25 Jahre keine DDR: „Für unser Land“

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„Unser Land steckt in einer tiefen Krise. Wie wir bisher gelebt haben, können und wollen wir nicht mehr leben. Die Führung einer Partei hatte sich die Herrschaft über das Volk und seine Vertretungen angemaßt, vom Stalinismus geprägte Strukturen hatten alle Lebensbereiche durchdrungen. Gewaltfrei, durch Massendemonstrationen hat das Volk den Prozeß der revolutionären Erneuerung erzwungen, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, auf die verschiedenen Möglichkeiten Einfluß zu nehmen, die sich als Auswege aus der Krise anbieten.

Entweder

können wir auf der Eigenständigkeit der DDR bestehen und versuchen, mit allen unseren Kräften und in Zusammenarbeit mit denjenigen Staaten und Interessengruppen, die dazu bereit sind, in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freizügigkeit aller und die Bewahrung der Umwelt gewährleistet sind.

Oder

wir müssen dulden, daß, veranlaßt durch starke ökonomische Zwänge und durch unzumutbare Bedingungen, an die einflußreiche Kreise aus Wirtschaft und Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe für die DDR knüpfen, ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik vereinnahmt wird.

Laßt uns den ersten Weg gehen. Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind. Alle Bürgerinnen und Bürger, die unsere Hoffnung und unsere Sorge teilen, rufen wir auf, sich diesem Appell durch ihre Unterschrift anzuschließen.

Berlin, den 26. November 1989

Diesen Aufruf, der im Prozeß der sich abzeichnenden Vereinigung von DDR und BRD die Vorstellung eines dritten Weges ins Spiel brachte, wurde von  31 DDR-Bürgern ins Leben gerufen. Als Christa Wolf bei einem Besuch in Leipzig die Parole Deutschland, einig Vaterland und Wir sind ein Volk hörte, unterzeichnete auch sie.

Das Oder ist eingetreten. Eine sozialistische Alternative gab es (leider) nicht. Angst essen Seele auf und Geld frißt alles und jede Regung. Wer meint, es existierte irgendwo ein Refugium, sei es auch nur im Innern, in der stillen Kammer oder im Denken, das vom System der Waren verschont bliebe, der irrt. Kein Ort, nirgends. Dies klingt hoffnungslos. Und genau so ist es auch gemeint. Allenfalls sind die kleinen Schritte denkbar. Tücken und List, die das eine oder andere zum Fortschritt wenden. Ob es sich freilich, wie Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ annahm, um eine solche der Vernunft handelt, darf bezweifelt werden. Aber wie es auch sich drehen mag, die Prozesse der Geschichte erinnern mich eher an Walter Benjamins dialektisches Bild vom Engel der Geschichte als an Emanzipation -ein immer schneller voran rasender Zug, der durch keine Notbremse mehr in den Stillstand gebracht werden könnte:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

6 Gedanken zu „25 Jahre keine DDR: „Für unser Land“

  1. Ich darf höflichst auf meinen ( https://summacumlaudeblog.wordpress.com/2014/11/06/32/ ) Beitrag zur deutschen Einheit verweisen, geschrieben zum für mich geschichtsmächtigeren Datum neunter November. Mit dem Ende der DDR war noch nicht das Ende der Utopie gekommen, das Zementieren der Verhältnisse begann erst danach.

    Andererseits: Natürlich waren wir entsetzt, als eine Mehrheit sich schnell für Bananen und andere Gurken (zB schnelle Autos) entschied. Für mich war das aber ein entscheidender Lernprozess. So war (und ist) es eben und ich hatte und habe kein Recht, die Mehrheitsentscheidung mit der AK 47 zu korregieren. Eine härtere Gangart gegen die Mehrheit ist nur dann erlaubt, wenn die Mehrheit zweifelsfrei kriminell agiert. Das war bei den Bananen noch nicht gegeben.

    Der oben zitierte Text hatte damals für reichlich Diskussionen gesorgt. Ich meine Arno Widmann reagierte in der taz ablehnend und initiierte damit gewissermaßen das Aufweichen der Fronten. Eine linke Zeitung kritisiert einen „linken Schlüsseltext“. Skandal! Hätte die Springer-Presse so reagiert, alles wäre im Lot geblieben. Als aber die taz der 35-ten Runde Sozialismus die Glaubwürdigkeit absprach, nachdem dieser 34 Runden lang schon so desolat gescheitert war, geriet die politische Balance ins Rutschen. Und ein halbes Jahr später kam es zum großen Streit um Christa Wolf, dessen Grundthema eigentlich schon iin diesem Pamphlet angelegt gewesen war.

  2. Und ich hatte den Zusammenbruch der DDR verpennt, weil ich in Ägypten weilte und mit den komischen Fragen, die die Ägypter zum Thema deutsche Wiedervereinigung stellten nichts anfangen konnte. Wir unternahmen bemühteste Konstruktionen wg. Analogie Israel-besetzte Gebiete, um diese Fragen der Ägypter herzuleiten, weil uns total unbekannt war, was da in Deutschland gerade passierte. 1990 dann bekamen wir auf der Nie-Wieder-Deutschland-Demo in Frankfurt die Knüppel zu spüren und die unendliche Verlogenheit von SPD-Saubermann Volker Hauff, diesem Noske mit Liberallala-Grinsen.

  3. Zum Bild:
    Sehr gutes Motiv, und hättest Du es in Schwarzweiß veröffentlicht, könnte man es als eine zeitgenössische Paraphrase von Paul Strand und seinem Wall Street-Foto von 1915 auffassen: vergleichbar in der Parataktik der Fensteröffnungen und wie die Diagonale als Richtungsweiser fungiert sowie in dem Verhältnis der Proportionen der Figur zu denjenigen des Baukörpers.
    Das Paradies ist geschlossen, und was bleibt sind leere Räume und öde Fassaden im unsentimentalen Licht der Anonymität öffentlicher Straßen.

  4. @summacumlaude
    Ich gehörte nie zu den Geschichtsoptimisten und auch sonst ist mir diese Haltung des Optimismus fremd. Der Mensch ist, so schrieb Kant, aus einem krummen Holz. Das wird sich nicht ändern. Nie. All of old, nothing else ever …

    @ che
    Zu dieser Zeit befaßte ich mich mit Kant. Mit Hegel, mit Qualitativer Sozialforschung und der Postmoderne. Im Grunde ging diese Zeit komplett an mir vorbei, weil ich an dem allein für mich wirklichen Ort lebte: in Texten und Theorien.

    @ Uwe
    Ich bin eigentlich gar kein Freund der Diagonale, sondern halte lieber frontal drauf. Aber in dieser Szene ging es nicht, ich hätte laufen müssen und wäre damit dem Mann aufgefallen. So wäre der Moment dahin gewesen. Danke vor allem für den Hinweis auf Paul Strand. Diese Dinge müssen heute – auch – in die Farben übersetzt werden. (Wenngleich s/w immer eine Qualität für sich bleibt. Gemeinplatz freilich, wir wissen dies ja in uns und tief.)

    Das Paradies bleibt in der Tat geschlossen, denn es ist eine Imago, Imagination – Bild eben. Da nützt es nicht einmal, die Welt einmal zu umrunden, um dann, durch die Hintertür gleichsam, diesen unbetretbaren Ort betreten zu wollen.

  5. @Bersarin: „Zu dieser Zeit befaßte ich mich mit Kant. Mit Hegel, mit Qualitativer Sozialforschung und der Postmoderne. Im Grunde ging diese Zeit komplett an mir vorbei, weil ich an dem allein für mich wirklichen Ort lebte: in Texten und Theorien“ —— Für mich war das eine Zeit der Straßenkämpfe, Festnahmen und Gerichtsprozesse, unter anderem wurde eine Genossin von mir durch Ploizeiverschulden getötet, eine Brandanschlag auf befreundete WGs verübt usw. Das war die vielleicht dramatischste Phase meines Lebens. Na ja, und „Wirklichkeit“ bedeutet für mich immer physisch-handfestes, und da bin ich durchaus einer Freund der härteren Komponenten des Lebens.

  6. Ich kann diese Wirklichkeit nur aus der Distanz mir betrachten. Nähe einzig durch Photographien. Ich bin kein Teilnehmer dieser Welt, sondern betrachte vom Polarkreis aus. Die Kämpfe der Zeit. Freilich mit Wohlwollen eher für die Entrechteten.

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