Comment cʼest – Feuilleton, Pop, Betriebssystem: schreibe FORMAT C:/Q

Nun bin ich seit Wochen kurz davor, mein über 30 Jahre währendes Abonnement der „Zeit“ zu kündigen, um auf die FAZ umzusatteln, was ich eigentlich schon lange hätte tun sollen, aber bisher aus Bequemlichkeit Monat um Monat hinausschob, und dann stoße ich endlich auf eine „Zeit“-Glosse, die zu lesen sich lohnt. Kritik der Kritik, eine Notiz aus dem Betrieb, die das Trallala des pseudosubversiven Popdiskurses beim Namen nennt. Wenn sich Kunstbetrieb, Feuilleton und Journalismus immer mehr nach der Kategorie der Unterhaltsamkeit ausrichten und ansonsten jeden komplexeren Anspruch mühelos zu unterlaufen sich anschicken: Wozu brauchen wir dann eigentlich noch diese Kultur-Seiten, wo all die Kultur-Journalisten fröhlich fabulieren, als schrieben sie für die „Bravo“ oder für die „Brigitte“?

Wenn Teile des Feuilletons unterhalten wollen, wie das Literarische Quartett oder andere Produkte im Kulturbetrieb, dann sollten sie es nach den harten Regeln der Unterhaltungsindustrie machen, so daß es im Resultat dann auch wirklich unterhaltsam ist und daß da nicht ein Mann in einem scheußlichen blauen Anzug sitzt, der wie eine Kopie Jörg Pilawas ausschaut. Schematisiert, konzeptualisiert, kalkuliert und standardisiert die Produkte! Und zwar auf eine Art, daß man auf den ersten Blick dieser Schablonen nicht gewahr wird. (Man mag gegen den alten Reich-Ranicki sagen, was man will, man mag seine Ästhetik als konservativ betrachten, aber als Kritiker gewitzt zu schreiben und zu unterhalten und dabei doch geistreich zu sein in seinem theatralischen Donnern: das vermochte er. Nicht immer zur Freude der Autoren. Aber es gibt eben keine Großkritiker mehr, was einerseits nicht schlecht ist, aber es fehlt im Feuilleton ein bestimmter Ton.)

Alexander Cammann bringt in der Zeit Nr. 49 des Jahres 2015 auf den Punkt, was im Betrieb fehlt. Nein, das ist kein Verfallsgejammere, wie gerne vorgehalten wird. Aber ich möchte im Internet wie auch im klassischen Feuilleton wieder Kritiken, Rezensionen, Berichte, Glossen lesen, die mich begeistern. Von Autoren, die schlauer als der Leser sind und die ihr profundes Wissen gerne teilen, um das der anderen zu erweitern. Die in ihrer Sprache etwas wagen, die mit Esprit schreiben können. Ich möchte nicht das lesen, was ich sowieso weiß, und in launigem Ton über irgendwelche Ereignisse wie Buchmessen, Lesungen, Bücher sich zu ergehen, mache ich abends in geselliger Runde selber. Dazu brauchtʼs keine Zeitung.

„Konsequenterweise kann heutzutage ein Pianist, der Beethovens Diabelli-Variationen eingespielt hat, nicht mehr danach gefragt werden, warum er dieses Stück so und nicht anders interpretiert hat, sondern danach, ob er auch Hip-Hop hört. Niemand käme auf die hingegen auf die Idee, Kendrick Lamar zu fragen, ob er auch den späten Beethoven hört. Während der popkulturelle Diskurs sich heute vorzugsweise im hermetischen Checker-Milieu entfaltet, müht sich jeder Museumsdirektor mit pädagogischem Begleitprogramm um einen niedrigschwelligen Zugang, als müsste er sich für seine Kunst schämen.

Nirgendwo geht es derzeit elitärer zu als ausgerechnet in den Deutungswettkämpfen populärer Kultur, im Ringen um die jeweils aktuell verbindliche Form. Nichteingeweihte haben weniger Zugangschancen als bei Schönbergs Zwölftonmusik: Die ewigen Distinktionsrituale des ‚Was geht/was geht nicht?‘ folgen fein ziselierten Codes zwecks Abgrenzung und Ausschluss, Abweichungen werden geächtet, allerneueste Trends und Tendenzen in einem ausdifferenzierten System unter Einsatz eines theoretisch hochgerüsteten Argumentationsarsenals durchgesetzt. Wenn schon der Gegenstand nicht hochkulturell ist, soll es wenigstens der Diskurs sein. Schade nur, dass man bei dieser Anstrengung zugleich auch noch so locker sein will.“

Schöner und treffender hätte man es nicht schreiben können. Wobei diese Distinktionskultur Pop allerdings ein Jahrzehnte währendes Phänomen ist – so alt wie der Pop selbst und diesem intrinsisch. Sein Wesen ist notwendigerweise Aus- und Abgrenzung. Das nahm er sich von der sogenannten Hochkultur – ein freilich in sich bereits problematischer Begriff. Die sogenannte hohe Kultur und der Pop sind lediglich zwei Spielmarken, zwei Seiten der einen Medaille – Janusgesicht der Spät-Moderne. Selbst die Provokation ist kein Phänomen des Pop, sondern von der Kunst geborgt und war dieser im Gestus der Avantgarden immer schon eingeschrieben: Grenzen zu überschreiten, heißt, sie anders als bisher zu ziehen. Aber eben auch: neue Grenzen zu erreichten. Unauflöslicher Widerspruch, der sich in der ästhetischen Form gründet. Das Bürgertum, das vom 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts noch als solches existierte und nicht bloß in seiner herabgesunkenen Variante einer neuen Bürgerlichkeit, die meist auf die Bräsigkeit hinausläuft, ließ sich in seinem Antagonismus gerne erschüttern, wenn die Künstler schrieben oder lauthals riefen: „Épater la bourgeoisie!“ und „Glotzt nicht so romantisch!“ (Dieses romantische Geglotze und Geklotze in Phrasen ist heute leider wieder en vogue.)

Pop ist die Fortsetzung der Hochkultur mit anderen Mitteln.

Die vermeintlich Pop-Progressiven finden das vermutlich gar nicht komisch. Bei Pop hört der Spaß auf.
 

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Comment cʼest – Feuilleton, Pop, Betriebssystem: schreibe FORMAT C:/Q

  1. hANNES wURST schreibt:

    Sie wollen die FAZ abonnieren? Dann sind Sie aber ein Spast (jedenfalls meint Juse Ju das: https://www.youtube.com/watch?v=tJKSFGY6mI0). Ich lese die FAZ – zumindest am Sonntag – auch ganz gerne, jedenfalls wenn sie umsonst ausliegt und es kein WLAN gibt.

  2. Bersarin schreibt:

    In dem Video gefallen mir nicht mal mehr die Frauen, so daß ich eine Rechtfertigung hätte, es mir noch einmal anzuschauen. Was ist WLAN für eine Zeitung? Die kenne ich nicht. Regionalblatt im Bergischen Land?

  3. Bersarin schreibt:

    Ah, ich hab’s: Wuppertaler Land-Nachrichten.

  4. hANNES wURST schreibt:

    Nein, ein WLAN ist eine Energiequelle, die mit Informationen gespeist wird und diese dann in Form einer elektromagnetischen Welle in die Wohnstube emittiert und dort eine starke hirnphysiologische Wirkung entfaltet.

  5. neumondschein schreibt:

    WLAN ist eine Technolgie und zwar eine, die Bloggern mehr Zeit zum Blogtexte-Verfassen verschafft. WLAN verhindert, daß Hannswurst die FAZ am Sonntag liest, und erspart dem Nutzer das Reinigen von Kabeln, die zum Internetzugang führen. Desweiteren erreicht man mit WLAN eine höhere Auslastung der Lebenszeit. Heutzutage sind daher öffentliche Personennahverkehrsmittel mit WLAN ausgestattet. Dann kann man quengelnde, bei der Arbeit störende, mitreisende Kinder mit Trickfilmen aus youtube beruhigen, und die Arbeit am Computer muß nicht mehr warten, bis der Blogger sich wieder an der Internetsteckdose eingefunden hat.

    Eine feine Sache, dieses WLAN.

  6. neumondschein schreibt:

    Und dann noch was: Diese Interviews mit Interpreten klassischer Musik waren schon immer häufig nicht zum Aushalten. Offensichtlich richten sich diese an ein Publikum, das aus Neureichen besteht, das der Meinung ist, klassische Musik gehöre zum guten Ton, und sei notwendig, um „dazuzugehören“. An ein solches Publikum richtet sich bestimmt auch „Klassikradio“.

    Jedoch gibt es da noch Joachim Kaiser, Andras Schiff. Wo veröffentlicht Joachim Kaiser? Ich glaube er veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung. Willst Du nicht lieber Süddeutsche Zeitung statt FAZ abonnieren?

  7. neumondschein schreibt:

    Pop ist nicht Hochkultur mit anderen Mitteln. Hochkultur ist Kultur, für deren Genuß und Produktion man eine komplizierte Ausbildung benötigt, deren Produktion so teuer ist, die so speziell ist, das sie nur ein kleines Publikum erreicht. Kurz, Kultur, die sich wirtschaftlich nur deswegen rechnet, weil es ein paar alte morsche Knochen gibt mit viel Geld, die das gern bezahlen wollen. Hochkultur hat nichts mit Bürgerlichkeit, alter oder neuer Bürgerlichkeit zu tun. Die soziale Basis für Hochkultur sind feudale monarchische Staatswesen wie das alte China oder Japan, die ancien regimes in Europa oder die Sowjetunion bzw. Rußland mit seinem Bolshoj Theater und dem Mariinksij-Theater.

  8. Bersarin schreibt:

    Du hast zwar meinen Text wie auch das Prinzip, um das es ging, nicht verstanden, neumondschein, aber das macht am Ende nichts weiter.

    Nein, ganz bestimmt werde ich die SZ nicht abonnieren.

  9. Bersarin schreibt:

    Dein Blick auf die vermeintliche Hochkultur ist unterkomplex und eine Billigvariante der Kulturkritik. Kein Schriftsteller benötigt für seine Literatur eine hochkomplexe Ausbildung.

    Die Ausbildung eines Handwerkers steht der eines Musikers in nichts nach. Beide müssen zudem in ihrer Lebenswelt bestimmte kulturelle und soziale Codes erlernen. Darin unterscheiden sie sich lediglich von der Art der Sache her.

  10. neumondschein schreibt:

    Nu, doch, es gibt Unterschiede in der Ausbildung einer Primaballerina und einem Malermeister. Mit einfach zwei oder drei Jahren Lehrzeit ist man nicht dabei. Und daß man als Schriftsteller nicht mehr vorweisen kann, als das, was man in der Grundschule lernt, also lesen und schreiben, steht dem nicht dagegen. Auf einem Klavier irgendeinen Lärm erzeugen zu können, macht mich ja auch nicht zum Konzertpianisten.

  11. Bersarin schreibt:

    Verfertige doch am besten eine Liste, die uns die Dauer der verschiedenen Ausbildungs- wie Künstlerberufe quantifziert, neumondschein. Das ist sicherlich interessant. Vielleicht erweiterst Du das ganze noch in Exel, indem Du verschiedene Länder wie Japan, China, USA, Rußland und Indien mit hineinnimmst und Korrelationen erzeugst. Ich glaube die Leserinnen und Leser dieses Blogs sind da ziemlich neugierig auf die von Dir gelisteten Ergebnisse.

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