Zwischen Bubikopf und Hakenkreuz – „Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der 20er Jahre im Spiegel der Künste“

15_09_18_4_PlakateStellen wir uns jene Epoche der 20er Jahre vor und lassen die kollektiven Bilder, die diese Zeit evoziert, Revue passieren, dann flirrt und schimmert da etwas, strahlt Glanz ab. Trotz Grauen, Armut, Klassenkampf (noch innerhalb der eigenen Klasse), trotz alledem und Inflation, Kriegsniederlage und einem unverhältnismäßigen Friedensvertrag, den die, die jenen Krieg anzettelten, nicht einmal unterzeichneten, sondern vorgeschickt wurden die dummen Jungs von der Sozialdemokratie. Es gibt kurzgeratene Säkula, die scheinen eine besondere Faszination auszuüben, als dauerten sie ewig und wirkten in Ton und Mode nach, während andere Epochen merklich verblaßt sind. Ein Kult mit Max Raabe-Couplets oder Robert Kreis-Liedern um die wilhelminische Gründerzeit ist nur schwierig vorstellbar. Allein der Begriff der „Damenkapelle“ und die zuckenden Bewegungen beim Tanz wecken verheißungsvolle Vorstellungen.

Es existiert im Blick auf jene zwanziger Jahre so etwas wie eine retardierende Sehnsucht, eine regressive Tendenz, die manches über das Heute aussagt, wenn wir solche vergangene Zeit beschwören. Jene „goldenen Zwanziger“ eignen sich – trotz jener Schrecklichkeiten – hervorragend zur Verklärung sowie zum Kitsch: All der Plüsch, all der Tand. Dieser Blick schuldet sich einerseits dem Umstand, daß die Kraft der Kunst und der Schein wilden, ungebändigten Lebens noch so etwas wie die Macht des Ursprünglichen und des Unverstellten suggerierten, die uns Jahrzehnte später abzugehen scheint. Ein Beginn, alles auf Anfang. Was die Kunst betrifft, kann man allerdings feststellen, daß die meisten Lieder und Messen bereits gesungen waren. Wie es Th. W. Adorno in seinem Essay „Jene zwanziger Jahre“ schrieb, erreichten die Kunstavantgarden bereits um die 1910er Jahre herum ihren Höhepunkt: Expressionismus, Kubismus und Zwölftonmusik mögen als Stichworte herhalten. Sodann wurde es in der Kunst wieder realistischer, die Prosa der Wirklichkeit gleichsam, die von der Wirklichkeit harsch eingeholt wurde, zwischen Neoklassizismus und der Neuen Sachlichkeit. Triumpf der Schönheit und des Willens, am Ende, unterm Hakenkreuz.

Noch mehr verwundert dieser verklärte Blick jedoch, wenn wir bedenken, daß diese Zeit, den Keim für Kommendes in sich trug – denn da bereitete die Geschichte der Hölle bereits den Vorhof. Angefangen von den Jahren 1918 bis 1923: „Novemberrevolution und Kaiserliche, die flohʼn“, die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts, Kapp-Putsch, der Mord an Walter Rathenau durch die rechtsextremistische Organisation Consul, Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle. Ein Bürgerkrieg, in den die neue Republik, die mit dem Geist von Weimar so gar nichts zu schaffen hatte, zunächst versank. Freikorps schossen auf Spartakisten. Arbeiter auf Arbeiter.

15_09_18_3_SchoffDie Faszination für diese Zeit schuldet sich jedoch vermutlich weniger einem subtilen Faible für Gewalt, sondern einem Gemisch verschiedener Aspekte. Da ist zunächst eine sich nach dem Ersten Weltkrieg und der Starre der Kaiserzeit entfesselnde Moderne, und Berlin wandelte sich zu einer kosmopolitischen, offenen Stadt, die es hinsichtlich des quirligen und modernen Lebens Paris, London und New York gleichtun wollte. Diese Verwandlung gelang ihr durchaus, Berlin geriet pulsierend, doch die Provinz blieb, was sie war und verharrte. Auch in dieser Diskrepanz lag eine der Ursachen für die kommende Katastrophe. Insofern ist der Obertitel der im Berliner Ephraim-Palais zu sehenden Ausstellung „Tanz auf dem Vulkan“ passend gewählt: Die Nacht war in dieser Epoche zwischen Krieg, Koks, Weiber-Emanzipation, Geschwindigkeitstaumel, Pauperismus, Tanzlokal, Antisemitismus, ungehemmter Erotik und einem eigentümlichen Rausch, der die Bezirke des Daseins befiel, in der Tat nicht nur zum Schlafen da. Deutscher Michel, diesmal ohne Nachtmütze, sondern im Charleston-Kostüm, Federboa oder in Herrenlackschuhen und Frack, sofern denn das Geld reichte: „Ich küsse Ihre Hand, Madame, und träumʼ es war Ihr Mund.“ Oder noch ganz etwas anderes. Alles war möglich. Entfesselungskünste in Phantasie und im Realen. Auch die Ausflüchte der Phantasie ins Nächtliche und Abseitige waren ein Weg: vom Spökenkieker und Tischrücker ins verderbte Puff. Oder aber die blanke und nackte Not unmittelbar in den ersten Nachkriegsjahren. Da duftete nicht das Intimsekret unter parfümierten Höschen, sondern die Bude stank nach Kohl und Pups. Sofern es denn überhaupt zu fressen gab.

size=708x398Solche Darbenden, Elenden und Verdammten, die stets zum Hungern man noch zwingt, zeigt die Ausstellung in jenem Raum, der den Beginn macht, unter dem Titel „Die im Dunkeln“. Zumindest im Ansatz. Grafiken und Zeichnungen von Otto Dix und Käthe Kollwitz, Farbbilder von Hans Baluschek, die überhaupt in dieser Ausstellung sehr häufig zu sehen sind, daß uns die Vermutung beschleicht, das Ephraim-Palais besäße ein Abonnement auf dessen qualitativ eher mäßige Gemälde. Doch leider gibt es von diesen Szenarien des Elends zwar die Graphiken, doch nur wenige Photographien liefern eine dokumentarische Referenz. Bilder, die das, was ist, zeigen als das, was es ist.

Ganz zu schweigen von den Kriegsheimkehrern, die als Sujet überhaupt nicht thematisiert werden, den Krüppeln, den nervösen Zitterern, die im Trommelfeuer der Stahlgewitter die Nerven nicht behielten. Im antiken Sparta ganz unmetaphorisch Tresantes genannt, weil sie in der Schlacht flohen oder den Sieg nicht errangen. So wurden sie im antiken Kampfstaat deklassiert und verloren ihre Bürgerrechte. Das war in jenen Nachkriegsjahren nicht anders. Lange hielt man die Zitterer für Simulanten. Wer als solcher an Leib und Leben Versehrter heimkehrte, war lebend tot. Alle diese Gewalten, das Brutale und Harte unterschlägt die Ausstellung. Allenfalls kommt es in zeichnerischen und skizzenhaften Andeutungen vor, die beim gefälligen Betrachten nicht weiter stören sollen. Bereits zum Auftakt scheint es mir, daß die Schau ihren Fokus auf das Gefällige der 20er Jahre richtet, auf jenen kollektiv-verklärenden Bilderstrom, der es gerne heil hätte. Immerhin, heil wurde es dann am Ende der Zeit dennoch – nur mit einem Sieg davor, und ein paar Jahre später marschierten die lustigen Stiefel über Polen: „These Boots Are Made for Walkin’“ dachte sich der Deutsche, nachdem er das modische Schuhzeug in braun-beige abstreifte.

Womit wir im Hinblick auf Kommendes bei jenem zentralen Aspekt dieser Epoche sind, nämlich der Technik, die sich in der Weimarer Republik rasant entwickelte. Sei es der Film, die Photographie und vor allem, was die Übertragungen von Information anbelangte, das Radio. Als Umbruchszeit neuer Medien sind diese Entwicklungen mit dem Zeitalter des Buchdrucks und des Internets zu vergleichen. Benjamin und Brecht entwickelten ihre Rundfunktheorien, und im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit prognostizierte Benjamin dem Rezeptionsverhalten durch jene neuen Medien einen ungeahnten Wandel. Micky Mouse, so Benjamin, als Bild des Progressiven. (Und wieder bin ich bei Aspekten, die in der Ausstellung nicht vorkommen.)

In dem thematischen Raum mit dem Namen „Neues Bauen und Radio“ – weshalb auch immer diese beiden Disziplinen zusammengebracht wurden –, besehen wir einen Radioempfänger oder ist es doch eher eine Mikrophonanlage?, vor der wir in Unkenntnis rätselten, was nun Transistor, was Sprechmuschel und ob überhaupt Sprechmuschel, bemerken ein Küchenbuffet von Bruno Taut, das apart und ansehnlich ausschaut. Im Stil neusachlicher Funktionalität hängt da Oskar Nerlingers „Die Straßen der Arbeit“ im Palais. Nicht zu unterscheiden, ob das nun eine verheißende Utopie oder die Dystopie der ins Unendliche gesteigerten Konformität bedeuten soll. Anders als Kracauer, Benjamin und Adorno sehe ich die Neue Sachlichkeit jedoch nicht bloß negativ und als regressive Tendenz, sondern als einen entsetzlich-genialen Positivismus, der das, was ist, nicht zu dem verklärt, was nicht ist. Insbesondere die Gemälde von Christian Schad, die in der Ausstellung ebenfalls nicht zu sehen sind, diese neusachliche Kühle, die uns beim Betrachten anweht, liefern einen im Portrait verdichteten Ausdruck jener Zeit des Mondänen. Samt ihrer vertrackten Dialektik.

15_09_18_Nehrlinger_Staße_der-ArbeitOskar Nerlinger,  „Die Straßen der Arbeit“

So beschauen wir beim Gang durch die Räume ein Panorama der Zeit, das sich in zahlreichen Exponaten zeigt und die verschiedenen Aspekte dieser Jahre in Anschauung bringt: Der Rausch der Geschwindigkeit, das Leben der Nacht, es glänzt an den Häusern die Reklame, das Licht der Nacht, wunderschöne Tanz- und Paillettenkleider, die ich noch heute gerne am Frauenkörper sich schmiegen sehe, wie auch die neue unkomplizierte Mode, wo es bürgerlichen Frauen zum ersten Mal möglich war, ihre sowieso kostbare Zeit nicht mehr stundenlang in der Ankleide verbringen zu müssen, die Unterhaltungsindustrie, Kabarett, Varieté, die großen Neuerer des Theaters von Piscator über Jessner bis Reinhardt, da sehen wir die Titelseite eines Programmheftes von Ernst Tollers „Hinkemann“. Von allem ein wenig. „Bubikopf ist Mode“ zeigt uns die lange erhoffte Emanzipation der Frau – zumindest in der Großstadt und in Teilen. Rauchende Frauen waren noch vor 20 Jahren undenkbar. Wir sehen sie in der Arbeitswelt, wie etwa auf Hans Steiners neusachlichem Portrait einer Frau vor rotem Tuch, betrachten Künstlerinnen in Selbstportraits, von Alice Lex-Nerlinger eine verdichtete Protestgrafik gegen den § 218.

Den Rhythmus der Stadt, ihre Schnelligkeit, die Kakophonie der Töne spiegelt diese Ausstellung gut wider. Eine Vielzahl an Bildern, Grafiken und Gebrauchsgegenständen gibt es zu sehen und Texttafeln, die erklären. Um sich anregen zu lassen, mit den verschiedenen Aspekten dieser Epoche sich zu befassen, eignet sich diese Ausstellung sicherlich, wenngleich sie in vielem doch zu bieder ausfällt und häufig  oberflächlich bleibt. Sie setzt zwar nicht auf billige Effekte – Ton- und Filmdokumente sind spärlich gestreut –, aber ein Verweis etwa auf Walter Ruttmanns „Berlin – Die Symphonie der Großstadt“ oder auf Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“, überhaupt auf die Ufa-Filmproduktion wie auch auf die großen Werke der Malerei, Musik und Literatur dieser Epoche hätten nicht fehlen dürfen.

So bleiben im Ephraim-Palais nette, fein ausgepinselte Mythenräume, denen als sozialkritisches Alibi Bilder von Kollwitz und Dix und einige der ausgesprochen pointierten und gelungenen Zeichnungen und Skizzen von Georg Grosz dienen – eindrucksvoll und beißend allerdings in ihrer Kritik; Vorstufen zu seinem Gemälde „Stützen der Gesellschaft“, darin wir die widerlichen, schweinsbackigen Eliten und Granden der Gesellschaft uns betrachten können: Kirche, Wirtschaft, Militär, deren innerliche Feistheit und Verkommenheit sich in deren Physiognomien spiegelte.

Die Ausstellung ist freilich nicht spektakulär, die additiv gereihten Exponate entstammen größtenteils der Bezirksliga, was nicht einmal das schlimmste ist, wenn die Bilder konzeptuell denn die Aspekte verdichteten und etwas mehr auch den Fokus auf das beständige Grauen dieser Epoche gerichtet hätten. Es war eben nicht nur alles Charleston und Revue in Berlin. Wer sich aber gerne unterhaltsam und sorgenlos treiben lassen möchte, ist im Ephraim-Palais gut aufgehoben. Anregend ist der Besuch auf den Etagen des Palais allemal.

15_09_18_2Den Reigen der Bilder erweitern kann man mit dem 2006 im Christian Brandstätter Verlag erschienenen Buch „Berlin. Die 20er Jahre“ (leider nur noch antiquarisch erhältlich). Zudem kam kürzlich im Taschen Verlag der prachtvolle Bildband „Buchumschläge in der Weimarer Republik“ heraus. Für Graphik-Designer und Bibliophile gewiß eine gute Anschaffung.

„Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der 20er Jahre im Spiegel der Künste“ im Ephraim-Palais vom 4.9. bis 31.1.2016. Der Katalog zur Ausstellung kostet 29,90 EUR. Die knappen Texte vertiefen die Eindrücke, gelungen scheint mir, daß sich im Anhang ein Künstlerverzeichnis befindet. So kann man in der Kurzvita der meist unbekannten Künstler gut nachlesen, werʼs war, der da malte oder skizzierte.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Ausstellungen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

30 Antworten zu Zwischen Bubikopf und Hakenkreuz – „Tanz auf dem Vulkan. Das Berlin der 20er Jahre im Spiegel der Künste“

  1. MBe schreibt:

    Hier vielleicht auch interessant: ein Radio-Gespräch mit Adorno über den Mythos der goldenen 20er Jahre
    „Adorno & Lotte Lenya – Die Zwanziger Jahre. Legende und Ärgernis (HR 1960)“

    http://ubu.com/sound/adorno.html

  2. Bersarin schreibt:

    MBe, ganz vielen und herzlichen Dank! Diese Seite birgt geradezu Schätze!

  3. Partyschreck schreibt:

    …und was ich romantisch verklärten Zwanzigerjahre-Nostalgikern zudem unbedingt ans Herz legen würde, ist die tragisch-schöne Hörbuchfassung von Irmgard Keuns „Das Kunstseidene Mädchen“ gelesen von Fritzi Haberland. Für mich eins der schönsten Hörbücher überhaupt!

  4. Bersarin schreibt:

    Tja, „Das kunstseidene Mädchen“ … Ich fürchte, daß ich dieses Buch für eher schlecht denn gut halte. Nicht anders als Kästners „Fabian“. In der Rückblende sind solche Texte eher soziologisch aufschlußreich und weniger literaturästhetisch bedeutsam.

  5. Partyschreck schreibt:

    Geh doch gleich zu einer Like-Option für „literaturästhetisch bedeutsam“ oder „literaturästhetisch unbedeutsam“ über! Du ersparst dir eine Menge Schreibarbeit auf diesem Pauschalniveau!

  6. ziggev schreibt:

    aber halt! – dass wir überhaupt noch von diesem Werk wissen, ist bedeutsam! Denn es schrie ja geradezu nach, nach … tja, eben nach Literatur! Berlin Alexanderplatz ist vielleicht lediglich ein fernes Echo. Was hier nur euphemistisch angedeutet wird, – ich vermute, Zola hätte das alles etwas deutlicher gestaltet. Gerade weil es unter ästhetischen Gesichtspunkten so beinahe unlesbar sich darbietet, lässt es eine unheimliche Angst im Leser aufsteigen, der gar nicht mehr wissen will, „wie es wirklich war“. Ich halte den Verweis auf das „Kunstseidene Mädchen“ für alles andere als irrelevant. – heute können die meisten Prostituierten nicht mal halbwegs irgendeinen deutschen Dialekt, geschweige denn Hochdeutsch.

  7. summacumlaudeblog schreibt:

    „Menschen im Hotel“ fällt mir noch ein, überhaupt: Gib mir Deine Bestseller, Du böse Zeit und ich sage Dir welche Zeit Du warst!

  8. Bersarin schreibt:

    Es geht hier durchaus um Inhalte, und es lassen sich natürlich Begründungen finden, weshalb ein Buch gelingt oder eben mißlingt, die nichts mit „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ zu tun haben. Der Tenor geht ja in genau die Richtung, das bloß Geschmäcklerische auszuschalten. Gäbe es für literarische Qualität keine Kriterien, könnte man genausogut geneigt sein, Helene Fischer mit „Atemlos durch die Nacht“ für eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der Gegenwart zu halten, sofern man sich nur von ihre Texten irgendwie berührt fühlt, und Utta Danella ist eine der herausragenden Prosa-Autorinnen der Gegenwart. Dies bedeutet nicht, daß man an all diesen Dingen keinen Gefallen finden dürfe. Auch ich gucke gerne „Neues aus Büttenwarder“, käme aber nicht auf die Idee, diese Serie von der filmästhetischen Qualität in eins mit „Twin Peaks“ zu setzen.

    Der Verweis auf das „Kunstseidene Mädchen“ ist aus besagten soziologischen Gründen natürlich nicht irrelevant. Es kann aber gut sein, daß das Buch es ist. Wie geschrieben: ich halte es im ästhetischen Kontext für mittelmäßig.

  9. Partyschreck schreibt:

    @Bersarin „Es geht hier durchaus um Inhalte, und es lassen sich natürlich Begründungen finden, weshalb ein Buch gelingt oder eben mißlingt, die nichts mit „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ zu tun haben.“
    Na dann mal her mit der Begründung und den versprochenen Inhalten!
    “ Ich halte es im ästhetischen Kontext für mittelmäßig…“ …weil?
    …Irmgard Keun steht für mich im übertragenen Sinne auf einem Niveau mit Uta Danella, Helene Fischer oder launigen, norddeutschen Bauernfernsehreihen an… …weil?

  10. Bersarin schreibt:

    Weil der Text Klischees reproduziert, weil der Text von seiner Machart her einem rührseligen Kitschpathos anheimfällt. Zudem sehe ich im Stil des Buches Kunstgewerbliches. Er hat lustige Sprachwendungen, sieht angenehm aus, wie feine Töpferware es auch tun. Aber reicht das? Ähnliches gilt für Kästners „Fabian“. Es winkt der moralische Zeigefinger. Solche Moral kann man auch kürzer sagen, dazu bedarf es keiner 200 Seiten.

    Daß ein Buch ein anregendes Buch mit schönen Sätzen sein kann, die einen ansprechen, heiß eben nicht, daß es auf der Ebene ästhetischer Theorie als ein gutes und gelungenes Buch sich erweist. Diese Differenz ist denn doch entscheidend. „Das kunstseidene Mädchen“ wie auch „Fabian“ sind aus (literatur-)soziologischen Aspekten und im Hinblick auf den Großstadtroman der 20er, der frühen 30er Jahre bedeutsam. Was die Sprachästhetik und die avancierten Möglichkeiten, einen Stoff zu formen, anbelangt, sehe ich in beiden Texten Probleme. Dies darzulegen reicht allerdings ein Kommentar kaum aus und erforderte eine eigene Besprechung. Wenn ich mal Zeit finde, mache ich einen schönen Verriß vom „Das kunstseidene Mädchen“ und von „Fabian“.

  11. christianwiebe schreibt:

    @summacumlaude: Ach, ich weiß nicht, die böse Zeit las auch Stefan Zweig, Jakob Wassermann und Franz Werfel mit großer Begeisterung; Begeisterung der Kritik und Begeisterung, die sich in den Verkaufszahlen niederschlug. Literaturästhetisch sind alle drei heute natürlich mindestens umstritten, aber die Widersprüchlichkeiten sind trotzdem kaum zu verstehen.
    (Was Bersarin ja in seiner Besprechung der Austellung ausführt – oder eigentlich als einzig mögliche Kritik der Austellung andeutet. Auf die Verrisse bin ich gespannt!)

  12. Bersarin schreibt:

    Ich denke, man muß diese Dinge in der Tat sehr genau am Text prüfen. Zumal die Lektüre bei mir schon etwas her ist. Insofern will ich mich nicht auf Vor-Urteile versteifen. Manchmal kommt beim Wiederlesen etwas ganz anderes heraus als beim ersten Mal.

    Den Hinweis auf Werfel, Wassermann, Zweig halte auch ich für wichtig. Lektüren und vor allem Texte unterliegen der Zeit. Der Zeitkern der Wahrheit.

  13. summacumlaudeblog schreibt:

    Ups, was für ein Missverständnis. Das war gar keine Kritik an Vicky Baum oder dem damaligen Geschmack. Sind unsere heutigen Bestseller höher stehend? Ich denke nein.

  14. christianwiebe schreibt:

    Höherstehend, nein, das denke ich auch nicht. Mein Hinweis auf drei jüdische Bestsellerautoren der Zwischenkriegszeit sollte auch das Verhältnis der Leselisten zum „Zeitgeist“ insgesamt infrage stellen. Die 20er sind sicherlich überhaupt nur in dieser schwierigen Widersprüchlichkeit annäherungsweise zu verstehen (da bin ich ganz bei Bersarin). Ob für unsere Zeit das gleiche gilt, oder ob die im Nachhinein „glatt aufgeht“, ganz deutliche Tendenzen hat etc. – keine Ahnung.

  15. summacumlaudeblog schreibt:

    Bestseller verraten einen etwas über die unmittelbar benachbarte Zeit, schon zehn bis zwanzig Jahre später wären sie vielleicht keine Bestseller mehr. Das unterscheidet den Bestseller vom Longseller.
    Keine zehn Jahre nach Vicky Baum oder Irmgard d Keun, oder Zweig oder Werfel war DER deutsche Bestseller ein politisches Manifest eines ehemaligen Lyrikers und Frontkämpfers an der Westfront. Der freilich damals dann schon einen gewissen außerliterarischen Bekanntheitsgrad hatte. Daneben hatte Hans Grimms Suche nach Raum und der Mythos des 20-ten Jahrhundert hohe Auflagen. Bei annähernd demselben Publikum. die Schnittmenge derjenigen, die Bäume und dann Hitler lasen, dürfte recht groß sein.

  16. summacumlaudeblog schreibt:

    Scheiß Schreibprogramm im I-Pad. Die „Baum und Hitler“ soll es natürlich heißen.

  17. Pingback: 72 | summacumlaude

  18. alterbolschewik schreibt:

    Wie es Th. W. Adorno in seinem Essay „Jene zwanziger Jahre“ schrieb, erreichten die Kunstavantgarden bereits um die 1910er Jahre herum ihren Höhepunkt: Expressionismus, Kubismus und Zwölftonmusik mögen als Stichworte herhalten.

    Ein wenig Klugscheißerei kann nie schaden: Die Entstehung der Zwölftonmusik war ein Phänomen der 20er Jahre und verfällt damit eben genau dem Adornoschen Verdikt des Niedergangs. Die 10er Jahre standen musikalisch für die freie Atonalität, die – zumindest in der Sicht Adornos – aber den gesellschaftlichen Verhältnissen so weit voraus war, daß der Rückfall in rigide Strukturen (wie die des Komponierens mit 12-Ton-Reihen) unvermeidbar war.

  19. Bersarin schreibt:

    Na wenigstens einer, der es bemerkt: Ich habe unrecht und Adorno natürlich recht. Teddy schreibt in jenem Aufsatz zu jenen Jahren: „;… die heroischen Zeiten der neuen Kunst lagen vielmehr um 1910, die des synthetischen Kubismus, des deutschen Frühexpressionismus, der freien Atonalität Schönbergs und seiner Schule.“ Wieweit die Struktur der 12-Ton-Reihe rigide war und ob nicht in der Beschränkung ebenso ein Maß ein Freiheit liegt, vermag ich nicht zu sagen, da ich weder Musiker noch Musiktheoretiker bin.

  20. summacumlaudeblog schreibt:

    @alterbolschewik Manche Elf- ähh Zwölfmeter muß man einfach mit der Innenseite reinschieben. Mit Pokerface und ohne Wimpernschlag.
    Ich denka aber, das wird hier locker gesehen.

  21. summacumlaudeblog schreibt:

    „Ich denkE aber…“ natürlich. Oh diese furchtbare Tastatur

  22. che2001 schreibt:

    Der Bubikopf erlebte dann seine Renaissance in den Sechzigern. Meine Schwester, damals mit roten Zöpfen, schrieb als Siebenjährige an unsere Mutter: „Bite bite einen Bubikof! Krieg ich keinen Bubikof bist Du doof!“

  23. Bersarin schreibt:

    Vage strömen die Erinnerungen an diese Zeit. Als einer, der Mitte der 60er das Licht dieser eher unansehnlichen Welt erblickte, keimen dunkel Bilder. Meine Mutter eher diese hochtoupierte Frisur mit Haarteil. Die waren in der Theater- und Jazzerszene einer Stadt im Norden unterwegs. Damals.

  24. ziggev schreibt:

    vielleicht noch mal was zum Kunstseidenen Mädchen –

    ich habe das Buch damals – vor über 10 Jahren – durchaus als Dokument seiner Zeit gelesen; als Buch von einem über ein und für „kunstseidene Mädchen“, es hatte etwas von Trivialliteratur – dazu unten noch mehr …

    – damit meine ich jetzt nicht partyschreck. Keun datierte bekanntlich (wiki) für Gilgi, eine von uns ihr Geburtsdatum zurück, „um so alt zu sein wie ihre Protagonistin“ (s.d); auch sind biographische Bezüge unschwer auszumachen, und was soll eine Gesellschaftskritik, wenn sie sich nicht zuallererst an die Zeitgenossen richtet?

    Aus der eigentümlichen Mischung aus Selbstinszenierung, dem Vorbild der gesprochenen Sprache „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“ (wiki) und etwas wohlfeiler Gesellschaftskritik – die sich weniger aus der Darstellung ergibt und eher „ostentativ“, wie ich mal sagen will (bei Kästner der ‚erhobene Zeigefinger‘ – den (K.) ich übrigens als sich anbiedernd empfindend schon als kleiner Junge nicht mochte und als unles- bzw. hörbar (Schallplatten) befand), daherkommt – entsteht dann eben doch für den „soziologisch“ Interessierten Blick ein Bild der Zeit, zumal dann, wenn wir das damalige Echo (Tucholsky, Döblin), den Erfolg vor Augen führen. Ein gewisser Typus.

    Stehen wir nicht, gerade etwa auch was die in unserer Vorstellung allgegenwärtigen „Bubiköpfe“ betrifft, immer wieder vor dem Problem, eine Zeit über Klischeewahrnehmung als ebenjene zu identifizieren, eben auch über die selbstproduzierten Klischees einer Epoche? Bei Keun dann vielleicht eine möglicherweise nicht gerade sehr avancierte Selbstreferenzialität?

    Ja, es ist etwas kitschig, wohlfeil – mit einem Wort: trivial. Aber die Trivialität der „Handlung“ ist ebenso Becketts „Endspiel“ zum Nachteil ausgelegt worden (dazu von mir hier kein Urteil). Die Trivialität der Handlung rechtfertigt aus künstlerischer Sicht natürlich nicht die Trivialität der Darstellung (als Zusammenfallen von Form und Inhalt). Desh. ja gerade das Werk mit „soziologisch“ interessiertem Blick als seiner Zeit entsprungenes, als Zeitsymptom lesen. – Es kann ja nicht immer alles als Werk überdauern – wie m. E. „Ein Kind unserer Zeit“ (Horvath).

    Und auf die Kritik kann man sich auch nicht immer verlassen (Koeppens „Tauben im Gras“).

    Nebenbei bemerkt und das Thema hier nur am Rande berührend, möchte ich auf den Umstand verweisen, dass es praktisch keine lesbare deutsche „Arbeiterliteratur“ gibt. Orwells halbbiographische Reportagen und Kurzgeschichten sind ästhetisch leider nicht oberstes Regal. Hab mich da mal etwas – u.A. im Archiv des Libertären Zentrums in Hamburg – umgeschaut, es gibt da einfach nix von „unten“, Ausnahme vielleicht Jules Vallés´ Die Abtrünnigen, org. Les refractaire.

    Es bleibt, war ja klar, uns lediglich Prousts absolut großartige Darstellung der auf ihre Art ebenfalls großartigen Dienerin Françoise.

  25. ziggev schreibt:

    PS – in Unterklasse lernt man eben kein Schreiben, das ist leider wahr.

    @alterbilschewik@che@sumacumlaude@bersarin:

    seltsam, wieder geht meine Intuition mit Adorno zusammen; klar würde ich immer den „frühen“ Schönberg bevorzugen. darum vermisse ich ja immer etwas wie Adorno ausbuchstabiert – trotz allem: mit identifizierenden, extensionalen Sätzen (im dem Nichidentischen entgegengesetzen Modus).

    im Übrigen finde ich die Idee gut, die Beschränkung der 12-Ton-Musik wie folgt aufzuheben: Elftonmusik ! Hörer müssen dann ermitteln, welcher Ton im Stück nicht vorkommt, gute Idee, summa!

  26. Bersarin schreibt:

    „dass es praktisch keine lesbare deutsche “Arbeiterliteratur” gibt.“ Ein interessanter Hinweis, dem es nachzugehen lohnt.

    Man muß bei Literatur schauen, auf welcher Ebene die (implizite, nicht-intentionale) Darstellung von Zeit, von Gesellschaft läuft. Romane zeigen immer auch auf eine Epoche, auf eine bestimmte Zeit: ob nun Proust „Recherche“ oder Riemanns „Franziska Linkerhand“. Selbst bei Beckett können wir einen solchen Bezug finden, aber das steigert sich zugleich über den Zeitbezug hinaus und gerät allgemein, eben weil Becketts Text nicht auf die Zeit gehalten angelegt ist.

  27. Partyschreck schreibt:

    @ziggev
    Irmgard Keun kam doch gar nicht aus der Unterklasse und abgesehen davon – Wie kommst du zu der steilen These, dass man in der Unterklasse „kein Schreiben lernen könne“?
    „Das kunstseidene Mädchen“ ist schon aus dem Grund nicht trivial, weil es für Romane aus der Perspektive einer jungen Frau, die eben gerade nicht aus intellektuellen Hause stammte, zu besagter Zeit wenig Vorbilder gab. Er bewegt sich nicht einmal ansatzweise innerhalb eines vergleichbar ausgetrampelten Romantik-Klischee Rahmens wie die hier angeführte Uta Danella – schon alleine weil es kaum Klischee-Vorbilder gab, denen Irmgard Keun hätte nacheifern können. Er ist nicht trivial sondern einfach originell, steht für sich und ist vor allem erfrischend respektlos – sicherlich kein Roman auf dem Niveau eines Döblins, aber es ist trotzdem eine spannende Facette, den Zeitgeist, in dem die ganze Welt quasi in ein vollkommen neues (Kunst)Licht getaucht wurde, der Amüsierbetrieb sich zu einem Massenphänomen – nun eben auch für Arbeiter – entwickelte und die Menschen erst lernen mussten, sich in dieser revolutionär veränderten Grossstadtwelt zurecht zu finden bzw. zu überleben, aus dem Blickwinkel einer jungen Frau, die versucht,sich innerhalb dieser Verhältnisse durchzuschlagen, zu betrachten. Was sollte daran trivial sein?

  28. ziggev schreibt:

    @ partyschreck

    das mit der Trivialität war nur ein Eindruck von vor nunmehr fast 15 Jahren. Ich glaube aber, dass man mit diesem Begriff arbeiten kann. Die triviale Existenz kenne ich nur zu gut: Wenn buchstäblich der Ofen aus ist, es durch die Fensterritzen zieht, Speck und Linsen sind Luxus. U. A. deshalb habe ich damals alle Archive nach „Arbeiterliteratur“ abgegrast. Es gibt da leider nichts. Aber in meiner Wohnung befand sich ein Exemplar des bewussten Werkes.

    Und deswegen und daher schätze ich Qualität umso mehr und habe literarische Qualität umsomehr schätzengelernt.

  29. ziggev schreibt:

    PS … und ich finde, dass Du soeben eine wundervolle Verteidigung dieses Werkes vorgelegt hast.

  30. Bersarin schreibt:

    Ich werde dann mal demnächst einen wundervollen Verriß dieses Buches hinlegen. Natürlich berücksichtige ich ebenso seine Stärken. Daß hier die Stimme einer Frau aus der Sicht eines einfachen Mädchens zu Wort kommt, verdient sicherlich Beachtung. Die feministische Literaturwissenschaft „entdeckte“ Keun meines Wissens in den 70er/80er Jahren. Vielleicht gibt es Werke, die sind literarisch eher einfach gebaut, aber aufgrund ihrer überbordenden Phantasie gebührt ihnen dennoch ein besonderer Status. „Der Schaum der Tage“ von Boris Vian gehört sicherlich ebenfalls dazu.

    Ein in der Tat interessanter Aspekt ist der der Unterhaltungsindustrie: daß zum ersten Mal eine relativ breite Masse an sogenannten Vergnügungen teilnehmen konnte. Das allerdings ist zugleich ein zweischneidiges Schwert, weil die meisten dieser Vergnügungen eben nach Standards und Schablonen organisiert waren. Adornos Exkurs zur Kulturindustrie anzuführen und weshalb das Bewußtsein des Arbeiters dem des Kapitalisten nichts mehr voraus hat (wie noch G. Lukács den eben umgekehrten Fall annahm) habe ich heute jedoch keine große Lust.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s