Zu Botho Straußens Sätzen im „Spiegel“

„Das böse Prinzip, das in der Leutseligkeit immer schon gesteckt hat, entfaltet sich im egalitären Geist zu seiner ganzen Bestialität. Herablassung und sich nicht besser Dünken sind das Gleiche.“ (Th. W. Adorno)

Mehr ist eigentlich  zu diesen Sätzen des Botho Strauß nicht zu sagen, spiegelten sie nicht eine generell böse Tendenz wider, die man ernst nehmen muß. Der verlogen-verlorene Herrenreiter in der Provinz. Angstkommunikation. Straußens Sätze schmälern freilich nicht seine Prosa. Dies wäre der dumme Reflex, der von der anderen Seite dann wieder herausgeschrieben wird und die Sache verfehlt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Gewaltdiskurse abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

36 Antworten zu Zu Botho Straußens Sätzen im „Spiegel“

  1. ziggev schreibt:

    ach, wie wunderbar

    ! … , wieder ein Adorno-Zitat. Denn ich hatte mich nach der Nennung Straußens auf einen ganz anderen Klang eingestellt. Doch schon vor dem zweiten Komma wusste ich, es kann nur jemand anderes sein. Allein das pelzige, umheimelnde des „Das böse Prinzip“ hätte mich drauf aufmerksammachen müssen, denn Adorno ist es unmöglich, das Böse direkt an- oder auszusprechen. Meine domestizierte Ratte, mein mir zuschgnurrende schwarzer Kater, mein auf mich spöttisch herabschauende Habicht wissen es insgeheim: adorno war es nicht.

  2. Martin schreibt:

    Also das Zitat ist von Adorno, Minima Moralia müsste es sein – um zu vollziehen, was das Zitat andeutet.

  3. Bersarin schreibt:

    @ziggev: Strauß befaßte sich durchaus mit Adorno, insofern ist der Bezug nicht gar so abwegig: In dem Buch „Paare, Passanten“ gibt es jenen etwas totgerittenen Satz, „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne sie!“

    @ Martin: Ja. Adorno, aus den „Minima Moralia“. Genau. Das Zitat spricht und steht eigentlich für sich. Insofern reicht hier der Name als Referenz völlig aus.

  4. anselm2304 schreibt:

    Angstkommunikation, das trifft den Nagel auf den Kopf.

    Und eines kommt noch dazu: Strauß möchte an dem Traditionsverlust, den er beklagt, in Wahrheit ja nichts ändern. Es geht ihm gerade darum, sich in einem geistigen Raum zu bewegen, der so dünn besiedelt ist wie die Uckermark. Er könnte andere dorthin einladen, er könnte von dem erzählen, was es dort zu entdecken und wiederzuentdecken gibt. Aber das würde ihm die melancholische Freude daran verderben, sich als einer der letzten fühlen zu können, als großer Einsamer. Es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass Strauß glücklich wäre, wenn viele beginnen würden, sich für Jakob Böhme, Hamann, Achim von Arnim zu interessieren, Er würde vermutlich mit einem akuten Klaustrophobieanfall reagieren.

  5. Bersarin schreibt:

    Das denke ich ebenfalls. Und genau dort, in dem von Dir formulierten Aspekt liegt der Unterschied zwischen dem elitären Herrenreiter Straußschen Kalibers und dem Denken Adornos (wie auch zu meinem Denken): Wir freuten uns, läsen mehr Menschen Kant und Kafka, Hamann, Herder und Hegel. Wir gründeten Lektüregruppen und würden andere an unseren Erkenntnissen teilhaben lassen. Strauß befiele vermutlich der große Ekel, begegnete er Syrern, Deutschen, Indern oder Sudanesen, die Jakob Böhme oder Nietzsche läsen.

    Den Hang zum Solitär kann ich noch gut nachvollziehen, er ist dem Bewohner des Grandhotels Abgrund ebenfalls nicht fremd. Dies aber mit einem dumpfen Deutschtum zu verbrämen, ist kleinkarriert und zeugt nicht vom Grandseigneur, sondern wie auch bei Heidegger von der deutschen geistigen Provinz. Nicht Geistesmensch, sondern tumbteutscher Schlafmichel mit Rhetoriküberschuß begegnet uns in der Gestalt des Botho Strauß.

  6. Christian schreibt:

    Das ist hart geurteilt. Und ich halte das aus dem aktuellen Text heraus nicht für zwingend. Denn er lädt ja ein, wenn auch mit der Geste desjenigen, der weiß, dass seiner Einladung nicht gefolgt wird. Das lässt sich psychologisieren und man kann Strauß dann vorwerfen, dass er in Melancholie versinke und den Herder-Lesezirkeln und Nietzsche-Selbsthilfegruppen fernbleibe. Aber die Geste des „Sprechen zu den Wenigen“, „Sprechen zu den Eingeweihten“ hat eine lange Tradition und lässt sich durchaus auch anders interpretieren. Sie ist einerseits melancholischer Rückzug desjenigen, der immer schon wusste. Andererseits macht sie die Autoren teuer, wertet sie die Literatur auf. Und er nennt ja gleich zu Beginn einige Namen, die er zu Unrecht für vergessen hält. (Und bei mir verfängt diese Geste sofort: Der erste Blick nach seinem Text ging dahin, wer denn Leopold Ziegler sei, den ich nicht kenne.)
    Ich will mich überhaupt nicht zum Strauß-Apologeten aufschwingen, aber ich denke doch, dass man mehr dazu sagen könnte als ein Adorno-Zitätchen, das ich gar nicht für so selbsterklärend halte in diesem Zusammenhang – und hoffe natürlich auch, dass noch mehr kommt!

  7. Bersarin schreibt:

    Gegen den melancholischen Rückzug ist nichts zu sagen, wenn es denn bei Strauß dabei bleibe und er in seinem Text schlicht eine große Verweigerung kultiviert hätte. Skepsis, die sich gegen die Gesellschaft und die herrschende Tendenz richtet, ist berechtigt. Aber diese kleingeistige Deutschtümelei, diese Angstkommunikation, die sich einstellt, sobald in der Provinz Fremdes auftaucht, ist unheilvoll. Nicht anders als der Reflex der kleinen Leute: Da kommen die Zigeuner und klauen Kinder und Wäsche von der Leine. Literatur und Philosophie sind nicht auf Nation und „Rasse“ beschränkt, sondern sie sind welthaltig, angereichert mit dem Geruch und dem Geschmack unterschiedlichster Regionen. Diese Pluralität sowie die Qualität von Texten macht das Besondere einer Literatur aus: egal wer sie schreibt. Daß für die Kenntnis von uns zunächst Fremden auch das Wissen ums Eigene erforderlich ist, daß uns also der Traditionszusammenhang bewußt sein muß, heißt eben nicht: Ausgrenzend zu verfahren und den hohen Wert des Deutschen zu predigen. Was an Nietzsche ist denn bitte deutsch? Nietzsche ist Sachse, ist Schweizer, Italiener, er schätzte die französischen Aphoristiker. Nietzsche ist in bestem Sinne ein Weltbürger des Denkens. Ebenso Celan. Das alles verkennt Botho Strauß und stülpt dem Geist seinen Kleingeist über.

    Adornos Satz ist mehrschichtig als eine Art Kippfigur zu lesen. Die leutselige Verbrüderung, daß wir uns alle gleich sind, meist mit widerlichem Schulterklopfen ausgesprochen, völkisch konnotiert, man denke nur an die Erbensuppe am Suppensonntag der deutschen Faschisten und das Prinzip der Ausgewähltheit dieser Gruppe und insbesondere ihrer Führer, bilden die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Egalitärer Geist und Elitebildung in einem. Straußʼ Deutschtümelndes, das radikal ausgrenzend verfährt, ist es, was mich abstößt, und genau dieses Denken führt dazu, daß Begriffe wie Heimat und Herkunft pauschal abgelehnt werden, weil sie von den Falschen besetzt und mit reduktionistischen Begründungen versehen werden.

  8. ziggev schreibt:

    „Den Hang zum Solitär kann ich noch gut nachvollziehen, er ist dem Bewohner des Grandhotels Abgrund ebenfalls nicht fremd. Dies aber mit einem dumpfen Deutschtum zu verbrämen, ist kleinkarriert und zeugt nicht vom Grandseigneur, sondern wie auch bei Heidegger von der deutschen geistigen Provinz. Nicht Geistesmensch, sondern tumbteutscher Schlafmichel mit Rhetoriküberschuß begegnet uns in der Gestalt des Botho Strauß.“

    bitte, bersarin, wenn es erlaubt ist, mit größter Wonne seien Deine Worte hier zitiert und wiedergegeben. Zu Jakob Böhme von mit hier allerdings kein Kommentar. too big.

  9. ziggev schreibt:

    wunderbar auf den Punkt gebracht ! – yrs, zigg

  10. ziggev schreibt:

    oder, um es in hartmutschem Duktus wiederzugeben: ich unterstreiche jede Silbe und (bitte mitzulesende) Betonung ! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen (wie ich ja schon sagte)

  11. El_Mocho schreibt:

    Ihr Pfeifen, weg mit der Literatur, nehm das:

  12. Bersarin schreibt:

    Danke, danke, ziggev, fürs Lob. Ich habe manchmal den Hang zu genialischen Sätzen. Mal mit, mal ohne die Drogen.

  13. ziggev schreibt:

    Die deutsche Sprache hat nun mal den Hang zum Epigrammatischen. Das hast Du aber hier in Vollendung vollbracht, cheers!

  14. Bersarin schreibt:

    Doppel-Cheers: ich liebe Vollendung. Am besten eine solche, wo am Ende nichts mehr übrig bleibt.

  15. Christian schreibt:

    Danke für die ausführliche Antwort. Und ich kann die vehemente Ablehnung nun nachvollziehen, wenngleich ich es durchaus reizvoll fand, wie zum Beispiel Heinz Schlaffer, danach zu fragen, was denn eigentlich „deutsch“ sei an der deutschen Literatur. Mit gutem Grund aber widmet er sich vor allem der Literatur um 1800.
    Heimat, Tradition, Herkunft: Das ist in der Tat ein Feld, das allzu leicht missbraucht werden kann – noch immer. Entweder verfährt man abgrenzend oder vereinnahmend (so wurde Kierkegaard zum Beispiel von manch einem um 1900 als „Deutscher“ gelesen – eigentlich sei S.K. durch und durch deutsch -, um seine Rezeption zu rechtfertigen). Da sind in der Tat andere Narrationen gefragt, und die gibt es ja auch. Trotzdem bleibt wohl allzu leicht der Wunsch nach einem „deutschen Kern“, nach dem „tiefsten Wesen“, das eben nicht französisch sein könne etc., übrig. Und ja, das kann man dann vermutlich bei Strauss sehen. Merkwürdig starke Kopplungen.

  16. Bersarin schreibt:

    Ich sage es mal so: Ich komme literarisch und im Bereich der Philosophie natürlich eher von der deutschen Sprache her als von der französischen, und Polnisch oder Russisch beherrsche ich nicht. Aber bereits bei den deutschsprachigen Autoren stellen sich Probleme und Fragen ein, die in der Diktion von Strauß kaum eine Antwort finden und sich kaum unter dem Begriff des Deutschtums subsumieren lassen: Autoren wie Kafka und Celan etwas.

    Ich halte viel auf die deutsche literarische Romantik. Aber ich lese auch diese Literatur nicht als eine Nationalliteratur.

  17. Bersarin schreibt:

    Den Begriff der Heimat und der Herkunft halte ich für wichtig. Gerade um ihn nicht den Rechten zu überlassen, täten wir gut, solche Begriffe mit Inhalt zu füllen, statt einem abstrakten Kosmopolitismus zu huldigen. Ich bin weder in Kurdistan, in Indien noch in der Provence zu Hause und ich will dort auch nicht zu Hause sein. Leichter Kitschverdacht: Vielleicht ist die Kinderhymne von Brecht ja gerade aus diesem Grunde so anrührend, weil dort Heimat ohne Revanchismus und dumpfen Nationalismus besungen wird.

  18. ziggev schreibt:

    hmnn, ich weiß nicht, Celan, Kafka, … Brecht. Da denke ich schon wieder an Biermann, so gesagt von mir als Hamburger. Biermann mit seinen kommunistischen Eltern. Und wie W. Biermann davon berichtet, wie seine Mutter, ihn vor den Flammen bewahrend durch die Kanäle in hamburger Arbeitervierteln trug und ihm erzählte, „das sind nicht unsere Feinde“ – sie meinte die bombenden Briten. Das ist meine Heimat. Nicht großartig anders wurde mir die Geschichte des WW II erzählt. Und ich brauche nicht extra darauf aufmerksam zu machen, dass Biermann keinen geringeren als H. Heine erneut ins Bewusstsein holte.

    Nicht dass ich nun großartig irgendeinem Biermann.Kult huldigen würde oder zu solchem auffordern wollte. Nein, so nicht, das meiste biermannsche finde ich ziemlich peinlich. Aber genauso, wie er es von seiner Mutter erzählt, oder so ähnlich, ist es mir auch, als Hamburger, erzählt worden.

    Das ist meine Heimat. Die Landschaft irgendwo zw. Hamburg und Bremen (noch etwas westlicher darüber hinaus), und diese Landschaft ist hinreichend beschrieben worden von Arno Schmidt, keinem geringeren, und zwar mit einer gehörigen Priese an Sarkasmus.

    Arno Schmidt als Heimatschriftsteller, als welchen er sich womöglich insgeheim immer gerne gesehen hätte, damit würde ich einen Heitmatsbegriff vebinden. Bei Schmidt, bei dem keine Landschaftsbeschreibung ohne das nötige Körnchen Sarkasmus auskommt, atmet noch jede von Kühen in Halbtrauer begrasten Wiese das Blut, das dort in deutschem Namen vergossen wurde oder hätte vergossen werden können.

    Das ist meine Heimat, zu nennen wäre noch Rühmkorf. Vielleicht noch H. Rowohlt, aber das wäre jetzt reine Nachbarschaftsplauderei ..

  19. skalpell schreibt:

    Zum Heimatbegriff: Eine recht interessante Perspektive liefert hier das Pyrenäenbuch von Tucholsky. Mitte der 1920er Jahre entstanden, lässt es sich meiner Meinung nach als Auseinandersetzung mit dem Konzept von Heimat und Nation lesen, wobei Tucholsky hier versucht im Baskenland Möglichkeiten und Modelle für ein nicht-ausgrenzendes, „inklusives“ Heimatverständnis zu finden. Wie in Brechts Kinderhymne versucht Tucholsky z. B. auch in „Heimat“ (http://www.textlog.de/tucholsky-heimat.html) ein nicht-nationalistisches Heimatgefühl zu fassen. Über die literarische Qualität lässt sich da natürlich streiten, aber gerade wenn man (wie du ja auch schreibst) den Heimatbegriff nicht den Rechten überlassen will, wäre es für eine Linke (die mehr als Nabelschau und Szenemoral betreibt) eigentlich eine wichtige Aufgabe das zu systematisieren und historisch zu fassen.

  20. ziggev schreibt:

    mein letzter Kommentar durchgerutscht ? Gründe für Löschung?

  21. Bersarin schreibt:

    Der Hinweis auf Arno Schmidt ist sehr gut. Überhaupt der Aspekt des Lokalen: Die Geburt der Literatur aus der Provinz: Sei es Johnson oder Th. Manns Lübeck. Ich habe damals in den 80ern mit einem Freund übrigens eine literarische Bargfeldtour gemacht. Mit Wanderstock und einer Feldflasche, in der sich eine Tee-Alkohol-Mischung befand. So gingen wir, wie die Kühe in Halbtrauer über die Wiesen, die Weiden und streiften durch die Felder, verharrten vor dem Arno-Schmidt-Haus und ärgerten uns, daß Rauschenbach oder irgendwer anders von der Arno-Schmidt-Stiftung, mit dem wir einen Termin hatten, uns versetzte.

    @ skalpell
    Danke für den Verweis auf Tucholsky. Ich muß allerdings sagen, daß ich nicht zu seinen Verehrern gehöre, werde mir den Text aber in Ruhe durchlesen.

  22. skalpell schreibt:

    Ja, die Phase meiner großen Begeisterung für Tucholsky ist auch schon etwas vorbei, wobei ich ihn in zweierlei Hinsicht immernoch interessant finde: 1) Als Feuilletonist ist er geschickt, viele seiner kleinen Texte haben Esprit und Witz. Man kann da handwerklich was lernen. 2) Er gibt eine – zumindest für mich – interessante Perspektive auf die Weimarer Republik (u. a. auch auf das Phänomen „Goldene 20er“, das hier ja vor kurzem auch Thema war). Seine Satiren zu Sozialdemokratie und Deutschtümelei haben auch heute noch viel Biss.

    Erwarte nicht zuviel von dem „Heimat“-Text, das Pyrenäenbuch ist jedenfalls gelungener. Es reflektiert die Form des Reiseberichts, Medienwandel und wie schon geschrieben Nation und dem Heimatbegriff.

    Als Beispiel für Heimat-Literatur möchte ich mal noch „Levins Mühle“ von Bobrowski in den Ring werfen. Eine (mir) völlig fremde ehemals deutsche Region – Ostpreußen – wird da beschrieben (oder ist es ein Nachruf?), anrührend, aber immer voll von Widersprüchen und mit scharfer Denunzation preußischen Herrenreitertums (was für ein Wortungetüm).

  23. Bersarin schreibt:

    Was die Perspektive auf die Weimarer Republik betrifft und was das Feuilleton anbelangt, hast Du recht. Vielleicht liegt meine Verhaltenheit gegenüber Tucholsky darin gegründet, daß ich eher von Karl Kraus her komme. Ich bin, womöglich und ohne es zu wissen, in meinem Herzen ein Österreicher.

  24. Bersarin schreibt:

    Herrenreiter ist einer meiner Lieblingsbegriffe. Es erinnert mich zudem an die Prosa Kafkas: Der Kübelreiter.

  25. skalpell schreibt:

    Karl Kraus ist bei mir bis auf einige wenige Texte eine Leerstelle. Ich werde mal schauen müssen, wie man da am besten einsteigt. Ja, „Herrenreiter“ ist ein schön anachronistischer Begriff, bei mir ruft der auch viele Bilder wach.

  26. holio schreibt:

    War auch mal in Bargfeld, auch in den 80ern. Ohne Termin aber. Foto von seiner Hütte gemacht, über Sandwege durch die Gegend gelatscht, aber Analogzeit noch, Foto verschollen. Kein Mond, es war tags, eine Sonne irgendwo.

  27. Bersarin schreibt:

    Ha, bei mir gibt es alle diese Photos noch. Nichts geht über ein gut geführtes Photoarchiv!

  28. ziggev schreibt:

    Schön zu lesen, dass es da Korrespondenzen gibt … Was mich von aber euch, jedenfalls Dir, bersarin, Stadtmensch!, unterscheidet, ist, dass ich schon als Kind in vergleichlichen Landschaften im Kinderwagen herumkutschiert wurde: nämlich, dass das viel mehr meine als eure Heimat ist! Ätsch!

    Und so sollte meiner Meinung nach eine gelungene Literaturkritik, wenn es sich um eine emphatische Besprechung handelt, von den unendlichen Bezügen und Verweisen, in die ein Werk einen labyrinthgleich zu stürzen vermag, handeln, und weniger um den Aufweis solcher Bezüge rein literarischer Natur. Das wäre etwas wie Sport für Postmoderne. Der Witz ist aber, dass ebenso ein Werk voller literarischer Bezüge einen selbst nichtsdestoweniger in das Labyrinth der eigenen Sinnsuche und Erinnerung zu stürzen vermag. Ein Werk muss also nicht von meiner Kindheit, meiner Heimat oder ihren Landschaften handeln, damit nicht seine Lektüre der Wiedergefundenen Zeit gleichkäme.

    Wie aber sollte ich über ein Buch urteilen, das im Gegensatz dazu vordringlich von Schiffen, Kapitänen, der Vermessung der Welt oder anderen Dingen handelte, die mich dazu zwingen, über ein Geschmacksurteil nicht hinaus zu kommen? Oder wenn mir nichts anderes übrig bliebe, als zu sagen, formell irgendwie neu, stilistisch eine Neuigkeit!? – Auch wenn sich solche Geschmacksurteile nicht nach einem vorherrschenden oder sonstigem Geschmackkritrium richteten: Wie käme ein literarisches Urteil in jedem dieser Falle über ein Geschmacksurteil hinaus?

    Es sind also tatsächlich Kritiker gesucht, die solche Dimensionen eines Werkes anhand ihrer eigenen Lektüre aufzuzeigen vermögen. Eigentlich müsste ein Autor/Kritiker seien Autor perfekt imitieren können, um dann durch eigene Hinzutaten, dessen Potenzial – oder sogar Grenzen – aufzeigen zu vermögen.

  29. Bersarin schreibt:

    Meine Heimat: das sind nicht nur die Wälder und Berge. Sondern auch die Straßen der Großstadt. Ich bin, in der Tat, ein Stadtmensch, habe aber durchaus den Bezug zur Natur. Von Jahr zu Jahr mehr.

    Literaturkritik, umfassend verstanden, ist komplex (Binsenweisheit natürlich): Zunächst soll sie Lesern, die das Buch nicht kennen, dieses Buch darstellen. Dazu gehört der Inhalt. Dann soll sie Sprache, Stil, Form beschreiben und in den Bezügen einordnen. Wie weit das alles gehen kann, hängt sicherlich vom Platz ab, den eine Zeitung der Kritik bietet. Blogs können da mehr machen und leisten, weil sie die Platzbeschränkung nicht haben. Dieser Vorteil wird leider mit dem Nachteil aufgewogen, daß es in Blogs vielfach noch schlechtere Besprechungen als im klassischen Feuilleton gibt, weil der Ton der Befindlichkeiten in der Sicht aufs Buch im Vordergrund steht. Geschmacksurteile im schlechten Sinne. (Es gibt auch solche, die ich für produktiv halte, Geschmack ist ein Vermögen, das kultiviert und ausgebildet werden muß.)

    Der letzte Absatz Deines Kommentars gefällt mir sehr gut. Das sehe ich ganz ähnlich und ist zudem auch ästhetisch-literarisch eine fruchtbar zu machende Perspektive.

  30. ziggev schreibt:

    du hast da Rätsel gelöst. Wer war es noch, der u. a. mit Pastichen begann? Natürlich kein anderer als M. Proust. Literaturkritik ist nicht möglich, es sei denn, es entsteht dadurch wieder neue Literatur. Wir haben es also entweder mit Literatur zu tun, oder mit sonstigem, mehr oder weniger unterhaltsamen Gesalbadere. Ich glaube, selbst Dennis Scheck würde dem zustimmen. Deine Forderung, Literaturkritik sollte, sich dem Gegenstand anähneld, selber in Zügen literarisch werden, muss m.E. radikalisiert werden. Es gibt keine Literatur, die nicht selber Literaturkritik ist, und nur solche ist solche.

  31. ziggev schreibt:

    … aber danke natürlich dafür, das Du für mich Dich als Herzblutsonde nach Frankfurt, oder wo immer es auch sei, aussendest, um mir zu berichten, was es zu berichten gibt (Higgins).

  32. ziggev schreibt:

    Nein !, es hätte beginnen müssen mit: „Großen Dank aber natürlich dafür (das Pronominaladverb darf natürlich nicht fehlen), dass Du …“ ….

  33. Bersarin schreibt:

    Es bleibt natürlich immer die Frage im Raume, um welche Art von Kritik es sich handelt: die von mir beschriebene feuilletonistische folgt, weil sie berichterstattend und meist kurz ist, anderen Regeln als die künstlerische Kritik, die schweifen darf.

  34. ziggev schreibt:

    ja, verstanden, und: agree.

  35. holio schreibt:

    Foto doch noch ;-) gefunden.

  36. Bersarin schreibt:

    Was für ein Gedächtnis! Und ausgerechnet heute werde ich wieder auf den Strauß-Artikel gestoßen, wo ich den merkwürdigen Dichter morgen in einer Kritik gleich zum Auftakt als abgeschiedenen Geist nenne. Es geht darin ansonsten aber nicht um Strauß. Allerdings ist er ein guter Schreiber und Beobachter. Ich sollte also über ihn schreiben. Unbedingt. Danke für das Bild. Ich müßte meine s/w-Negative ebenfalls durchstöbern, scannen und dann hier einstellen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s