Ai WeiWei in Berlin – Schweigenskonzeptualisationskunst

11_04_30_D_300_6364Lachen mußte ich, als ich heute morgen in der „Berliner Zeitung“ Arno Widmanns köstlichen Artikel über den sonntäglichen Auftritt Ai WeiWeis an der Berliner „Universität der Künste“ las. (Ja, ich lese die Tageszeitung immer einen Tag verzögert: die Zeitung von Montag am Dienstag, die vom Dienstag am Mittwoch usw. Dies freilich ist eine der harmloseren Marotten von mir.)

Ai WeiWeis Mischungsgelassenheit zwischen Stoa, chinesischem Konfuzianismus und Künstlerentrückung brachte ihn vermutlich über diesen herbstlichen Allerseelen-Abend im Konzertsaal der UdK. Die große Kunst, keine Kunst und schon gar keine Performance zu machen, sondern sich in asiatischer (Inhalts-)Leere zu ergehen, die der Zuschauer dann mit Zeichen füllen muß, wenn nicht gar, sich dem Zugriff konsequent zu verweigern, schien nach der Sicht von Arno Widmanns Text gut aufzugehen.

„Vier Professoren befragten knapp über eine Stunde lang Ai Weiwei. Hübsch einer nach dem anderen und wenn Ai einsilbig antwortete, röteten sich die Wangen der Professoren. Sie wurden hektisch und wussten nicht, was sie machen sollten. Die eine Dame und die drei Herren waren allesamt sichtlich überfordert. Eine nette, kleine Performance, mehr war ja nicht gefragt – das war offensichtlich schon zu viel für sie. Was, werden die etwas wacheren der anwesenden Studentinnen und Studenten sich gefragt haben, können die mir beibringen?

Immer wieder verweigerte er sich diesem Anspruch oder aber er sprach ebenso langweilig wie seine Befrager und zeigte dem Publikum so, eine wie riesige Rolle die Mimesis selbst bei einem Konzeptkünstler wie Ai Weiwei spielt.

Nach Ende der ersten Halbzeit erklärte einer der Herren, jetzt werde es um die Frage gehen, wie man denn Kunst lehren könne. Er sprach von der Schönheit eines weißen Blattes, das es zu beschreiben gelte. Man kann um jeden Studenten froh sein, den dieser Professor nicht beschrieben hat. Dann kam die Frage: Was sollen die Studenten lesen? Ai Weiwei antworte sehr ausführlich: Das ist eine schwierige Frage; ich liebe das Lesen mehr als alles andere, aber ich tue es nicht – man braucht so viel Zeit dazu. Fotografieren geht schneller. Ich weiß, so Ai Weiwei, wie schön es ist die Welt zwischen den Zeilen eines Buches zu lesen. Aber ich schaffe es nicht.

Am Ende dürfen Studierende auch noch ein paar Frage stellen. Die erste ist wunderbar. Kein Mensch versteht sie. Es ist Dada pur. Eine heitere Parodie auf die Veranstaltung. Aber nach der dritten Wiederholung der Frage hat einer auf dem Podium sie verstanden. Was ist die Beziehung zwischen Ethik und Ästhetik? Boing. Kaum hat man sie verstanden, hat sie jeden Reiz verloren. Ai Weiwei antwortet: Sie haben mit einander zu tun. Aber sie geraten in der Kunst oft in Konflikt. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die letzte Frage: Wie definieren Sie Kunst? Ai Weiwei antwortet so etwas wie „Keine Ahnung“. Dann aber rafft er sich auf und sagt: Es ist wie mit dem Sex. Man kann sehr viel Erfahrung darin haben und kann doch nicht definieren.“

Am besten gefiel mir Widmanns absolut notwendiger Hinweis auf eine der unterschätzten Kategorien der Kunst: nämlich die Mimesis.

Die Reaktionen auf Ai WeiWei in den Kreisen der Galeriebesucher wie im selbstreferentiellen System Kunst samt seinem Personal sind gespalten bis verhalten. Die Schelte teile ich nicht, daß Ai Weiwei bloß ein hoffnungslos überschätzter Dissidentenkünstler sei – der er freilich nun im Ton einer empörten Öffentlichkeit denn doch nicht mehr ist: vom „Hosianna“ zum „Kreuzigt ihn!“ war es noch nie besonders weit. Einzig aufgrund seines Status als Kritiker Chinas hofiert und zudem von seiner Kunst her völlig überschätzt. Solche Vorwürfe müssen sich fragen, inwiefern hierin ebenso die eigenen Projektionen stecken und auf welchem Begriff von Kunst diese Sicht beruht. Man muß sich dazu die Äußerungen wie auch das Gerede von Ai Weiwei nicht anhören. Ich messe einen Künstler nicht an seinen Worten, nicht an den Selbsterklärungsversuchen, denn kein Künstler ist gehalten, sein eigenes Werk zu verstehen, schon gar nicht, kluge oder witzige Dinge zu sagen.

Die Konzeptualisierungen Ai Weiweis jedoch sind so gut oder eben: so schlecht wie die vieler anderer Konzept- und Environment-Künstler: Ob Tracy Emin nun ihr Bett mit benutzten fleckigen Höschen und Kondomen ausstellte oder Ai WeiWei Vasen aus der Han-Dynastie, tausende Hocker von chinesischen Wanderarbeitern oder Flußkrebse oder zunächst rätselhaft anmutende Stahldraht- oder Baumskulpturen: immer ist es Reflexionskunst, auf die man sich assoziativ und kreativ einlassen muß, die dazu auffordert, erschlossen zu werden oder aber es trifft eben doch die These von der Erklärungsbedürftigkeit der Modernen Kunst zu. Darin differieren Ai WeiWeis Werke nicht von denen anderer Gegenwartskünstler. Die Schelte an ihm ist billig und speist sich meist aus anderen und unlauteren Motiven. Vermutlich hat sich im System der popdistinkten Kunst, die auf den very special-Effekt einer Superperformanz für ein paar wenige Eingeweihte zielt, Ai WeiWei nicht verborgen genug gemacht. Nachdem er aus seiner Haft kam.

Cool oder uncool ist kein Maßstab für Kunstkritik. Und wenn, dann nur sehr bedingt. In den Liebesendszenen freilich spielt dieses semantisch-faktische Differenzierungsmerkmal eine Rolle, wenn man dem ironischen Text der Band „Tocotronic“ folgen mag, den sie Mitte der 90er Jahre, in den noch bewegten, wilden Jahren, da die Welt sich anders und alkoholischer und weiblicher und wilder drehte, in ihrem Lied „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ zu schönen Tönen sangen:

„Vielleicht ist es eine//Frage des Geschmacks//mit Unrichtigkeiten//den Abend verbracht Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt// Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt“

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Die Photographien wurden von mir Ende April 2011 aufgenommen.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Ai WeiWei in Berlin – Schweigenskonzeptualisationskunst

  1. holio schreibt:

    Konzeptkunst ist sicher eher ein toter Ast. Soziale Kunst, wie Ai sie verkörpert, ist höher zu schätzen. Die gefilmten Bewerbungsgespräche geben ihm schon mal ein gutes Material und ich gehe davon aus, er wird was draus machen. Doch würden die Studierenden dabei nur als Objekte benutzt, das ist zu asymmetrisch. Was mich brennender interessiert, ist der Blick der ausgewählten 16. Von denen wollte ich Blogs lesen: Wie es zum Berufswunsch Künstler kam, wie sie sich an den Betrieb herantasten, an die vielen Leute, die mit der Kunst der anderen hartes Geld verdienen. Aber auch einfache Alltagsbeobachtungen und aber vor allem, wie sie die Arbeit mit Ai erleben. 16 unterschiedliche Blicke könnten wir in dieser sozialen Plastik erleben, manchmal auf ein- und dieselbe Sache, und würden erleben, wie der eine sich absichert, möglichst nicht anders zu werten als die anderen, die Rebellin dagegen ungeachtet ihren schrägen Blick auf die Welt schleudert. Denn „jeder Mensch ist ein Künstler“, wie der hl. Joseph schon sagte oder wie Ephraim Kershom schreibt: „Kunst ist, was du aus deinem Leben machst.“

    Wünschen täte ich mir als Ergebnis seiner Einsteinprofessur in dieser Art und Weise eine Bestandsaufnahme der Kunst im Deutschland der Gegenwart, vergleichbar wie sie Hustvedt in persona Harriet Burden für die USA geleistet hat. Zweifel habe ich allerdings, ob die 16 Studierenden dazu in der Lage sind. Ihr Posten muss schon eine hohe Frequenz haben, damit ich nicht einschlafe, und eine gewisse Lässigkeit und Unbedachtheit aufweisen. Die ich deutschen Studierenden leider kaum zutraue. Aber wer weiß, vielleicht ist die Eignung für bella figura in sozialen Medien ja bereits ein Kriterium in Ais Bewerbungsverfahren gewesen.

    Etwas anderes. Ai eine asiatische Gelassenheit anzudichten, halte ich für Projektion. Er hat das Kunsthandwerk in New York gelernt, ich kann an seinem Verhalten wenig ausgesprochen Chinesisches finden. Dass Denkpausen sogleich von stilleallergischen Berufsschwätzern ausgefüllt wurden, wie Maak berichtet, ist, ja, schändlich, Armutszeugnis. Seine Leibesfülle mag an einen Buddha gemahnen, gut. Dass er sitzend meditiert, wüsste ich nicht, wenn er nicht mal Zeit hat zum Lesen. Und seine Twitterfrequenz ist – oder war, als ich mal danach sah – stakkato.

    Seinen Vater Ai Qing würde ich auch gerne etwas anders rehabilitieren, als er in den Medien derzeit rüberkommt. Eine Ode an Pablo Neruda versuchte ich mal mehr schlecht als recht zu übersetzen: https://holio.wordpress.com/2013/03/23/fur-pablo-neruda/

  2. Bersarin schreibt:

    Die Gelassenheit Ai WeiWeis, sofern sie denn eine ist, wird sich aus unterschiedlichen Quellen speisen: eine davon ist sicherlich das Show-Geschäft. Dennoch würde ich das Asiatische nicht völlig ausschließen wollen. Sei es auch nur als Simulation, wie der Westler sich Asien denkt und in seiner kleinen Imago erzeugt. In diesem Sinne ist der Künstler Ai WeiWei ebenso ein Phänomen der populare culture.

    Daß jeder Mensch ein Künstler wäre (ich schreibe bewußt den Konjunktiv II), halte ich für eine der dümmsten Mythen. Die meisten Menschen taugen nicht einmal dazu, die einfachsten Aufgaben so auszuführen, daß hinterher das Ergebnis nur halbwegs brauchbar ist. Insofern hege ich keinerlei Hoffnung.

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