Dein entschwundener Name oder die Mosebachisierung der Liebe? – Navid Kermanis Roman „Große Liebe“

Kermani_24474_MR1.inddDie erste Liebe macht, wenn man dem russischen Dichter Bulat Okudschawa Glauben schenken darf, das Herz mächtig schwach. Sehr erheblich sogar und nicht nur schwach, sondern auch schwer macht diese Liebe das noch biegsame, junge und zarte Herz, so wie es später niemals mehr geschehen wird. Obwohl das andererseits nicht stimmt. Lieben ist immer eruptiv, wild, verwegen, ungebunden, und ich habe schon 50jährige Männer in Gestalt des Narren gesehen. Diese frühe Liebe jedoch ist im Überschwang und in der Trauer etwas Besonderes, etwas Großes, größer als jegliche Sprache, darin die Dichter und Kino sie zu bannen versuchten. So zumindest kommt es jungen Menschen vor, und unter dieser Optik des Unermeßlichen sehen die meisten es in ihrer privatbiographischen Sentimental-journey-Rückschau auch später noch, sofern sie dichterisch halbwegs begabt und mit einer Phantasie ausgestattet sind, die sich nicht bloß aufs Bestehende vereidigt wissen will. Wie das Einmalig-und-Einzigartige heimholen ohne zu kitschen und das Ineffabile wiederholen? Das so simpel Schwierige: den Erinnerungen eine geeignete Form verschaffen. Manchmal bedarf es einer einfachen Wendung, um das Komplizierte zu kanalisieren. Also heißt der Roman von Navid Kermani schlicht und ergreifend: „Große Liebe“. Das paßt vom Ton – insbesondere dieses Adjektiv, das ohne aufsteigernden bestimmten Artikel sein Auskommen hat.

Allerdings erweist sich die Konstruktion des Buches als hochgradig artifiziell, was diesem Roman, wie „Große Liebe“ im Untertitel genannt wird, einen besonderen Dreh versetzt. Im Kontext des autobiographischen Realismus, der seit Jahren und leider ohne eine trickreich ästhetische Brechung in planer Phantasielosigkeit um sich griff, scheint der Erzähler relativ identisch mit diesem Mann und Autor zu sein, der sich Navid Kermani nennt. Doch spielt dieser Bezug im Kontext von Literatur und Liebe andererseits kaum eine Rolle. Es sind die Namen austauschbar, der Autorenname weist auf eine Tendenz – mehr nicht:

„Daß die Literatur ihm erlaubte zu sagen, was er noch sich nie sagen würde, gehört zu seinen Privilegien. Im Roman jedoch, den ich schreibe, wählt er allenfalls aus, wovon er berichtet, und zwar nicht nur nach Kriterien der Literatur, sondern auch nach solchen, die mit der Literatur nichts zu tun haben und deshalb zu ignorieren wären. Vielleicht sollte er die Person wechseln.“ (N. Kermani, Dein Name)

Die erste Eigentümlichkeit von „Große Liebe“ besteht darin, daß der Roman in 100 Tage aufgeteilt ist, die statt der Seitenzählung dem Buch eine Abfolge verleihen. Diese 100 Kapitel stehen für 100 Schreibtage sowie 10 verschiedene Stationen der Liebe und verschaffen den Erinnerungen einen Reflexionsraum, wenn der inzwischen 45jährige auf den 15jährigen Jungen zurückblickt und das, was sich zutrug, zum Sprechen bringt. Aber wie von der ersten Liebe erzählen? Thematisch in diesem Erinnerungsakt ist die Frage nach dem sich wandelnden Ich. Der Erinnerende umkreist, setzt seine Reflexionen, voll Ichgehalt, voll Ichgefühl, um von einem Ich, das schon lange ein anderes ist, „ich“ zu sagen: Ich, der ich einstmals dieser Liebende war, ich schildere das, was sich in einem ausnehmend knappen Zeitraum zutrug, und diesen jungen Menschen, der damals zu sich „ich“ und zu ihr „du“ sagte, meine erste Liebe.

Mit dieser Frage nach dem Erzähler und dem sich wandelnden und doch auch in personaler Identität sich durchhaltenden Bewußtsein kommt eine zweite Eigentümlichkeit des Buches zum Zug. Zwischen die Erinnerungen an wildwunde Zeit schiebt sich arabische und persische Liebesmystik. Fürwahr, eine kluge Idee. Zumal es in diesen Aphorismen orientalischer Liebesliteratur um die verdrehte Beschaffenheit eines Liebes-Ichs geht, das sich im schönen, teils projizierenden Wahn entgrenzt, verliert und kein Ich mehr sein will, sich wie von Sinnen und in der übervollen Liebe wie rasend verhält, daß es bei Außenstehend lediglich Unverständnis, Kopfschütteln und im schlimmsten Falle Zorn hervorruft. Diese Mystik kontrastiert jene frühe Liebe in den 80er Jahren der BRD und führt das Erzählen auf eine andere Ebene, die aber gleichwohl doch die unserer Welt ist. Sogar dort noch, wo hunderte von Jahre Abstand zwischen den Zeiten stehen.

Was uns zur dritten Eigentümlichkeit führt. Daß es sich nämlich bei den Regungen jenes unbedarft und zum ersten Mal Liebenden ebenso um eine mythische Erfahrung handelt, nicht anders als die der Sufis, nur welthaltiger, aber in den Entrückungen und auch den Irrungen ähnlich strukturiert. Der Wunsch, vom Ich loszukommen, bestimmt die erste Liebe. Sich im anderen zu verlieren. Ertrunken im Liebesmeer, sich ganz der anderen zu geben – eine Tollerei, die jegliche rationale Anpassung sprengt. Sein Herz zu verschenken, heißt, sich aufzulösen und hinzugeben. Und diese Entrückung, so das Erzähler-Ich, ist ein Zug, der in den darauffolgenden Lieben nie mehr zur Geltung kommt: da wo man sich lange schon gefunden hat, bleibt man, wo man ist und verharrt letztendlich in seiner sich einstellenden Ichwerdung, wenn das Subjekt sich verkapselte. Dies scheint mir die entscheidende Stelle dieses Romans zu sein.

Dieses Motiv eines Mystischen, das sich im Profanen findet, können wir bei Kermani ebenfalls in seiner Auseinandersetzung mit christlicher Kunst verfolgen, wenn er ästhetische Darbietungen in eine religiöse Dimension rückt und zugleich Religiöses mit ästhetischer Erfahrung auflädt.

Der Irrsinn der Liebe bleibt der Irrsinn der Liebe: entrückt und vollständig außer uns. Ein Geheimnis, doch nimmt es im Kopf des Jugendlichen seinen Raum ein, wenn das Bewußtsein wie auch der Körper auf große Entdeckungsfahrt sich begeben wollen.

„Sosehr ihn das Geheimnis beschäftigte, das die Vereinigung zweier Körper ihm war, ahnte er zugleich dessen Bedeutung im Leben und hatte sich vorgenommen, auf eine Verbindung zu warten, die den Namen Liebe verdiente. An die Schönste des Schulhofs dachte er nicht.“

Was zunächst nach einem intentionalen Akt klingt, als ließe sich diese unio mystica zweier Körper – Haut an Geruch an Haar und Flüssigkeiten – irgendwie handhaben, erweist sich im Verlauf als sehr viel komplizierter. Ist es überhaupt eine große Liebe oder nicht vielmehr nur eine Episode? Das sinnierende Ich dehnte sie in den Gedanken – ein ästhetischer Akt oder doch bereits ein mystischer? –, obgleich diese junge Liebe des jungen Mannes vom ersten Kuß bis zum traurig-zornigen Abschied keine Woche währte. Ein Nichts eigentlich. Auch wieder fast mystisch zu nehmen, dieser Aufstieg und Abstieg des Herzens. Hatte er sich das Lächeln der Schönen auf dem Schulhof bloß eingebildet? Nein, da war etwas. Irgendwo in einer Kleinstadt im Westen der BRD.

Die 80er Jahre – sie standen im Zeichen des Anti-Atomprotests, der Friedensbewegung, der posthippiesk verzottelten Kleidung des Alternativ-Milieus. Gewaltfreiheit oder nicht – dem Protagonisten wird später eine Verhaftung einiges an Ärger, aber eben auch ein Fünkchen Szeneruhm einbringen. Wir, die wir an verschiedenen Orten irgendwie mit dazwischen hingen, kennen die Szenen sowie die fragwürdige Art, sich zu kleiden: Birkenstockpantoffeln, auf die der Erzähler mächtig stolz ist und die ihn zwei Monate Taschengeld kosteten. [Aber sind Sneakers nicht ebenso zweifelhaft?] Die gymnasiale Oberstufe mit ihren Ritualen – die einen durften bereits in die Raucherzone, an ihren Zigaretten hängen, während dem 15jährige dort der Zutritt verboten war. Sie, jene Frau, die zwar ein paar Jahre älter, aber eigentlich noch ein Mädchen war, bleibt namenlos. Sie ist die Schöne mit der Lücke zwischen den Zähnen. Wie sich Details einprägen können, die über 30 Jahre zurückliegen! Eine Falte inmitten der Schönheit, die nie mehr aus dem Kopf geht. Die Form der Brüste, das Schamhaar, das damals noch überall schön und wild wucherte, selbst unter den Achseln, wie der Erzähler konstatiert.

Gebrochen und von den 80ern hinein in die Gegenwart versetzt werden diese liebesmystischen Aufzeichnungen durch den 15-Jährigen Sohn des Erzählers – dem ersten Leser der „Großen Liebe“, der dieses Manuskript mit großem Interesse aufnimmt, obgleich er sich nicht viel anmerken läßt, in seinen Bemerkungen eher cool, und das Lesen von Büchern nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen des Jungen gehört. Dennoch: er liest das Werk vom Anfang bis zum Ende. Der Sohn ist Korrektiv und der Bezug zur anderen Welt. Doch gleichzeitig spielt sich in diesem Sohn ähnliches ab wie bei dem damals 15-Jährigen Erzähler. Es existieren Kontinuitäten – durch die Zeiten hindurch, im 12. Jahrhundert, im Jahre 1984 und in der Gegenwart, die die Zahl 2014 trägt. Trotz aller medialen Vermittlungen, denen die Liebe unterliegt und über die Kermani ebenfalls schreibt. Ist dieses Gefühle echt und in uns, kommt aus dem Bauch, wie es in der Redewendung heißt, oder sedimentiert sich in den Körpern bereits das in Fernsehen und Film medial verbreitete Stereotyp? Der erste Kuß war niemals der erste Kuß, sondern schlicht konnotiert von Storys und Mythen. Gleichsam die Verdinglichungsthese. Aber der Erzähler dieser Liebe versucht, aus den Mustern und den kollektiven Mythen, die wir uns erzählen, den individuellen Erfahrungskern herauszuschälen:

„Sie küßten nicht, sie wurden geküßt. So empfanden sie es beide und sprachen auch darüber. Mit ihnen geschah etwas, in einem Augenblick dasselbe, darin sahen sie das Wunder, das man freilich in Fernsehfilmen ebenfalls sieht. Und doch müßt ich lügen, sollt ich anders es umschreiben, ob ich auch die Möglichkeit einräume, daß ihrer beider Eindruck vom Fernsehen mit erzeugt wurde. Aber ist es nicht ebenso umgekehrt? Was wir als trivial wahrnehmen, weil es industriell kopiert wird – reflektiert es nicht eine Grunderfahrung, die die meisten Jugendlichen gemacht? Und könnte, weiter gefragt, die Trivialität jener Fernsehfilme (und Romane und Blockbuster et cetera) nicht gerade dadurch entstehen, daß sie das Spezifische, aber auch die Stereotypen der jugendlichen Verliebtheit, um das Realisten wie Ibn Arabi sehr genau wußten, plump verallgemeinern und auf das erwachsene Erleben ausdehnen?“

Eine Grunderfahrung, die industriell reproduziert wird, die aber dennoch in ihrer Besonderheit unauslöschlich ins Dasein ragt. Wie aber erleben wir diese Erfahrung, wenn wir mitten darin sind, und wie schreiben wir darüber? Dieses Gleiten lotet Kermanis Prosa aus, und wenn er sich dieser ersten Liebe annähert, so ist dieser Akt des literarischen Schreibens selber bereits eine Art mystischer Meditation: das zu finden, zu beschwören vielleicht und darin sich zu versenken, was wir die Vergangenheit heißen. Aber nicht nur das, sondern Kermani schafft es, die Unruhe, die den jungen Menschen befällt, in der Weise zu erzählen, daß die Erinnerung an jene Zeit ausnehmend lebendig wird: wenn der junge Mann versuchte, die Schönste des Schulhofes an einem bestimmten Ort, wo sie zu einer bestimmten Pausenzeit auftaucht – in dieser Erzählung ist es die Raucherecke –, abzupassen, um wie durch Zufall wieder mit ihr zusammenzutreffen. „Größer hatte er nie wieder geliebt.“ Was freilich nicht stimmt. Das Spiel der Intensität schuldet sich wesentlich der ästhetizistischen Verzückung. Über diese Prozesse legt der Roman Rechenschaft ab.

Nein, ein literarisch avancierter Roman ist „Große Liebe“ nicht, er verfährt kleinteilig, berichtend von dem, was einst war, Erinnerungen ausgrabend, wie man alte Photographien aus der Schulzeit oder das Poesiealbum vom Dachboden hervorkramt, in der Technik des Erzählens zwar angenehm gebrochen, weil Kermani die Ebene der arabisch-persischen Liebesmystik einwob und immer wieder das sublime, verwirrte, aufgelöste, sich findende Ich, das der Erzähler vor langer Zeit einmal war, zum Klingen bringt, aber im Ton des Textes liegen diese Reflexionen häufig nahe am Kitsch.

Vielleicht jedoch macht diese Schwäche des Buches – eine Schwäche, wie wir sie dergleichen in der Liebe finden – gerade dessen Stärke aus: das im Wortsinne radikal Einfache, das ins Eine Zusammengezogene des mystisch sich versenkenden Bewußtseins bedarf einer ins Religiöse ausschreitenden Sprache, die das Profane transzendiert. Dies zumindest vergaßen manche der gegenwärtig geschriebenen Texte, die diese Angelegenheit Boy-meets-girl uns schildern. Der Erzähler, der sich Navid Kermani nennt, greift auf diese Jahrhunderte alte Motiv wieder zurück und aktiviert es für die Literatur. (Mit böser Zunge könnte man hier freilich ebenfalls von einer Mosebachisierung der Liebe sprechen.) Ich selber bin in meiner Lektüre unentschlossen und habe mit diesem Verzückungston meine Probleme: Als das Beten noch geholfen hat, mochte dieses Mittel taugen. Obwohl auch dort und seit der Prosa Kleists und Büchners es mit dem Glauben seine besondere Bewandtnis besitzt.

Doch wie es in der Liebe nun einmal ist, im Hier-und-jetzt oder vor 800 Jahren in den orientalischen oder antiken Reichen: Sie bleibt naiv und unbefangen; es schert sie der Kitsch wenig, denn sie selber – sie fühlt sich echt und einzigartig auf dieser einen Welt. Insbesondere diese erste schön, meist traurige Liebe, die das Herz zu herrlich wildwund perforiert. In der Regel wächst sich das aber wieder raus. Liebe als Passion. Zur literarischen Codierung von Intimität.

Navid Kermani, Große Liebe, Hanser Verlag, 224 Seiten, 18,90 EUR, ISBN 978-3-446-24474-0

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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30 Antworten zu Dein entschwundener Name oder die Mosebachisierung der Liebe? – Navid Kermanis Roman „Große Liebe“

  1. Bersarin schreibt:

    Damit es nicht heiß, ich stehle: die letzten beiden Sätze spielen auf den Titel eines Buches an, das der Soziologe Niklas Luhmann im Jahre 1982 verfaßte. Der Verfasser dieses kleinen Essays las das Buch seinerzeit knapp 10 Jahre nach Erscheinen mit viel Lust und Gewinn.

  2. El_Mocho schreibt:

    Mensch Bersarin, lies doch mal was vernünftiges, nicht immer dieses gestelzte Kram. Z.B. die Romane von Bernard Cornwell, sehr empfehlenswert.

    http://www.bernardcornwell.net/

    In „The last Kingdom“ heißt es: „These days I employ poets to sing my praises, but only because that is what a lord is supposed to do, though I often wonder why a man should get paid for mere words. These wordstringers make nothing, grow nothing, kill no enemies, catch no fish, and raise no cattle. They just take silver in exchange for words, which are free anyway. It is a clever trick, but in truth they are about as much use as priests.“

    Das ist doch mal eine Ansage.

    Übrigens ist dieser Kermani ein Spinner, ihm verdanken wir den Ausdruck „Vulgärrationalismus“.

    http://www.fr-online.de/politik/navid-kermani–aufs-diesseits-fixierte-weltsicht-,1472596,16542516.html

  3. Bersarin schreibt:

    Wenn die Begriffsprägung „Vulgärrationalismus“ von Kermani und nicht von mir stammt, was ich bisher immer annahm, dann handelt es sich bei Kermani um einen ausnehmend klugen Spinner. Dies kann man leider nicht von jedem Spinner behaupten.

  4. Betty schreibt:

    Hans Rosenberg, Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärrationalismus, in: Hist. Ztschr 141, 1930, S.497ff.

  5. Bersarin schreibt:

    Danke für die Fundstelle. Dieser Begriff ist ohne Kontext sicherlich auf vieles anwendbar. Mir fallen dazu Popper, Helmut Schmidt und der gesunde Menschenverstand ein, der zuweilen etwas ausgesprochen Ungesundes mit sich führt.

    Aber diese Felder sind lediglich meinen ersten Assoziationen geschuldet.

  6. Aiko schreibt:

    Der Aufsatz von Rosenberg heißt „Hans Rosenberg, Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärliberalismus“.

  7. Bersarin schreibt:

    Jetzt fehlt in diesem Zusammenhang nur noch der Vulgärmarxismus und ein Gang in die Bibliothek, um rational zu verifizieren, wie der Text wirklich heißt. Das Wesen kann man bekanntlich aus den Begriffen lesen.

  8. Aiko schreibt:

    Man kann, man muss aber nicht unbedingt in die Bibliothek gehen – http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00050569_00001.html
    Allerdings kann man nicht das Wesen aus den Begriffen lesen. Man kann glauben, dass man sich mit dem Begriff dem Wesen annähert – das ist aber ein Irrtum.
    Wobei ich den Begriff des Vulgären hier recht interessant finde, gerade im Kontext mit Kermani.

  9. Bersarin schreibt:

    Der Satz von Wesen und Begriff war ein Witz. Einerseits. Wie sonst sollte man sich dem Wesen andererseits nähern? Mit dem Auto? Intuitiv? Ja, dann ist man dort, aber man ist zugleich weit davon entfernt.

  10. Aiko schreibt:

    Ja, das Internet – woher sollte ich wissen, dass das ein Witz war? Man kann sich dem Wesen nicht nähern. Weder mit diesem (Auto) noch jenem (Intuition) – und schon garnicht als „man“.

  11. Bersarin schreibt:

    Gerade im Man. Coincidentia oppositorum. Ein unnahbares Wesen ist kein Wesen, sondern höchstens ein Nichts. Oder eine Frau.

  12. Bersarin schreibt:

    Das war jetzt ebenfalls ein wenig scherzhaft. Teils.

  13. Aiko schreibt:

    Man widerspricht also. Tz. Ich sprach aber nicht davon, dass das Wesen unnahbar sei, sondern dass eine Annäherung über den Begriff nicht möglich ist. Es ist also zu fragen, wie eine Annäherung möglich ist, wenn „man“ sich nicht nähern kann. Da hat Nikolaus von Kues, der Mann mit der Coincidentia oppositorum, sich Gedanken gemacht, wie das gehen könnte, die Annäherung bzw. die Überwindung der Gegensätze.
    Der olle Marx hat auch Nettes übers Wesen geschrieben …
    „Ein Wesen, welches seine Natur nicht außer sich hat, ist kein natürliches Wesen, nimmt nicht teil am Wesen der Natur. Ein Wesen, welches keinen Gegenstand außer sich hat, ist kein gegenständliches Wesen. Ein Wesen, welches nicht selbst Gegenstand für ein drittes Wesen ist, hat kein Wesen zu seinem Gegenstand, d.h. verhält sich nicht gegenständlich, sein Sein ist kein gegenständliches. Ein ungegenständliches Wesen ist ein Unwesen.“ (Karl Marx in Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844) – MEW 40, S. 578)
    Ist ein unnahbares Wesen nicht eher ein Abwesen?

  14. Bersarin schreibt:

    Du schriebst: „Man kann sich dem Wesen nicht nähern.“ Das ist vielfach auslegbar. Es kann bedeutet, daß eine Annäherung grundsätzlich nicht möglich ist, insofern ist das Wesen unnahbar. In diesem Sinne läßt sich der Satz als Verneinung lesen. Ebenso aber ist die Lesart denkbar, daß man sich dem Wesen nicht nähern kann, weil wir bereits darin uns befinden. Insofern ist der Satz einschränkend zu nehmen und nennt zugleich eine Modalität. An sich zumindest, um mit Hegel zu sprechen, sind wir bereits dort. Dieses An sich transformiert sich vom Ungewußten zum An-und-für-sich (ich spreche jetzt in der Maske Hegels). Das jedoch setzt, in der Diktion des preußischen Zenmeisters, den Begriff voraus.

    Ich widerspreche gerne, ich steigere mich gerne, ich streite gerne, ich trinke gerne, ich widerspreche mir selber gerne und verberge mich gern im von Heidegger gescholtenen Man, um niemals eigentlich und feststellbar sein zu müssen. Ich möchte – wie schon Foucault – der Philosoph mit der Maske sein. Nicht faßbar, Proteus. Als Schrift, als Text. Aber wie wir auch spielen: Unwesentlich zu sein kann zum Wesenszug werden.

    Schönes Zitat von Marx, das durch das Hegelsche Denken inspiriert ist – die Hegelsche Wesenslogik. (Die dann bekanntlich in ihrem subjektiven Teil in die des Begriffs mündet.) Sein heißt gewesen sein. Und darin steckt eben das Wesen: in der Zeitlichkeit, in der Prozessualität. Wobei dieser Zusammenhang bei Hegel nicht bloß zeitlich und in der Abfolge, sondern zugleich logisch genommen wird. Die Wahrheit des Seins ist in der Hegelschen „Wissenschaft der Logik“ das Wesen. Das Wesen muß erscheinen. Insofern ist es an den Schein und an die Erscheinung gekoppelt.

    Unnahbares Wesen als Abwesen und/oder als Nichts. Diese Frage bleibt interessant. Wir sind mitten in den Texten Hegels und Heideggers.

  15. Aiko schreibt:

    Danke für deinen Kommentar dazu.

  16. ziggev schreibt:

    Aiko, Bersarin:

    Mich fragend, welche Quelle Aiko benutzt hat, konsultierte ich meine Lieblingsquelle in solchen Sachen (DWDS – OLD), die Diskussion schritt unterdessen fort, hier nun mein Bericht als kleine Statistk zu „Vulgärliberalismus“, „Vulgärrationalismus“:

    „Vulgärliberalismus“: Digi20 findet im verlinkten Werk 9 Stellen außer in Überschrift(en) und Anmerkung von insgessamt 44 Nennungen:

    http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/context/bsb00050569_00021.html?contextSort=sortKey%2Cdescending&context=Vulg%C3%A4rliberalismus&contextStart=0&contextRows=10

    Dagegen 11 Fundstellen „Vulgärrationalismus“ im Textkorpus, keine in Überschrift oder Anmerkungen

    http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/context/bsb00050569_00096.html?context=Vulg%C3%A4rrationalismus&action=Finden%21&contextSort=sortKey%2Cdescending&contextRows=10

    Das DWDS – OLD (welchem ich immer noch dem neuen gegenüber den Vorzuge gebe) findet eine Nennng (Jahresberichte für deutsche Geschichte / Hrsg. v. Albert Brackmann u. Fritz Hartung. – Leipzig : Koehler. – 9./10. Jahrgang 1933/1934. – 1936. – XIV, 873 S., S. 314)

    http://retro.dwds.de/?sort=0&res=0&cp=1&corpus=1&qu=Vulg%C3%A4rrationalismus&ps=50&cs=30&kw=off&lm=4&von=1900-01-01&bis=2000-12-31&tc=/./&cc=DWDS#1

    Jedoch keine Stelle mit „Vulgärliberalismus“.

    Das neue DWDS gibt 11 Fundstellen „Vulgärliberalismus neueren Datums aus (1948, ´97 … 20125) und „Vulgärrationalismus“ betreffend dieselbe Stelle von 1936, eine in DIE ZEIT (2012) – und eine von 1888 ! jeweils etwas ausführlicher Zitiert.

    http://www.dwds.de/?view=1&qu=Vulg%C3%A4rrationalismus

    Werde möglicherweise nun vermehrt das neue DWDS benutzen.

    Mein Fazit: Die Karriere von „Vulgärrationalismus“ scheint um einiges mehr interessant gegnüber „Vulgärliberalismus“. Selbst Rosenberg, dem möglicherweise sein vorheriger Gebrauch (1888) nicht bekannt gewesen ist, äußert sich konkret eher zum „Vulgärrationalismus“ denn zum „Vulgärliberalismus“.

  17. ziggev schreibt:

    grundsätzliches zum „Wesen“:
    Sicherlich, was das Wesen betrifft, so muss man das Wesen des Wesens über den Begriff aufsuchen. Denn schließlich kommt es auf die Definition des Wesens an, eine Explikation des „Wesens“: das Wesen ist dasjenige Gemeinsame, welches in allen einem Begriffsumfang inbegriffenen Elementen anzutreffen ist und sonst nirgendwo. Beim umgekehrten Weg, wie eben beschreiben vom Wesen zum Begriff fortzuschreiten, handelt es sich also um ein eliminatives Verfahren, das geeignet ist, seine Begriffe zu schärfen bzw.zu selchen erst zu gelangen, die diesen Namen verdienen, denn es zielt auf eine hinreichende Abgrenzung der Begriffe untereinander. Dieses Vorgehen ist m.E. durchaus legitim. Es gibt kein philosophisches Kriterium, um zu entscheiden, welchem Verfahren der Vorrang einzuräumen ist – dem deduktiven, Begriffe (genauer: Begriffsgehalte oder -inhalte) aus Begriffen abzuleiten, oder dem „induktiven“, das Rohmaterial aus Kandidaten für Begriffsumfänge zu analysieren und dann Elemente Begriffen zuzuordnen – ohne Auskunft darüber, um welche Art von Begriffen es sich handelt.

    Es ist also durchaus möglich, zum „Wesen“, dem Gehalt eines Begriffs fortzuschreiten, zumindest jedoch dergestalt vorzugehen, um zu abgegrenzten, klardeutlichen und geschärften Begriffen zu gelangen. Es ist lediglich einer platonischen Vorstellung von der Seinsweise „des Wesens“ geschuldet, mit Unterwerfungsgeste sich hier impotent zu wähnen und der ominösen Wesen, eigentlich ja der eigenen Begriffe, niemals habhaft werden können zu glauben.

    Es kommt also auf die Definition des Wesens an. Ich persönlich hänge weniger einer solchen essenzialistischen Vorstellung an und umgebe mich lieber mit wesenslosen Dingen, und seien es dann ausschließlich weibliche Wesen. Dafür wäre ich dann nicht mehr verantwortlich.

  18. Aiko schreibt:

    Nun denn:
    Es ging um diesen Zeitschriftentitel:
    Hans Rosenberg, Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärrationalismus, in: Hist. Ztschr 141, 1930, S.497ff., auf den „Betty“ hingewiesen hatte. Da ist der Titel eben falsch. Das habe ich richtig gestellt.
    Desweiteren ging es hier dann um die Frage von Wesen und Begriff – und da käme man wieder ans ursprüngliche Thema heran, sofern man „Begriff“ auch als „Name“ ansieht. Nun gibt es noch das Sein und über diese drei „Sein, Wesen, Begriff“ hat sich Hegel hergemacht – http://www.textlog.de/hegel-7.html

    Um da noch mal auf den Artikel über Kermani einzugehen, nur so viel: mir kommt immer ein tiefer Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Autors. Nicht, dass er bewusst lügt oder eine Wahrheit verschweigt. Er zimmert sich aber seine Gegenstände zurecht und sie bleiben leblos. Der Rückgriff auf die persische Lyrik und Mystik dient dabei nur der Verschleierung dieser toten Seele.

  19. Bersarin schreibt:

    Laut Buch heißt es in dem Aufsatztitel also „Vulgärliberalismus“, wie Aiko richtig feststellte, sofern Rosenberg nicht noch einen anderen Aufsatz mit abgeändertem Titel schrieb. Dieser Umstand mag nicht ausschließen, daß in diesem Aufsatz ebenso der Begriff Vulgärrationalismus vorkommt.

    Der Begriff des Wesens (hier wieder: Begriff) ist keinesfalls essentialistisch zu nehmen und ebensowenig platonisch. Das eben scheint mir ja die Crux Hegelschen Denkens – egal ob man seine Philosophie nun teilt oder nicht –, daß hier keine starren, statischen Bezüge vorliegen, sondern eine dynamische Konzeption entfaltet wird. (dynamis als Wesenszug) Aber das sollte man dann konkret im Text festmachen, ansonsten wird es zu einem allgemeinphilosophischen Geplaudere.

    Um dann mit einem witzigen Zitat-Dreh wieder auf Kermani zu kommen, sei im Sinne eines Nominalismus aus dem „Faust“ zitiert, und zwar jene Stelle als Mephisto auftritt und sich als des Pudels Kern erweist, und so spricht der Herr Dr. Faust: „Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen//Gewöhnlich aus dem Namen lesen, …“

    @Aiko: ob Kermani wahrhaftig ist, können wir schwierig beurteilen – ich kenne nur einige wenige Texte, nicht ihn persönlich. Manches an seiner religiösen Inbrunst stört mich. Andererseits ist es interessant Kunstwerke, die in sakralem Kontext stehen und dort einst ihre Funktion hatten oder auch heute noch haben, unter einer rein ästhetisch gestimmten Wahrnehmung zu betrachten, die das Religiöse aber dennoch als Erfahrungshorizont annimmt.
    Hier im Blogbeitrag aber ging es zunächst um eine Liebesgeschichte. Und in diesem Zusammenhang fand ich die Idee interessant, die arabische und persische Liebesmystik mit einer modernen Liebe der 80er zusammenzubringen und Parallelen auszumachen. Diese Elemente hat sein Text in eine spannende Anordnung gebracht, und zudem lieferte er ein kleines, spielerisches Dokument jener 80er Jahre. Zumindest aber handelt es sich um eine interessante Variation des altbekannten Sujets boy meets girl. Dies sowie eine Atmosphäre zu erzeugen, in der diese 80er wieder lebendig werden, schaffte Kermani auf eine unprätentiöse Weise – leicht und spielerisch, trotz der Tragik, die in dieser jungen und ersten Liebe (immer) liegt. Fast immer.

  20. Bersarin schreibt:

    Zu Geist und Wesen auch noch etwas Lustiges:

  21. Aiko schreibt:

    Darin sehe ich ja auch das Unwahrhaftige bei Kermani. Der religiöse Erfahrungshorizont wird durch die Ästhetisierung entwertet und verhindert ganz bewusst auch eine echte Annäherung.
    Ich sehe darin eine sehr subtile Form der Verachtung.
    Und ebenso zieht er dann eine falsche Parallele zu der Jugendliebe und der Liebessehnsucht des Mystikers, der sich in einem tragischen Verhältnis sieht, das schwer und ernst ist. Damit versucht Kermani die erste Liebe aufzuwerten, die ja in einem Rückblick von 30 Jahren der Komik nicht entbehrt. Es ist wie wenn man sich seiner ersten Knochenbrüche erinnert, wenn man die Kunst des Skatens lernt, um es dann doch aufzugeben. Sie werden in der Erinnerung tragisch überhöht.

  22. Bersarin schreibt:

    Ich sehe schon, ein richtiger Kermani-Fan bist Du nicht.

    Weshalb sollte der religiöse Horizont durch das Ästhetische entwertet werden? Man könnte genausogut die gegenteilige These vertreten, daß gerade durchs Ästhetische (und insbesondere in säkularen Zeiten) auch für den profan Gestimmten Anknüpfungen geschaffen werden. Dem wahrhaft Gläubigen ist sowieso alles heilig – ob mit oder ohne Ästhetik, da tut auch die keinen Abbruch. Ist die „echte Annäherung“ nicht ein Pleonasmus, sofern man den Begriff emphatisch und damit echt nimmt? Wer sich unecht annähert, nähert sich eben nicht an, sondern bleibt fern.

    Weshalb ist die Parallele, der Kermani zieht, falsch? Du teilst sie nicht, es ist nicht Deine Sicht, aber deshalb ist sie nicht falsch. Kermani könnte genauso eine Parallele zwischen der ersten Liebe und einem Antilopenschnitzel, das er in einem ausgefallenen Restaurant verspeist, herstellen. In der Literatur läßt sich im Prinzip alles parallel setzen. Kermani zeigt die Ähnlichkeit zwischen erster Liebe und Mystik daran, daß beiden der Ichverlust gemeinsam ist, und bei beiden findet ein Aufgehen im anderen statt. Diese Erfahrung muß und kann sicher nicht jeder teilen. Die hängt davon ab, wie das Ich beschaffen ist oder wie es sich in der rückblickenden Konstruktion wahrzunehmen gewillt ist. Zudem baute Kermani einen – freilich dünnen – doppelten Boden ein, indem er mit dieser Liebes-Emphase des Jungen spielt und sie teils ironisiert, ohne sie freilich als Dummjungensicht zu denunzieren. Das macht die Stärke des Buches aus: eine im Rückblick naive Regung so ernst und wahrhaftig zu nehmen, wie sie einst war, als sie das erste Mal geschah – tief, heftig und bewegt. Nicht anders als die ersten Knochenbrüche beim Skaten. Sich bei aller Lächerlichkeit wieder an den Sturz zu erinnern, wie weh die Brüche taten und wie schön es doch war, in diesem gleitenden Überschwang zu fallen, aufzuschlagen, den Körper zu spüren, vielleicht noch unter den Augen der Liebsten und dieses Szene aus der Vergangenheit wieder in eine Sprache zu bringen, ist die Kunst von Literatur.

  23. Aiko schreibt:

    Zitat: Ich sehe schon, ein richtiger Kermani-Fan bist Du nicht.
    —————————–
    Auch kein falscher. Ich empfinde beim Lesen seiner Texte eine Schleimspur.
    —————————-
    Zitat:
    Weshalb sollte der religiöse Horizont durch das Ästhetische entwertet werden? Man könnte genausogut die gegenteilige These vertreten, daß gerade durchs Ästhetische (und insbesondere in säkularen Zeiten) auch für den profan Gestimmten Anknüpfungen geschaffen werden. Dem wahrhaft Gläubigen ist sowieso alles heilig – ob mit oder ohne Ästhetik, da tut auch die keinen Abbruch. Ist die „echte Annäherung“ nicht ein Pleonasmus, sofern man den Begriff emphatisch und damit echt nimmt? Wer sich unecht annähert, nähert sich eben nicht an, sondern bleibt fern.
    —————————–
    Ich schrieb „Erfahrungshorizont“ und meinte die religiöse Erfahrung vor dem Horizont einer konkreten Religion, z.B. des Islam, der Christentums, des Buddhismus. Ästhetik ist insofern eine Entwertung, als sie Religion auf die sinnliche Wahrnehmung reduziert. Und das „Eigentliche“ oder das Wesentliche ist ja bekanntlich nicht sichtbar, also nicht sinnlich wahrnehmbar. Auf dieses Problem hat die spanische Mystik hingewiesen, die ja sicherlich auch von der islamische Mystik beeinflusst war.
    Dem wahrhaft Gläubigen ist nicht alles heilig. Da gibt es eben die sehr konkrete Unterscheidung der Geister. Hier ist durchaus die Ästhetik sinnvoll, da sie ja das Urteilsvermögen bezüglich des Schönen schult. Aber Gott ist eben – um das mal mit Kermani zu sagen – weder schön, noch nicht schön. Daher reicht dieses Urteilsvermögen eben nicht hin.
    Es gibt natürlich seitens des Menschen, der sich Gott annähert, nur unechte Annäherung, also Gottesferne. Echte Annäherung liegt nur seitens desjenigen vor, der auf die Frage nach des Namen mit „Ich bin da“ antwortet. Gott ist da. Das Wesen ist da. Nur deshalb kann man sich dem DA nicht als ICH annähern. Auf den Ich-Verlust komme ich noch.
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    Zitat:
    Weshalb ist die Parallele, der Kermani zieht, falsch? Du teilst sie nicht, es ist nicht Deine Sicht, aber deshalb ist sie nicht falsch. Kermani könnte genauso eine Parallele zwischen der ersten Liebe und einem Antilopenschnitzel, das er in einem ausgefallenen Restaurant verspeist, herstellen.
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    Es ist eben deshalb falsch, weil der Mystiker die Macht der Liebe Gottes als Vernichtung seines Ichs und damit als Vernichtung seiner Sinnlichkeit erfährt. Die Liebe, die da Kermani beschreibt, ist aber nicht die „erste Liebe“, sondern das Verlangen eines Pubertierenden nach sexueller Erfahrung und die findet er durch eine junge Frau, die ihn zwar entjungert, aber nicht liebt. Diesem Verlangen liegt bei Kermani sehr offen das Verlangen nach einer ihm überlegenen Frau zu Tage und das lässt vermuten, dass er sich seiner ödipalen Mutterbindung nicht klar ist.
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    Zitat:
    In der Literatur läßt sich im Prinzip alles parallel setzen. Kermani zeigt die Ähnlichkeit zwischen erster Liebe und Mystik daran, daß beiden der Ichverlust gemeinsam ist, und bei beiden findet ein Aufgehen im anderen statt. Diese Erfahrung muß und kann sicher nicht jeder teilen. Die hängt davon ab, wie das Ich beschaffen ist oder wie es sich in der rückblickenden Konstruktion wahrzunehmen gewillt ist.
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    Klar – lässt sich in der Literatur, also der Vorstellung vieles miteinander parallel setzen, auch das, was dann die Qualität eines Werks mindert. Der Ichverlust ist ja auch dem „Verrückten“ gemein und insofern sind Verliebtsein und Spiritualität da durchaus ähnlich. Was sich an den Hormonen messen lässt. Man kann aber „echte“ Liebe und Mystik daran prüfen, wie alltagstauglich sie ist. Und die Qualität der Lyrik z.B. zeigt sich eben darin. Sie ist ja eine Formgebung der Erfahrung. Und eine Erfahrung, die man letztlich nicht fassen kann, in Sprache dann doch zu fassen, erfordert eine beträchliche Anstrengung. Diese vermisse ich dann aber ernsthaft bei dem Büchlein.
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    Zitat:
    Zudem baute Kermani einen – freilich dünnen – doppelten Boden ein, indem er mit dieser Liebes-Emphase des Jungen spielt und sie teils ironisiert, ohne sie freilich als Dummjungensicht zu denunzieren. Das macht die Stärke des Buches aus: eine im Rückblick naive Regung so ernst und wahrhaftig zu nehmen, wie sie einst war, als sie das erste Mal geschah – tief, heftig und bewegt.
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    Genau das nehme ich dem Autor nicht ab. Sein Verlangen mag ernsthaft gewesen sein, klar doch, aber es ging ihm ja um die erste sexuelle Erfahrung und dazu gebrauchte er ein Antilopenschnitzel. Dazu empfehle ich übrigens einen Lemberger aus dem Weingut der Familie Prieler.

    P.S. ein paar Tipps für die Textformation wären ganz hilfreich, dann könnte ich kursiv hervorheben.

  24. Bersarin schreibt:

    Natürlich kann man Religion nicht auf das bloß Sinnliche reduzieren. Andererseits funktionierte Religion für die Masse der Gläubigen, die weder schreiben noch lesen konnten, nur in dieser Weise. Es waren die sinnlich erfahrbaren Rituale des Priesters, Weihrauchgeruch, die fremde Klang des Lateinischen, Altarbilder, die Kirchenfenster, die den Gläubigen die Geschichten der Bibel überhaupt erst nahebrachten. Insofern wurde der religiöse Erfahrungshorizont durch das Ästhetische nicht entwertet, sondern überhaupt erst für ein breiteres Publikum geschaffen.

    Wie geschrieben: Kermani setzt die Liebe des Jungen zu einer Frau und die Versenkung des Mystikers, der der Liebe Gottes zuteil wird, parallel, aber nicht in eins. Er vergleicht hier etwas und stellt eine Relation her. Daß beides nicht identisch ausfällt und daß es durchaus auch qualitative Unterschiede gibt, dürfte auch Kermani klar sein. (Ob solche Vereinigungsmystik zu Gott hin überhaupt funktioniert, ist sowieso fraglich. Sie findet wohl eher in der Imago des Mystikers bzw. in seinen Projektionen statt. Denn ob es tatsächlich die Liebe Gottes ist, die da plötzlich strömt, oder nicht vielmehr nur psychoaktive Substanzen bzw. eigene Endorphine vermag niemand zu sagen.) Weiterhin handelt es sich bei „Große Liebe“ um Literatur und nicht um eine religionswissenschaftliche Analyse. Insofern ist diese kompositorische Kombination als eine Art von Bild oder metaphorisch zu nehmen. Einerseits. Andererseits setzt der Erzähler durchaus real in eins, nach der Methode: „es ist wie …“. Aber das geschieht eben im Modus des Literarisierens.

    Kermani schreibt in diesem Roman nicht lyrisch und will dies auch nicht. Insofern trifft der Vergleich mit der Lyrik nicht, weil in ihr Wirklichkeit in ganz anderer Weise konstruiert wird. Kermani macht Prosa und versucht in dieser Form von Kunst die Erfahrung eines Ichs zu fassen, daß es in dieser Weise freilich nicht mehr gibt, weil es im Fluß der Zeit sich änderte. (Profane Mystik gleichsam: oder Heraklitsches panta rhei – wir steigen nimmer mehr in denselben Fluß und bleiben bei uns.) Kermani bzw. der Erzähler dieser Geschichte, den man Kermani nennen kann, aber nicht muß, versucht sich in einer Art Meditation in der Weise Montaignes und auch Pascals vielleicht auch (um hier abendländische Referenzen zu setzen). Er will, aus einem denkenden, meditierenden, reflektierenden und auch schreibendem Abstand heraus als Schriftsteller, den Liebesschmerz eines jungen Mannes, der er einmal war beschreiben. Mit allen Tücken und auch Schwierigkeiten in der Darstellung. Auch dies, den Prozeß solchen Schreibens versucht Kermani einsichtig zu machen, und insofern ist diese Prosa auf mehreren Ebenen gebaut. Das macht sie interessant, weil sie nicht bloß erzählt, sondern ebenso auch selbstreflexiv auftritt. Daß in diesem Kontext nicht alles aufgeht und Widersprüchliches bleibt, ist das Wesen oder die Crux dieser Geschichte. Gebrochen wird das ganze nochmal durch den Blick des Sohnes auf diesen Text. Dieses Buch ist kein Jahrhundertroman – das habe ich in dieser Kritik auch nie behauptet. Was ihn aber interessant und reizvoll macht, ist die Perspektivierung. In gewissem Sinne kann man es regressiv nennen, wenn das Religiöse eingeführt wird. Aber es gibt der Boy-meets-Girl-Story, die wir in der Literatur ja schon tausende Male gelesen haben, eine etwas andere Wendung.

    Eine fernpsychische Analyse von Ichstrukturen eines konkreten Subjekts ist in der Regel unseriös und funktioniert nicht. Ebensowenig wie die Analyse psychischer Autor-Befindlichkeiten durch einen Text. Was zudem nichts mehr mit Literatur zu tun hat und mich eher langweilt, weil solche Zusammenschlüsse meist Kurzschlüsse und in der Regel unprofessionell sind.

  25. Bersarin schreibt:

    Kursivieren läßt sich durch diese Zeichenkombination: Spitzklammer nach innen offen, dann ein kleines i, dann Spitzklammer nach innen offen. Dann die zu kursivierenden Wörter, dann Spitzklammer nach innen offen, Schrägstrich, dann ein kleines i, dann Spitzklammer nach innen offen.

  26. Aiko schreibt:

    Danke.
    dachte ich mir, aber ich wollte es nicht einfach so ausprobieren.
    Einen weiteren Kommentar schenke ich mir/dir. Ich werd‘ da drüber nachdenken.

  27. El_Mocho schreibt:

    Mir ging es eigentlich um Stellen wie diese aus dem verlinkten Interview mit K.:

    „Wenn unter Berufung auf die Religion Gewalt gerechtfertigt wird, muss man sich diesem Anspruch verweigern. Das gilt zum Beispiel auch für die Genitalverstümmelung von Mädchen. Aber bei der Beschneidung liegt der Fall anders. Das Problem, das hier beim Blick in fremder Männer Hose konstruiert wird, existiert vor allem als Projektion derer, die selbst nicht beschnitten sind. …. Ich halte die Beschneidung nicht für eine Körperverletzung im strafrechtlichen Sinn. Und der Eingriff in die Autonomie des Kinds ist, worauf gerade der Theologe Klaus Berger hingewiesen hat, bei der Taufe viel größer, wenn man einmal zu Ende denkt, was die Taufe symbolisiert, nämlich ihrer Substanz nach ein Mitgekreuzigtwerden; heute würde man es als „Schein-Hinrichtung“ bezeichnen.“

    Ist doch wohl ein starkes Stück. Wenn man Mädchen ohne sie zu fragen einen Teil ihrer Genitalien wegschneidet, ist das nicht zu rechtfertigen, aber wenn man das gleiche bei Jungen tut, ist es eine zu respektierende kulturelle Praxis. Was für moralische Vorstellungen hat dieser Mensch eigentlich?

    Und dazu dann diese heilige Attitüde, stellt sich in der Öffentlichkeit hin und betet. Zum Kotzen dieser Typ.

  28. Bersarin schreibt:

    Entweder ist es der Dummheit geschuldet oder aber bewußt irreführend, die Beschneidung von Jungen und Mädchen gleichzusetzen. Es handelt sich hier medizinisch um zwei unterschiedliche Weisen des Eingriffs. Aus diesem Grunde verbietet das deutsche Strafrecht (wie auch das der meisten Staaten auf dieser Welt) die Genitalverstümmelung bei Mädchen, erlaubt aber die Beschneidung bei Jungs. Nebenbei handelt es sich nicht nur um eine religiöse Praktik, sondern um eine kulturelle. In den USA z.B. wird die Beschneidung von Jungs z.B. aus hygienischen Gründen praktiziert. Von Christen.

  29. El_Mocho schreibt:

    Ah ja? Wo ist denn der Unterschied? Inbeiden Fällen wird im frühen Alter einStück des Genitals weggeschnitten, was zweifellos höchst traumatisierend für das Kind ist.

    Und die Beschneidung in den USA hat nochts mit Hygiene zu tun, sie soll vielmehr die Jungen am Masturbieren hindern. S. hier:

  30. Bersarin schreibt:

    Wenn ich Dir ein Ohr abschneide, wird auch nur ein Stück Fleisch weggeschnitten. Denk einfach mal ein wenig nach, bevor Du etwas schreibst und mach Dich über die Verschiedenartigkeit der Beschneidungsformen schlau.

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