Autopoiesis (Nachtzug)

Wirklichkeitsebenen überlagern sich manchmal; wie überhaupt das, was wir die Realität nennen, oft als ein Interferenzphänomen sich erweist. Freitagabend, Samstagmorgen – die Berichte und Bilder aus Paris. Warum berühren diese Ereignisse viele von uns mehr und gehen uns näher als der Anschlag in Beirut, einige Tage vorher? Weshalb keine Reaktion bei den Anschlägen in Suruç und Ankara? Das „Nous sommes“ mache ich grundsätzlich nicht mit. Bei mir bleibt es dabei:  „Je suis Riesling“,  „je suis Jacques Derrida “. Die Stadt Paris deutet, als Begriff und Metapher gleichsam, auf eine Lebensform. Die wir uns allerdings vielfach in unserem Kopf konstruieren. Auch einer dieser Mythen des Alltags, wie Barthes sie in seinem gleichnamigen Buch herausstellte und worin er zeigt, wie sich gesellschaftlich Gemachtes als Naturform und als naturwüchsig präsentiert, als wäre es niemals anders und selbstverständlich. Und wer Fragen stellt, anzweifelt oder kritische, gar subtile Analysen liefert: ein Defätist. Auch Barthesʼ Konflikte mit dem französischen Kleinbürgertum samt seiner Kritik an diesem lassen sich in seinem Buch nachlesen. Der Mythos suggeriert uns, daß jene von Menschen fabrizierten Phänomene als natürlich gegeben erscheinen und uns zurückgespiegelt werden, als könnte und dürfte es nie anders sein. Keinen Gedanken verschwende, an das Unveränderliche (Unabänderliche?), wie ein deutscher Dichter einstmals dialektisch dichtete. Der gesunde Menschenverstand war es immer, ist und bleibt die Pest.

Vom zweiten Stock her, aus dem Fenster meines Schreibzimmers sehe ich die gebeugte Frau mit dem schweren Wollmantel in Kamelhaarfarbe den Gehsteig entlangschlurfen. Die letzte Wilmersdorfer Witwe, denke ich mir, nur daß ich nicht in Wilmersdorf lebe. Das Laub wurde vor Tagen schon beseitigt, die letzten welken Blätter, die neu fielen oder übrigblieben, liegen naß auf dem Pflaster. Ich schreibe einen Text über Photographien. Schaute mir die Schwarz/Weiß-Negative meiner Kodak- und Ilfordfilme an, jene Bilder von Orten, als ich in den 80er und 90er Jahren noch Paris besuchte. Zuletzt waren wir dort 2004. Die Stadt hatte sich in dieser Zeit rasant verändert. Meine damalige Gefährtin mochte diese Stadt nicht. Als wir dann aus der Bretagne zurückkamen, empfand sie die Pariser denn doch freundlicher, als anfangs gedacht. Das Gute ist: Reisen relativieren den Blick. Oder vielmehr – sie relationieren ihn.

Das klassische Muster der Mythenbildung, den großen Mythos umkreisend: Paris selber, das sich zentralistisch über Frankreich erstreckt, sich frech spreizt zum Ärger all der anderen Provinzen und Departements. Die Filmbilder wie auch die Photographien von Atget und Brassaï, die unsere Wahrnehmungsmuster von Oh la la l’amour, Baguette, coquette, Musette, Grisette, Barbette, fein im Bett, Toulouse-Lautrec erzeugen. Lebensart also, die wir mit dem Begriff freizügig konnotieren, zwischen Citroën, Rotwein, engen Gassen im Quartier Latin  gesiedelt, rund um Saint-Germain-des-Prés, il n’y a plus d’après, dem herrlichen Blick vom Sacré-Cœur de Montmartre über Paris, Seine-Brücken und Bouquinist , als hausten immer noch Sartre und Camus in einem der Wirtshäuser, als spielte Boris Vian im Nachtclub Tabou Trompete, als schritten wir inmitten eines französischen film noir und als führe immer noch das schreckliche Unternehmen Rainbow Tours mit dem Bus jene Stadt an. Ich aber reiste, weil ich (bis heute) Busfahrten verabscheue, in den 80er Jahren mit dem Nachtzug nach Paris, sinnlich, im Dunkel des Schlafabteils, ästhetizistisch-verzückt fast wie in jenem wunderbaren, traurigen Lied von Georgette Dee, wo sich zwei Herzen verlieren und gegenüber und auf ihren Wegen, die am Ende immer unterschiedlich ausfallen wie auseinander fallen, so waren die mittleren 80er Jahre, kurz nach dem Abitur. Von dem jungen Mann zur jungen Frau weitergereichte Rotweinflaschen im Gang des Nachtzuges.

Jene Frau blickte von ihrem Bett aus dem Liegewagen herüber, durch die Glastür, den Vorhangspalt, während ich rauchend am offenen Zugfenster stand und mit den Lippen an der Zigarette sog, dann wieder den Rotwein zuführend. Ich schaute zurück, in ihre Augen, und es trafen sich zwei Blicke, die sekundenlang ineinander verharrten. Sie blinzelte, ihr Freund schlief bereits, betrunken, schnarchend in seinem weinröchelnden Atem. Sie kam aus ihrem Bett geschlüpft, gesellte sich zu dem schwarzgekleideten Mann in der Lederjacke und der engen Jeans. „Bekomme ich auch einen Schluck?“ Blicke und Nässe. Ich spürte ihren Speichel an der Flasche. Ihre große Oberweite wölbte sich, so wie ich es mochte. Ihr Arm streifte meinen, Armhaut auf Lederjacke, sie wölbte weiter, daß sich ihr Unterhemd noch fester spannte, ein straffes Gewebe. Ihre Augen blitzen schalkhaft, meine mehr irritiert. Mathematikstudentin und Philosophie. Ich war mit einem Male wach und zu einem Stück weit unruhig. Bis sie meine Hand nahm und mich fortzog, hin zu jenem Zwischenraum, wo die Zugwaggons aneinandergekoppelt schwingen und das Kreischen der Räder, der Schienenschlag so laut tönt, daß jedes Gespräch schwierig, wenn nicht unmöglich sich gestaltet. Unter dem Pont Mirabeau fließt die Seine dahin. Immer noch, immer so weiter. Nach Paris.

Paris als Mythos und westliche Lebensform. Reicht das als Erklärung? Eigentlich nicht. Unser Mitleid ist leider selektiv ausgerichtet und aus einem begrenzten Reservoir geschöpft. Sonntags schon ging ich zur Schreibtagesordnung über. Alles wie immer. Neue Texte. Neue Posen, neue Prosa. Denn die Welt dreht sich weiter. Die Zeitungen machen weiter, die Waffenhändler machen weiter, die Geheimdienste machen weiter, die Menschen machen weiter, die Liebe macht weiter, die Lüge macht weiter, die Libido macht weiter, Latenz und Immanenz machen weiter, die BVG macht weiter, die Kriege machen weiter. Und in dieser Reihung, die meinen Kopf monoton macht und die er monoton wie einen Singsang aus sich in unendlichem Regreß aus sich heraus erzeugt, freilich am Vorbild ausgerichtet und als Form geprägt, fällt mir der Anfang von Rolf Dieter Brinkmanns Gedichtband „Westwärts 1 & 2“ ein, seine „Vorbemerkung“ zum Akt des Schreibens von Gedichten:

„Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf, die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau gestrichen, an den Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und Verbote machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht weiter, die Vorstädte machen weiter … Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung, in der Stadt. (…) Die Nachrichtensprecher machen weiter. Der Sonntag macht weiter. Der Montag macht weiter. Der Postbote macht weiter. Der Dill macht weiter, und die Blätter machen weiter. (…) Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen. Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.“

Die Natur, Gesellschaft, Wahrnehmungen überhaupt, der Funkenflug der Sinnlichkeiten, all die im Blick und im Denken versammelten Phänomene und auch das Schreiben des Dichters koppeln sich in dieser rezeptions- wie produktionsästhetischen Darstellungsweise als Autopoiesis. Die Selbstreferenz der Ästhetik, wenn sie auf die Phänomene des Draußen wie auch den Innenweltraum reflektorischer Verdichtungen blickt und wägend betrachtet. Wer schreibt, ist kein Subjekt, sondern ein Medium. Kein Anhalten, kein Schnitt. Augenblicke reihen sich, und es ist das weiße Blatt Papier. Beschreibbar.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Autopoiesis (Nachtzug)

  1. holio schreibt:

    [IMG]http://i63.tinypic.com/x0z887.jpg[/IMG]
    Hier war’s. Hinter dem Fenster mit den Sternen in der Engelbertstraße 65 hat er geschrieben.

  2. holio schreibt:


    Hier war’s. Hinter dem Fenster mit den Sternen in der Engelbertstraße 65 hat er geschrieben.

  3. Bersarin schreibt:

    Es scheint sich bei Ihnen um einen zweiten Brinkmann-Freund zu handeln. Aber gut, wer in Köln in Nachbarschaft zu dem Haus lebt, könnte genauso aus Daffke oder Zufall dieses Photo geschossen haben. Ich gehe mal aus, daß Aufgrund der notorischen Armut der meisten Dichter der Balkon nicht mit zu der Wohnung gehörte. Was schade ist, denn auf einem solchen Balkon mit einem solchen Blick über die Straßen – sehen ohne dabei gesehen zu werden – läßt es sich im Sommer trefflich trinken.

  4. holio schreibt:

    Doch, er gehörte dazu. In Keiner weiß mehr kann man die Wohnsituation – erst mit Rygulla, dann Maleen, dann mal kurz wieder Rygulla Mitbewohner, dann kam das Kind – nachlesen. Wer in welchem Zimmer wohnt, wechselt ständig. Zu Beginn des Romans (S. 10) steht er mit Rygulla auf diesem Balkon in der vierten Etage und schaut Maleen nach, die sich nach einem Krach von einer Freundin mit dem Wagen abholen lässt.

    Freilich sah es damals viel, viel schäbiger aus: http://blogs.taz.de/schroederkalender/2009/03/05/wie_ich_lebe_und_warum/

  5. holio schreibt:

    In Handkes Tage und Werke S. 43 ist ein kurzer Text drin über die Engelbertstraße 65 unter der Überschrift „So fordernd die Person, so beschenkend die Gedichte“. Darin heißt es:

    „Zudem mischen sich persönliche Begegnungen, vor allem im Sommer 1971 in Köln, noch am Rudolfplatz, wo ich den Kurzen Brief zum langen Abschied schrieb, mit den Rhythmen und Pausen der Gedichte, die Bedrücktheit mit B. in seiner engen heißen Wohnung, die Ratlosigkeit und Ratsuche, umgeben vom behinderten Kind, mit der Luftigkeit und dem Weite-Suchen der Verszeilen.“ Gut, das ist schon ein Drittel der Wörter insgesamt, aber einen einzigen Satz wird man ja wohl noch zitieren dürfen, urheberrechtlich gesehen.

    Wo Handke von August bis Oktober 1971 gewohnt hat, bei Bohmeiers nämlich in der Händelstraße 53 vermutlich, ist tatsächlich gleich bei Brinkmanns um die Ecke gewesen.

  6. Bersarin schreibt:

    Der Handke, so,so, Herr Holio: da sind Sie wohl auch so ein Serbienversteher, was? Mit Hang zur Coloniamanie. Spaß beiseite: Ich habe mir das Buch auch zugelegt, sah es auf dem Buchtisch, griff gleich mal zu, legte es auf den Stapel der ungelesenen Bücher.

    Ich bin mal in den 80er durch Kölle gefahren und war dort in den 90ern für einen Tag. Von der ersten Atmosphäre her gefiel mir diese Stadt ausnehmend gut. Wegen der Museen habe ich mir fürs nächste Jahr einen Besuch dort vorgenommen. Irgendein Onkel Jupp kommt da auch her. Aber der ist tot.

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