Herbstnotizen – lakonisch. Wiglaf Droste

743Nun sind die Tage kürzer, trüber, grauer. Laub fällt wie jedes Jahr und als Alleinstellungsmerkmal des Herbstes, wenn nicht gerade Dürre herrscht oder Agent Orange irgendwo auf der Welt zum Einsatz kommt. Ich nehme mir den neuen Gedichtband von Wiglaf Droste „Wasabi dir nur getan?“ Erinnere mich an die rätselhaften Launen mancher Frau, die unergründlich sind, sinnlos, es nachvollziehen zu wollen. Denke an den entschwundenen Sommer, sinniere, freue mich darüber, daß die große Hitze nun lange Zeit schon vorüber ist und so schnell nicht wiederkommt. Denke daran, daß ich ihr eines der Gedichte abends nackt im Bett vorlesen wollte. Kam nicht dazu. Ginüberschuß und Kußmund auf Haut. Die beste Hotelbar der Stadt schenkte die besten Cocktails aus. Seinsversessenheit ist Lesevergessenheit.

ERKENNEN
Ja, beim ersten Kennenlernen
hast du mich scheu angesehn,
aber auch mit List und Kraft
dann gehindert, fortzugehn.

Grund der List ist große Lust,
du bist schön und voller Saft,
und ich alter Narr begreife,
dass du willst, nicht dass du musst.

Ich schätze diese austarierte Stimmung zwischen leichtem Spiel, Ironie und jenem Blick auf die Liebe, der keinerlei Spott verträgt, sondern der unendlich alles will. Nein, es rilket hier nicht und klingelt schwül-bedeutungsvoll. Die Betonung Drostes liegt am Ende auf dem mal mehr mal weniger subtilen Witz. Diese Art von Lyrik steht in der feinen Tradition Heines, überspitz ihn freilich. Liebe und der leicht spöttische Ton, die Ironie, die Distanzierung wie auch die Innigkeit, die noch unter dem Spott zu scheinen vermag. Beides geht: Das Gedicht, das im Liebespathos in und unter die Haut dringt, wie auch das Moment von Lachen. Man müßte Grünbeins wunderbar-ernstes Rondo „Après l’amour“ aus der „Schädelbasislexion“ („Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil“) UND den Text von Droste zusammen lesen. Im warmen Bett, Leib an Leib, Zunge in Zunge, und dazu wieder lesen und lieben. Oder aber für sich in der solipsistischen Verkapselung als Herr der Texttheorie.

Das im Kunstmann Verlag erschienene Buch ist fein gestaltet, auf dem Cover eine Zeichnung von Hans Traxler, darauf wir einen lorbeerbekränzten Faun mit Schmerbauch uns betrachten können, der auf einer Flöte bläst, während im Hintergrund in den Büschen eine leicht bis gar nicht bekleidete blonde Frau wartet, die mit herunterhängendem Mundwinkel so dasteht, eher lustlos und ihre Hände vor ihrer Scham  verschränkt.  „Ob sie unrasiert ist? “, denke ich mir. Aber das tut im Zusammenhang mit den Gedichten eigentlich nicht viel zur Sache. Droste ist in seinen Gedichten wie immer sprachspielerisch und mit dem Doppelsinn unterwegs. Eine Art von Lyrik wie ich es schätze. Wenn auf einer Party oder sonstwo sich wer polterig und laut benimmt, merkte ich mir jenen Satz aus einem der früheren Droste-Bücher: „Wie ein Elefant im Paul-Celan-Laden.“ Kommt bei Frauen gut. Wobei ich damit wieder bei dem Thema dieses Lyrikbandes bin, der ganz in Love gehalten ist.

Der deutsche Herbst – immer gut für eine dramatische Angelegenheit,  und sei es nur das Drama in der alltäglichen Aisthesis. Mein liebstes Gedicht, weil der Sommer vorüberging und Spuren wie Reste hinterließ, möchte ich gerne vortragen. Es bringt eine Beobachtung, die man besonders in Berlin gut machen kann, auf den Punkt:

DEUTSCHLAND IM HERBST
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Mir ist so müd zumute, und entsetzlich leer.
Wie? Sagte ich zumutʼ? – Mut hab ich keinen mehr.
Oh, es hebt an ein großes Weh und Klagen:
Der Sommer ist vorbei.
Ihm folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Nun folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Die Pfahlbau-Zeit, Triumph der fahlen Knöchelstümpfe,
fatal, Final, Brutal, wie abgeschnittʼne Strümpfe.
Ich werf mich auf den Totentisch, den Schragen:
Der Sommer ist vorbei.
Nun kommt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Sie sagen: Ist doch sexy und bequem zugleich!
Wie allen Uhren wird Big Ben der Zeiger weich.
Ich weiß: Ich rede mich um Kopf und Kragen:
Der Sommer ist vorbei,
Jetzt ist die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.
Plastik-Elastikhaftes soll mich deprimieren;
wer jetzt kein Frauenbein hat, der wird lange frieren.
Ich kann es nur in diesen Worten sagen:
Der Sommer ist vorbei.
Es folgt die Zeit, da Frauen Leggins tragen.

Ja, das ist leider der Fall. Die bloßen Beine und Haut. Fort. Die wilden Hotpants, die wie ein Hauch anliegenden Kleider, das schwarze Top, darunter der schwarze BH-Träger hervorschaut, liegen im Schrank und lagern bei den Sommersachen.

Manches bei Droste ist sicherlich kalauerhaft und schenkelklopferisch. Aber wenn man Droste dosierten liest, paßt es schon und der Ton nervt nicht, sondern erfreut. Da ist es wie mit den gefüllten Schokoherzen, zartbitter, und den Nürnberger Lebkuchen. Sie schmecken. Aber nicht jeden Tag. Après l’amour, L’Après-midi d’un faune.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Herbstnotizen – lakonisch. Wiglaf Droste

  1. che2001 schreibt:

    Brrrrrrrrr, Wiglaf Droste, der Kinderficker-Apologet. Wen ich einen zeitgenössischen Autoren hasse dann den.

  2. Bersarin schreibt:

    Das ist ein hartes Urteil, che, und das mußt Du belegen können. Wie äußerte sich dieser Umstand „Kinderficker-Apologet“? Eigentliches oder uneigentliches, satirisches Sprechen/Schreiben? Im Suff gesagt, nüchtern? Relevante Umstände. Wenn Droste Kinderficker-Apologet ist, weshalb ist das nicht justiziabel? Das sollte es sein, wenn das Urteil zutrifft.

    Was Droste kann: den dämlichen Moralranz einer bestimmte Art von Linken zu kritisieren, deren Milieu er freilich selber entstammt. Deren persilweißwaschende Sprachdiktate zu unterlaufen, wie wir es gegenwärtig endemisch und in grauenvoller Form erleben. Diese teils ätzende Kritik ist sicherlich provokant, nicht immer zielführend, zeigt aber durchaus, daß sich jemand nicht scheut, Witze zu machen, wie sie früher in den 80ern in der „Titanic“ Usus waren. Das sowie einen unkonventionellen Umgang mit Normen, der auch mir vertraut ist, schätze ich an Droste. Seine Prosa, seine Glossen sind – nicht immer zwar, aber doch oft, sprachlich gelungen, gut beobachtet, sezierend wie ätzend geschrieben.

    Drostes Umgang mit Max Goldts Schwulsein kann man allerdings kritisieren. Es gab seinerzeit wohl eine Aktion, die eher daneben ging. Allerdings tangiert dies eben nicht seine Texte. Ich unterscheide grundsätzlich zwischen Menschen, die mich marginal bis gar nicht interessieren, wenn ich sie nicht persönlich kenne, und den Texten, die sie schreiben. Ob der Mann nun persönlich im Umgang sympathisch ist, weiß ich nicht. Aber wie es im Leben so ist: die einen sagen so, die anderen anders. Das ist zwar eine Nichtssagend-trallala-Formel, aber bei der Sicht auf menschliche Eigenschaften im persönlichen Umgang existieren viele Perspektiven.

  3. che2001 schreibt:

    Wiglaf Droste hatte in den mittleren Neunzigern die Kampagne „Mißbrauch mit dem Mißbrauch“ von u.a. Katharina Rutschky https://de.wikipedia.org/wiki/Missbrauch_mit_dem_Missbrauch

    leidenschaftlich unterstützt, einige seiner wichtigsten Texte aus dieser Zeit bezogen sich darauf. In dem Buch „Helden sehen anders aus“ bezog sich zum Bleistift sein Text „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“ darauf. Ganz witzig eigentlich, es ging darum, dass er als Mann, wenn er einem kleinen Mädchen im Park auf deren ausdrücklichen Wunsch Schokolade schenke schon von zusehenden Feministinnen als Kinderschänder angesehen würde. Weniger witzig wurde es im weiteren Verlauf, als er pauschal zu Feminstinnen schrieb, diese seien keine Frauen, sondern „Geschosse des Grauens, die stinken.“ Grundsätzlich vertrat er die Position, dass Beratungsprojekte wie „Wildwasser“ und „Zartbitter“ die Anzahl an Mißbrauchsfällen künstlich übertreiben würden, um so Marketing für neue Projektstellen zu betreiben. Abgesehen davon, dass ich nichts Verwerfliches daran sehe, dass soziale Projekte für sich Marketing machen – war mal mein Job – ist das ein Tritt in die Fresse gegenüber all denen, die tabuisierte Übergriffe zum Thema machen, habe aktuell gerade sowas im eigenen Freundeskreis, wo mir schon mal Gedanken wie „warum nicht Schrotflinte?“ kommen.

    Als Reaktion auf Drostes Auslassungen wollten Leute mit ihm bei den Lesungen, die er damals mit Fany van Dammen abhielt mit ihm darüber diskutieren. Wohl gemerkt: Diskutieren, nicht ihn booen. Darauf reagierte er dergestalt, dass er etwa einem Mann, der zu den potenziellen Diskutanten gehörte, Diskussion fand ja nicht statt, sagte, der würde bei der Kampagne ja nur mitmachen, weil er keine Frau mehr ins Bett bekäme, wenn er nicht ihre feministischen Inhalte verträte, und bot ihm an, ihn mit seinem 40cm-Ständer notzuzüchtigen. Eine Genossin, die Du kennengelernt hattest, wollte Droste zu diesen Äußerungen interviewen, da floh er vor ihr von einer Kneipe in die Nächste und gab sich gezielt mit Tequila so sehr die Kante, dass er nicht mehr sprechfähig war. Seither heißt er bei uns „Wixaff Kotze“.

    @Drostes Umgang mit Max Goldts Schwulsein kann man allerdings kritisieren. Es gab seinerzeit wohl eine Aktion, die eher daneben ging. — Die sah so aus, dass er einen Beitrag, eigentlich eine Hommage über Goldt schreiben sollte und dann unter dem Titel „A´la recherche de Schwulibert Geilhuber“ einen Artikel brachte, in dem er darüber berichtete, dass er Goldt nicht angetroffen und stattdessen seinen Briefkasten geöffnet und seine Briefe gelesen habe, aus denen er ausführlich zitierte. Also für mich gehört der Mann in die Klapse.

  4. Bersarin schreibt:

    Ja, und Rutschky hatte recht. Es gab und gibt bis heute genau diesen Mißbrauch mit dem Mißbrauch. Siehe etwa in Trier. Ein Mißbrauch, der nie stattfand, reine Fiktion, Kindern wurden Aussagen in den Mund gelegt. Beispiel: Ein Gutachter fährt mit einem der Kinder zu besagter Kneipe und fragt, ob es die kennen. Kind sagt nichts, äußert sich vage. Einige Zeit später: Staatsanwalt fährt bei Ortstermin mit Kind zu besagter Kneipe und fragt das Kind, ob es hier schon mal war. Kind sagt „ja“. Klar war es dort schon einmal. Nämlich mit dem Gutachter, der gerne seine eigene Hypothese bestätigt haben wollte. Für die Staatsanwaltschaft dient diese Aussage als ein weiterer Beleg. Und so geht das immer weiter. Nicht nur in diesem Fall. Sondern ebenfalls in einer größeren Sache, in ich glaube Münster oder Osnabrück. Oder irgendwo in Ostfriesland: ein Mann, der von seiner Nichte des Mißbrauchs bezichtigt wurde. Der Onkel ging für lange Zeit in den Knast. Seine Schuld schien erwiesen. Dank eines ganzen Heeres an Gutachtern und „Beratern“. Die kluge Journalistin Sabine Rückert erst brachte diesen Fall ins Rollen. Sie war die einzige (oder eine der wenigen), die diesem Mann Glauben schenkte. Die vermeintlich mißbrauchte Frau erwies sich am Ende als eine schwer gestörte psychotische Persönlichkeit, auf die Gutachter, Ärzte, Polizei, Richter etc pp. hereingefallen waren. Wie immer: Ohne alle Hypothesen und Möglichkeiten und damit eben: Fakten, die für die Unschuld sprechen könnten, zu überprüfen.

    Die Familien sind bis heute ruiniert. Meist sind es übrigens Menschen aus einer wenig gebildeten Schicht, die Opfer dieser Denunziation von übereifrigen Kindergärtnerinnen, Pädagogen und Ärzten (mithin Menschen aus dem höheren Mittelstand) werden, die bereitwillig Gutachten ausstellen, das eigene Kind mißbraucht zu haben. Der Onkel kam übrigens aus welchem Milieu? Na, dreimal darfste raten!

    Rutschky wies auf einen Mißstand hin. Dafür gebührt ihr Anerkennung.

    Der Umgang einer bestimmten Meute mit Rutschky ist beschämend und zeigt, wie die Logik der Denunziation funktioniert. Ohne daß man sich mit ihrem Text und ihren Thesen inhaltlich auseinandersetzt, versteht sich. Und einfach ihre Vorträge niederbrüllen. Ohne Argument, ohne Sachverstand. Traurig ist, daß dies bei Linken vorkommt, die sich für emanzipiert halten. Aber es macht die Dialektik der Aufklärung eben vor niemandem halt.

    „Zartbitter“ als Name für eine Stelle, die sich mit Kindesmißbrauch befaßt, ist schon eine arge und auch dumme Sache, wenn man sich diesen Namen auf der Zunge zergehen läßt. Genauso könnte auch ein SM-Club heißen. Diese Stellen leben übrigens davon, daß es Mißbrauch gibt. Ansonsten sind die Gelder futsch. Dies ist die andere Seite dieser ansonsten nützlichen Anlaufstellen. Insofern sollte man über ein andere Form der Beratung und Betreuung nachdenken, die nicht darauf angewiesen ist, Gelder einzutreiben und für die eigenen Relevanz zu sorgen.

    Diese Art schmeckt mir nicht: Droste unterstützt Rutschky in einer Sache, die richtig ist. Er mag herb reagieren. Ich täte das genauso, wenn man mich auf eine derart banale Weise vorführen wollte. Wann ich mit wem diskutiere, bestimme immer noch ich und nicht irgendein Arschloch auf einer Veranstaltung. Insofern reagierte Droste angemessen.

    Alle die von Dir genannten Aspekte erlauben es kaum, Droste einen Kinderficker-Apologeten zu nennen.

    Klar Kindermißbrauch und Vergewaltigung hören sich scheiße an und sind es auch. Das erfordert dennoch, wie auch im Falle Kachelmanns, eine genaue Prüfung und nicht Schnappatmung wie auch reflexhaftes Zubeißverhalten ohne nachzudenken.

    Eigentümlich, daß diejenigen, die ihre Großeltern und Eltern anklagten, im Dritten Reich nicht nachgedacht und mitgemacht zu haben, genau den gleichen Prinzipien von Massen- und Autosuggestion erliegen, sobald jene Reizbegriffe auftauche. Für mich immer wieder ein Zeichen, Menschen nicht mehr nach rechts und links, sondern nach schäbig und etwas weniger schäbig einzuteilen.

  5. che2001 schreibt:

    Den Kinderficker-Apologeten nehme ich zurück, das war dann doch über das Ziel hinausgeschossen, meine Kritik an Droste halte ich aufrecht. Zunächst mal etwas zu den zugrundeliegenden Vorkomnissen: Ja, es wurden Leute fälschlicherweise sexueller Übergriffe bezichtigt, die nicht stattgefunden hatten. Zu Trier kann ich nichts sagen, wohl aber zu Münster – bitte mit Abstrichen, bei mir drüben hatte mich Netbitch gerade der Erinnerungstrübung überführt, ich kann also nicht beschwören, dass das so war, sondern nur sagen, dass ich es so erinnere. Da hatte ein Professor ein Buch verfasst, in dem beschrieben wurde, mit welchen Symptomen (Alltagsverhalten, Träume, gemalte Bilder) sich verdrängter sexueller Mißbrauch bei kleinen Kindern äußert. Dieses Buch wurde im Umfeld der Maria-Montessori-Kindergärten zu einem Bestseller und Kultbuch. Eltern, die keinerlei psychologische und pädagogische Ausbildung hatten wandten dieses Fachbuch im Selbstversuch auf die eigenen Racker an – und meinten prompt, fündig zu werden. Bis hin zu solchen Klopfern, dass im erzkatholischen Münster Eltern ihre Kinder für unschuldige asexuelle Engel hielten und ihnen nicht zutrauten, ohne Gewalterlebnisse auf die Idee zu kommen, riesige Penisse zu zeichnen. Es kam dann zu einer regelrechten Hexenjagd auf Erziehungspersonal, und zumindest ein Hortpädagoge verlor seinen Job, hatte ein Ermittlungsverfahren wegen mehrfacher versuchter Vergewaltigung und musste die Stadt verlassen, weil niemand mehr mit ihm sprach und er körperlich bedroht wurde. Ich kenne übrigens ähnliches aus der autonomen Szene mit instrumentell gebrauchten Vergewaltigungsvorwürfen. Tatsächlich war der Mann im Sinne der Anklage völlig unschuldig, er hatte allerdings wiederholt bei mehreren Kindern rektal Fieber gemessen. Daran konnte ich nichts Schlimmes finden, als ich Kind war wurde Fieber bei uns immer rektal gemessen. Dann unterhielt ich mich mit einer Psychologin darüber, und die meinte, rektales Fiebermessen sei ein Übergriff, ErzieherInnen würde in der Ausbildung beigebracht dass sie das nicht machen dürften, und zumindest eine Dienstsuspendierung sei in diesem Fall gerechtfertigt,. Tja, und das ist jetzt eine Grauzone, wo ich zumindest den Teufel tue, mich auf eine bestimmte Seite zu schlagen. Und in diesem Fall sehe ich auch nicht Beratungsstellen und psychologische Projekte als die „Mißbraucher“, sondern überkanditelte Eltern.

    Das ist überhaupt so eine Sache: Droste hatte ja Recht, als er das Thema sexuellen Mißbrauch als „Modesujet“ bezeichnete. Es beschäftigten Leute sich damit in einem auffälligen, kampagnenhaften Alarmismus, die weder Eltern noch Pädagogen waren, mit Kindern eigentlich gar nichts zu tun hatten, z.B. studentische Autonome. Und ich behaupte mal, das stand das mißhandelte Kind deshalb im Mittelpunkt, weil es das ideale Objekt war: Wehrlos, nicht in der Lage, die eigenen Interessen zu artikulieren, da lässt sich mit der eigenen Edelmütigkeit so richtig glänzen, wenn mensch sich für die artikuliert. Ich denke mal, dass aus sehr ähnlichen Gründen junge Linke zu Veganen und TierrechtlerInnen werden: Das geschlachtete Vieh als wehrloses Objekt und Projektionsfläche der eigenen Großartigkeit.

    @“Für mich immer wieder ein Zeichen, Menschen nicht mehr nach rechts und links, sondern nach schäbig und etwas weniger schäbig einzuteilen.“ —- Nein, darum geht es hier gar nicht, es steht nicht Schäbigkeit im Mittelpunkt, sondern ein Übermaß an Moral in Kombination mit einem Mangel an kritischer Selbstreflektion.Diese Menschen sind ja nicht schäbig sondern geradezu zerfressen von Moral.

    @“„Zartbitter“ als Name für eine Stelle, die sich mit Kindesmißbrauch befaßt, ist schon eine arge und auch dumme Sache, wenn man sich diesen Namen auf der Zunge zergehen läßt. Genauso könnte auch ein SM-Club heißen.“ —— Der Name bezieht sich auf das Buch „Zart war ich, bitter war´s“ von Ursula Enders, ein Standardwerk zum Thema sexueller Mißbrauch von Kindern, das zum Pflichtprogramm des Pädagogik-Studiums gehört.

    @“ Insofern reagierte Droste angemessen.“ —– Wer zu einem Zeitpunkt, als im Gegensatz zur Causa Kachelmann keine öffentliche Verteufelung gelaufen war, sondern lediglich mit dem Autor über den Inhalt seiner Schriften diskutiert werden sollte dem Gegenüber in einem Vokabular, das eher ins Rotlichtmilieu oder die Rockerszene als in linke Zusammenhänge gehört die anale Vergewaltigung anbietet hat sich sehr weit von jeder Form von Angemessenheit entfernt. Dagegen erscheint die Disco, die „gaskammerdicht“ ist vergleichweise moderat.

    @“Diese Stellen leben übrigens davon, daß es Mißbrauch gibt.“—— Ja, amnesty international lebt davon, dass es Folter gibt, ohne Bürgerkrieg kein Flüchtlingsrat, ohne Mißbrauch mit dem Mißbrauch keine Droste-Lesungen, so what?

    Und endlich erscheint die Tatsache, dass zu einem Zeitpunkt, als zum ersten Mal das Thema sexualisierte Gewalt an Kindern in pädagogischen Einrichtungen überhaupt öffentlich thematisiert wurde sich sofort mit der Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne die Mainstream-Medien so erfolgreich auf das Thema stürzten dass das 20 Jahre später noch Nachwehen hat als eine völlig falsche Prioritätensetzung.

  6. Bersarin schreibt:

    Es ist völlig richtig, die sexuellen Übergriffe auf Kinder zum Thema zu machen. Zumal, was die offene Sexualität mit Kindern betrifft, auch in bestimmten Teilen der linken, sozialen Bewegungen ein gewisser Aufarbeitungsbedarf besteht. Kinder haben zwar durchaus eine Sexualität, Jungs können mit 6 Jahren oder früher schon ein Ständerchen haben. Aber kein Erwachsener hat das Recht, Mädchen oder Jungs sexuell übergriffig anzufassen und eigene Sexualität an Kindern auszuleben. Wie es ebenso wichtig war, auch die schwarze Pädagogik und schwerste Gewalt gegen Kinder in Heimen endlich in die Öffentlichkeit zu bringen. Diese Dinge waren bis in die 70er ein Tabu.

    Ich bin immer für eine differenzierte Betrachtung. Das eine, also das, was Rutschky machte, muß das andere nicht ausschließen.

    Droste mag ein Arschloch sein. Ich kenne ihn nicht, nicht einmal sein Umfeld. Nur seine Texte. Die sind stellenweise eben doch sehr lustig und gut geschrieben.

    Rektales Fiebermessen pauschal als einen Übergriff zu bezeichnen ist dumm. Zumal es in den 60er/70er Jahren vorwiegend Quecksilberthermometer gab und dieser Ort sich als ausgesprochen signifikant erwies. Ich frage mich, wie solche Knalldeppen Psychologinnen werden können. Obwohl: eigentlich weiß ich es, wie das geht. Allerdings ist dies für Kindergärtner ein unübliches Verhalten. Wozu man einfach sagen muß, daß in den 70er der Umgang mit Nacktheit sehr viel freier war, als es heute bei all den Moralspacken ist.

    Ja, es ist das Übermaß an Moral, an einer verlogenen und trompeteten zumal, die sich nicht selber reflektiert. Da liegt das Problem. Die Leute lesen Adorno, Foucault und Derrida und begreifen die Quintessenz dieser Texte nicht im mindesten. Das kann mich bis heute hin rasend machen.

    „Zartbitter“ als Namen halte ich für ausgesprochen fragwürdig. Von den Assoziationen her und für die, die dieses Buch nicht kennen, hört sich das an wie ein sublimer Sexschuppen. Ich bin bei solchen Beratungsstellen ausgesprochen skeptisch. Amnesty ist da eine andere Nummer, die sich eine schlechte Presse nicht leisten können. Wenn dort herauskommt, daß Berichte erfunden sind, sind die ihre Spender schnell los. Wichtig scheint mir, daß Menschen, die in solchen Organisationen sitzen und eklatante Fehlentscheidungen treffen bzw. andere denunzieren und üble Nachrede verbreiten, auch juristisch zur Verantwortung gezogen werden. Dann wird es sich mancher überlegen, ob er oder sie für einfachso Behauptungen in den Raum schmeißen und das Leben von Eltern und Kindern gründlich ruinieren.

    Wesentlich scheint mir, differenziert zu betrachten, Fakten zu prüfen und vor allem gilt für jeden Menschen zunächst die Unschuldsvermutung bis die juristische Schuld samt Schwere bewiesen ist. Daß es mit der Justiz der BRD wie auch mit BRD-Behörden nicht immer einfach ist, steht dabei auf einem anderen Blatt.

  7. hf99 schreibt:

    am Schlimmsten war der Fall Worms.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Wormser_Prozesse

    Einfach nur ekelhaft. Die Opfer sind bis heute nicht entschädigt; keine der Falschbeschuldigerinnen hat auch nur moralische Verantwortung eingeräumt. Soviel kann man gar nicht in sich reinstopfen, wie man kotzen müsste. Gipfel dieser widerwärtigen Geschichte ist das „Spatzennest“:

    Die Prozesse hatten verheerende Wirkung auf Kinder und Angeklagte: Eine Angeklagte, die siebzigjährige Großmutter, starb in Untersuchungshaft, andere verbrachten bis zu 21 Monate in Haft. Mehrere Ehen zerbrachen, die Existenz einiger Angeklagter und Familien wurde zum Teil auch durch die hohen Anwaltskosten völlig zerstört. Die Kinder wuchsen derweil größtenteils in Heimen auf und kehrten erst nach und nach zu ihren Eltern zurück. Ein Junge, der an Diabetes erkrankt war, starb nach seiner Entlassung aus dem Heim. Sechs Kinder – jene, die im Kinderheim Spatzennest in Ramsen untergebracht gewesen waren, darunter die aus dem Scheidungskonflikt, der die Verfahren ausgelöst hatte – kehrten überhaupt nicht zurück, da sie völlig von ihren Eltern entfremdet waren. Dem Heimleiter wurde seinerzeit vorgeworfen, die Kinder bewusst gegen die Eltern aufgestachelt zu haben. Die meisten dieser Kinder glauben bis zum heutigen Tag, dass ihre Eltern sie sexuell missbraucht hätten.[5]

    Das Spatzennest bestand noch bis zu seiner Auflösung im November 2007, als der Heimleiter aufgrund der Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener vom Arbeitgeber entlassen wurde.[6] Am 8. Februar 2008 wurde der Heimleiter in Untersuchungshaft genommen,[7] am 29. Juli 2008 begann der Prozess gegen ihn.[8] Am 22. August 2008 wurde er des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen in zwei Fällen für schuldig befunden und zu einem Jahr Haft auf Bewährung und dreijährigem Berufsverbot verurteilt.[9] Im April 2011 wurde er wegen noch schwerwiegenderer Missbrauchsvorwürfe erneut angeklagt[10] und im November 2011 wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und acht Monaten verurteilt.[11][12] Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil hat der Senat des BGH mit Beschluss vom 28. Februar 2013 verworfen. Das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft für ein lebenslanges Berufsverbot des Angeklagten wurde vom BGH am 25. April 2013 zurückgewiesen.[13] Das Urteil ist damit rechtskräftig.

    Nach den Freisprüchen trennte sich Wildwasser von der tätig gewordenen Mitarbeiterin. Die Berliner Zeitung berichtete Ende Juni 1997, dass diese von der Richtigkeit ihrer Vorgehensweise weiterhin überzeugt war.[14] Eine öffentliche Entschuldigung oder andere Konsequenzen hat es nicht gegeben.

  8. Bersarin schreibt:

    Danke, Hartmut, für diese ausführliche Darstellung.

    Insofern hat Katharina Rutschky mit ihren mahnende, warnenden Worten in der Tat recht behalten. Wie immer, wenn Salem und Hexenjagd die Oberhand haben, gehen skeptische Stimmen der Aufklärung unter.

  9. che2001 schreibt:

    Hierzu ist allerdings festzuhalten, dass Rutschkys Kritik und Drostes Lesereise vor den Wormser Vorfällen stattfanden.

  10. Bersarin schreibt:

    Das ist richtig, aber insbesondere Rutschkys Intervention beruhte, vorausschauend, auf einer sich abzeichnenden Hysterie, wenn nur noch nach einer irrationalen Logik des Verdachts vorgegangen wird, weil irgendwelche vermeintlich Wohlmeinenden etwas wittern oder Indizien, die vielfältig ausgelegt werden können, in ihrem Sinne aufblasen. Dies ist die Instrumentalisierung von Begriffen wie Mißbrauch und Vergewaltigung. Den tatsächlichen Opfern erweisen solche selbsternannten Retter respektive Denunzianten, die überall etwas wittern, keinen Dienst. Ähnliches spielt sich heute in Diskussionen ab, wo beliebige Menschen, die nun gerade keine Rassisten sind, als solche gelabelt werden. Hinter solchem Verhalten freilich stecken häufig krude Herrschaftsansprüche über bestimmte politische Diskurse. Der Antisemitismusvorwurf gehört ebenfalls dazu.

    Daß es in den 50er, 60er und 70er Jahren und noch bis in die 80er hinein für Frauen ausgesprochen schwierig bis unmöglich war, gegen Vergewaltigungen (insbesondere auch solche in der Ehe) wie auch gegen häusliche Gewalt vorzugehen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Gleiches gilt für Kindesmißbrauch und Kindesmißhandlung. Ich plädiere in diesen Dingen für eine differenzierte Betrachtung. Wer etwas behauptet, muß es beweisen und sollte dabei nicht seinen eigenen Projektionen erliegen. Aus der Angst heraus, daß Mißbrauch unentdeckt bleibt, nun das Gegenteil zu inszenieren und eine Salemsche Hexenjagd zu betreiben, schüttet das Kind mit dem Bade aus.

    Zu empfehlen auch das Buch des Gerichtsgutachters Max Steller „Nichts als die Wahrheit. Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.“ Worin es genau um solche schlampig bis mangelhaft erstellten Gutachten geht, die im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung angelegt sind, anstatt daß es darum geht, die Wahrheit zu finden.

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