Modestadt Wien – postmondäne Pose

Über der Stadt lag drückend die Augusthitze, staute sich in den Gassen, breitete sich bis in die letzten Winkel. Ein Brüten, das sich in Hausmauern senkte  – Teil einer kontinentalen Hitze voll Trockenheit und Dürre, Teil vom Balkan, mit Schwüle gesättigt. Eine für Körper und Denken schonungslose Mischung, zumal dann, wenn kein Windschub sich regt, nicht einmal der Donaukanal kühlte. Derart prosaisch-poetisch gestimmte, erwachte ich in meinem Hotelbett diesen Sommer in Wien aus unruhigen Träumen und schlug diesen Text sogleich in die Tastatur meines Schreibgerätes, um dann bei geöffnetem Fenster zu bemerken, daß Text und Sache auf unangenehme Weise sich deckten. Die Baudelaireschen Korrespondenzen und Zeichen der Natur schlagen hart auf, und wenn im Detail einer Szene, einer Geste oder einer Regung der Zusammenhang des Ganzen plötzlich und schußhaft als eine Chiffrenschrift sich abzeichnet, sitzt der Schock um so mächtiger: eine unwillkürliche Erinnerung, die in den Dingen ruht.

Wien!, so schrieb und schwärmte das „Zeit“-Magazin Nummer 46:

„Wien im Oktober 2015. Wir sind in die Stadt gereist, weil dort etwas passiert, etwas Unerwartetes. Freunde, denen man vorab von dieser Reise erzählt, sagen sehnsuchtsvoll, sie wollten mit. Und die Berliner, Hamburger oder Münchener, die schon da waren, erzählen, dass Wien die einzige Stadt sei, in die sie ohne guten Grund ziehen würden, ohne neuen Job, ohne neue Liebe. Einfach nur, weil es dort schön ist.“

Ich bin bereits im Juli 2014 nach Wien gereist, um diesen herbeigejubelten Wien-Hype der „Zeit“ gleich mal einzuhegen. Und andere sind es vermutlich schon lange vor mir. Es ist alles ein großer Irrtum und nichts als eine journalistische Schreibaufsteigerung. Nein: Wien ist kaa schöne Stadt, sang Georg Kreisler. Und am schönsten ist Wien bekanntlich ohne den notorisch-neurotischen Wiener, geht es in gleichnamigem Lied im Text weiter. Doch selbst ohne ist es noch schlimm genug. Eine Stadtlandschaft als Museumsdorf, eine gigantische Ansammlung an Verkaufsständen, Grinzing wirkt wie eine Filmkulisse, aus der sogleich irgend ein Bänkelsänger tritt und „Es muß ein Stück vom Himmel sein …“ ins Ohr des Besuchers nuschelt, dazu wird ein schlechter Touristen-Wein gereicht und auf der Fahrt in die Weinsaumeligkeiten die schreckliche Wohnsituation, der Karl-Marx-Hof, im Inneren eine Stadtwelt aus Zuckerguß, Pferdefuß und Pferdeäpfelgeruch, innerhalb des Rings, über allen Postkartenwipfeln ist nie Ruh. „Ach, die Wienerinnen sehen im Gesicht harsch aus und sind stutenbissig“, so sagte eine Berliner Freundin, die selber gerne andere Stuten beißt und meisterlich an Pferdchen zu mäkeln versteht, wo ich noch versonnen und romantisch dreinglotze, „Fotzenneid auf Außeraustriafrauen ist da symptomatisch“, sagte die Berlinische Freundin, während meine ostdeutsche Freundin behauptet, Graz sei Klassen schöner, weil Südflair und eigentlich fast schon zum Italia settentrionale gehörend, sagt meine norddeutsche Freundin, daß Österreich ein grundsätzlich unbereisbares Land sei und Wien insbesondere als Stadt unbehaglich und unmöglich. Die schmutzigen Ecken hinter dem Südbahnhof, Armut und der Atem des Balkans wehen mir entgegen, dahinter fängt die Ukraine an, Austerität und Austria, tremoliert es in mir. Ich lebte nicht auch Hitler jahrelang in Wien? Überhaupt.

Bereits die Ankunft am Flughafen läßt zu wünschen übrig und assoziiert im Verlauf des Prozedere eine leichte Lautverschiebung: Es wird aus Wien-Schwechat ein Fluchhafen, wenn man es norddeutsch nimmt, so wie wir Weihnachten immer dachten, es gäbe eine schimpfende Ente, wenn Muttern zu uns Kindern mit norddeutschem Timbre in der Stimme sprach, nachdem wir bettelten, was auf den weihnachtlichen Teller käme, am ersten Weihnachtstag gebe es Fluchente. So modulieren sich die Wörter. Überhaupt das Essen, die Mehlspeisen und schlecht geklopfte Schnitzel und mit Fettader durchzogener Tafelspitz. Der Wiener ist beim Aufnehmen der Bestellung und beim Servieren derselben provozierend langsam, pampig wie die Speisen, mürrisch im Gemüt, und er zeigt dieses Murren dem Ankommenden deutlich: daß der Fremde unerwünscht ist. Ob im Prückel, im Anzengruber oder in irgendeiner Stube mit Leopold, Eugen oder Franz im Namen. Rauchen ist selbst vor der Tür unerwünscht. Es gleicht sich das Ritual von Bar zu Caféhaus zu Beisel.

Nicht minder ist die Atmosphäre der Stadt verlottert, die ja eben von genau den Menschen abhängt, die diese Stadt bevölkern und Gäste willkommen oder eben nicht willkommen heißen oder den Besuchern zu verstehen geben, daß es hier nichts zu schauen und zu erleben gebe, und so färbt das Liederliche und Verluderte des Menschenschlages eben auch auf die Stadt selber ab, fast ins Mauerwerk hinein setzt sich das  – es ist eine eigenwillige Art von Wiener Melange und Mimesis. Wien ist, das sagen die Wiener, schlampert, so höre ich noch die Stimme einer Österreicherin neben mir. Ungepflegt. Aber eine solchen Ungepflegtheit, der das Flair abgeht, wie man es beispielsweise in Lissabon oder Warschau wahrnehmen kann – Städte, die an manchen Ecken ebenfalls ramponiert ausschauen, aber dabei und gerade dadurch ihren inneren Glanz entfalten und über sich hinausleuchten. Woran es in Wien mangelt, sind Ausstrahlung und Charme: Paris, Warschau, Lissabon, Rom, Berlin, Kopenhagen, selbst Frankfurt besitzen jede in ihrer Weise Strahlkraft und einen eigenen Stil, einen besonderen Ton. Das alles fehlt in Wien. Es drängt sich hier lediglich eine polymorphe Mixtur der Epochen in den Blick, eine postmondäne Pose, die vom Glanz des Vergangenen borgt, ohne Eigenes zu entwickeln.

Wie das „Zeit“-Magazin auf die seltsame Idee kommt, diese Stadt als behagliche unkomplizierte, frohe Stadt mit Lebensqualität hochzuschreiben, in der Menschen von außerhalb gerne leben möchten, erschließt sich mir nicht. Bleiben Sie Wien fern – es lohnt sich nicht! Lassen Sie Wien den Wienern; es ist für alle Beteiligten besser so!

Bereits vor einem Jahr, im Juli, als von den Bands „Wanda“ und „Bilderbuch“ höchstens Eingeweihte wußten und über der Stadt der Schlaf der Gerechten wie der Ungerechten lag, fiel uns diese Diskrepanz auf. Wien zehrt von vergangenen Zeiten. Völlig überschätzte Stadt.

Nein, es passiert in Wien nichts, das Nachtleben ist eher öde, die Kunstszene unbedeutend und selbst das Nichts ist – irgendwie als ennui des Ästhetizisten genommen – mehr als nichtig, die Atmosphäre ist vom „Zeit“-Magazin schlicht herbeigeschrieben. Wer etwas erleben möchte, fährt nach Berlin, schaut sich den lebenssprudelnden Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg an, geht am Samstag dort auf den derben Lokalmarkt mit seinen rustikalen und meist günstig zu erstehenden Produkten, umschlendert die Gassen drumherum und erfährt dort jenes schnodderige, zuweilen auch derbe Urberliner Milieu, das dort immer noch ansässig ist und lebt wie bei Zille unterm Sofa. „Watt denn, Ikke, wie denn?“ mit dem ganz eigenen Charme. Oder die quirlige, umtriebige Simon-Dach-Straße. Wer zünftig und in verraucht bis verruchten Künstlerkneipen oder in topgeheimen Szenelokalen bei Schnaps und Bier hocken will, während gegen vier bereits die ersten Arbeiter auf den Schlachthöfen ihre Molle und einen Kaffee zu sich nehmen und bald zu ihrer Tätigkeit aufbrechen werden, im Hintergrund noch die Gitarrenriffs einer Indie-Band nachhallen und der Morgen sich über die nachtbleiche Stadt senkt, verbringt seine Nacht in Friedrichshain. Hier biste richtig, hier komm her, von Wien laßt die Finger! Is keine schöne Stadt! Und die Preise für den öffentlichen Nahverkehr sind unverschämt hoch wie sonst nur in Moskau. Wien lohnt nicht.

Wer sich an Wien dennoch nicht sattsehen kann, ich spreche das jetzt ein wenig mit gequälter Stimme, der schaue dann halt unten in die Diaschau oder hier an dieser Stelle Bilder vom letzten Jahr in Wien.

Und um zum Schluß doch die Wahrheit zu sagen: Ihr dummen, unfähigen, unaufmerksamen Verkommenheitsarschlöcher: Laßt von dieser Stadt Eure schmutzigen Hipsterpranken mit Euren unansehnlichen Tätowierungen, Euren Slim-Fast-Fit-Hemden, Euren Schreibversuchen aus Leipzig oder Hildesheim, Eure scheißlackerten Weiberfingernägel, bleibt in Berlin oder sonstwo, in Hildesheim unterm Rosenbusch, meinetwegen auch im Umland von Berlin, wo es mittlerweile ebenfalls schick ist.

Laßt mir meine Mariahilfer Straße, die Windmühlgasse, meinen dritten Bezirk, mein Ungargassenland, meinen Donaukanal, laßt mir die Straßen um den Westbahnhof, meine Burg, meinen 6. Bezirk, meinen Stephansdom, meine heißgeliebte Albertina, meine Hofreitschule, mein Leopoldmuseum mit den schönen Frauen darin, mein Kunsthistorisches Museum mit der Wunderkammer, meine kleinen Gassen irgendwo im Weitab, mein Ottakring, mein Café Prückel, wenn dort die Frau am Klavier Klavier spielt, meinen Gemischten Satz, meinen Grünen Veltliner, meinen Kahlenberg, meinen Tafelspitz, mein Bräunerhof, meine Hofburg, meinen Heldenplatz, meine Ringstraße, mein Restaurant Wild, meinen Stadtpark mit dem Straußdenkmal und dem Brunnen und dem Wasserstrahl über dem am Abend die Mücken in Scharen schwirren, meinen Volksgarten mit dem antiken Tempel, meinen Donaustrand, meine Wasserstraße mit gepflasterten Wegen, meinen Prater, meine Breughelsche Winterlandschaft, meine Berggasse 19, meine Philosophie im Boudoir, mein Café Griensteidl, diesen wunderbaren weichen, warmen, manchmal leicht gequälten klingenden, manchmal mokanten Dialekt, meinen Karl Kraus, meine abseitigen Gegenden und Gedanken, meine Leopoldstadt, den Geruch der U-Bahn, die schlanken Fesseln der wunderbaren Wienerinnen, meine Kellnerin mit diesem herb-schönen Gesicht wie Fritzi Haberland, meinen Nestroyplatz, mein nächtliches Gleiten durch die Stadt, meinen Radektzkyplatz, meine mit kreischendem Rädergeräusch von Stahl auf Stahl um die Ecke biegende Tram. Haut ab von hier! Und wenn Ihr es schon nicht mir laßt, dann laßt diese Stadt wenigstens den Wienern! Es gibt hier nichts zu sehen. Reisen Sie bitte weiter!

Wenn einer fragt, wohin du gehst, sag nie nach Wien, sondern nach Bologna,  Wenn einer fragt, wofür du stehst, sag nie Amore, sondern Dialektik.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Modestadt Wien – postmondäne Pose

  1. AtonioLaTrippa schreibt:

    Wagt Euch, nach Bologna zu fahren! Werd‘ Euch das Maul mit eurer grusligen Spahetti Poloknese stopfen. Und bleibt fern von Duisburg, sowieso.

  2. kopfwehstattrausch schreibt:

    Spätestens ab „Frankfurt“ wusste ich, dass der Text nur Fahrt aufnimmt.
    Danke, das habe ich gerade gebraucht, der Text hat mich zum richtigen Zeitpunkt gefunden.

  3. Bersarin schreibt:

    Keine Ursache. Aber was meintest Du mit „nur“?

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