Die Tonspur zum Wochenende – „Schnipo Schranke“

Selten daß der Ennui et nausée im Grandhotel Abgrund einmal aus seinem schwertiefen Traumschlaf der Geschichte geschreckt wird. Manchmal aber, im Oberton des Pop oder der klassischen Avantgarden (ganz einerlei), geschieht es dennoch. „Schnipo Schranke“ also. Was für eine neue, tolle, unbändige, großartige Musik! Was für eine Weiberband! Ein Rhythmus stimmt sich am Schlagzeug und Klavier pochend, samt einer Lyrik, die brachial und doch so unsinnig sinnlich sich in die Intimzonen einschwingt, musikalisch zwischen Chanson und Elektronik, und die dabei weiß, was das ist: Verlust und Liebe in einem Ton zu singen, zu beschwören. Das, was sein müßte, sein sollte, was nicht ist – im dreckigen Bereich und in den Trauerzonen, den Entzugsgebieten der Bindungsmenschen, da wo es nach Intimspur stinkt. Das Faktum des Faktischen ist, so zumindest scheint es, Pseudos oder Emanation, im Lebensweltlichen unhintergehbar, es ist die Geruchszone, denn wir können einander riechen oder eben nicht. Aber es funktioniert nicht immer direkt über den Sinn. Es gibt manchmal, wie sich nach Zeitläuften herausstellt, Widrigkeiten: Es ist, wie es ist, wie es pauschal von den pauschal Gebundenen heißt. „Na, ich lieb dich nicht ein Bisschen,//ich lieb‘ dich übertrieben.“ Heißt eine der Strophen aus dieser hinreißenden Tonspur. Und davor noch: „Ich bin auch nur ein Mädchen,//wenn auch unrasiert.//Brauche Liebe, brauche Halt//und Einen, der mich knallt.//Kein Stößchen mehr, kein Küsschen.//Was ist uns geblieben?“ Erotik in der Imago, Dinghaftes und in Resistenz.

Der beste, klügste und lustigste Pop-und-Kultur-Redakteur der Berliner Zeitung, Jens Balzer, berichtete in selbiger bereits letztes Jahr über diese Band. Ich habe das zunächst nur am Rande beachtet, fand’s zwar interessant, vom Tagesbericht her hörenswert, allein wegen des Ordinären, aber im Strom der Meldungen ging es unter, und ich parkte die Nachricht auf die Zu-hören-Liste, den bekannten Zettel des Vogels Todo, natürlich ohne zu hören, so gehen die Fehler, wenn wir nicht auf Jens Balzer hören. Dann aber, diese Woche, weil seit Anfang September das erstes Album von „Schnipo Schranke“ da ist, denn doch hineingehört. Intimzonen zwischen Julibesuch und August und September. Diese Musik steht in der Tradition, die ich mag: von den Lassie Singers angefangen. Synthie-Pop, Hip-Hop-Mackertum, das als solches genommen wird, wie es ist, nämlich läppisch. Aber diese Persiflage kommt ohne das sattsam langatmige, feministische Quengeln an dicken Hosen aus, sondern verfährt wie es kluge Komik immer schon konnte, indem sie ihren Gegenstand einfach nur beim eigenen Begriff packte.

Was ist das für Musik! Singer-Songwriter? Nein, ja, aber gebrochen. Und gerade weil es nicht als bedeutungsschwangerer, pathoshohler und hoher Poesiealbumsschwestern-irgendwas-mit-Lyrik-Ton auftritt, die todernsten Pathosbedeutungslyrikschwinger, sondern weil diese Band sich selber mit Witz zu nehmen versteht und zu lachen weiß über die Diffizilitäten samt den Subtilitäten, funktioniert das Hohe und Liebevolle entschwundener Liebe wie auch das Prinzip Pop, das sich mit klugen Reimen zu paaren versteht. Nein, das ist eben nicht bloß ironisch, sondern das Reale des Imaginären: „Warum schmeckt’s, wenn ich Dich küsse, untenrum nach Pisse?“ Solche Fragen können einzig Frauen an Männer stellen. „Schnipo Schranke“ machen das ohne verquastes Aushilfsgehilfenlyriktum, sondern unverschämt. Sogar mit Blockflöte.

Und oh weh, wie berührend und cool ist dieser Song, diese Musik! Liebe ist Liebe ist Liebe, ist vergeblich schön und alles zwischen Lyrik und Ordinäriat. Die neue Platte „Satt“ ist Anfang September erschienen. Kaufen, kaufen, kaufen, hören, hören, hören: Schnipo Schranke! Liebe Leserinnen und Leser, wir sehen uns am 3.12. zum Konzert im Bi Nuu.


 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Die Tonspur zum Wochenende – „Schnipo Schranke“

  1. hANNES wURST schreibt:

    Weckt bei mir leider Charlotte Roche Assoziationen – langweiliges, infantiles Zeug. Ich empfehle statt dessen (und zum Vergleich) das mit 35 Jahren Verspätung veröffentlichte zweite Album von Elyse Weinberg: Greasepaint Smile.

  2. hANNES wURST schreibt:

    Eher 45 Jahre, wie eine Überprüfung meines Rechenwegs ergab.

  3. Bersarin schreibt:

    Nein, Charlotte Roche ist nicht witzig. Außerdem macht sie keine Musik, sondern Prosa. In Prosa funktioniert das hier nicht. Natürlich ist das infantil. Wie eben auch die Liebe infantiles Zeugs sein kann. Im Laufe der Zeit wird sie dann zur Routine. Zur langweiligen meist, bei den Paarbindern.

    Nenne mir ein Argument, weshalb ich Elyse Weinberg hören sollte!

  4. hANNES wURST schreibt:

    Das ist ja, als würde ein Ertrinkender, dem man die Hand hinstreckt, ausrufen: „Nenne mir einen Grund, warum ich Deine Hand ergreifen sollte!“

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, nur ertrinkt hier niemand, sondern wir leben dahin. Habe ich die Zeit und die Lust Weinberg zu hören? Was spricht dafür, was dagegen?

  6. hANNES wURST schreibt:

    Außer meiner göttliche Autorität und Ihrer verzweifelten Suche nach etwas, das die Nerven noch bis ins Gehirn leiten, gibt es wirklich keinen Grund.

  7. Bersarin schreibt:

    Sehen Sie! Und ich wollte schon das Baywatch-Rettungsteam aktivieren, weil ich mich fragte „Wer um Himmels willen ertrinkt?“ Und wo? Und wie? Im Meer der Tränen. Da ich nun nach Leipzig fahre, muß ich die Kommentare leider schließen und Sie ein wenig vertrösten. Ich werde aber dennoch nach meiner Rückkehr Ihren Tip beherzigen.

  8. hANNES wURST schreibt:

    Viel Spaß in Leipzig. Und denken Sie daran, wie viele gute Tipps ich Ihnen schon gegeben habe. Der wichtigste war: „Da zu sein bedeutet wenig, und wer da ist, ist ein König.“

  9. Bersarin schreibt:

    Ich bin Ihnen da auch ausgesprochen dankbar für und diese Dankbarkeit kennt keine Grenzen, ich werde Ihnen aus Dank einen besonders langen Text zu Roland Barthes 100. Geburtstag schreiben. Allerdings bin ich nie ganz da, sondern immer auch hier. (Oder auf dem Sonnendeck: bin ich, bin ich, bin ich.) Das alte Fort-da-Spiel …

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