Von der kulturfabrikalen Wissensproduktion, die man besser eine des Unwissens nennen sollte

Manche werfen meinen Texten vor, daß darin häufig das gleiche geschrieben stehe. Vielleicht stimmt das. Aber in anderer Weise als ursprünglich gemeint. Ich umkreise – manchmal in Konstellationen und in anderen Fällen ebenso unidirektional – bestimmte Themen. Im idealen Falle kaleidoskopartig. Den negativen Aspekten von Gesellschaft in ihrer umfassenden Struktur sind wenige nur bereit, in die Augen zu sehen. Es stört. Um es auf den Punkt zu sagen: eine grundsätzliche Kritik der kapitalistisch organisierten Gesellschaft, insbesondere ihrer Produktionsweise ist und bleibt das Ziel; eine Kritik der politischen Ökonomie, die auch auf der mikrologischen Ebene ihren Ort hat. Der liebe Gott wohnt im Detail. Ich betreibe dieses Verfahren als ästhetische Theorie. Diese Dekonstruktion des Realen mag man als Negativität auslegen. „Sieh doch nicht alles immer so düster!“ Ich bin mit meiner Kritik zum Glück nicht allein auf weiter Flur. In anderer Sprachweise und Ausdrucksform, von den Intentionen her und im Ton der Kritik jedoch durchaus ähnlich, wenngleich in Handeln, Tun und Machen deutlich positiver gestimmt als ich, schrieb Alban Nikolai Herbst in seinem „Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 4.11. 2015“:

„Ich habe immer wieder mit einem Seelenwissen gearbeitet, von dem ich heute einsehen muß, daß es fast restlos verlorenging – und verlorengehen sollte und weitersoll, weil Bildung nicht im Interesse der Ökonomie liegt, die Folgsamkeit will. Gestern abend sprach ich kurz mit Pamela Rosenberg darüber. Negt und Kluge haben ganz zu Anfang der Achziger den Prozeß sehr deutlich beschrieben (in „Geschichte und Eigensinn“, unanfechtbar einem Jahrhundertwerk): als es der Industrie darum gehen mußte, die Arbeitenden auf die Höhe der Produktion zu bringen, kam es zu den berühmten Arbeitsbildungsvereinen, deren Programmen Rücksichtnahmen wie „soviel Konzentration kann niemand aufbringen“ und dergl. Restlos fremd waren, und den Arbeitern waren sie auch fremd. Die moderne Produktion kann Arbeitende aber nicht mehr brauchen, die auf der Höhe der Produktion sind, sondern sie sollen einfach, ohne Kenntnis der Zusammenhänge, tun. Also wird die Bildung, die Jahrzehnte vorher Voraussetzung war, zum Hindernis und – abgeschafft. So sieht es an den Unis heute auch aus; jedes studium generale steht der Produktion grob im Weg, und der Konsumtion. Insofern wundert es nicht, daß von den Hunderten Politikern, die zu dem Symposion [WAS MUSIK KANN. Ein Symposion mit Daniel Barenboim, Thomas Fritz, Melanie Fuhr-Waldmann, Stefan Koelsch, Martin Rohrmeier, Pamela Rosenberg, Robert Zatorre, u.a. Moderation: Jürgen von Rutenberg und ANH.] eingeladen wurden (als Zuhörer, nicht als Vortragende; Barenboim hat expressis verbis, erzählte mir Reisch, parteipolitische Wahlvorträge ausgeschlossen) so gut wie niemand zugesagt hat. Und ich fürchte, daß die gemeinsame Initiative des Musikkindergartens und der Barenboim-Said-Akademie eben deshalb ins Leere laufen wird, weil Bildung letztlich der (kapitalistischen) Ökonomie ein Dorn im Auge ist. Es soll vielmehr jede Wurzel gekappt werden, die Menschen noch identisch macht; sie müssen austauschbar werden, um universell einsetzbar zu sein: humane Passepartouts. So sehen unterdessen auch die Lehrpläne der Universitäten aus, zu einem studium generale hat niemand mehr eine Chance, der und dem an einem guten Abschluß gelegen ist. Wenn man sich dazu vor Augen führt, daß unterdessen sogar akademische Germanistenkongresse auf Englisch durchgeführt werden, wird einem schlagartig klar, wogegen die Stoßrichtung zielt.

Es ist schon anderwärts bemerkt und formuliert worden, nicht nur von mir: Zugearbeitet – durch seine Desavouierung der Begriffe Treue, Ehre, Boden, Blut – hat diesem Prozeß der Hitlerfaschismus; selbst der tief seiner Scholle verbundene Bauer macht sich verdächtig. Losgelöst werden wir darüber hinaus von unserer Sprache; Einheitssprache ist das Ziel; um es anders zu sagen: Sprache als – darum eben austauschbar – Äquivalenzform. Steht schließlich jemand vor einem Bild Cézannes kann er gar nicht mehr wissen, was er sieht, um von mittelalterlicher Malerei ganz zu schweigen. Nicht anders geht derzeit der „Islamische Staat“ vor, auch er zerstört Herkünfte, will den Leuten den kulturellen Boden wegziehen, um sie widerstandslos zu machen und schließlich zu assimilieren. IS und Kapitalismus sind die beiden Seiten derselben Münze.

Musik kann sie uns wegwerfen lassen. Deshalb das fundamentalislamische Verbot der Musik, das sich im Koran nirgends findet; deshalb die kapitalistische Pop-Profanierung, nämlich Banalisierung der Musik mit ihrem Akzent auf dem Rhythmus: Herzschlag-Manipulation. Ich bin schon im Kindergarten meines Sohnes, der in Barenboims Musikkindergarten, weil es den damals noch nicht gab, noch nicht gehen konnte, erfolglos dagegen angelaufen.

Wenn meine Arbeit also immer wieder Bildungsvoraussetzungen hat, die unterdessen viele Leser:inn:en nicht mehr nachvollziehen können, dann nicht, weil ich „elitär“ gesonnen wäre, sondern weil es darum gehen muß, eine solche Bildung zu bewahren, und zwar aus humanistischen Gründen. Als mir in Klagenfurt 1983 ausgerechnet Gert Ueding, ein Universitätsprofessor, „Bildungsballast“ vorwarf, war der unheilvolle Prozeß längst abzusehen, in den die Kultur geraten war. Allein der Begriff bezeugt Ungeheures: Bildungsballast. Es läßt sich deutlicher nicht sagen.“

Eine großartige Kolumne! Ich teile selten fremde Blogtexte und kopiere sie bei mir in den Blog hinein. Hier aber copypaste ich gerne. Und verweise zudem auf Alban Nikolai Herbsts im August erschienenen Roman „Traumschiff“, den ich zum Lesen empfehle. Eine Besprechung folgt hier im Blog. Leider hat mir Insa Wilke in ihrer Rezension in der „Süddeutschen“ meinen schönen Bezug zu Cees Nootebooms Erzählung „Eine folgende Geschichte“ vorweggenommen und damit dann auch verbaut: ich wollte der erste sein, der das nennt, aber die Zuspätgekommenen wie auch die schreibend Zaudernden bestrafen die Frauen. Was das Thema Sterben und das Recht auf Tod anbelangt, gab es gestern in der FAZ dazu einen Artikel des Philosophen Thomas Sören Hoffmann. Aus gegebenem Anlaß, aktuell zur heutigen Debatte im Bundestag über Hospiz- und Palliativversorgung. Zudem wird morgen über vier verschiedene „Gesetzentwürfe zur Regelung der Sterbebegleitung“ abgestimmt. In diesem Sinne aktualisiert der Roman in literarischer Form einen Aspekt, den man mit Fug und Recht als den zentralen und wesentlichen menschlicher Daseinsweise bezeichnen kann: den Tod, das Sterben. Ja, in dieser Reihenfolge, nicht anders herum.)

Gegen den Begriff der Identität freilich, wie ihn ANH nennt, sträube ich mich, wenn es im Denken auf das Andere dessen, was sowieso der Fall ist, zugehen soll. Es wäre vielmehr, mit Adorno gesprochen, eine Position des Nichtidentischen einzunehmen. Die freilich wiederum, dialektischer Kniff, Identität voraussetzt und in einer neuen und durchaus produktiven Weise freisetzt. Dennoch stimme ich im Gesamt des Textes mit Herbst überein. Einen Gegenweg, einen Gegenton vermag man vermutlich nur in einer Taktik der kleinen Schritte und in bestimmten Selbstpraktiken zu erzeugen. Sich nicht dumm machen zu lassen. Selbst der Begriff „subversiv“, den man für diese Formen des Widerstands einst gebrauchte, womöglich gar als eine Art „Ästhetik des Widerstands“ in den 80er Jahren als Kritische Theorie anschickte, (pop)ästhetisch sich zu transformieren, ist derweise angefressen und vernutzt, daß er inzwischen als wenig geeignet sich erweist, weil man sonst womöglich noch mit Ulf Poschardt in einem Boot sitzt. [Was keinem ernsthaft denkenden Menschen widerfahren möchte.]

Der Begriff „Bildungsballast“, von einem Professor geäußert, liefert in der Tat Aufschluß über das, was seit Jahrzehnten geschieht. Herbst stellt die Mechanismen, die dahinter stecken pointiert heraus. Wer es vertiefend in Theorie und Kritik lesen möchte, der lese dazu die einschlägigen Autoren wie Adorno und Herbert Marcuse, der leider sehr in Vergessenheit geriet.

Auch das macht Herbst übrigens richtig: Namen zu nennen und die Dinge nicht immer nur im Anonymen zu lassen und grundsätzlich zu lamentieren, denn schlecht finden es ja alle, aber beim Nennen der Namen tun sich die meisten schwer bis schwerfällig. Mögen diese Namen auch Charaktermasken und bloße Stellvertreter einer Sache sein, so sind sie dennoch Funktionsträger, die den Betrieb am Laufen halten.

„Nur, was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen für verständlich; nur das in Wahrheit Entfremdete, das vom Kommerz geprägte Wort berührt sie als vertraut. Weniges trägt so sehr zur Demoralisierung der Intellektuellen bei. Wer ihr entgehen will, muß jeden Rat, man solle auf Mitteilung achten, als Verrat am Mitgeteilten durchschauen.“ (Th. W. Adorno, Minima Moralia)

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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