Every Me, every You: Epiliert die Revolte, aber laßt die Bikinizone in Ruh! Sowie ein Blick auf die Berliner Art Week und auf Roland Barthes

Oft denke ich mir, wenn ich den Zündschlüssel gezogen habe und aus dem am Straßenrand geparkten Auto steige, daß plötzlich einer dieser großen Wagen herangefahren kommt, die sich SUVs nennen oder Laster. Ich übersehe das herannahende Gefährt, weil ich in meinen Gedanken woanders bin, und es reißt mir die bereits geöffnete Autotür ab. Das ist in Hamburg passiert. Nicht mir, sondern meiner Fahrerin. Wir saßen im Citroën, die damals noch junge Frau öffnete ihre Tür, sortierte sich, um auszusteigen, und es rauschte eben wie aus dem Nichts heraus und in Eiltempo ein LKW heran. Es krachte, lärmte, schepperte, dann flog die Autotür scheibensplitternd die Straße entlang. Der Laster fuhr weiter. Es wurde niemand verletzt. Die Frau weinte, mir fielen keine tröstenden Worte ein, außer dem Satz, daß es schade um den schönen Citroën sei. Ich schließe die Tür des Wagens, unbehelligt, und schlendere zur Fahrbereitschaft Lichtenberg, um Kunst zu schauen. Spazierend denke ich mir: Weshalb die Art Week besehen, wenn ich ebensogut ins Dong Xuan-Center gehen kann, wo es viel interessantere Objekte zu betrachten gibt. Da lebe ich sechzehn Jahre in Berlin und war nie bei den Vietnamesen in Lichtenberg. Eigentlich ein Stadtteilname, der mir zusagt, wenn ich an den Aphoristiker aus Göttingen denke. „Fragmente von Schwänzen“. Asiatische Männer sollen kleine Schwänze haben, wird behauptet. Eine Freundin hatte einmal mit den Vietnamesen zu tun. Aber das war eher ermittlungstechnisch. Eine andere gab einem jungen Vietnamesen Nachhilfe. Leider hat er jene Freundin nicht gut verstanden. Sie ist Polin, vielleicht hat sie mit ihm in ihrer Heimatsprache geredet. Die verstehe ich ebensowenig. Ich habe mir in Warschau nicht einmal die Begriffe „Danke“ und „Bitte“ auf polnisch merken können oder nicht merken wollen. Wenn das Putzmädchen mein Hotelzimmer reinigte und ich noch im Raum mich aufhielt, entgegnete ich schlicht „Thank you very much!“

Eine Freundin sagte über meine Photographien, ich könne keine Menschen abbilden, finde keinen Zugang zu ihnen, deshalb gelinge es mir niemals und würde mir auch nie gelingen, gute Bilder von Menschen im Blog oder anderswo zu zeigen. Ich denke, die gnadenlose Madame hat recht.

Weshalb also sollte ich auf die beiden Messen der Berlin Art Week gehen, wenn ich all die Kunst und die Environments jeden Tag in der Stadt erleben kann? Vor allem stören mich die vor den Werken dämlich und dünn Daherschwätzenden. Ich ertrage diese Nähe nicht einmal mehr physisch. Wenn es wenigstens kluge Sätze wären, die mir neue spannende Aspekte zeigten. Aber meist sind es deklamatorische Ausrufe. „Ach, dieses Blau! Wie von Klein!“ „Nein, das Blau von Yves Klein sieht ganz und gar anders aus!“, möchte ich dann dazwischen rufen. Ich möchte all das nicht, will nur die Dinge sehen. Objekte. Stille, eine Struktur ohne Menschen. Objet trouvé, vorbeizugehen an Staub, Schmutz, Trödel und Tand. Mehr nicht.

Eigentlich vermag es eine Anordnung von Photographien in Serie nicht, die Einsamkeit der Dinge, die absolute Dinghaftigkeit, das Objekt als Objekt oder die Szene als bloße Szene festzuhalten. Nichts ist unheimlicher als ein Supermarktparkplatz um 12 Uhr mittags, schrieb Raymond Chandler. Photo-Serien erzählen in einem bestimmten Sinne immer auch eine Geschichte. Schließt solches Erzählen das von Roland Barthes konstatierte punctum aus? Jenes besondere und einzigartige Moment einer Photographie, das den Betrachter wie aus dem Nichts heraus anspringt, ergreift und ihn „durchbohrt“ (R. Barthes). Das punctum hängt am Detail. Doch auch das Objekt als Objekt muß kein punctum evozieren: Jene „Lust am Bild“. Barthes so eigenwillige und vollständig subjektiv aufgeladene Rezeptionstheorie. [Aus diesem Grunde ist es wichtig, Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer“ als Schriftsteller zu lesen und nicht bloß als einen (strukturalistischen) Theoretiker.] Serien erzählen, sie liefern eine Ordnung, die das Einzelne und das in der Zeit Vereinzelte anders gruppiert. Nicht aus der Zeit heraushebt, das wäre falsch, sondern die Zeit anders justiert und ausrichtet. Das narrative Moment, wie es heute mit leicht inflationärem Gebrauch so dahingesagt wird, baut um die Bilder einen Rahmen, der aus Sprache besteht. Nein, ich will keine Geschichten erzählen.
 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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