Frankfurt/Messe: Twitterisierung des Journalismus

Der Mann, der seine Frau mit einer Gitarre verwechselte und einstmals – in den guten Zeiten, weit übers dreißigste Jahr hinaus – mit den Fingern auf ihrer Haut und in ihre Haare fuhr, als wären diese blonden Haare die Saiten eines Instruments, hat sich im Rein und Raus, beim Heiß und Kalt der Buchmesse eine Grippe zugezogen. So etwas interessiert die Leser nicht? Irrtum. Solche Berichte funktionieren gut. Früher schrieben Journalisten wie Raddatz (tot) oder Greiner über die Buchmesse. Heute haben wir FAZ-Buchmesseblogger oder die Schwatzdrossel Ronja von Rönne.  Entleerte Subjektivität. Es gibt Artikel, da bin ich froh, dafür kein Geld bezahlen zu müssen. Schlimm genug im Grunde, sie kostenlos im Netz zu lesen. Nein, ich habe nichts dagegen, vom eigenen Ich her zu schreiben. (Und ich habe auch nichts gegen Ronja von Rönne.) Aber mich stören Belanglosigkeiten: auf welchen Partys und mit wem jemand dort abhing und ob allein oder in Begleitung morgens im Bett erwacht. Fürwahr – aufregend und lustig. Weshalb es so wenigen Schreibern gelingt, die aufgenommenen Eindrücke in einen konsistenten und klugen Text zu packen, der nicht primär auf bemühte Weise bemüht wirkt, lustig zu sein, sondern der von Literatur handelt. Meinetwegen gerne lustig geschrieben. Für solches Verfahren stehen Begriffe wie Esprit. (Nein, ich meine nicht die Bekleidungsmarke.)

Denn darum ging es einstmals – Journalistentexte, die Prickeln erzeugen, die zum Weiterdenken anregen, die mich neugierig machen, das, was dort beschrieben wird, ebenso und mit anderem Blick zu entdecken, meinetwegen auch und gerne in outrierten Formulierungen getextet, wie dies der olle Raddatz praktizierte. Heute ist anders. Die Twitterisierung des Journalismus wie auch des Literarischen macht sich breit. In der Literatur führt mich diese Trivialisierung dazu, daß ich meine Auswahl an Autoren, die zu lesen sind, reduziere und mich wieder mehr auf Altes oder auf die Amerikaner kapriziere. Die können es besser. Oder die Südamerikaner. Für mich führen solche halbherzigen Texte dazu, mich auf Wesentliches zu beschränken. In den Tageszeitungen ist einzig der Wirtschafts- wie auch der Politikteil von Bedeutung, weil sie mir direkt oder indirekt zu verstehen geben, was ich mit meinen VW-Aktien mache und ob ich in die USA reisen soll. Feuilleton ist Spiel. Und manchmal, in den guten Fällen auch darüber hinaus, kann aus dem Spiel schöner Ernst werden. Schlechte oder langweilige Spiele öden mich an. Der Mann, der seine Frau mit einer Gitarre verwechselte, möchte Musik, die nicht nur das Herz, sondern ebenfalls den Geist zum Klingen bringt. Das ist bei gelungener Literatur, subtil komponierten Essays und klugen Frauen ähnlich. Die Schönheit der Texte stammt nicht aus dem Geist der Retorte und dem Abgelutschten des „Ich-sach-jetzt-mal-so“.

Der interessanteste Bericht über die Frankfurter Buchmesse war das Interview mit dem Leiter des Sicherheitsdienstes. Hier ging es endlich einmal um Relevantes: die Welt der Arbeit und nicht das Schwadronieren.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Fetzen des Alltags, Literatur abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Frankfurt/Messe: Twitterisierung des Journalismus

  1. hANNES wURST schreibt:

    Der Todeskampf des Journalismus ist eben eine traurige Angelegenheit, am besten nicht hinschauen. Ende des Jahrtausends hieß es in den deutschen Verlagshäusern noch „wir machen keinen Richtungsjournalismus“ heute wird das Wort gar nicht mehr benutzt, denn Unabhängigkeit von der Befindlichkeit der wenigen verbliebenen Medienmogule, Werbekunden und Leser kann sich niemand mehr leisten. Kein Wunder, dass die somit ohnehin ihrer vierte Macht vollkommen beraubten Journalisten dazu übergehen, ihre kleinen Brötchen mit unbedarften, unbedeutenden aber medial irgendwie verwertbaren Gaga-Artikeln zu verdienen. Man könnte es auch Generation X Journalismus nennen.

    Wer jetzt denkt, die Öffis müssten doch eine Ausnahme bilden, die kriegen doch die Milliarden nur so in den Hals gekippt, der irrt, denn wer einmal einen Job bei den Öffis gelandet hat der weiß, dass ihn in der freien Wildbahn nichts Gutes erwartet. Also auch dort: opportunistisch, nicht investigativ, denn die Karrieren sind von der Chefredaktion abhängig und deren Karrieren von der nur feigenblattartig über die Landesmedienanstalten abgekoppelten Politik.

  2. Bersarin schreibt:

    Absolut d’accord, pointierter Kommentar. Selten waren wir derart einer Meinung, Hannes Wurst. (Fast bin ich darüber etwas irritiert.) Das Problem liegt nicht im Einzelfall, daß es hier und da mal solche läppischen Artikelchen gibt wie von Rönne et al., sondern in einer unheilvollen Gesamttendenz.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Sie werden eben auch älter und reifer. Schon seit guten sechs Jahren stelle ich meine unbeholfenen Kommentare hier ein. Damals besuchten Sie den Kommunionsunterricht und ich ließ mein Bad altersgerecht einrichten. Heute haben Sie schon einen Führerschein und ich musste meinen abgeben.

  4. Bersarin schreibt:

    Ich bin immer ganz froh und glücklich, einen so weisen Mentor zu haben. Und Ihr Mahnen nach kurzen, knappen Texten fruchtet mittlerweile auch, wenn Sie sich meine letzten beiden Einträge hier im Blog nehmen. Meinen Führerschein war ich übrigens auch mal los. Für 11 Monate.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s