Literaturkritik in ihrer Tiefstform: Das literarische Quartett

Bis zum Schluß und bis auf die letzte Sekunde war es entsetzlich. Der Witz, den Maxim Biller gleich zum Anfang riß, war zwar einerseits witzig, erwies sich zugleich aber als bittere Wahrheit: Hellmuth Karasek sei einige Tage vorher gestorben, damit er sich diese Sendung nicht mehr anzusehen brauche.

Von Biller hatte man, was Meinungsstärke und Auftrumpfen anbelangt, eigentlich nichts anderes angenommen. Aber er blieb dennoch unter den Erwartungen zurück. Der Jörg Pilawa der Literaturkritik: Volker Weidermann. Herausragend in Nettigkeit, aber leider auch in Nichtigkeit. Das zumindest war für mich das Ergebnis des Literarischen Quartetts. Einmal geschaut, nie wieder! Mit dem Zweiten sieht man besser, wenn man abschaltet.

Daß innerhalb einer 3/4 Stunde keine vertiefenden Inhalte zu erwarten sind, war zu erwarten. Ebenso, daß in dieser Zeitspanne und in diesem Format die Disputierenden literaturästhetisch nicht in die Details sich begeben würden, geschweige, daß sie Wissen und Bezüge entfalteten. Wenn jedoch inhaltlich nichts geboten wird, zieht bei solchen Formaten einzig das Prinzip der gekonnten Unterhaltung. Keiner der vier Teilnehmer jedoch vermochte diesen Anspruch einzulösen und in irgendeiner Weise zu begeistern. Einer verschnarchter als der andere. Nicht einmal Maxim Biller riß die Sache heraus, wenngleich seine Holocaust-Äußerungen wie immer in gewohnter Routine amüsant waren. Allenfalls gab es ein kurzes Aufblitzen bei einigen Sätzen von Juli Zeh, und es glänzte, freilich kurz nur und dann wieder verlöschend ins Mittelmaß, Christine Westermann in ihrer Kritik an dem Dokumentaristen Knausgård und brachte das Triviale dieses Prinzips von Aufschreiben auf den Punkt.

Als ein Medienformat und als eine neue Weise, mit Literatur umzugehen, war das Literarische Quartett bereits bei Marcel Reich-Ranicki zum Scheitern verurteilt, weil Kritik nun einmal vom eigenen Begriff her nicht „Daumen hoch“ „Daumen herunter“ sein kann. Zumindest aber konnte man lachen wie im Zirkus, weil die Urteile drastisch ausfielen, und der Ton war frech und frivol gestimmt. Man soll das Alte nicht mit dem Neuen vergleichen. Aber wenn ein abgelebtes Format im Modus eins-zu-eins übernommen wird, muß es sich wohl oder übel an seiner Vorgängerform messen lassen. Diese Latte wurde gründlich verrissen. Nein, nicht einmal das: sie wurde nicht einmal berührt, sondern die Teilnehmer dieser Sendung unterliefen sie souverän. Ich befürchte, daß dieses Format Gefallen finden wird.

Es ist traurig, aber es bleiben in diesen Dingen am Ende immer wieder dieselben Texte, dieselben Zitate im Kopf hängen, wenn es weiterhin die immergleiche Scheiße bleibt. In den Schleifen der Wiederholung kann man Adornos Kritik am Betrieb nicht oft genug wiederholen.

„Amusement, alle Elemente der Kulturindustrie, hat es längst vor dieser gegeben. Jetzt werden sie von oben ergriffen und auf die Höhe der Zeit gebracht. Die Kulturindustrie kann sich rühmen, die vielfach unbeholfene Transposition der Kunst in die Konsumsphäre energisch durchgeführt, zum Prinzip erhoben, das Amusement seiner aufdringlichen Naivitäten entkleidet und die Machart der Waren verbessert zu haben.“ (Th. W. Adorno, Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug.)

Wenn es heute Abend denn wenigstens Amusement gewesen wäre!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Literaturkritik in ihrer Tiefstform: Das literarische Quartett

  1. ohneeinander schreibt:

    Literaturkritik in Tiefstform. Ich habe nichts anderes erwartet und den Fernseher erst gar nicht angemacht. Ranickis Leidenschaft für die Literatur erreicht keiner.

  2. Bersarin schreibt:

    Besser war es, nicht zu sehen. Ich hingegen konnte sehen, daß es nichts zu sehen gab. Daß Literaturkritik nicht im Fernsehen möglich ist, scheint mir evident. Wenn es denn schon versucht wird, Literatur in diesem Medium zu vermitteln, sollte es wenigstens unterhaltsam geschehen. Selbst Maxim Biller, der, dachte ich, vom Feuilleton der „Zeit“ her doch ein guter Unterhalter ist, versagte in seinem Part.

  3. ohneeinander schreibt:

    Ich habe mir das LQ jetzt doch mal angeschaut. Die Einleitung fand ich sehr seltsam. Es wird zu Beginn festgelegt, dass keine Übereinstimmung oder Einigkeit zu herrschen hat? So nach dem Motto: Das Konzept geht nur auf, wenn wir uns streiten und die Bücher die wir besprechen sind zweitrangig. Im Verlaufe der Sendung haben insbesondere Maxim Biller und Volker Weidermann eine schauspielerische Glanzleistung abgelegt. Zu Frau Westermann fällt mir gar nichts ein. Juli Zehs Gedanken haben mir am besten gefallen und vorallem, dass sie sich auf keinen verbalen Kraftakt mit Biller eingelassen hat.

  4. Bersarin schreibt:

    Was Zeh betrifft, ist es einerseits richtig gewesen, das Spiel von Biller nicht mitzuspielen. Andererseits hat Biller damit dann aber auch das erreicht, was er erreichen wollte.

    Was das Konzept dieser Sendung anbelangt, so sollten die Verantwortlichen, damit es unterhaltsamer und besser wird, darüber nachdenken, beim Literarischen Quartett so etwas wie ein Scripted Reality-Format einzuführen. Das Prinzip dieser Sendung beruht nun einmal auf Unterhaltung und Konfrontation. Um diese beiden Aspekte zu steigern, muß zugespitzt werden. Dabei kommt es nicht auf Ehrlichkeit an, die sowieso in solchen Formaten verlogen ist, sondern auf gelungene Fernsehformen.

  5. ohneeinander schreibt:

    Was wollte Biller denn erreichen?

  6. Bersarin schreibt:

    Am Wort zu bleiben, seine Sicht durchzusetzen gegen das Buch von Trojanow.

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