da es den Lesern egal ist, ob ein Heft nun im November oder im März erscheint, sofern es sich nicht, wie beim neuen „Merkur“, um eine Monatszeitschrift handelt.

    Es ist sehr freundlich von Dir, mir den Artikel einscannen zu wollen. Aber dennoch möchte ich von diesem Vorschlag keinen Gebrauch machen, da es sich hierbei um eine Urheberrechtsverletzung handelt. Insbesondere kleine Zeitschriften (aber natürlich auch die großen) sind auf den Verkauf ihrer Ausgaben angewiesen. Denn ansonsten gäbe es solche Print-Produkte irgendwann nicht mehr. Ich könnte nun einen langen Vortrag halten, weshalb ich von Raubkopien und Urheberrechtsverletzungen nichts halte. Sollte diese Zeitschrift kostenfrei sein, wäre es (vermutlich) etwas anderes. Dann kannst Du mir den Text gerne als Mail-Anhang zuschicken.

  19. Tess schreibt:

    Pfff…Das Pilotheft habe ich (mehr als ab-) bezahlt, indem ich für die Druckkosten gespendet habe, ich hielte es also für in Ordnung, wenn ich einen Artikel daraus weitergäbe, zumal die Zeitschrift noch kein Preisschild trägt, es handelt sich um ein Belegexpemplar, was ich in den Händen halte. Aber hey, ich ziehe das Angebot hiermit zurück, schönen Tag noch. . .

  20. Bersarin schreibt:

    Es ist das sehr freundlich und ich weiß das Angebot zu schätzen. Wenn die Zeitschrift umsonst ist, scheint mir der Fall anders gelagert. Allerdings darf auch aus Belegexemplaren nichts kopierend weitergegeben, ohne den Verlag bzw. die Urheber zu fragen. Da nützt auch ein subjektives Rechtsempfinden nichts, daß man für die Druckkosten gespendet hat. Diesem Empfinden steht am Ende die objektive Rechtslage gegenüber, die sich in der Regel als durchsetzungsfähiger erweist.

  21. Aiko schreibt:

    Nochmal zu Kafka und der Kälte – übrigens danke für diesen Hinweis, denn jetzt wird mir Helmut Lethen „Verhaltenslehren der Kälte“ lesbar, zumal da auch der Kafka auftaucht, wie er aber dem Carl Schmitt erschienen ist.
    Auf Gerhard Neumann wurde ich durch ein Geschenk der Siemens-Stiftung aufmerksam. Die Stiftung hat da einer nette Schriftenreihe mit kleinen Schmuckstücken. Und Neumann hat hier einen Titel herausgebracht „Verfehlte Anfänge und offenes Ende“ Franz Kafkas poetische Anthropologie, der mich sofort ansprach und mich an viele Anfänge denken ließ.

  22. ziggev schreibt:

    die Gute alte Tante SZ lobe ich mir, die sich nichteinmal zu schade gewesen ist, Chiromantie zu betreiben und etwa sich über den aussterbenden „spatelfingrigen“ Typus des ehrlichen, verlässlichen Handwerkers, Ingenieurs oder praktisch veranlagten Intellektuellen mit denselben Attributen zu beklagen. – Welche selbe unverdrossen alle Jahre wieder recht unverholen Enten in die Welt setzt. Es handelt sich offenbar um den Hang des Südländers (ich meinte jemanden, der in Süddeutschland lebt) zu Aberglauben und die seit Alters her als einzig angemessene bekannte Haltung zu demselben: nämlich eine spielerische. Robert Pfaller schrieb in neueren Tagen ganze Bücher, in denen er solchem eh´ bekannten Weisheiten unters Volk zu bringen suchte, Energiesparlampen bei Tageslicht: Wer Spielereien nicht ernst nehme, nicht ernst zu bleiben beim Spielen vermöge, der könne nicht spielen.

    Und so kommt es, dass „Die Zeit“ es nicht vermag, den Ernst der Lage zu erkennen: Bücher geben bei Verbrennungsversuchen, etwa in einem Kamin oder Kohleofen, eine recht geringe Verbrennungstemperatur ab, eigentlich kokeln sie eher so vor sich hin.

  23. Bersarin schreibt:

    Richtig, richtig: Die Wärme, die Bücher im Kamin spenden, ist gering, anders als Kohle haben Bücher einen schlechten Brennwert. Immerhin aber kann man Zeitungen dazu verwenden, das Holz im heimischen Kamin zum Flammen zu bringen. Mittlerweile gibt es Zeitungen, die muß man nicht einmal mehr lesen. Eigentlich fällt mir zum Feuilleton der „Zeit“ nicht einmal mehr passender Spott ein.

    @Aiko: Schade, die Siemensstiftung hat mir noch nichts geschenkt. Wird sie vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht tun.

  24. Aiko schreibt:

    @Brennwerte
    https://www.bauforumstahl.de/upload/documents/brandschutz/kennwerte/Heizwertpapier.pdf
    http://www.forstservicefuchs.de/pdf/Brennwerte.pdf
    So groß sind die Unterschiede zum Holz und zur Braunkohle auch nicht.

    @Ich könnte mich ja für Sie verwenden und ein Geschenk bei der Stiftung mal anfordern. Aber in der Weite des Internet geht das dann ja wohl eher ins Blaue.

    Ich bin da allerdings jetzt sehr dankbar für die Anregungen aus der Diskussion, also ehrlicherweise aus meinen Beiträgen :-) – denn Neumann hat ja eine schwer-teure Sammlung seiner Kafka-Lektüren mal herausgebracht und die werde ich mir doch noch zum Fest wünschen.
    http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php%3Frez_id%3D17486

    In diesem Sinn – ein Frohes Fest.

  25. holio schreibt:

    Glücklich, wer noch Freunde hat,
    die ihm was zum Feste schenken.
    Wir allein in Single-Platt‘
    müssen selber was erdenken.

    Ich erdachte mir zum Feste
    zwo Geschichten, nicht das Beste
    zwar, doch passt der Zinnsoldat
    und was vom Regierungsrat.

    Diese will ich einsam lesen,
    wenn die andern unterm Baum
    glauben an ein göttlich Wesen
    und mit Schein erfülln den Raum.

  26. Bersarin schreibt:

    @ Aiko: Das Geschenk ginge in der Weite und der Düsternis des Netzes verloren. Lost in translation, lost in the dark.

    Es ist bestimmt nicht uninteressant, in welcher Weise Neumann Kafka interpretiert, wobei 149 EUR ein stolzer Preis für ein Buch ist. Aber gut. Sammlerstück. Die Festschrift bei Klostermann zu Heidegger habe ich damals zu kaufen versäumt – nun gibt es sie nicht mehr

    Ebenfalls ein angenehmes Fest, sofern man sich nicht mehr liest. Allerdings sind es noch 13 Tage bis dahin. Da kann viel passieren.

  27. Bersarin schreibt:

    @ Holio
    Ganz wunderbar und fein, dieses Gedicht! Da haste einen gut für, so stelle ich mir Lyrik vor. Nicht O-Ton, nicht Oh-Ton, nicht Ah und ach und Töneklimpern, vom Pathosscheiß und stinkend nach Anfängerschweiß, keinen Poesiealbumsbedeutungsüberschiß, mit Sockenschußanlage und griechisch verweht, verdreht, verdichtet. So nach dem Motto, wie Monika Rinck gut und gelungen witzelte: „Kommt jetzt der Götterbote Herpes?“

    Ok, den Grünbeinpathos mag ich, den von Herbst manchmal, weil die ihr Handwerk wenigstens verstehen und nicht den letzten Scheiß ins Netz hauen und seiern. Ach, weites Feld.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s